Beruf

„Bevor ich mich quäle, ziehe ich weiter“

40 Arbeitsstellen in 30 Jahren: Stephanie König ist eine moderne Nomadin. Hier erzählt sie über ihre Rastlosigkeit im Beruf

Stephanie König berichtet  in ihrem Buch „Die Büronomadin“ von zahlreichen Jobwechseln

Stephanie König berichtet in ihrem Buch „Die Büronomadin“ von zahlreichen Jobwechseln

Foto: Holger Trettow / BM

Stephanie König hat das moderne Nomadentum im Arbeitsleben auf die Spitze getrieben. Im Alter von acht Jahren begann sie als Zeitungsausträgerin, in späteren Jahren probierte sie – vor ihrer Büro-Ära – so ziemlich alles aus: Stewardess, Putzfrau, Küchenhilfe, Bedienung, Schauspielerin, Schneiderin, Fleischverkäuferin, Haushälterin, Altenpflegerin, Karatelehrerin, Missionarin, Swingerclub-Thekenkraft und „Beinahe-Prostituierte“. In 30 Jahren hat sie fast 40 Arbeitgeber erlebt. Derzeit arbeitet die gelernte Fremdsprachenkorrespondentin in einem Büro als Sachbearbeiterin. Über die Gründe für ihre Rastlosigkeit und ihre Erfahrungen hat die 39-Jährige ein amüsantes Buch geschrieben (Die Büronomadin, Schwarzkopf & Schwarzkopf, 9,99 Euro). Wir haben mit ihr gesprochen.

Berliner Morgenpost: Frau König, Sie berichten in Ihrem Buch, wie Sie als viertes von sechs Kindern durch den Beruf ihres Vaters schon früh viele Umzüge und Umbrüche erlebt haben. Der Grundstein für Ihr Nomadentum?

Stephanie König: Vielleicht. Ich habe es nie bewusst darauf angelegt, im Arbeitsleben so sprunghaft zu sein. Es ist einfach passiert. Als ich das Buch geschrieben habe, war ich in manchen Momenten selbst überrascht von den bunten Facetten meines Werdegangs. Ich habe das nie an die große Glocke gehängt. Diese Vielfalt habe ich in meinem Lebenslauf oder in Vorstellungsgesprächen auch nie im Detail erwähnt. Das wäre ja ein Schock für jeden Chef!

Sind Sie eher innerlich getrieben oder bestimmen äußere Umstände wie befristete Verträge Ihren ständigen Wandel?

Ich bin ein bisschen wie Rotkäppchen im Wald, das denkt: Da hinten ist die Blume noch schöner, da muss ich hin! Gerade, weil man so viel Zeit bei der Arbeit verbringt, müssen die Umstände stimmig sein. Wenn ich mich zwei Wochen lang zur Arbeit quäle, weiß ich: Nun ist es an der Zeit weiterzuziehen.

Wie bitte? Nach zwei Wochen Frust im Job werfen Sie das Handtuch?

Bevor ich gehe, suche ich erst das Gespräch mit Kollegen und Vorgesetzten. Das ist nur fair. Und es gibt immer mal Durchhänger und Meinungsverschiedenheiten, klar. Aber ich habe einen bestimmten Anspruch an meine Arbeit: Ich will – und muss – Geld verdienen. Und dabei glücklich und gesund bleiben, und dafür brauche ich das passende Umfeld. Das heißt für mich vor allem Harmonie. Selbstverwirklichung, tolle Aufstiegsmöglichkeiten: Das ist nicht mein Thema.

Was macht denn einen guten Arbeitsplatz für Sie aus?

Ich liebe Bürotätigkeiten. Das Büro ist für mich ein Wohlfühlplatz, es ist wie ein zweites Zuhause. Ich sitze gern am Schreibtisch, da entwickle ich ein hohes Energiepotenzial. Das gelingt aber nur, wenn ich in Ruhe arbeiten kann. Privatgequassel unter Kollegen empfinde ich als lästig und störend – auch wenn ich mich damit schon unbeliebt gemacht habe. Großraumbüros sind der Horror für mich. Einmal habe ich in einem gearbeitet und mir schnell diese riesigen Baustellen-Kopfhörer zugelegt. Da saß ich dann mit dem orangenen Dings auf den Ohren, in Blazer und mit High Heels. Das sah schon merkwürdig aus.

Woher kommt eigentlich Ihre feste Überzeugung, dass es woanders besser sein könnte? Sie haben ja schon genug durch...

Auch wenn es verrückt klingt: Am Anfang habe ich immer die Hoffnung und das Gefühl: Das ist es jetzt, jetzt habe ich meinen Platz gefunden. Hier bleibe ich, bis dass die Rente uns scheidet. Und dann kommt doch etwas dazwischen. Mein kürzester Job dauerte dreieinhalb Stunden. Mein Chef hatte einen so schlimmen Mundgeruch, der in jede Ecke des kleinen Büros drang – das habe ich einfach nicht ausgehalten.

Was haben Sie da gesagt?

Ich habe ihm höflich erklärt, dass ich den Eindruck habe, dass wir nicht zusammenpassen. Das hat mich gequält und tat mir leid, denn Mitarbeiter einzuarbeiten, kostet Zeit, Geld und Nerven. Aber es ging einfach nicht!

Ist diese Job-Tingelei eigentlich nicht eher was für Jüngere, die ungebunden sind und sich noch ausprobieren wollen?

Teilweise. Es wird immer mehr Flexibilität verlangt, auch von Arbeitnehmern mit Familie. Durch die ständig fortschreitende Technologie und das Internet sind viele neue Berufe entstanden. Passende Arbeitsstellen gibt es aber nicht überall so wie Handwerkertätigkeiten oder solche im Verkauf. Also reist man den Stellen hinterher. Doch es stimmt schon: In meiner Altersstufe bin ich eher eine Ausnahme. Viele Menschen um mich herum sind immer noch quasi verheiratet mit ihrem erlernten Beruf und glücklich damit. Das freut mich für sie. Ich kenne aber auch andere....

...welche?

Leute, die einen schweren Burnout durch ihren Job hatten und trotzdem noch daran hängen. Das finde ich schlimm und schade. Mir ist noch nie passiert, dass mich ein Job krank macht. Davor gehe ich. Es gibt doch so unfassbar viele Möglichkeiten!

Woher schöpfen Sie so viel Zuversicht? Die meisten Menschen haben Angst, dass sie, wenn sie kündigen, keinen neuen Job finden, zumindest keinen besseren.

Ja, diese Zukunftsangst besteht. Das hat vielleicht mit mangelndem Vertrauen in die eigenen Stärken oder mit Angst vor dem Unbekannten zu tun. Ich selbst habe dieses Vertrauen, dass alles gut wird. In dieser Hinsicht bin ich vom Glück geküsst und dem Himmel zutiefst dankbar dafür. Ich musste noch nie die schlechte Erfahrung machen, lange arbeitslos zu sein. Das wäre schlimm für mich. Dann mache ich für den Übergang lieber Sachen, die mir nicht so gut gefallen, obwohl das emotional kein angenehmer Zustand ist, denn schließlich investiert das Unternehmen in neues Personal, das eingearbeitet werden muss.

Wie findet man denn am besten einen Job?

Übers Internet. Wenn ich eine neue Arbeit suche, schaue ich aber auch in den Stellenteil der Zeitung, sonst hätte ich das Gefühl, etwas zu verpassen. Grundsätzlich ist es sinnvoll, nicht auf Stellenausschreibungen zu warten. Ich suche mir Firmen, die mich interessieren, und schreibe Initiativbewerbungen. Das lohnt sich. Wenn ich einen Job dringend haben will, fahre ich persönlich hin. Manchmal musste ich stundenlang warten oder bekam einen Termin an einem der folgenden Tage. Aber ich habe damit gute Erfahrungen gemacht. Es kostet Überwindung, aber wenn ich etwas wirklich will, riskiere ich dafür auch etwas!

Ihre Tipps fürs Bewerbungsgespräch?

Ich lasse mich nicht aus der Ruhe bringen und zeige mich so, wie ich bin – auch wenn meine offene Art nicht immer gleich gut ankommt. Ich sehe einen solchen Termin als ein persönliches Gespräch, auf das ich mich freue. Es ist gut, wenn man sich aufrichtig interessiert und Fragen stellt. Ich habe gern Block und Stift dabei und mache mir Notizen. Selbstredend sollte man gepflegt erscheinen. Ich persönlich genieße es, mich für die Arbeit zurecht zu machen. Selbst an Homeoffice-Tagen schminke ich mich und ziehe mich schick an. Ich zelebriere das richtig.

Was war Ihre verrückteste Job-Erfahrung?

Am unglaublichsten und lustigsten war, wie eine Büro-Kollegin von unserem damaligen Chef eine SMS mit der Einladung erhielt, ihn zu einer erotischen Begegnung zu begleiten. Das hat sie wirklich getan, wie im Buch nachzulesen ist. Das Blödeste war diese Missionarstätigkeit. Mein Chef hatte mich als Assistentin eingestellt. Er wollte die Welt verbessern, und dieser Ansatz faszinierte mich. Ich war neugierig auf die Erfahrung, wie er das anstellen wollte. Doch was in den elf Monaten passierte, war traurig und in zunehmendem Maße abstoßend. Als er mir eines Tages die Kaffeetasse unter meine Brüste hielt und kichernd um Milch bat, bin ich gegangen. Ich dachte mir: Wer weiß, zu was der noch fähig ist.

Was kommt eigentlich als nächstes?

Bei meiner jetzigen Arbeit fühle ich mich wohl! Nebenbei versuche ich, an einem neuen Buch zu schreiben. Es handelt von meinem Beziehungsnomadismus, der sich parallel zum Nomadentum im Job entwickelt hat. Wer weiß, vielleicht ändere ich mich noch? Mit dem Alter wird es ja nicht einfacher, eine neue Anstellung zu finden. Ich wünsche mir von Herzen, anzukommen und Harmonie und Beständigkeit zu erleben.