Geld

Wie viel ist zu viel?

| Lesedauer: 20 Minuten
Beatrix Fricke
Emma, 10, beim Geld-Unterricht in der der Grundschule an der Marie

Emma, 10, beim Geld-Unterricht in der der Grundschule an der Marie

Foto: Amin Akhtar

Kinder in Deutschland verfügen über so viel Bares wie nie. Wie bringt man dem Nachwuchs einen verantwortungsvollen Umgang damit bei?

Neulich feierte der Opa seinen 80. Geburtstag. Paula, 11, und Nele, 9, schenkten ihm ein selbst gebasteltes Fotoalbum. Er freute sich sehr – und drückte ihnen nach der Feier, zum Abschied, jeweils 50 Euro in Hand. „Kauft euch was Schönes davon“, flüsterte er den beiden ins Ohr, als sie etwas verschämt die Scheine in ihre Taschen steckten. Dass der Opa ihnen seinerseits eine Freude machen wollte und man ihm den Spaß nicht verderben sollte, war den Mädchen klar – jedoch weniger, was sie mit der großen Gabe anfangen sollten. Vor allem die Neunjährige fühlte sich überfordert. Das zeigte sich deutlich am nächsten Tag, als die Auszahlung des Taschengelds für März anstand. „Lass mal, Mama“, sagte Nele abwehrend zu ihrer Mutter, als die die üblichen fünf Euro pro Monat auf den Tisch legen wollte. „Ich habe doch schon mehr als genug!“

Geldgeschenke, Taschengeld, üppige Sparguthaben: Die Kinder in Deutschland verfügen über so viel Geld wie nie. Mehr als fünf Milliarden Euro besaßen die Sechs- bis 13-Jährigen im Jahr 2015, ermittelte die Kids-Verbraucheranalyse von Egmont Ehapa Media. Zu den 2,77 Mrd. Euro aus Sparguthaben kamen 0,84 Mrd. Euro Geldgeschenke sowie 1,73 Mrd. Euro an regelmäßigen Geldzuflüssen, etwa aus Taschengeld-Zahlungen und kleinen Verdiensten. Auch die Jüngeren verfügen schon über ein stattliches Vermögen: Auf 991 Mio. Euro beläuft sich das Guthaben der Vier- bis Fünfjährigen. Summen, die den Preis für die üblichen kindlichen Begehrlichkeiten bei weitem übersteigen. „Wofür gibst du dein Geld normalerweise aus?“, fragten die Marktforscher für die Kids-Verbraucheranalyse. Die Antworten der Sechs- bis 13-Jährigen: für Süßigkeiten und Chips, Zeitschriften, Eis, Getränke, Spielzeug, Sticker, Sammelkarten oder kleine Geschenke für Verwandte und Freunde.

Wer kann, ist großzügig

Die Umfrage zeigt: Im Gegensatz zu den Vermögensverhältnissen haben sich die Wünsche im Vergleich zu früheren Zeiten kaum geändert – zumindest die der jüngeren Kinder. Teenager wissen sehr wohl große Summen zu schätzen und fordern sie teilweise auch ein, weil sie teure Technik und Markenklamotten für sich entdeckt haben. Bei den Jüngeren hingegen sind es eher die Erwachsenen, die für den Geldsegen sorgen und den Konsum befeuern. Da ist die Oma, die jede Eins im Zeugnis mit zehn Euro belohnt. Die Großtante, die zu Weihnachten 100 Euro schickt. Der Patenonkel, der zum Osterfest ein Fahrrad vor die Tür stellt. Und da sind nicht zuletzt die Eltern selbst, die den Verlockungen der Warenwelt und den glänzenden Kinderaugen angesichts der schön dekorierten Auslagen und der glitzerbunten TV-Werbung nicht widerstehen können.

Wer kann, ist mehr als großzügig zu seinem Nachwuchs und kauft nicht nur zu Festtagen opulent ein, sondern gern auch zwischendurch. Gründe dafür gibt es genug: das ach so günstige und attraktive Angebot. Das schlechte Gewissen, weil die Zeit fürs Kind mal wieder knapp war oder weil der Nachwuchs unter der Trennung von Mama und Papa leidet. Nicht selten sitzt auch das Geld einfach locker. Denn da ist nicht nur das eigene Einkommen, das zum Ausgeben zur Verfügung steht, sondern häufig auch ein stattliches Erbe. Im Jahr 2014 betrug das geerbte und geschenkte Vermögen laut Statistischem Bundesamt 108,8 Milliarden Euro, ein Plus von 54,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Keine Frage: Das Vermögen in Deutschland ist ungleich verteilt. Neben den Kindern aus wohlhabenden und reichen Familien gibt es auch viele, die in prekären finanziellen Verhältnissen groß werden. Jedes fünfte Kind unter 15 Jahren gilt als armutsgefährdet, so eine Studie im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung. Aber auch – oder gerade hier – ist das Thema Geld präsent. Die weniger wohlhabenden Kinder wollen nicht hinter denen mit mehr Besitz zurückstehen. Und die Eltern wollen ihren Kindern das Beste ermöglichen.

Taschengeld als Versuchszone

Wie können Kinder in diesem Umfeld einen verantwortungsvollen Umgang mit Geld lernen? Wie schaffen wir es, sie nicht zu verwöhnen?

Eine tragende Rolle spielt das Taschengeld. Es soll helfen, die Regeln vom Besitzen, Ausgeben und Sparen zu verstehen und einzuüben. In der heutigen Überflussgesellschaft sind jedoch weitere Mittel erforderlich, um das Verständnis von und den Umgang mit Geld und Konsum zu schulen. Und vor allem braucht es mehr Offenheit. Das findet zumindest Kirstin Wulf, Autorin und Coach für Geldfragen. Die diplomierte Politikwissenschaftlerin aus Berlin ist seit 2011 mit ihrer Initiative „bricklebrit“ als selbsternannte „Über-Geld-Sprecherin“ tätig und arbeitet mit Eltern und Erziehern, außerdem mit Kindern und Jugendlichen.

„Mit Geld umgehen zu können, ist eine wichtige Alltagskompetenz“, findet sie. Es brauche ein gutes Rüstzeug, um das richtige Maß zwischen Verzicht und Überfluss zu finden. Doch worauf sie bei ihrer Arbeit immer wieder stößt, ist Faszination auf der einen Seite – und Schweigen auf der anderen.

Klimpernde Münzen faszinieren

Schon die Kleinsten begreifen die Macht des Geldes. Sie sind fasziniert von den klimpernden Münzen und knisternden Scheinen, die die Erwachsenen in ihren Portemonnaies bei sich tragen. Sie lieben es, im Kaufmannsladen zu spielen und, etwas später, eigenhändig kleine Einkäufe zu erledigen. Kinder haben auch jede Menge Fragen. Woher kommt das Geld? Sind wir reich? Wenn ja, wieso haben wir dann keinen Swimming-Pool? Warum hat uns der Mann auf der Straße nach Geld gefragt? Können wir ihn nicht mit nach Hause nehmen und bei uns wohnen lassen? Werden wir arm, wenn Papa seine Arbeit verliert? Warum haben wir Geld für ein neues Sofa, aber nicht für eine Playstation? Später wollen Kinder auch kompliziertere Zusammenhänge begreifen: Was ist eine EC-Karte, wie funktioniert die Börse, wozu gibt es die Europäische Zentralbank?

Je persönlicher die Fragen, desto schwerer fällt es den Erwachsenen in der Regel, sie zu beantworten. Ein Grund sind die negativen Gefühle, die das Thema Geld auslöst. „Eltern und Pädagogen, mit denen ich arbeite, lassen immer wieder durchblicken, dass ihre Geldgefühle nicht nur positiv sind, ganz im Gegenteil“, sagt Kirstin Wulf. „Viele erzählen von ihrem eher distanzierten und negativen Grundgefühl.“ Das Thema erzeuge Abwehr, Sorge, Frust, Enttäuschung, Misstrauen, Neid, Überforderung, Skepsis oder Unzufriedenheit – nicht selten aufgrund von Geld-Erfahrungen aus der eigenen Kindheit.

Folgenreiche Auswirkungen

Welche Mechanismen aus der Kindheit wirken, hat die Unternehmerin und Autorin Gisela Kaiser für ihr Buch „Geld oder Leben? Wie Geld unsere Beziehungen und Gefühle beeinflusst“ untersucht. „Die Auswirkungen der beiden Weltkriege und der Nazizeit sind bis heute folgenreich“, schreibt sie. „Die materiellen Nöte, die nach dem Krieg das Familienleben beherrschten, sind längst überwunden. Doch die seelischen Nöte, die einst mit Geldsorgen verbunden waren, wirken bis heute in unserer Wohlstandsgesellschaft nach.“ Anhand von Interviews zeigt sie auf, wie Geld für viele Menschen noch mit Stress, Streit und Leid behaftet ist. Glaubenssätze wie „Ohne Geld sind wir nichts“ oder „Wer Geld hat, hat die Macht“, säßen tief und würden oft unbewusst an den Nachwuchs weitergegeben, resümiert Kaiser. Auch das kapitalistische System, das Unzufriedenheit schüre, trüge zum Unwohlsein beim Thema Geld bei.

Die Folge: Statt über die Finanzen zu sprechen, wird lieber geschwiegen. Das beobachtet auch Kirstin Wulf. Weil „negative“ Gefühle generell nicht schön seien, versuchten wir Menschen, sie abzuschwächen, schönzureden oder zu verdrängen, sagt sie. Und so wird Geld in vielen Familien zum Tabuthema. Doch sie wünscht sich, dass Kinder lernen, auch über eher unangenehme Gefühle zu sprechen – auch und vor allem am Beispiel Geld. Ihr Ziel: Spaß daran wecken, sich jetzt und in Zukunft verantwortungsvoll um seine Finanzen zum kümmern. „Wertevermittlung bedeutet, sich nicht nur mit immateriellen Werten wie Freiheit, Bildung oder Zuverlässigkeit auseinanderzusetzen, sondern auch mit materiellen Werten und Zielen“, schreibt sie in ihrem gerade erschienenen Buch „Dann geh doch zur Bank und hol dir welches! Rätselraten ums Geld im Elternhaus“. Eine solche Auseinandersetzung stärke die Kinder nachhaltig.

Viele Fragen, viele Antworten

Heute ist Kirstin Wulf in einer 5. Klasse in der Grundschule an der Marie in Prenzlauer Berg zu Gast. Sie hat den Kindern provokative Fragen mitgebracht. „Ist Geld gut? Oder gefährlich?“, will sie von ihnen wissen. „Schreibt mal auf, was euch zum Stichwort Geld einfällt“, sagt sie und verteilt Karteikarten. Eifrig beginnen die Kinder zu schreiben und lesen kurze Zeit später vor, was ihnen eingefallen ist.

„Man kann mit Geld fast alles kaufen“, sagt Magdalena. „Man kann mit ihm aber auch erpressen und bestechen.“ Pirathees findet, dass man Geld braucht, um überleben zu können. „Es gibt Papier und Münzen zum Bezahlen, und Geld ist ein Symbol von Reichtum“, erklärt Fritzi. „Es ist ein Wertstoff“, fällt Luis ein. Emma weiß, dass man in Deutschland und Europa mit Cent und Euro bezahlt, und Jule, dass man Geld auch fälschen kann. „Das ist unfair“, stellt sie fest. Einige Kinder kommen auch auf die Gefühle zu sprechen, die Geld auslösen kann. „Man kann geizig mit Geld werden“, sagt Mia. Georg findet: „Danach ist man gierig, man will davon ganz viel haben.“ Jule ergänzt: „Genau, man kann richtig süchtig danach werden!“

Kirstin Wulf lächelt. „Ihr wisst ja eine Menge über Geld“, freut sie sich. „Ja, es stimmt, Geld ist mit Gefühlen verbunden, zum Beispiel mit Gier oder Neid.“ Im Gespräch stellt die Klassenrunde fest, dass es vor allem zwischen Geschwistern Neid gibt und wie er sich äußert: zum Beispiel, indem man anfängt zu schimpfen oder zu streiten. „Neid und Ärger sind völlig ok“, gibt Kirstin Wulf den Kindern zu verstehen. Die Jungen und Mädchen schauen erleichtert. Auch deshalb sei es wichtig, über Geld und Gefühle zu sprechen, findet sie: weil es nicht nur Fragen klärt, sondern auch entlastet, wenn man Gefühle teilt.

„Wir sind alle ganz schön reich“

Aber wie wichtig ist den Fünftklässlern nun das Geld? Unwichtig sei es nicht, meint Oskar: „Sonst könnte man ja nichts zu essen kaufen.“ Aber mindestens genauso wichtig sei ihm die Familie. Die anderen nicken. Sie sagen, dass sie dankbar sind für das Taschengeld, das sie bekommen, und dass sie auch regelmäßig „was zugesteckt“ bekommen. Das Geld geben sie für Kleinigkeiten aus oder sie sparen es. Georg etwa will sich für eine größere Summe Lego kaufen, Luis spart „für mein späteres Leben“.

Großen Reichtum strebt fast keiner aus der Klasse an: Die Mehrheit will „mittel“ sein. Reich und berühmt zu werden, das findet Theo sogar eine schreckliche Vorstellung: „Da lassen dich die Leute nicht mehr in Ruhe, sie fragen nach Autogrammen und sehen dir zu, wenn du isst.“ Mila findet, dass „reich sein“ für jeden etwas anderes bedeutet – und ihrer Ansicht nach alle aus der Klasse jetzt schon ganz schön reich sind. „Uns geht es richtig gut, wenn man mal schaut, wie das in anderen Ländern so ist.“ Und auch in Deutschland: Die Kinder kommen auf die Obdachlosen zu sprechen, denen sie manchmal etwas von ihrem Ersparten geben, und auf die Flüchtlings-Notunterkunft im Kiez.

Die Mädchen und Jungen erzählen, wie sie regelmäßig vor dem Supermarkt bitten, dass die Kunden etwas für die Flüchtlinge mitbringen, Zahnpasta oder Shampoo. Auch nähen sie Taschen aus Stoffresten und verkaufen sie. „Das Geld wird für Umweltprojekte gespendet“, erklärt Klassenlehrerin Sabine Weiche. „Vor allem wollen die Kinder damit aber erreichen, dass die Menschen aufmerksamer mit der Umwelt und den Ressourcen umgehen.“ Das Projekt habe die Klasse selbst ins Leben gerufen – aus Umweltbewusstsein und Verantwortungsgefühl heraus.

Jegliches Maß verloren

Ausgeben, sparen, spenden: Einen ausgewogenen Umgang mit Geld haben die Grundschüler der 5c offenbar fast von selbst gefunden. Das Prinzip mit den drei Gläsern, das Kirstin Wulf zum Abschluss erläutert, ist ihnen jedenfalls geläufig. „Für jetzt“, „Für später“, „Für dich“: So könne man drei Gefäße beschriften, um sein kleines Vermögen zu sortieren, regt Kirstin Wulf an. Sie geht begeistert aus der Schulstunde. „Ich bin beeindruckt, wie reflektiert und offen die Kinder waren“, sagt sie.

Allerdings sind die Ansichten und Ziele von Kindern und Teenagern nicht immer so bodenständig. Es gibt auch viele, die großen Reichtum anstreben und davon träumen, sich alles leisten zu können. Dabei ist auch das Alter entscheidend. Während die Fünftklässler aus Prenzlauer Berg noch überschaubare Wünsche haben, die weder völlig übertrieben noch schwer zu erfüllen sind, sieht das bei Jugendlichen schon anders aus. Bei ihnen sorgen Markenbewusstsein, Gruppendruck und das Wissen um die schier unbegrenzten Möglichkeiten auf dem Globus für Begehrlichkeiten. Davon können Teenager-Eltern berichten.

„Meine Tochter hat zu Weihnachten ein neues Smartphone bekommen, doch jetzt ist es ihr schon nicht mehr gut genug“, stöhnt Sabine, Mutter einer 14-jährigen Tochter. Claudia, Mutter eines 13-jährigen Sohnes, ist verzweifelt darüber, wie der Junge sein gesamtes Taschen- und Essensgeld in virtuelle Coins steckt, um das nächste Level bei seinem favorisierten Handy-Spiel zu erreichen. Die 16-jährige Luise sieht nicht ein, warum sie nicht wie andere Jugendliche zu einem kostspieligen dreiwöchigen Sprachkurs nach New York reisen kann. Und die Mütter und Väter fragen sich alarmiert: Haben die Teenager jegliches Maß verloren? Zählen für sie nur noch materielle Güter? Und, vor allem: Wie lässt sich die richtige Balance zwischen Bescheidenheit und Wunscherfüllung herstellen?

Was ist zuviel des Guten?

Ron Lieber, US-amerikanischer Finanzkolumnist und Autor von „Die Verwöhnfalle. Wie man seine Kinder zu verantwortungsbewussten und glücklichen Menschen erzieht“, versucht ein Stück weit zu beruhigen. Er ordnet die Anspruchshaltung des Nachwuchses in den gesellschaftlichen Kontext ein. „Die jederzeitige Verfügbarkeit von Gütern und Dienstleistungen, diese sofortige Befriedigung sämtlicher Wünsche und Bedürfnisse, die in den letzten Jahren möglich geworden ist, hat unser Leben von Grund auf verändert“, schreibt er. Er erinnert sich an die Aufregung, die ihm als Teenager sein erster eigener Fernseher verschaffte, später der eigene Telefonanschluss und der eigene PC mit Modem – während heute „jeder Sechstklässler mit einem Gerät in der Gegend herumläuft, das Telefon, Videokamera, Walkman, Uhr, Fernseher, Fotoapparat, Pager und Buch in einem ist“. Ganz davon abgesehen, dass dieser Apparat, der alles könne, viel weniger koste als die Einzelgeräte von vor 20 oder 30 Jahren zusammen. „Allein daran wird deutlich, wie sehr sich unsere Maßstäbe verändert haben.“

Was des Guten zuviel sei, liege nicht allein an den Eltern, schreibt er – man lebe nun einmal in einer bestimmten Gesellschaft. Es sei ganz natürlich, dass Kinder mitreden und mithalten wollten. Genauso, wie sich Eltern bemühten, ihren Kindern vieles zu ermöglichen, um sie vor Ausgrenzung zu schützen. Dabei würden sie aber selbst nicht selten maßlos übertreiben.

„In den USA verbringen viele Kinder ihre Ferien ohne die Eltern in Sommercamps“, schildert Lieber. „Dort spielen sich zu den Besuchszeiten jedes Jahr diese Szenen ab: Schon lange vor der vereinbarten Uhrzeit drängeln sich Angehörige in langen Schlangen am Eingang. Verzweifelt warten sie auf den Moment, in dem sie ihre Kinder endlich mit allen möglichen Annehmlichkeiten überschütten können. (...) Manche Eltern karren in Einkaufswagen und -körben Berge von Süßigkeiten heran. Rasend schnell verbreitet sich im Netz ein Video, das zeigt, wie eine Familie an diesem Tag einen Mikrowellenherd mitsamt Generator anschleppt. Ihr Kind sollte offensichtlich auch im Ferienlager nicht auf sein Lieblingspopcorn verzichten müssen. Eine andere Familie baute unter einem Partyzelt ein mexikanisches Schnellrestaurant en miniature auf. (...) Und natürlich überhäufen alle ihren Nachwuchs mit Geschenken und verteilen Mitbringsel an seine Schlafsaalgenossen.“

Sich auch mal bewusst einschränken

Amerikanische Verhältnisse? Möglich. Aber auch deutsche Kindergeburtstage arten mittlerweile oft in Materialschlachten aus – und werfen die Frage auf, ob es nicht eher die Eltern sind, die sich gesellschaftlichem Druck und Materialismus unterwerfen oder zumindest mit zweifelhaftem Beispiel vorangehen. „Wir können Nein sagen“, konstatiert Ron Lieber. „Wenn die Kinder das Gesicht verlieren, weil andere Kinder über Spielsachen oder Erfahrungen verfügen, die sie nicht haben, dann liegt das an den Eltern dieser Kinder. Auch wenn unsere Teenager spät nach Hause kommen oder nach der Schule machen dürfen, wozu sie Lust haben, stecken dahinter stets Eltern, die dieses Verhalten tolerieren. Und das gilt natürlich auch, wenn Kinder keine Hausarbeit machen und auch sonst keinen Beitrag zum Familienleben leisten.“

In diesen Sätzen steckt gleichzeitig ein Hinweis darauf, wie man Kinder vor der „Verwöhnfalle“ bewahren kann. Offen über die Themen Finanzen, Werbung, Konsum reden, die echten – immateriellen wie materiellen – Bedürfnisse spüren und ausdrücken lernen, über die eigenen Prioritäten nachdenken und sich darüber austauschen: Das ist etwas, was Eltern wie Kinder benötigen. Doch gleichzeitig sollten die Möglichkeiten ausgeschöpft werden, den Umgang mit dem Wert „Geld“ einzuüben. Etwa mit den Taschengeldtöpfen, wie Geld-Coach Kirstin Wulf sie vorschlägt. Oder indem man Kinder über Ausgaben mitentscheiden und sie mitarbeiten lässt, ob im Haushalt oder bei kleinen Jobs. Indem man sich auch mal bewusst einschränkt und verzichtet – oder bewusst gibt und schenkt.

Die kleine Nele hat sich übrigens mittlerweile entschieden, was sie mit der großzügigen Geburtstagsgabe ihres Opas anfängt. Während sich die große Schwester von ihren 50 Euro neue Sportschuhe gekauft hat, hat die Neunjährige das Geld erst einmal auf ihr Konto eingezahlt. Manchmal braucht es auch einfach Zeit, die eigenen Wertvorstellungen zu entwickeln und eine Entscheidung zu treffen.