Persönlichkeitsbildung

„Der Sport hat mir gezeigt, was in mir steckt“

Joachim Franz ist Abenteuersportler und Persönlichkeitscoach. Im Interview erzählt er, wie die körperliche Bewegung sein ganzes Leben veränderte

Joachim Franz will die Erfahrungen weitergeben, die ihn selbst weitergebracht haben

Joachim Franz will die Erfahrungen weitergeben, die ihn selbst weitergebracht haben

Foto: Andreas Reiter Photography / BM

Joachim Franz, Jahrgang 1960, ist Extrem- und Abenteuersportler, Autor und Persönlichkeitscoach. Sein Unternehmen „Abenteuerhaus“ bietet ungewöhnliche Expeditionen für jedermann an. Wir sprachen mit ihm über den Radsport, das Ausloten der persönlichen Grenzen und wie Bewegung das ganze Leben verändern kann.

Berliner Morgenpost: Herr Franz, Sie sind Marathon und Triathlon gelaufen, haben allein mit dem Mountainbike die Sahara durchquert, die höchsten Berge von Norwegen bis Südafrika bestiegen und schafften es gleich mehrfach ins Guinness Buch der Rekorde. Was ist denn die besondere Herausforderung beim Radsport?

Joachim Franz: Das Radfahren ist für mich vor allem eins: ein großes Stück Freiheit. Ich bin schnell, ich rolle raus, ich kann mich voll entfalten: Das fällt mir zum Fahrrad ein. Und wenn mir dann der Schweiß aus dem Helm läuft, ist das nicht eklig, sondern toll. Dann spüre ich mich und fühle, dass ich arbeite – wie eine fein aufeinander abgestimmte Maschine. Da setzt der Rausch der Endorphine ein. Beim Wandern dagegen kann man gut reden, und das Laufen, das ist mein Denksport.

Sie gehen immer an die Leistungsgrenze. Wie motiviert man sich für solche Aktionen?

Natürlich ist jede Herausforderung immer wieder ein harter körperlicher und mentaler Kampf. Aber eigentlich ist es ganz einfach: Man braucht Mut. Und, so verrückt es klingt: die Angst, aus der der Mut entsteht. Menschen, die es schaffen, sich ihren Ängsten vor der Herausforderung zu stellen, können ein Konzept entwickeln. Im Sport nennt man das den Trainingsplan. Einen solchen Plan kann man befolgen und dann bewusst und gut vorbereitet am Start stehen. Der Weg bis zum Start ist das Wichtigste, der Rest ist Abarbeiten.

Aber geht es am Start nicht erst richtig los?

Nein, dann brauche ich nur noch ein Bild vor Augen, eine Zielsetzung, die mir hilft, Leistungstäler zu überwinden. Wie eine Möhre, die man einem Esel vors Maul hält. Bei mir sind das die Projekte, für die ich mich einsetze. Ein Beispiel: Die Durchquerung der Sahara war mein erstes Projekt im Kampf gegen HIV und Aids. Als ich die Strecke Paris-Dakar fuhr, habe ich bestimmt 1000 Mal innerlich aufgegeben. Aber ich habe auch 1000 Mal wieder angefangen. Weil ich die Kinder vor meinen Augen gesehen habe, denen ich mit Spendengeldern und öffentlicher Aufmerksamkeit helfen wollte. Mein Tun muss sinnhaft sein. Wenn man sein Leben nach Werten ausrichtet, formt sich das Leben wie von selbst und man muss nur noch der Dynamik folgen.

Hatten Sie schon immer diese Einstellung?

Nein. Das habe ich durch den Sport gelernt. Als ich mit dem Sport anfing, hatte ich keine Ziele und führte kein sinnerfülltes Leben.

Sondern?

Ich war Schichtarbeiter in Wolfsburg und irgendwie eingeschlafen, stehen geblieben. Da sah ich eines Tages auf der Couch vor dem Fernseher sitzend diesen Werbespot, in dem ein gestählter Mann aus dem Meer steigt. Und ich fragte mich: Warum kann ich das nicht? Kurzerhand meldete mich zu einem Marathon an. Mein Ziel war es abzunehmen, besser auszusehen und mich besser zu fühlen. Vier Monate später hatte ich tatsächlich 50 Kilo verloren und bin Marathon gelaufen. Das war 1990. Ich war allerdings nicht darauf vorbereitet, dass die Bewegung mein gesamtes Leben verändern würde.

Wie denn?

Ich bin dann jede Menge Wettkämpfe gelaufen. Aber dabei ist man gut versorgt, es gibt Verpflegungsstationen, man muss nur gegen sich selbst kämpfen. Ich aber wollte mich beweisen, mich entwickeln, ganz ich selbst werden. Die Bewegung hatte mir gezeigt, wie viel in mir steckt, was entdeckt werden will. So verlegte ich mich auf Abenteuer-Expeditionen. Heute habe ich meine eigene Agentur und schon mehr als 200 Menschen mit auf Expedition genommen. Das hat mich auch persönlich sehr verändert. Ich war immer sehr verschlossen. Doch für meine Projekte musste ich mich öffnen, Interesse wecken, Unterstützer finden, Menschen begeistern. Das gelingt am besten, wenn man authentisch ist.

Wer geht heute mit Ihnen auf Expedition?

Es gibt keinen bestimmten Menschentyp, der mitmacht. In jedem von uns steckt ein Abenteurer, ein Entdecker – von Kindesbeinen an. Die Teilnehmer sind zwischen 18 und 70 Jahre alt. Wir fangen zwei Jahre vorher mit der Vorbereitung an, arbeiten uns Stück für Stück heran. Jeder ist gefragt, seine Fähigkeiten einzubringen oder zu trainieren. Je nach Vorhaben brauchen wir gute Läufer, Bergsteiger oder Fahrer. Es geht nicht darum, alles perfekt zu beherrschen. Ich will die Infrastruktur bieten, dass sich Menschen ausprobieren können. Mir hat man so viele Chancen gegeben im Leben, das möchte ich gern zurückgeben. Und es macht mich auch selbst glücklich.

Verändern die Abenteuer die Menschen, wie sie Sie verändert haben?

Es verändert sich immer etwas, und manchmal ist es unglaublich. Da ist zum Beispiel der 59-Jährige, der schon immer auf einen hohen Berg wollte. Doch zuerst war er zu jung, dann fehlte das Geld, dann kam die Karriere, dann die Familie. Und dann fühlte er sich zu alt. Als er mir das erzählte, lachte ich und sagte: ,Komm mit mir auf den Kilimandscharo!’ Er hat sich dann wirklich angemeldet und ist 2008 ganz nach oben gekommen. Nach der Rückkehr hat er seine Stelle als Geschäftsführer gekündigt und sich mit 60 Jahren selbstständig gemacht. Heute ist er wieder extremst erfolgreich und auch privat sehr glücklich. Seine Frau sagte neulich zu mir: ,Ich weiß nicht, was Sie mit ihm da oben gemacht haben, aber er ist ein komplett anderer Mensch geworden, fröhlich und ideenreich.’ Der Mann weiß jetzt: Er bestimmt, nicht sein Alter oder sein Körper. Selbst wenn ich Schmerzen habe: Die kann ich wieder loswerden.

Sie haben einmal gesagt: „Das Scheitern und der Erfolg sind die wichtigsten Begleiter in der Vorbereitung und Durchführung von Unternehmungen.“ Warum das Scheitern?

In unserer Gesellschaft ist der Misserfolg schlecht angesehen. Doch vielleicht liegt im Scheitern sogar das größte Entwicklungspotenzial. Der Rückschritt, also der Schritt zurück, eröffnet eine neue Perspektive. Plötzlich findet man den Fehler, entdeckt womöglich einen anderen Weg zum Ziel. Es muss nicht immer alles sofort klappen. Die Frau, die mehrere Versuche zur Gipfelbesteigung braucht, der Mann, der nicht gleich den Marathon bewältigt: Haben sie versagt? Nein, auch sie waren erfolgreich. Man muss die Möglichkeit des Scheiterns mit auf den Weg nehmen, dann kann man damit umgehen. Und man beweist auch Mut, indem man sagt: „Okay, dann probiere ich es morgen noch einmal!“