Auto

„Der Computer wird die Aufgabe des Fahrlehrers übernehmen“

Brauchen wir künftig überhaupt noch Fahrschulen? „Autopapst“ Ferdinand Dudenhöffer über die Zukunft am Steuer

Ein selbstfahrendes Auto mit Technik von Google unterwegs in Kalifornien

Ein selbstfahrendes Auto mit Technik von Google unterwegs in Kalifornien

Foto: Andrej Sokolow / dpa

Keiner kennt sich so gut mit Autos aus wie er: Ferdinand Dudenhöffer, Professor für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre und Automobilwirtschaft an der Uni Essen-Duisburg und Gründer des CAR-Centers. Wir haben mit dem „Autopapst“ über die Fahrschule der Zukunft gesprochen.

Berliner Morgenpost: Herr Dudenhöffer, Sie sind Jahrgang 1951. Können Sie sich noch an Ihre erste Fahrstunde erinnern?

Ferdinand Dudenhöffer: An die erste Fahrstunde nicht, aber daran, wie ich das Auto mit angezogener Handbremse abgewürgt habe, als ich einen Berg hochfahren musste. Die Führerscheinprüfung habe ich zum Glück bestanden. Da war ich gerade achtzehn Jahre alt und habe das gute Stück wie eine Trophäe überall herumgezeigt.

Seit 1991 haben sich die Unfallzahlen der Fahranfänger hierzulande halbiert. Spricht das für die gute Arbeit der Fahrschulen?

Das liegt eher am Begleiteten Fahren. Seit 2011 kann man den Führerschein in Deutschland schon unter der Auflage mit 17 machen, dass man das Auto bis zum 18. Geburtstag nur mit einem Begleiter bewegen darf. Das hat dazu geführt, dass Anfänger sicherer geworden sind. Zu meiner Zeit haben sie den Führerschein mit achtzehn bekommen und durften mit 250 km/h auf die Autobahn rasen. Das war schon riskant.

Servolenkung, Airbag, Einparkhilfen: Auch die Autos sind sicherer geworden. Spielt die Technik dabei auch eine Rolle?

Auf jeden Fall. Lichter leuchten breiter aus, intelligente Sicherheitssysteme bremsen das Auto, wenn man zu schnell in die Kurve geht. Die Technik hat die Unfallzahlen allgemein gesenkt, nicht nur bei Fahranfängern.

Erleichtert die Technik auch den Fahrlehrern den Unterricht?

Ja, inzwischen kann man den Führerschein auch auf Automatikwagen machen. Diese Autos machen es dem Schüler leichter - und dem Lehrer auch.

Jetzt hat Google die deutschen Autohersteller mit seinem Roboter-Auto unter Druck gesetzt. Spätestens in zehn Jahren soll sich das automatisierte Fahren durchgesetzt haben. Sind Fahrschulen dann überflüssig?

Nein, so schnell wird es nicht gehen. In Amerika hat die Straßensicherheitsbehörde den Computer aber gerade als Fahrer anerkannt. Mit dem Google-Car kann auch der Blinde Autofahren - und zwar sicherer als der Sehende.

Heißt das, dass sich auch bei uns bald jeder Anfänger ans Steuer setzen darf?

Genau. Ich gehe davon aus, dass in Deutschland bis 2025 oder 2030 automatisierte Autos zugelassen werden. Und dann können theoretisch auch Anfänger fahren, ohne Führerschein.

Haben Sie automatisierte Wagen schon selber ausprobiert?

Ich habe teil-automatisierte Wagen gefahren. Das automatisierte Fahren habe ich im Fahrsimulator ausprobiert. Es ist, als würde man auf einem Beifahrersitz sitzen, hat aber das Lenkrad noch vor sich. Mit der Zeit bekommt man das Gefühl, Beifahrer im eigenen Auto zu sein.

Wie idiotensicher sind die Systeme schon?

Mit der neuen Mercedes E-Klasse kann man schon auf der Autobahn fahren. Autobahnen sind einfach für den Computer. Alle fahren in eine Richtung, es gibt keinen Querverkehr und keine Kinder, die über die Straße laufen. Schwierig wird es in Städten. Da muss der Computer die Bewegungen von Fußgängern oder Radfahrern verstehen. Aber auch das wird in ein paar Jahren gelöst sein.

Wer haftet für Unfälle, die entstehen, weil die Technik versagt?

Das klären gerade Juristen und Verkehrspolitiker. Aber wenn der Computer das Auto fährt, dann haftet natürlich der Computer bzw. derjenige, der den Computer programmiert oder verkauft hat. Volvo zum Beispiel hat für seine automatisch fahrenden Autos die Haftung übernommen.

Was bedeutet das für die Versicherungen?

Die regeln bislang die Schäden. Dadurch, dass die Autos in Zukunft weniger Fehler machen als Menschen, gibt es weniger Schäden. Damit sinken die Versicherungsprämien – im Extremfall auf Null.

Vertrauen Sie der Technik da nicht zu sehr?

Wenn Sie heute in ein Flugzeug einsteigen, werden Sie vom Computer geflogen und nicht vom Piloten. Der Pilot greift nur noch bei Start und Landung ein. Das Ergebnis: Die Fliegerei ist um Lichtjahre sicherer geworden. Das Problem ist der Mensch und nicht die Technik.

Wie sieht die Fahrstunde der Zukunft aus?

Ich glaube, dass das Auto in zehn Jahren allein fahren kann. Wer dann noch ins Lenkrad greifen will, kann das gerne tun. Bei allen anderen wird der Computer die Aufgabe des Lehrers übernehmen und ihn einfach abbremsen, wenn er zu schnell fährt. Ich stelle mir vor, dass der Schüler eine Ansage bekommt: „Lieber Freund, das war der erste Fahrfehler. Noch fünf Fehler, und Du musst ein paar Wochen Pause machen und von vorne beginnen.“

Macht es aber nicht Sinn, dass erfahrene Menschen in grundlegende Dinge einweisen?

Nach dem Kauf eines iPhone erklärt Ihnen auch niemand, wie es funktioniert. Das Schöne an der neuen Alltagstechnik ist, dass sie sich selbst erklärt.

Viele junge Leute leihen sich lieber ein Auto, statt sich eins zu kaufen. Wird das Auto durch das automatisierte Fahren wieder attraktiver?

Das Autofahren ist nicht weniger geworden, die Leute fahren bloß nicht mehr mit dem eigenen Auto. Ich glaube, dass vom automatisierten Fahren die Car-Sharing-Branche profitieren wird.

Geht nicht so etwas wie eine Kulturtechnik verloren, wenn die automatisierten Wagen die Schaltwagen verdrängen?

Bevor die Menschen von den Bäumen kamen, konnten sie sich gut von Ast zu Ast schwingen. Und, ist uns dabei etwas verloren gegangen? (lacht)