Familienforschung

"Das liegt in der Familie!"

Ahnenforschung ist zu einem beliebten Hobby der Deutschen geworden. Die Zeitreise ist spannend und liefert oft überraschende Erkenntnisse

Hobbyforscherin Renate Fischer entdeckte eine entfernte Verwandtschaft mit den Gebrüdern Grimm

Hobbyforscherin Renate Fischer entdeckte eine entfernte Verwandtschaft mit den Gebrüdern Grimm

Foto: Krauthoefer

Wie die Verwandtschaft zusammenhänge, habe sie schon immer interessiert, sagt Renate Fischer, geborene Burchardi. "Besonders diese eine Sache, über die keiner offen reden wollte." Nur ein Raunen hinter vorgehaltener Hand um eine geheimnisvolle Geschichte gab es. "Nach der Wende konnte ich mit meinen Verwandten in Westberlin sprechen. Ich hatte kleine gelbe Klebezettel und habe meiner Tante Löcher in den Bauch gefragt." Dann starb Renate Fischers Mutter und ihr Bruder bekam einen Enkel. "Man sagt, wenn ein Mensch stirbt, erblickt ein anderer das Licht der Welt", dachte sich Renate Fischer da und beschloss, dem neuen Erdenbürger einen Stammbaum zu schenken. Also suchte sie die Kiste mit den Klebezetteln hervor und fing an.

Sie sammelte Urkunden, recherchierte Geburtsdaten, befragte die Verwandtschaft und stöberte in Kirchenbüchern. Endlich wurde sie fündig: Die erste Frau ihres Großvaters war nach der Geburt des vierten Kindes gestorben. Nun war der Witwer allein mit vier Kindern, und so kam seine Nichte als Kindermädchen ins Haus. Mit 21 Jahren heiratete sie ihren Onkel und bekam selbst noch drei Kinder, das jüngste Kind war Renate Fischers Vater. "Das war also das Schlimme", sagt die heute 72-jährige Berlinerin lachend, noch immer hochzufrieden mit ihrem ersten Forschungsergebnis. "Ist doch schön, dass wir das jetzt mal wissen!"

Wenn Anlass und Neigung aufeinandertreffen, kann das die Geburtsstunde eines spannenden Hobbys sein. Die Ahnenforschung hat das Zeug, zur Lieblingsbeschäftigung der Deutschen zu werden. Längst sind nicht mehr nur Rentner, sondern auch jüngere Menschen mit Feuereifer auf den Spuren ihrer Vorfahren unterwegs oder suchen nach dem Ursprung ihres Familiennamens. Selbst im ehrwürdigen Evangelischen Landeskirchlichen Archiv habe man jüngst zwei Teenager gesichtet, die offenbar nach der Schule Ahnenforschung betrieben, berichtet Bert Buchholz. Der Archivar ist Hüter der über 20.000 Berliner und Brandenburger Kirchenbücher und Taufregister, die im Evangelischen Landeskirchlichen Archiv in Berlin im Original oder mikroverfilmt gelagert, digitalisiert und über das Kirchenportal www.archion.de online gestellt werden. Es gibt typische Momente, in denen das Interesse an der eigenen Familiengeschichte erwacht: bei Adoptivkindern in der Pubertät, mit der Geburt eigener Kinder, nach dem Tod der Eltern, wenn die Kinder den Nachlass sichten.

Nur Erotik-Seiten sind beliebter

Es ist ein mittelschwerer Hype: Genealogie-Vereine verzeichnen regen Zulauf, in Foren suchen immer mehr Menschen den Austausch über ihre Erkundungen. Familienforscher vernetzen sich hier und lassen die Datenbanken anschwellen. Mehr als hundert Gebrauchsanleitungen von "Genealogie für Dummis" bis "Abenteuer Ahnenforschung" sind bei Amazon im Angebot. Mit dem "Fachbuch Ahnenforschung" liefert sogar die Stiftung Warentest Tipps für die Online-Recherche, den Umgang mit Datenbanken, den Nutzen von Kirchenbüchern und Archiven. Die besten Genealogieprogramme werden gekürt und es wird erklärt, wie man einen Stammbaum anlegt.

Bei bundesweit knapp 70 genealogischen Vereinen sind mehr als 25.000 Hobbyforscher verzeichnet. Einer davon ist der Verein für Computergenealogie. Die Mitglieder schreiben Originalquellen ab und machen sie online verfügbar. Das Interesse ist riesig: An den ersten beiden Tagen des Online-Starts der deutschen Stammbaum-Seite verwandt.de meldeten sich 25.000 Gäste an. Nach Erotikseiten, heißt es unter Experten, sind Genealogie-Websites die weltweit meistbesuchten Seiten im Internet. Eine ganze Industrie hat sich längst rund um das Hobby entwickelt. Wappenforscher, Anbieter von Gen-Tests, Namensforscher, Hersteller von Stammbaum-Software, Büros, die historische Handschriften übertragen und natürlich professionelle Ahnenforscher, die sich im Verband Deutscher Berufsgenealogen zusammengeschlossen haben. Die Vermarktung von Daten Verstorbener ist durchaus massentauglich: Vorfahren hat schließlich jeder.

Zwei Eltern hat jeder Mensch, vier Großeltern, acht Urgroßeltern und in jeder weiteren Generation wieder die doppelte Anzahl von Vorfahren. Zehn Generationen weit zurück, das wären etwa 300 Jahre, sind das schon 1024 Personen. Wenn man da nicht aufpasst, wird der Stammbaum leicht zur undurchdringlichen Hecke.

Personen und Orte fangen an zu leben

Das weiß auch die promovierte Kulturwissenschaftlerin Dorothea Böck. In ihren Kursen an den Volkshochschulen Steglitz-Zehlendorf, Schöneberg und Spandau bietet sie einen wissenschaftlich fundierten Einstieg in die Ahnenforschung. Anfänger lernen die unerlässlichen historischen Hilfswissenschaften kennen, Fortgeschrittene betreiben eigene Forschungen. Sie unterstützt beim Entziffern alter Handschriften und bringt versteckte Quellen zum Sprudeln.

"Jeder Schritt muss sorgfältig dokumentiert werden", schärft Dorothea Böck den Teilnehmern ein, "das ist die allererste Familienforscherregel". Die zweite: "Trau nicht jeder Quelle. Es kommt immer auf den Kontext an, den gilt es herauszufinden." Dorothea Böck macht es "Freude, ein Anreger zu sein". Aber es gehe um mehr, als nur der Blutlinie zu folgen. "Jedes Leben ist in einen historischen Kontext eingebettet und über die Suche nach den Spuren der Vorfahren wächst ein immenses historisches Bewusstsein."

Man versetze sich in die vergangene Zeit, die Personen und die Orte fingen an zu leben: So beschreibt es eine Kursteilnehmerin. Man stelle sich Fragen, die man sich sonst nie stellen würde, sagte eine andere. Neben dem Erkenntnisgewinn über die eigene Herkunft lockt ein weiterer. Man lernt sich gut kennen in diesen Kursen, gibt sich untereinander Tipps und wetteifert auch ein bisschen: Wie weit bist du denn schon zurück? Frustrierend, sich mit Toten zu beschäftigen, findet das hier keiner.

Fluch und Segen

"Das Reden mit Lebendigen ist doch das Tolle", sagt Renate Fischer, die sich mit ihrer Gruppe "Interessengemeinschaft Genealogie" jeden ersten Mittwoch im Monat in den Räumen der Herz Jesu Gemeinde in Mitte trifft. Munter ergänzt sie: "Solange man forscht, ist man gesund." Familienmitglieder betrachten das genealogische Treiben ihrer Anverwandten allerdings oft mit Argwohn. "Es ist aufwendig, braucht viel Zeit und kann teuer werden, wenn Kopien von Dokumenten gekauft oder Reisen in Archive oder andere Länder nötig werden", erklärt Dorothea Böck. Und das Hobby hat die Tendenz, sich auszuweiten. Es hat durchaus Suchtpotenzial.

Professionelle Familienforscher, Archivare oder Wissenschaftler finden das nicht nur gut. Von Fluch und Segen ist die Rede. Auch Archivar Bert Buchholz vom Evangelischen Landeskirchlichen Archiv in Berlin sieht den Besucherstrom der privaten Forscher mit gemischten Gefühlen. "Bei allem Verständnis", sagt er freundlich, "Familienforscher machen Arbeit und das kostet Zeit, die wir momentan für die Digitalisierung der Quellen brauchen." Gleichwohl helfe man, wo man kann.

Rund 1300 Anfragen zu Erbenermittlung und Familienforschung wurden im vergangenen Jahr bearbeitet. Vier bis fünf Wochen müsse man einplanen, wenn man einen Termin für die begehrten Plätze im Lesesaal vereinbaren wolle. "Sie glauben ja nicht, wie viele Leute von den Hugenotten abstammen wollen oder meinen, mit der Brechstange die Abstammung von Theodor Fontane beweisen zu müssen", sagt Bert Buchholz kopfschüttelnd. Immer wieder sei er überrascht, wie schlecht die Besucher vorbereitet seien. "Können Sie mal meinen Stammbaum ausdrucken?", heißt es gelegentlich. Da müssen die Mitarbeiter des Archivs passen. Es braucht nicht selten jahrelange Recherche, um zu Ergebnissen zu kommen.

Der Content vermehrt sich ständig

Immer mehr Hobbyforscher wenden sich auch an gewerbliche Anbieter von Familienforschungsdienstleistungen und Suchportale im Internet. Zum Beispiel Ancestry. Das Unternehmen präsentiert sich als "Weltmarktführer für die digitale Ahnenforschung und die Stammbaumerstellung". Es hat zwei Millionen Nutzer und 16 Milliarden historische Dokumente weltweit im Angebot. Auf der deutschen Seite sind derzeit über 230 Millionen Dokumente online durchsuchbar – die Hamburger Passagierlisten, historische Telefonverzeichnisse und Adressbücher, Dokumente aus Volkszählungen und aus Personenstands-, Militär- und Kirchenregistern. Ein Eldorado für deutsche Familienforscher. Sie tragen emsig dazu bei, den Content zu mehren, indem sie ihre eigenen Daten bereitstellen. Wer seinen Namen bei FamilySearch, MyHeritage oder Ancestry eingibt, stößt sofort auf Spuren, Verweise, Querverbindungen – ein niedrigschwelliges Angebot, das verlockend ist. Bei den meisten Anbietern landet man allerdings schnell vor der Bezahlschranke. Der Zugriff auf die Bestände professioneller Datenhändler wie Ancestry kostet je nach Umfang bis zu 22,99 Euro monatlich.

Die Beschäftigung mit den eigenen Vorfahren hat einen gewaltigen Imagewandel erfahren. Ursprünglich ging die schriftliche Dokumentation der Vor- und Nachfahren vom Adel aus, um Herrschaftsansprüche zu legitimieren. Erst später, im aufstrebenden Bürgertum, erfreute sie sich größerer Beliebtheit. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war die Ahnenforschung in breiten Bevölkerungsschichten populär. In der Nazizeit wurde Familienforschung zur Bürgerpflicht. Die Nürnberger Rassegesetze erlegten Heiratswilligen auf, ihre arische Abstammung nachzuweisen. Auch wegen der Verquickung mit der Nazi-Ideologie geriet die Genealogie in Misskredit. Von diesem Missbrauch hat sich die Familienforschung allmählich erholt. Doch was befeuert das neue Interesse am Alten?

"Es ist ein Versuch, mit Sterblichkeit umzugehen", sagt Professor Christoph Wulf, Anthropologe an der Freien Universität Berlin. "Es schenkt neue Kraft fürs Leben, wenn man sieht, dass man in eine große Linie hineingeboren ist und mit dem Tod nicht ausgelöscht wird." Er sieht die Familienforschung als "eine Gegenbewegung zu unserer von exzessivem Individualismus geprägten Gesellschaft, in der letzte Antworten schwierig geworden sind". Die Betonung des Gemeinsamen, des familiären Zusammenhalts reflektiere auch Druck: "Man versucht zu erklären, wer man ist." Das sei früher nicht nötig gewesen, weil man an seine Stelle im Leben hineingeboren worden sei. "Heute muss jeder seine Biografie selbst finden."

Begegnung mit dem Ich

Der Versuch der Selbsterkenntnis durch den Blick auf die Wurzeln rückt auch in den Fokus moderner Psychotherapien. Es wächst das Bewusstsein, dass Erfahrungen, Einstellungen und Emotionen in einer Familie oft über Generationen weitergegeben werden. "Familien haben eine Familienseele, so etwas wie eine Clan-Variante des kollektiven Unbewussten", schreibt der Psychiater und Psychotherapeut Peter Teuschel in seinem Buch "Der Ahnen-Faktor". Die Auseinandersetzung mit den Ahnen – eine Begegnung mit dem eigenen Ich. Wer bin ich? Woher komme ich? Warum bin ich so? "Das Wissen um die Vorfahren gibt Halt im Leben", sagt die Psychotherapeutin Isabelle Überall. "Es entlastet Menschen oft, wenn sie erkennen, dass sich manche Muster und Werte in den Generationen wiederholen und dass sie nicht allein die Schuld an Fehlentwicklungen tragen."

Hobbyforscherin Renate Fischer von der "Interessengemeinschaft Genealogie" hat bei ihren Recherchen eine Überraschung erlebt. Die Suche nach ihren Vorfahren mit Namen Burchardi ergab eine direkte Verbindung zu den Brüdern Grimm. Verwandt mit ihnen fühlt sie sich zwar jetzt nicht, und deren Grab auf dem Matthäi-Kirch-Friedhof in Schöneberg hat sie auch noch nicht besucht. Aber "es macht doll was her, wenn man's erzählt", sagt sie lachend. Danach hat sie auch den Briefwechsel zwischen den Grimms gelesen und sich amüsiert, weil die beiden Märchensammler sich über einen Burchardi aufgeregt haben, den sie "eklig" genannt haben. "Da war also auch'n hässlicher Burchardi dabei," konstatiert sie vergnügt.

Für die Zeit bis 1635 hat Renate Fischer jetzt alles Familiäre geklärt und säuberlich aufgezeichnet. Es habe ihr Spaß gemacht, auch wenn sich ihre Familie nicht so stark für ihre Forschung begeistere. Vielleicht kommt das noch. "Wenn die Enkel mal Rentner sind, haben die was zu gucken", sagt sie. "Und müssen nicht mehr am Urgrund anfangen, wenn sie etwas über ihre Vorfahren wissen wollen."

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