Körpersprache

„Steinzeitmenschen waren die besseren Flirter“

Die sicherste Möglichkeit, dass sich jemand in uns verliebt, ist, ihn verliebt anzusehen, sagt Mimik-Experte Dirk Eilert. Die besten Flirt-Tricks

Dirk W. Eilert ist Mimik-Experte

Dirk W. Eilert ist Mimik-Experte

Foto: Hans Scherhaufer / Eilert-Akademie für emotionale Intelligenz

Die Liebe, schreibt Dirk W. Eilert in seinem Buch „Der Liebes-Code“, folgt Regeln, bei denen das Nonverbale entscheidet. In der „Eilert-Akademie für emotionale Intelligenz“ in Berlin lehrt er, anhand der Mimik emotionale Signale richtig zu interpretieren. Wir haben ihn gefragt, wie sich Verliebtheit zeigt und ob man Verlieben steuern kann.

Berliner Morgenpost: Herr Eilert, gibt es Liebe auf den ersten Blick?

Dirk W. Eilert: Definitiv. Das lässt sich sogar neurobiologisch herleiten. Wenn wir unser Gegenüber attraktiv finden, springt unser Belohnungssystem im Gehirn an und Dopamin und Phenylethylamin strömen ins Blut, das sind Glückshormone. Die Folge: Wir empfinden eine starke Anziehung. Allerdings gibt es auch einen gegensätzlichen Impuls.

Welchen denn?

Zugleich werden Stresshormone wie Adrenalin und Noradrenalin ausgeschüttet. Sie sorgen dafür, dass sich unsere Atmung beschleunigt, wir zu schwitzen beginnen und unser Herz schneller schlägt. Dann kommen uns Gedanken wie: „Oh Gott, ich könnte einen Korb bekommen, dann wird es peinlich für mich!“ Das treibt uns eher in die Flucht. Dieses Wechselspiel zwischen Anziehung und Flucht lässt sich in der typischen Flirtmimik und in der Körpersprache ablesen. Man kann es nutzen, um den Verliebtheitsgrad seines Gegenübers zu erkennen.

Wie funktioniert das genau?

Ich habe einen „Flirtquotienten“ entwickelt, der vereinfacht so lautet: Wenn ich viele positive Signale sehe wie ein echtes Lächeln mit strahlenden Augen, aber gleichzeitig Stresssignale, dann habe ich gute Chancen, dass mein Gegenüber interessiert, vielleicht sogar verliebt ist. Ein paar Beispiele für Stresssignale: Frauen spielen gern mit ihren Haaren oder streichen sich bei leicht zur Seite geneigtem Kopf über den Hals. Männer fassen sich eher ans Kinn. Das sind Beruhigungsgesten, die bei Stress zunehmen. Denn durch Berührungen steigt der Oxytocinspiegel und das lindert die Angstgefühle.

Kann man das Verlieben auch steuern?

Allerdings. Wer auf sich aufmerksam machen will, sollte in Bewegung sein. Das ist seit Urzeiten in unserem biologischen Programm verankert, denn Bewegung kann eine Gefahr oder eine Chance bedeuten. Deshalb nehmen wir Dinge, die sich bewegen, bevorzugt wahr. Singles sollten sich auf Partys also bewegen oder auch mal tanzen, um aufzufallen. Das signalisiert „Ich bin hier“. Die zweite wichtige Botschaft, die die Flirtchancen erhöht, lautet: „Ich bin attraktiv!“ Der attraktivste Gesichtsausdruck ist das Lächeln bei einem leicht zur Seite geneigten Kopf. Die Kopfneigung transportiert die dritte Botschaft: „Ich bin harmlos!“ Das ist kulturübergreifend so und in Kombination mit einem Lächeln, bei dem die Augen strahlen, der mimische Ausdruck für Liebe. Wer dann noch Blickkontakt aufnimmt, hat fast schon gewonnen. Die beste Möglichkeit, dass sich jemand in uns verliebt, ist also, ihn verliebt anzusehen. Das steigert zumindest enorm unsere Ausstrahlung.

Das klingt einfach...

Eigentlich ist das Flirten auch ganz natürlich in uns angelegt. Vieles erschwert heute allerdings die Partnerwahl, weil durch Parfüm, Schminke oder zur Schau getragene Coolness die natürlichen Signale überlagert werden. Studien haben gezeigt: Die Flirterkennungsrate bei Männern liegt bei nur 36 Prozent. Bei den Frauen haben sogar nur 18 Prozent das Interesse ihres männlichen Gegenübers erkannt. Noch schwieriger wird es beim Online-Dating: Hier gibt es nur ein Foto, aber keine Bewegung und keine Stimme, die uns Informationen liefern könnten. So gesehen waren die Steinzeitmenschen die besseren Flirter, sie waren nonverbal intelligenter, konnten die stille Sprache der Mimik und des Körpers besser entschlüsseln.

Was sollte man auf jeden Fall vermeiden?

Die Angst vor Ablehnung vernichtet Flirtchancen. Wichtig ist, locker zu bleiben und sich nicht vom Fluchtimpuls überwältigen zu lassen. Unsicherheit hemmt die Bewegung, auch in der Mimik. Dann wirkt man leicht unfreundlich, desinteressiert, abweisend. Man sollte aber auch nicht zu sicher sein, sonst wirkt man arrogant.

Gibt es denn einen perfekten Ort zum Verlieben?

Anregend-aufregende Situationen sind besonders zielführend. Für eine Studie platzierte man einen weiblichen Lockvogel auf einer wackeligen Hängebrücke und ließ die Dame hinüber laufende Männer befragen. Sie erhielten für Rückfragen eine Telefonnummer. Viele Männer riefen die Dame an. Als man das Experiment auf einer stabilen, also wenig angsterregenden Brücke durchführte, rief keiner an. Das hängt damit zusammen, dass unser Körper Angst und Verliebtheit nicht richtig auseinanderhalten kann, denn beide Zustände sind stressig. Zusammengefasst: Ein aufregender Kontext sorgt für Stresshormone, das erleichtert das Verlieben. Der Ausgang einer Achterbahn oder eines Riesenrades sind demnach perfekte Orte zum Verlieben.

Und wie erklärt es sich, dass es bei manchen Paaren erst nach Jahren funkt? Zwischen altgedienten Kollegen etwa?

Auch hierzu gibt es Studien, die zeigen: Gewohnheit steigert die Attraktivität. Ein Mensch wird umso attraktiver beurteilt, je öfter man ihn sieht – auch unbewusst. Das gilt auch für neue Gesichter: Wenn sie unserem eigenen Gesicht ähneln oder dem Gesicht eines vertrauten Menschen, dann empfinden wir sie als anziehender.

Aber woher weiß man, dass man tatsächlich gemeint ist? Das Gegenüber könnte ja Wunschbilder oder Erinnerungen auf mich projizieren...

In der Tat erkennen wir in der Mimik nur die Gefühle, nicht aber, ob wir gemeint sind. Wenn mein Gegenüber allzu euphorisch wirkt, dann könnte das ein Hinweis sein, dass womöglich ein inneres Programm abläuft. Später zeigt sich im Gespräch, ob vielleicht unverarbeitete Gefühle aus vergangenen Beziehungen mit im Spiel sind. Auch auf Signale von Ärger oder Enttäuschung in Bezug auf das eigenen Verhalten sollte man achten. Wenn man sie wiederholt nicht herleiten kann, ist das ein Zeichen dafür, dass der andere wohl andere Vorstellungen und Erwartungen auf uns projiziert hat.

Braucht man den Willen, sich verlieben zu wollen, damit der Blitz einschlägt?

Man muss nicht bewusst bereit sein für die Liebe, aber doch emotional offen, damit die Glückshormone überhaupt in Schwingung kommen können. Wer noch seiner letzten Liebe hinterher trauert, ist meist gar nicht fähig, eine neue Liebe wahrzunehmen.

Und wie wird aus Verliebtheit Liebe?

Gegensätze mögen sich anziehen, denn sie befeuern die Leidenschaft. Aber eine stabile Beziehung braucht eine gemeinsame Basis von Bedürfnissen – und das regelmäßige Teilen positiver Gefühle. Sich mit dem anderen mitfreuen, mitschwingen: Das stärkt die Nähe und das Miteinander.

Warum verlieben sich manche Menschen eigentlich schneller als andere?

Das Verlieben braucht die Bereitschaft, sich zu öffnen. Man muss Nähe zulassen können. Dafür brauchen manche Menschen länger als andere. Beeinflussen oder vorhersagen kann man das Verlieben allerdings nicht. Auch wenn die Anziehung gewissen Gesetzmäßigkeiten folgt: Die Liebe bleibt manchmal dennoch ein Mysterium. Zum Glück.