Liebe

Nur ein Augen-Blick

Das Herz beginnt zu hämmern, die Knie werden weich: Manchmal trifft uns die Liebe völlig unverhofft. Wie kann das sein?

Magische Blicke: Jennifer Grey als „Babe“ und Patrick Swayze als Johnny Castle in „Dirty Dancing“ (1987) |

Magische Blicke: Jennifer Grey als „Babe“ und Patrick Swayze als Johnny Castle in „Dirty Dancing“ (1987) |

Foto: United Archives/IFTN / picture alliance / United Archiv

Es war ein Experiment. 36 Fragen und vier Minuten intensiver Blickkontakt reichten aus, um sich zu verlieben, behauptete vor gut zwanzig Jahren ein US-Psychologe namens Arthur Aron. Dann ließ er vollkommen fremde Männer und Frauen im Labor aufeinandertreffen, sich gegenseitig befragen und minutenlang tief in die Augen schauen. Und siehe da: Sechs Monate später war eines der Paare verheiratet. Richtig bekannt wurde die Studie aber erst viel später: als eine junge Schriftstellerin namens Mandy Len Catron auf der Basis von Arons Experiment einen Selbstversuch startete.

Mit einem Bekannten deklinierte sie die Fragen durch, die so oder so ähnlich lauten: Für was in Ihrem Leben sind Sie dankbar? Gibt es etwas, wovon Sie schon lange träumen? Wann haben Sie das letzte Mal mit jemandem geweint? Im Anschluss sahen sich Mandy Len Catron und ihr Bekannter auf einer Brücke vier Minuten lang schweigend in die Augen. Mit Erfolg: Eine Romanze begann. Darüber berichtete die junge Frau Anfang 2015 in der „New York Times“. Der Artikel verbreitete sich wie ein Lauffeuer im Netz, Millionen Menschen waren fasziniert. Hat Aron den Schlüssel zur Liebe entdeckt? Ist ihr „Geheimcode“ ein Katalog von 36 Fragen?

Zumindest ist das Experiment typisch dafür, wie viele Menschen an das Lieben und Verlieben herangehen, heute womöglich mehr denn je. Anstatt das Zusammentreffen mit Mr. oder Mrs. Right dem Zufall zu überlassen, wird es sorgfältig geplant und generalstabsmäßig durchgezogen. Auf Online-Plattformen checken wir potenzielle Partner erst einmal gründlich durch, bevor wir uns mit ihnen treffen. Beim Speed-Dating arbeiten wir die wichtigsten Fragen im Schnelldurchlauf ab. Damit auch ja nichts schief geht beim Kennenlernen und der Partnerwahl und wir bloß keine Zeit verlieren, studieren wir Liebes-Ratgeber oder engagieren einen Single-Coach. Es scheint, als sei das spontane Verlieben zu einem Auslaufmodell geworden.

Unglaubliche Intensität

Tatsächlich? Nein. Es gibt immer noch viele Menschen, die der Urgewalt des schönsten Gefühls der Welt eine Chance geben. Sie sind sogar in der Mehrheit: 60 Prozent der 18- bis 29-Jährigen glauben an die Liebe auf den ersten Blick, bei den 45- bis 54-Jährigen sind es sogar 67 Prozent, ergab eine Umfrage von Elitepartner unter 10.000 Singles. Und selbst wer nicht daran glaubt, kann von der Liebe überwältigt werden. Ungeplant, unbeabsichtigt, womöglich ungewollt – aber von unglaublicher Intensität.

Jeder Zweite, so die Elite-Studie, hat sich schon einmal auf den ersten Blick verliebt. Das bestätigt der Berliner Autor und Psychotherapeut Wolfgang Krüger: Bei der Hälfte aller Paarbeziehungen träfe die Liebe die Männer und Frauen wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Bei der anderen Hälfte würden sich die Beteiligten zuvor schon kennen und dann über eine Art „Erweckungserlebnis“ zusammenfinden.

Eine Viertelsekunde reicht aus. So lange braucht es nur, damit uns das Liebes-Virus erwischen kann und wir einem Menschen verfallen, haben Wissenschaftler herausgefunden. Die Symptome sind bekannt: Das Herz beginnt zu hämmern, die Knie werden weich, man beginnt zu vibrieren und zu schwitzen und der gesunde Menschenverstand verabschiedet sich. „Liebe ist eine schwere Geisteskrankheit“, stellte schon der griechische Philosoph Platon fest.

Verliebtheit – eine Zwangserkrankung?

Es gibt sogar Wissenschaftler, die das Stadium der Verliebtheit mit einer Zwangserkrankung vergleichen. Sie wollen herausgefunden haben, dass Verliebte eine ähnliche Hirnchemie aufweisen wie Menschen, die den Drang haben, ständig zu putzen oder die sich permanent die Hände waschen.

Ganz falsch kann die These nicht sein. Es ist unbestritten, dass man sich dem starken Gefühl der Liebe kaum entziehen kann, ja, dass verliebte Menschen geradezu eine Sucht nach dem Zusammensein mit der oder dem Geliebten entwickeln. Und tatsächlich spielt sich das Verlieben weniger im Herzen ab als im Gehirn – zumindest aus wissenschaftlicher Sicht.

Der Hintergrund: Wenn wir uns verlieben, fahren unsere Hormone Achterbahn. Sie setzen die Hirnareale matt, die für das rationale Denken und die Einschätzung anderer zuständig sind. Wir sehen den geliebten Menschen durch die sprichwörtliche rosarote Brille. Andere Hormone regen die Belohnungszentren an, die für die Glücksgefühle verantwortlich sind. Unter anderem Dopamin sorgt für Euphorie und das Gefühl, wie auf Wolken zu schweben, Das Aufputschmittel Adrenalin beschert uns ein Energiehoch ohnegleichen. Wir sind an- und aufgeregt, können nicht mehr schlafen, empfinden keinen Hunger mehr.

Was unser Gesicht verrät

Was unser Gegenüber beim Zusammentreffen sagt, ist dabei weniger wichtig als die nonverbalen Signale. Der erste Eindruck, haben Studien bewiesen, besteht zu 55 Prozent aus Körpersprache, zu 38 Prozent aus Gestik und Mimik und nur zu sieben Prozent aus dem gesprochenen Wort. Das ist gerade für Singles interessant, die auf der Suche nach einem Partner sind. Wer die Signale richtig setzt und die Mimik und die Körpersprache seines Gegenübers zu deuten weiß, erhöht seine Flirtchancen ganz erheblich, ist der Berliner Mimik-Experte Dirk W. Eilert überzeugt (siehe Interview).

Sogar ein einfaches Foto kann dafür sorgen, dass unser Belohnungszentrum anspringt, sagt Eilert und berichtet von einer Studie, bei der Probanden verschiedene Porträts vorgelegt wurden. Fanden die Männer und Frauen das Foto eines Menschen attraktiv, empfanden sie eine ähnlich starke Anziehung wie bei einer realen Begegnung. Das zumindest ergab die Messung der Hirnaktivität. Die Gefühle stellten sich also ein, obwohl sie den abgebildeten Menschen gar nicht kannten.

„Dabei achten Männer und Frauen auf völlig unterschiedliche Details, weil sie evolutionsbiologisch unterschiedliche Bedürfnisse haben“, ergänzt Eilert. Männer fühlten sich von Frauen mit weichen Gesichtszügen und vollen Lippen besonders angezogen, denn das sei ein Zeichen für einen hohen Östrogenspiegel und damit für eine gute Fruchtbarkeit. „Der Mann will unbewusst seine Gene weitergeben und robuste Nachkommen zeugen.“

Frauen hingegen hielten Ausschau nach einem Partner, der die Nachkommen gut versorgen kann. Daher empfänden sie Gesichter mit markanten männlichen Zügen besonders attraktiv, denn sie stehen für Durchsetzungsstärke. Hier ist es das Testosteron, das für die beim weiblichen Geschlecht begehrten Attribute sorgt. „Ein hoher Testosteronspiegel zeugt zugleich von einem guten Immunsystem“, sagt Eilert. Da die Frauen aber zugleich nach einem Partner suchten, der treu sei, sollte er auch weiche Züge aufweisen, die empathisch und familienbezogen wirken. „Nicht umsonst gilt Brad Pitt als besonders attraktiv, denn er hat ein Mischgesicht zwischen harten und weichen Gesichtszügen“, erklärt der Mimik-Experte.

Schub fürs Ego

Auch ein spannendes Detail am Rand verrät er. Wenn ein Mann nur fünf Minuten mit einer Frau rede, steige sein Testosteronspiegel im Blut um 30 Prozent an. Das kann seine Anziehungskraft steigern, aber auch mindern. Denn wer zu sicher auftritt, kann leicht auch arrogant wirken und nicht mehr harmlos und fürsorglich.

Nicht zuletzt, wissen Liebes-Forscher, spielt beim Verlieben auch eine gute Portion Narzissmus mit. Wenn uns unser Gegenüber signalisiert, dass er uns attraktiv findet, verleiht das unserem Ego einen positiven Schub und steigert die Wahrscheinlichkeit, dass auch wir uns vergucken.

Ob sich das Geheimnis des Verliebens aber wirklich auf evolutionsbiologische und biochemische Prozesse reduzieren lässt, ist umstritten. Es sind wohl nicht nur physiologische, sondern auch psychologische und kognitive Vorgänge, die uns in Liebesraserei versetzen. Und sie sind auch ganz entscheidend bei der Frage, ob eine Paarbeziehung über das Stadium der Verliebtheit hinausgeht und sich zu einer langfristigen Bindung entwickelt. Denn im Alltag braucht es mehr als sexuelle Anziehung, Neugier und das gute Gefühl, das sich beim Zusammensein mit einem geliebten Menschen einstellt.

Wenn der Alltag einkehrt

So kommt es, dass bei einer Berliner Studie zum Speed-Dating zwar 68 Prozent der Studienteilnehmer nach dem Drei-Minuten-Kontakt E-Mail-Adressen austauschten. 40 Prozent telefonierten miteinander, 39 Prozent trafen sich. Doch ein Jahr nach dem ersten Treffen waren nur fünf Prozent der Teilnehmer in einer festen Liebesbeziehung. Alter, Bildungsgrad, Einkommen, Religionszugehörigkeit, Interessen, Persönlichkeitsmerkmale, Bedürfnisse: Was sich in Kürze kaum erschöpfend herausfiltern lässt und bei der Liebe auf den ersten Blick eine untergeordnete Rolle spielt, ist mittel- bis langfristig ganz entscheidend für die Tragfähigkeit einer Beziehung.

Und doch ist es schön zu wissen, dass es uns jederzeit ereilen kann, dieses überwältigende Hochgefühl des Verliebens. Dieser Moment, in dem wir uns mit uns selbst und dem ganzen Universum in Einklang fühlen. So wie die junge amerikanische Schriftstellerin Mandy Len Catron und ihr Freund, deren Herzen bei dem Beantworten von 36 höchst persönlichen Fragen im Gleichklang zu schlagen anfingen und bei denen ein langer Augen-Blick auf einer Brücke das Liebesglück besiegelte. Vielleicht probieren Sie es selbst einmal aus?

www.36-fragen.com