Zirkus

Kleine Stars in der Manege

Berliner Kids im Rampenlicht: Der Kindercircus der Ufa-Fabrik feiert seinen 30. Geburtstag. Zum Jubiläum haben wir hinter die Kulissen geschaut

Juppy, Gründer des Ufa-Kindercircus, mit Hund und Hut und inmitten der Akrobatik-Gruppe

Juppy, Gründer des Ufa-Kindercircus, mit Hund und Hut und inmitten der Akrobatik-Gruppe

Foto: Massimo Rodari

Im Übungsraum der Kinderakrobatengruppe „Captain Hook und die Stadtpiraten“ auf dem Gelände der Ufa-Fabrik riecht es wie früher im Turnunterricht. Blaue Gummimatten verbreiten ihren unvergesslichen Duft, dazu würzt das von vielen Händen abgegriffene Leder des Kastens die Luft, und natürlich müffelt es auch ein wenig nach Schweiß. Es ist kurz vor fünf Uhr am Dienstagnachmittag. Nach und nach treffen die jungen Teilnehmer von Peter Seybolds Akrobatentruppe ein. Der Mittfünfziger könnte auch für ein paar Jahre älter durchgehen, seine tiefliegenden Augen und Falten im Gesicht erzählen davon, dass es nicht immer leicht war im Leben. Und doch strahlt er eine große Ruhe, Zuversicht und Freundlichkeit aus.

Neben Akrobatik können Kinder in der Circusschule Afrotrommeln lernen, Bauchtanz, Samba, Breakdance, Einrad-Fahren, Hula Hoop, Jonglage, Kugellauf und Seilakrobatik. „Unser Spektrum ist im Laufe der Jahre immer breiter geworden“, berichtet Juppy, der zu den Gründern des Ufa-Fabrik Kindercircus gehört. Davon kann sich das geneigte Publikum ab dem 22. April überzeugen, wenn sich die jungen Talente drei Tage lang auf dem „30. Berliner Kindercircus Festival“ präsentieren.

Vor allem Mädchen machen mit

Mehr als drei Viertel der „Stadtpiraten“ sind Mädchen, einige belegen zwei oder drei verschiedene Kurse, so wie die neunjährige Theresa Kubanek, die neben Akrobatik auch Kugellauf macht. Leichtfüßig springt sie auf die große Kugel und balanciert auf nackten Füßen. „Willst du einen Reifen?“, fragt Peter Seybold, und Theresa nickt. Einen Moment später kreist ein Hula-Hoop-Reifen um ihre Hüfte, während sie mit den Füßen auf der 80 Zentimeter hohen Kugel mit Tippelschritten balanciert. Zwei Eltern klatschen Beifall, Theresa strahlt.

Die meisten Mädchen sind zwischen sieben und 16 Jahre alt und fliegen Peter Seybold an wie Bienen den Eingang zum Stock. Je nach Charakter gibt es zur Begrüßung eine kurze Umarmung, ein „Hallo“ oder ein Händeschütteln. Im Übungsraum herrscht eine geschäftige Atmosphäre, schließlich haben sich die jungen Mädchen auch einiges zu erzählen. Die Ankommenden gehen sich umziehen, die Kinder im Trikot beginnen mit dem Warmmachen.

Balance, Kraft und Konzentration

Zu den ersten gehört die siebenjährige Dana Dörfel. Sie ist zierlich und trägt eine goldgelbe Samthose. Ihr Engelsgesicht ist von kleinen geflochtenen Zöpfen eingerahmt. Dana macht „Gummibärchen“, wie ihre Mutter es nennt. Dabei biegt sich die handtuchschmale Kleine zu einem Bogen, bei dem Hände und Füße gleichzeitig den Boden berühren. „Von mir hat sie das nicht“, sagt Elke Dörfel lachend, „ich bekomme schon vom Zusehen Rückenschmerzen“. Dana hingegen hebt ein ums andere Mal die Hände über den Kopf, formt mit dem Körper eine Brücke, den Bogen, und wärmt sich so weiter auf. Zu ihr gesellt sich die zehnjährige Laura Oelschläger. Sie ist seit zwei Jahren bei der Gruppe und kam wie viele hier über die Empfehlung einer Freundin zu den „Stadtpiraten“. „Ich finde es super, wir trainieren ein bis zweimal die Woche“, schwärmt die aschblonde Turnerin, die Dana um mehr als einen Kopf überragt. Alle paar Wochen treten die Kinder vor Publikum auf. Zuletzt haben sie eine Vorführung in einem Flüchtlingsheim gegeben.

Vater Karsten Oelschläger freut sich, dass seine Tochter beim Kindercircus sportlich aktiv ist - für gerade mal elf Euro pro Monat. „Die Mädels hier sind alle sehr ausgeglichen. Das ist in dem Alter nicht immer so. Und besser als Computerspiele daddeln ist Akrobatik allemal.“ Er führt die Ausgeglichenheit auch auf den Ansatz des Trainers Peter Seybold zurück, den Kindern nicht nur Körperbeherrschung und Muskeltraining beizubringen, sondern daneben einen fernöstlich philosophischen Ansatz. „Ohne das Gefühl für deine Mitte, für die Balance zwischen Spannung und Entspannung, kannst du einen Schulterfußstand oder eine dreistöckige Pyramide gar nicht elegant bringen“, sagt der 56-Jährige. Er mischt auch Techniken und Erfahrungen aus Kampfsportarten wie Karate unter seine Trainingseinheiten.

Traum vom alternativen Leben

Peter Seybold gehört wie Yuppi zum Urgestein der Ufa-Fabrik, die aus der „Fabrik für Kultur, Sport und Handwerk“ in Schöneberg hervorgegangen ist. Im Juni 1979 wurde das rund 1,8 Hektar große Gelände der ehemaligen Kopierwerke der früheren Universum Film AG, kurz UFA-Filmstudios, in Tempelhof friedlich besetzt. Die Initiatoren träumten von einem alternativen Ort, an dem die verschiedensten gesellschaftlichen Bereiche in einem Projekt zusammengebracht werden. Durch intensive Öffentlichkeitsarbeit gelang es nach drei Wochen, ein Bleiberecht vom Berliner Senat zu erwirken. Seither zahlt die Ufa-Fabrik eine monatliche Miete bzw. Pacht. Aufräum- und Renovierungsmaßnahmen begannen, der große Saal wurde für Musik-, Theater- und bald auch Circus-Veranstaltungen hergerichtet. 45 Personen lebten auf dem Gelände, bildeten eine Lebensgemeinschaft mit gemeinsamem Einkommen und gemeinsamen Zielen. Die meisten waren auch als Künstler aktiv.

Trainer Peter Seybold arbeitete nach der Besetzung des Geländes dort als KFZ-Schlosser, Zimmermann und Tischler – und machte nebenbei immer Akrobatik. Seit Ende der Achtziger Jahre lebt er hauptsächlich für die Akrobatik. Sofort nach dem Mauerfall hatte er sich auf einen Platz an der berühmten Fachhochschule für Akrobatik in der Ost-Berliner Linienstraße beworben, eine der wenigen Zirkusausbildungsstätten in Europa. „Diese Ausbildung ist Gold wert“, versichert er. Heute leitet er zahlreiche Akrobatik AGs an Schulen in Tempelhof und Mariendorf. Von dort kommen viele seiner „Stadtpiraten“.

Rolle vorwärts – zu zweit

Bereits Mitte der Achtziger Jahre entwickelte Peter Seybold mit einem Partner eigene Nummern für den Ufa Circus. Eine der bekanntesten war „Kellner und Gast“. Dabei geraten die beiden Personen wegen der Unzufriedenheit des Gastes aneinander, was zu fulminanten körperlichen Auseinandersetzungen führt. Unter anderem rollten sie sich, sich mit den Händen an den Füßen des anderen festhaltend, über den Boden und sogar über einen Tisch.

Genau das ist eine der Nummern, die heute für das Kindercircus-Festival geübt wird. Dafür geht es in den wunderschönen Varieté-Salon, einen der vielen Aufführungsorte auf dem Gelände. Früher befand sich hier das Kino. Rote und blaue Samtvorhänge und professionelle Beleuchtung zaubern in Sekundenschnelle eine Zirkusatmosphäre. Dünnere und dickere Matten werden ausgerollt, eine Springbank und der Springkasten werden aufgebaut. Zuerst wird die Rolle nur auf dem Boden geübt. Die zehnjährige Elizabeth, mit eng an den Kopf geflochtenen Rastazöpfchen und im grünen Samtbody, dreht sich mit Dana über die Matte. „Spannung im Bauch halten“, ruft Peter Seybold. Die beiden Mädchen stöhnen auf, eine lässt für eine Sekunde den Fuß der anderen los, und die Rolle fällt auseinander. „Gleich noch mal“ sagt Seybold mit fester Stimme. Es ist klar, dass er darüber gar nicht erst diskutieren wird.

Übung fürs Selbstvertrauen

„Das ‚Gleich noch mal’ ist ein wichtiger Bestandteil unseres Trainings“, sagt er. „Wann immer etwas nicht geklappt hat, machen die Kinder die Übung direkt im Anschluss noch einmal. Das soll verhindern, dass sie Ängste vor Teilen der Aufführung entwickeln. Und es soll ihnen Selbstvertrauen geben, wenn sie die Aufgabe gleich danach bewältigen.“ Und tatsächlich klappt die Rolle beim zweiten Anlauf besser. Auch die großen Mädchen, Hanna Schöttes, Paula Schlumberger, Hannah Siwek und Emelie Lorenz, zwischen 13 und 16 Jahre alt, müssen mit ran. Dabei wollen sie eigentlich lieber den Flick Flack üben, den sie schon gut können. Und in der Pause mal eben aufs Handy schielen, ob es bei Facebook oder Whatsapp neue Nachrichten gibt. Aber nein.

Als nächstes stellt Peter Seybold eine lange Holzbank quer zur Matte. „Wer schafft die Rolle darüber?“, fragt er. Tatsächlich versuchen sich drei Kinder-Paare an der schwierigen Aufgabe, zunächst in Zeitlupe. „Ihr müsst sehen, dass eine von euch vor der Bank genau auf dem Rücken liegt, sonst funktioniert es nicht“, erklärt er. Aus einem Ghettoblaster läuft beim Training – wie bei den Vorstellungen auch – laute Musik. Es ist ein Mix aus Siebziger-Jahre-Liedern wie „Magic Bus“ von The Who bis zu neuen Hits wie „Out of the Woods“ von Taylor Swift. „Wir versuchen mit unseren Nummern und der Musik alle mitzunehmen, von den jungen Geschwister-Kindern bis zu den Großeltern“, erklärt Seybold.

„Lächeln nicht vergessen!“

Der Ufa Kindercircus: ein Platz für mehrere Generationen. Und einer, an dem schon viele Kindergenerationen trainiert haben. Trainer Seybold schätzt die Zahl der Mädchen und Jungen, die in den vergangenen 30 Jahren im Ufa-Fabrik Kindercircus an unterschiedlichen Kursen teilgenommen haben, auf rund sechstausend. Einige von ihnen sind jahrelang dabei.

Zu ihnen gehört Patrick Busse, einer der wenigen Jungen im mädchendominierten Team. Seit sechs Jahren macht der 13-Jährige mit. Zweimal die Woche trainiert er in der Schule und zweimal in der Ufa-Fabrik. Und wenn das Wetter wärmer wird, trainiert er auch im Freien. Mit der perfekten Figur eines Bodenturners – klein gewachsen und muskulös – schlägt er einhändig Rad, macht Flick Flack und Saltos vor- und rückwärts, teilweise mit kurzem Anlauf, teilweise nach einem Sprung vom Kasten auf die Bank. Ständig ist er wie ein nervöses Rennpferd in Bewegung. Man fragt sich, was er wohl machen würde, wenn er kein Akrobatiktraining absolvierte.

Mit lautem Knall kommt er nach einem gehockten Vorwärtssalto auf, sofort biegt sich der Körper wie eine Feder zurück und die Arme fliegen hoch. Es ist der fast perfekte Abschluss des Sprungs. „Lächeln nicht vergessen“, mahnt Peter Seybold. Tun diese Sprünge, besonders das harte Aufkommen, nicht ziemlich weh? „Nur wenn man es falsch macht“, antwortet Patrick und bekommt unter seinem ersten Bartflaum fast ein Lächeln hin. Man spürt seinen Ehrgeiz und ist kaum überrascht, wie genau der Junge weiß, was er später machen will. „Neben Akrobatik spiele ich noch Musik, Gitarre, Klavier und Querflöte. Später würde ich gerne Erzieher werden.“

Ins Zirkusleben hineingewachsen

Einer, der seit vielen Jahren Akrobatik und Musik verbindet, ist Nico Rovera. Der Zwanzigjährige mit modischer Duttfrisur und weichem Vollbart hat im Alter von acht Jahren im Kindercircus angefangen. Seine Eltern, „beide Kommunarden der Ufa-Fabrik“, wie er scherzt, hatten ihn zu einer Vorstellung einer französischen Jonglage-Truppe auf dem Gelände mitgenommen. „Ich weiß noch genau,wie die hießen: Les Cousins. Von deren Vorstellung war ich sofort elektrisiert und bin jeden Abend hingegangen. Die haben mit sieben Bällen jongliert, einfach sensationell. Das wollte ich auch.“

So begann Nicos Karriere im Kindercircus. Sieben Bälle hat er nie geschafft, aber immerhin fünf. Angefangen wurde allerdings von der Pike auf, mit drei Geräten. Zuerst hat er mit Seidentüchern geübt. „Man muss ein Gefühl dafür bekommen, wie die Abläufe sind, in welchem Moment man einen Gegenstand hochwirft, den nächsten auffängt und gleich weiter in die andere Hand wirft. Das lernt man am besten, wenn man Zeit hat, diese Abläufe in Ruhe zu üben. Deshalb die Seidentücher. Außerdem sieht es schau aus“, sagt Nico.

Später kamen Reifen und danach Bälle dazu. An mehr als hundert Aufführungen hat er mit dem Kindercircus teilgenommen. Mit der Zeit hat er sogar kleine Choreographien entwickelt. „Wir hatten eine Nummer, die hieß ,Strandbad’. Darin wollen sich drei Jungs vor drei Mädchen produzieren, mit Jonglage und Akrobatik. Dann stellt sich heraus, dass auch die Mädchen darin sehr gut sind – und zum Schluss machen sie zu sechst die Nummern.“ Auch heute ist Nico noch dabei und jongliert mit Keulen, wenn er Zeit hat. Und er sorgt für musikalische Livebegleitung. Mit zwölf Jahren hatte er sein Faible für die Gitarre entdeckt. Mittlerweile ist er ein sehr guter E-Gitarrist und spielt so professionell, dass er davon leben kann. Seit 2009 macht er bei der Reunion-Band von „Ton, Steine, Scherben“ mit und war auf Tournee durch Österreich, die Schweiz und Deutschland. „Ganz viele Dinge, die bei den Konzerten wichtig sind, also sicheres Auftreten, Ausdauer, Bühnenpräsenz, verdanke ich meiner Zeit beim Kindercircus“, sagt er. „Deshalb bin ich auch dankbar und unterstütze die Kids, wenn es mir möglich ist.“

Es braucht Teamgeist und Ausdauer

Wenn Nico seine hellgrüne Gitarre spielt, sind ihm die Blicke der älteren Mädchen sicher. Die werden nun von Peter Seybold auf die nächste Nummer vorbereitet: die Bogenpyramide. Etwa fünf Minuten dauert die „Rhapsody in Green“. Bei dieser Nummer treten alle Mädchen in giftgrünen Trikots auf. Sie gehört zu den Highlights der Aufführungen. Die Bodenbögen bilden die vier größten und ältesten Mädchen, darauf klettern dann zwei kleinere und bilden ebenfalls den Bogen. In den dritten Stock der Pyramide klettern zwei noch kleinere Mädchen, bis die zierliche achtjährige Ida Chrzsanowksi den krönenden Abschluss bildet.

Insgesamt vier Anläufe müssen gemacht werden, bis die Bogenpyramide steht. „Super“ ruft Peter Seybold und klatscht in die Hände. In Sekundenschnelle löst sich die menschliche Pyramide auf. Die Mädchen von ganz unten haben puterrote Köpfe und stöhnen laut. Hanna Schöttes, Hannah Siwek und Emelie Lorenz haben mit gebogener Wirbelsäule mehrere Minuten lang das Gewicht von sechs anderen Mädchen gehalten. Und das macht Spaß? „Schon“, entgegnet Emelie Lorenz, die mit ihren 16 Jahren zumindest körperlich die Pubertät hinter sich gelassen hat. Sie kann sich wie ihre beiden Freundinnen Hanna und Hannah vorstellen, noch bis Ende der 11. Klasse mit zu trainieren. „Aber Abi ist wichtiger“, sagen alle drei.

Nachwuchs gibt es reichlich

„Zum Glück haben wir genug Nachwuchs“, sagt Peter Seybold und gibt das Kommando für die nächste Nummer: „Skorpion!“. Dabei rollen die Kinder rückwärts über den Boden und schnellen mit den Beinen wie ein Stachel nach oben, bevor die Rolle von Neuem beginnt. Größtes Hindernis bei dieser Übung: die eigene Nase. Wer den Kopf nicht zur Seite dreht, reibt sich hinterher die schmerzende Nase.

Ganz zum Schluss kommt die schwierigste Akrobatik-Nummer, sie heißt „Fisch und Reiter“. Ein Mädchen liegt auf dem Rücken und stemmt mit den Beinen den „Fisch“ hoch, ein Mädchen in der Horizontale. Darauf klettert die „Reiterin“. Eine Übung, die enorme Balance, Kraft und Konzentration verlangt. Nach dem fünften Fehlversuch bricht Peter Seybold ab. „Das reicht für heute, damit fangen wir beim nächsten Mal an.“ Er weiß: Nach zwei Stunden sind die Kinder und Jugendlichen an ihrer Grenze. Schließlich soll das Training auch Spaß machen. In der kommenden Woche gibt es noch zwei Generalproben, bevor es am Freitag heißt: „Bühne frei fürs 30. Kindercircus-Festival: Berliner Kids im Rampenlicht“.

Vorstellungen: Fr. 22. April, 11 Uhr. Sbd. 23. April und So. 24. April jeweils 15 Uhr. Eintritt: Erwachsene 7 Euro, Kinder 4 Euro. Kartentel.: 755 03 0