Finanzen

„Über Geld reden heißt über persönliche Werte reden“

| Lesedauer: 6 Minuten
Beatrix Fricke
Schüler zeigen Goldmünzen. Gespräche darüber, was Geld wert ist und bedeutet, sind  für Kleine wie Große lohnenswert

Schüler zeigen Goldmünzen. Gespräche darüber, was Geld wert ist und bedeutet, sind für Kleine wie Große lohnenswert

Foto: Amin Akhtar

Neid, Gier, Angst, Scham: Geld löst viele Gefühle aus. Wir haben mit Autorin Gisela Kaiser darüber gesprochen, woher sie kommen

„Geld oder Leben? Wie Geld unsere Beziehungen und Gefühle beeinflusst“: So heißt das Buch von Gisela Kaiser. Die promovierte Philosophin und Betriebswirtschaftlerin ist Unternehmerin und Autorin. Wir haben mit ihr gesprochen.

Berliner Morgenpost: Wie sind Sie darauf gekommen, ein Buch über Geld und Gefühle zu schreiben?

Gisela Kaiser: Als ich in die Firma meines Vaters eingearbeitet wurde, begann ich nebenbei BWL zu studieren. Irgendwann hat sich meine Tochter beschwert, dass bei uns zu Hause nur noch über Geld, Anlage, Verluste geredet wird – sogar beim Essen. Sie hatte Recht! Da begann ich, mich mit dem Einfluss des Geldes auf uns zu beschäftigen.

Über Geld zu reden, ist in Deutschland immer noch ein Tabu. Warum eigentlich?

Das liegt ein Stück weit am System. In unserer Gesellschaft ist alles auf Gewinnmaximierung ausgelegt, das schürt Unzufriedenheit. Es ist also gar nicht so einfach, mit seiner Geldsituation zufrieden zu sein und auch noch darüber zu sprechen. Das geht schon sehr ins Intime. Außerdem gibt es viel Angst vor den Reaktionen anderer.

Können Sie das genauer erklären?

Wenn man reich ist, begegnen einem schnell Vorurteile und Neid. Armut ist bedrückend und peinlich. In den USA ist das anders. Dort gibt es diese Tellerwäscher-Mentalität, die Überzeugung, dass es jeder zum Multimillionär schaffen kann. Und das Umfeld freut sich mit, wenn man Karriere macht und zu Geld kommt. Von einem solch entspannten Umgang mit Geld sind wir meilenweit entfernt. Natürlich gibt es Familien wie die Geissens, die offen protzen. Aber gerade wer reich ist, verhält sich hierzulande meist eher still und leise.

Dabei herrscht in Deutschland großer Wohlstand. Die Lust zu geben ist enorm: Der Deutsche Spendenrat geht für 2015 von Privatspenden im Bereich von 5,4 bis 5,6 Mrd. Euro aus, im World Giving Index liegt Deutschland auf dem 20. Rang von 145 untersuchten Ländern. Fühlt man sich hier etwa nicht wohl, wenn man viel besitzt?

Ich persönlich fühle mich schon wohl mit meinem Wohlstand. Ich muss mir keine Gedanken machen, wenn ich mal 50 Euro für Bücher ausgebe. Aber nicht nur gegenüber der Außenwelt, auch in Beziehungen kann Geld leicht zu Problemen führen. Ein Beispiel: Wenn man als Frau mehr verdient als Männer, macht sie das leicht aggressiv, denn es kratzt an ihrem Selbstwert. Da sind wir wieder bei den Gefühlen, die Geld weckt.

Woher kommen die?

Geld bringt Status, Macht, Möglichkeiten. Und mit Geld wird viel assoziiert. Beim Erben wird das besonders deutlich. Nicht umsonst gibt es in Erbengemeinschaften oft entsetzlichen Streit. Da wird offenbar, dass sich jemand nicht wahrgenommen oder zurückgesetzt fühlt. Es geht nicht selten weniger ums Geld als um verletzte Gefühle – oder die Kompensation eines Mangels.

Haben es Kinder aus reichen oder armen Familien schwerer?

Sie haben unterschiedliche Probleme. Arme Kinder können eher machen, was sie wollen, es fehlt allerdings oft an den finanziellen Spielräumen, sich zu entfalten. Die Kinder reicher Familien sind durch das Geld an ihre Familie gekittet, fühlen sich dem Erbe verpflichtet, haben es oft schwer, sich abzunabeln.

Der Hang zum Sparen, Ausgeben oder Schulden machen: Was sagt er über einen Menschen aus?

So, wie sich ein Mensch gegenüber Geld verhält, ist er auch insgesamt. Das ist meine Erfahrung. Wer also großzügig mit Geld ist, ist es auch mit seinen Gefühlen. Allerdings gibt es auch zurückhaltende Menschen, die sehr großzügig sind. Geld zu geben ist für einige die einzige Art, Gefühle zeigen zu können.

Kann man in einer konsumorientierten Gesellschaft überhaupt einen selbstbestimmten Umgang mit Geld pflegen?

Das ist schwierig. Nehmen Sie die Internet-Giganten. Den Firmengründern ging es um Selbstentfaltung und Partizipation. Doch dann wurden auch sie zu Großkapitalisten, die darauf ausgerichtet sind, den Profit zu maximieren. Kapitalismus verblödet auf Dauer. Der einzige Weg, sich dem entgegen zu stellen, ist, sich bewusst zu emanzipieren. Nachzudenken, nicht jedem Trend hinterherzulaufen, sich immer wieder selbst zu hinterfragen: Brauche ich das überhaupt?

Wie lernt man denn einen guten Umgang mit Geld, eine sachliche Kommunikation?

Gut ist, wenn man schon als Kind einen selbstverständlichen Austausch erlebt. Erwachsene sollten über Geld gelassen reden, so wie über Sport oder Kunst. Sie sollten sich darüber klar werden, was ihnen wichtig ist. Über Geld reden heißt über Werte reden – und über das, was wir unseren Kindern vermitteln wollen.

Und dann?

Den Umgang einzuüben ist für Kinder gar nicht so einfach. Der Konsum ist heute übermächtig und vielen Kindern und Jugendlichen steht sehr viel Geld und Technik zur Verfügung. Ich kenne Jugendliche, die 40.000 Euro Taschengeld pro Monat bekommen. So viel Geld zu haben macht haltlos. Mein Vater wollte, dass ich während meines Studiums eine Ausgabenliste führe. Das fand ich lästig, aber später war ich dankbar dafür. Es war gut für mich zu lernen, mit wenig auszukommen.

Was macht glücklicher: Geld oder Verzicht?

Alle Weltreligionen betonen, dass Geben seliger ist als Nehmen. Im Buddhismus, im Islam, im Christentum gibt es viele Beispiele von Heiligen, die alles weggegeben haben, der heilige Franziskus etwa. Das kann ein Weg zum Glücklichsein sein. Aber seinen Weg muss jeder selbst finden. Natürlich kann man sich kurze Glücksmomente erkaufen. Aber an ein neues Auto hat man sich binnen 24 Stunden gewöhnt. Langfristig machen andere Dinge glücklicher. Ein finanzielles Polster schadet aber nicht. Es gibt eine gewisse Stabilität und Sicherheit. Damit lebt es sich entspannter.