Hochbegabung

„Wer intelligent ist, stellt sich eher in Frage“

Hochbegabung gilt als wertvoll. Doch wenn sie spät erkannt wird, kann sie einen großen Leidensdruck verursachen. Ein Gespräch

 Manon Garcia arbeitet als Coach für spät erkannte Hochbegabte

Manon Garcia arbeitet als Coach für spät erkannte Hochbegabte

Foto: privat / BM

Manon Garcia ist studierte Diplom-Ingenieurin, Coach und Autorin. Seit sie vor zwölf Jahren über eine persönliche Krise herausfand, dass sie hochbegabt ist, beschäftigt sie sich mit der Hochbegabung bei Erwachsenen. Die 48-Jährige hat zwei Bücher zu dem Thema geschrieben und arbeitet als Coach für spät erkannte Hochbegabte.

Berliner Morgenpost: Frau Garcia, kennen Sie Ihren IQ?

Manon Garcia: Ja, ich bin ja getestet worden. Mein IQ liegt höher als 130. Natürlich wäre es besser gewesen, wenn ich den Test nicht gebraucht und einfach an mich selbst und meine Fähigkeiten geglaubt hätte. Doch so einfach ist es leider nicht. Vielen Hochbegabten gibt erst der Test die Erlaubnis, so sein zu dürfen wie sie sind und wirklich das zu machen, was sie machen wollen.

Ist es nicht offensichtlich, wenn ein Mensch hochbegabt ist?

Untersuchungen zeigen, dass die schulischen Leistungen bei einem IQ von 118 bis 120 am höchsten sind. Die Hochbegabung beginnt aber erst bei 130. In einem Versuch sollten Lehrer raten, welche ihrer Schüler hochbegabt sind. Die Trefferquote lag nur bei fünf Prozent. 85 Prozent der guten Schüler sind gar nicht hochbegabt.

Wie kann das sein? Was ist mit den wirklich Hochbegabten?

Wir leben in einer Gleichmachergesellschaft, der Anpassungsdruck ist enorm. Keiner möchte als Außenseiter oder Streber gelten. Um dazu zu gehören, schreiben Hochbegabte mitunter mit Absicht schlechtere Arbeiten oder geben bewusst falsche Antworten. Andere suchen nach Anerkennung bei Klassenkameraden, indem sie den Unterricht stören. Nicht selten geben hochbegabte Schüler den Klassenclown. Glücklich kann sich schätzen, wer Leistungen bringt, die von der Gruppe anerkannt werden, etwa im Sport. Erwachsene erfahren von ihrer Hochbegabung oft durch Zufall: weil die eigenen Kinder hochbegabt sind oder weil im Zuge von Erkrankungen wie Depressionen oder Burnout ein Test absolviert wird.

Wie war das bei Ihnen?

In der Grundschule habe ich alles sehr schnell verstanden. Meine Eltern, die vermutlich selbst unerkannte Hochbegabte sind, erkannten mein Potenzial aber nicht. Dann fing ich an, mich zu langweilen und zu stören, bis ich den Anschluss verpasst habe. Immer wieder hatte ich Schwierigkeiten mit vermeintlich leichten Aufgaben und musste mir Bemerkungen anhören wie: „Mensch, so blöd wie du kann man doch nicht sein!“ Ich wurde wegen meines vorauseilenden und sprunghaften Denkens kritisiert, und meine ungewöhnlichen Fragen und Ideen kamen nicht gut an. Ich war dann so damit beschäftigt, mich anzupassen und zu funktionieren, dass ich keine eigenen Interessen mehr gepflegt habe. Anerkennung bekam ich nur im Fußball.

Also kann nicht jedes hochbegabte Kind schon mit drei Jahren lesen?

Nein. Hochbegabung ist eine Veranlagung. Die kann zum Ausdruck kommen, wenn sie gefördert wird. Zu meiner Kindergartenzeit wurde sogar explizit an die Eltern appelliert, die Kinder vor der Schule am Lesen und Rechnen lernen zu hindern. Hätte man meine Hochbegabung früh erkannt, wäre ich bestimmt einen anderen Weg gegangen. Vielleicht wäre ich eine zweite Marie Curie geworden. Forschen und als Wissenschaftlerin arbeiten, das wäre mein Ding gewesen.

Besteht die Gefahr, dass man die Bodenhaftung verliert, wenn man weiß, dass man einen hohen IQ hat?

Warum sollte man das tun? Wenn man weiß, wer man ist, seine Stärken und Schwächen kennt und in sich ruht, geht man damit nicht hausieren. Menschen, die allen zeigen wollen, was sie wissen, haben meist ein mangelndes Selbstbewusstsein. Das kann natürlich auch bei einem Hochbegabten der Fall sein. Aber allgemein gilt: Wer intelligent ist, stellt sich eher in Frage. Schon Sokrates sagte: „Ich weiß, dass ich nicht weiß.“ Dazu kommt, dass Hochbegabte durch ihre Außenseiterrolle mitunter so verunsichert sind, dass sie ihre Fähigkeiten gar nicht richtig einschätzen können.

Sind Hochbegabte anders?

Nur gut zwei Prozent der Menschen sind hochbegabt. Sie sind anders als die übrigen 98 Prozent im Fühlen, Denken und Handeln, und sie gehen anders an Probleme heran. Sehr intelligente Menschen sind aber nicht so, wie es manchmal in den Medien dargestellt wird. Nicht jeder ist ein Genie, Rain Man oder Sonderling und spricht nur über Quantenphysik. Und nicht jede Verhaltensstörung lässt sich durch Hochbegabung erklären. Allerdings sind viele Hochbegabte auch hochsensibel.

Ist das ein Problem?

Diese Menschen leiden unter ihrem Ausgegrenztsein und sind gefährdeter als andere für eine psychische Erkrankung. Fälschlicherweise wird bei einigen eine Persönlichkeitsstörung wie Borderline oder Narzissmus diagnostiziert. Als Hochbegabter ist man schnell in einer Schublade und muss sich Fragen anhören wie: „Was, du? Warum bist du dann nicht Professorin?“ Oder: „Das weißt du nicht? Und du willst hochbegabt sein?“ Die Normalbegabten stellen den Hochbegabten auf ein Podest und suchen gleichzeitig nach Schwächen, um ihn dort wieder herunterzuholen.

Haben es intelligente Frauen schwerer als Männer?

Das glaube ich auf jeden Fall. An der Rollenverteilung konnte auch die Gleichberechtigung nichts ändern. Männer brauchen es, dass man zu ihnen aufschaut, wohingegen die Frauen eher ihr Können unter den Scheffel stellen. Und Männer glauben mehr daran, dass sie etwas können. Auch beim internationalen Verein für Hochbegabte Mensa ist der Frauenanteil geringer als 50 Prozent.