Neonatologie

Frühchen - Willkommen im Leben!

Eine Geburt stellt die Welt der Eltern auf den Kopf. Erst recht, wenn das Baby ein Frühchen ist. Ein Besuch in der Neonatologie.

So kleine Hände: Oft wochenlang werden Frühchen aufgepäppelt

So kleine Hände: Oft wochenlang werden Frühchen aufgepäppelt

Foto: istock / BM

Viel Decke, wenig Baby. Das war das erste, was Lisa Ziemann von ihrem neugeborenen Sohn sah, als sie aus der Vollnarkose erwachte. Lionel kam per Kaiserschnitt zur Welt. Sie hat seine Ankunft verpasst. Jenen Moment, in dem die Welt kurz still steht und man alles vergisst. Die Sorge um das Kind. Die Angst vor der Zukunft. Die Schmerzen.

Fernando, ihr Freund, zeigte ihr ein Foto von Lionel auf seinem Handy. Er musste den Touch-Screen größer ziehen, damit sie überhaupt etwas sah. So winzig klein war er. Lionel Luciano, 40 Zentimeter, 1230 Gramm. geboren am 10. Dezember um 21.15 Uhr, zehn Wochen vor dem errechneten Geburtstermin.

Lisa Ziemann ringt um Wörter, wenn man sie heute fragt, wie es war, als sie eine Schwester vier Stunden nach der Geburt in ihrem Bett von der gynäkologischen Station zu dem Brutkasten mit ihrem Baby rollte. Sie ist eine Frau, die genau weiß, was sie will und die nichts so leicht aus der Fassung bringt. Doch in diesem Moment fühlte sie sich hilflos.

Was ist da passiert?

Eine durchsichtige Kunststoffscheibe trennte sie von ihrem Sohn. Er sah uralt aus und winzig klein, eine Handvoll Mensch nur. Der Kopf verschwand hinter einer Atemmaske. Drei Elektroden klebten auf seinem Brustkorb. Puls, Atmung und Sauerstoffsättigung, all das konnte sie auf einem Monitor sehen.

Es war ein bisschen wie einem Science-Fiction-Film. Ihr Baby, ein gläserner Patient. Doch welche Rolle spielte sie? Lisa Ziemann sagt, sie habe einen Tag gebraucht, um zu verstehen, was da passiert sei. Eben noch schwanger, jetzt schon Mutter.

Lionel ist ihr erstes Kind. Sie hätte ihn am liebsten auf den Arm genommen, um ihn zu spüren, ihn zu riechen und zu hören, wie er atmet. So hat es die Natur ja auch eingerichtet. Ärzte sagen, die ersten Stunden nach der Geburt seien besonders wichtig für das Mutter-Kind-Verhältnis. Sensible Bindungsphase, so nennt man das. Doch so einfach ging das nicht. Lionel hing ja an Kabeln und Schläuchen. Und die blieben auch dran, als Schwester Jessy ihn vorsichtig aus dem Inkubator nahm, um ihn seiner Mutter auf den nackten Bauch zu legen. Es war ein merkwürdiges Gefühl. Lisa Ziemann sagt: „Er war so leicht, ich habe ihn kaum gespürt.“

Jede Menge Apparate

Sie schwankt immer noch zwischen Fassungslosigkeit und ungläubigem Staunen, wenn sie davon erzählt. Zwischen ihr und dem Kind stand die Technik. Ein Apparat, der piepte, sobald der Puls ihres Babys zu schnell ging oder der Atem aussetzte. Stück für Stück habe sie begriffen, was das bedeutet. „Dann habe ich am Brutkasten gesessen und nur noch geweint.“

So war das nicht geplant - wie so vieles andere auch nicht in dieser Geschichte, die von Lisa Ziemann, 30, und Fernando Montano, 27, und ihrem Sohn Lionel erzählt. Und davon, wie die Ärzte und Krankenschwestern auf der Frühgeborenen-Station des St. Joseph Krankenhauses in Tempelhof ihnen dabei helfen, den Start ins Leben zu meistern. Eine Herausforderung für alle Beteiligten. Psychologen sprechen von einem Ausnahmezustand.

Ein Kind, das sich in einer Welt wiederfindet, für die es noch gar nicht gewappnet ist. Eine Frau, die sich unter diesen Bedingungen mit ihrer Rolle als Mutter anfreunden muss. Ein Vater, der sie dabei unterstützen möchte, der aber nicht ständig da ist, weil einer das Geld verdienen muss.

Der Ausnahmezustand ist die Regel

Die Kinderklinik des St. Joseph Krankenhauses ist auf den Ausnahmezustand spezialisiert. Knapp 4000 Kinder kommen hier jedes Jahr zur Welt, es ist das geburtenstärkste Krankenhaus in Deutschland und spezialisiert auf Frühgeborene. Auch andere Berliner Krankenhäuser überweisen Frühchen in die Tempelhofer Neonatologie. 2015 wurden rund 1000 Frühgeborene hier behandelt. Die Kinderklinik und die Abteilung für Geburtshilfe des St. Joseph Krankenhauses sind die ersten weltweit, die 2007 als „babyfriendly hospital“ von der Weltgesundheitsbehörde WHO und dem Kinderhilfswerk Unicef zertifiziert wurden.

Beide Kliniken erfüllten alle Voraussetzungen, um neben dem Stillen auch die Eltern-Kind-Bindung zu fördern. Dazu gehört auch das Rooming In. Eltern leben mit ihrem Kind so lange in Einzelzimmern auf der Intensivstation, bis die Babys selbständig atmen, an der Brust trinken und ihre Körpertemperatur regulieren können. Die Eltern sind immer mit dabei, wenn das Kind untersucht wird. Sie übernehmen nach und nach seine Pflege. Nach einer Weile beherrschen sie jeden Handgriff. Sie wissen, was zu tun ist, wenn der Atem plötzlich aussetzt, was bei Neugeborenen häufiger passieren kann, weil sie das Atmen einfach vergessen. Das Kind ein bisschen massieren, mit der ganzen Hand, denn der Tastsinn der Neugeborenen ist noch nicht voll entwickelt. Allzu zarte Streicheleinheiten können sie noch nicht spüren.

Beatrix Schmidt, Chefärztin der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin, hat dieses Konzept eingeführt. Die 57-Jährige entspricht nicht dem Bild, das viele Menschen mit den „Halbgöttern in Weiß“ verbinden. Ein kräftiger Händedruck, ein gewinnendes Lächeln. Die Chefärztin ist keine, die ihr Gegenüber mit Fachwörtern bombardiert. Sie redet Klartext. Und strahlt dabei etwas Mütterliches aus. Sie leitet die Klinik seit zehn Jahren. Fragt man sie, wie sie auf die Idee mit dem Rooming In gekommen ist, holt sie weit aus. Sie sagt, dass man sich eine Gebärmutter wie eine Höhle vorstellen müsse. Dunkelheit, gedämpfte Geräusche, Schwerelosigkeit. Die Geburt sei für Kinder ein Trauma. Vor allem für die, die den Reizen der Außenwelt noch schutzloser ausgeliefert sind als andere, weil ihre Möglichkeiten, diese Reize zu filtern, noch nicht ausgereift sind.

Mehr Nähe ging nicht

Es ist noch gar nicht so lange her, da lagen Frühgeborene auch im St. Joseph Krankenhaus die überwiegende Zeit in Brutkästen, rund um die Uhr betreut von Fachpersonal. Die Eltern konnten ihr Kind zu bestimmten Zeiten besuchen. Die Schwestern nahmen es dann heraus, damit sie es sich auf den Bauch legen konnten. Die Känguruh-Methode. Mütter konnten ihre Babys auch stillen, wenn diese schon kräftig genug waren, um selber zu trinken. Mehr Nähe ging nicht.

Kein befriedigender Zustand, sagt Beatrix Schmidt. Um das zu belegen, zitiert sie Ergebnisse internationaler Studien und Langzeitbeobachtungen von Frühgeborenen. Sie erzählt von Müttern, die häufiger depressiv wurden als andere und schwerer Zugang zu ihren Kindern fanden, weil sie größere Probleme hatten, die Bedürfnisse ihres Nachwuchses zu erkennen. Sie erzählt von Kindern, die häufiger verhaltensauffällig wurden. Hyperaktiv. Zappelig. Unkonzentriert. Und sie sagt, dass diese Probleme desto schwerer wogen, je schlechter die Beziehung zwischen Eltern und Kindern war. Als Kinderärztin bekam sie das gelegentlich selbst zu spüren. Sie sagt: „Gerade wenn Kinder krank sind, brauchen sie doch eine gute Bindung zu ihren Eltern.“

Was aber kann ein Krankenhaus tun, um diese Bindung zu fördern? „Familienorientierte Pflege“ heißt der Schlüssel. Wie das funktioniert, hat sich Schmidt in der Kinderklinik der Universität Uppsala angeschaut. Schweden gilt als Pionier auf dem Gebiet der Neonatologie. In keinem anderen Land der Welt ist die Überlebensrate für Frühchen so groß wie hier.

Aus Eltern werden Therapeuten

In Uppsala hat die Klinik Eltern befragt, inwieweit sie sich an der Pflege ihrer Kinder beteiligen wollen. Das Ergebnis dürfte viele überrascht haben. „Die Eltern wollten nämlich fast alles machen“, sagt Schmidt. Elektroden wechseln. Die Atemmaske anlegen. Den Inkubator absaugen und putzen. In Uppsala zeigte man ihnen, wie das geht. Aus Besuchern wurden Therapeuten der eigenen Kinder.

So ist es jetzt auch in Tempelhof. Beatrix Schmidt lächelt still, wenn man sie fragt, wie das Personal im St. Joseph Krankenhaus reagiert hat, als sie vor zwei Jahren auch noch durchsetzte, dass Eltern ihre Kinder unter bestimmten medizinischen Voraussetzungen sogar selber aus dem Brutkasten herausnehmen dürfen, natürlich nur in Anwesenheit des Personals.

Begeistert waren viele nicht, daraus macht Angela Zint, 53, keinen Hehl. Sie leitet die Station mit über 50 Pflegern und Schwestern. Natürlich hätten viele Bedenken gehabt, räumt sie ein. Schließlich trage das Personal ja die Verantwortung. „Was ist denn, wenn dabei etwas passiert?“

Rund um die Uhr werden die Daten aus den 18 Patientenzimmern auf einen großen Monitor im gläsernen Pflegestützpunkt übertragen. Ein Mitarbeiter sitzt immer davor und hat alles im Blick. Sobald irgendwo ein Alarmsignal ertönt, ist Personal zur Stelle.

Verantwortung abzugeben, damit taten sich die meisten Mitarbeiter schwer. Doch ihre Bedenken haben sich zerstreut. Schwester Angela, selber Mutter zweiter Teenager, hat es mit Erleichterung registriert. Sie sagt, alle Eltern trauten sich das gar nicht zu, selber mitzuhelfen. Doch die, die sich darauf einließen, auf die sei auch Verlass. „Sie haben ja schließlich Empathie für ihr Kind, und sie lernen es dadurch auch viel besser kennen.“

Alle profitieren

Doch Mütter und Väter anzuleiten kostet eben auch Zeit. Und diese Zeit, sagt Schwester Angela, fehle besonders an Tagen, wo das Personal sowieso schon bis an die Grenze seiner Belastbarkeit gehe, etwa weil Kollegen wegen Krankheit ausfallen. Trotzdem ist sie inzwischen restlos davon überzeugt, dass vom Konzept der familienorientierten Pflege alle profitieren, nicht nur die Kinder und ihre Eltern, sondern auch die Mitarbeiter. Wie zum Beweis erzählt sie die Geschichte eines Frühgeborenen, dessen Puls plötzlich so schnell raste, dass der Monitor Alarm schlug. Das Kind ließ sich durch nichts beruhigen. Erst als sie es samt seiner Atemmaske aus dem Brutkasten nahm und der Mutter an die Brust legte, sank der Puls schlagartig, von 200 auf 140. Schwester Angela sagt, nicht nur ihr sei ein Stein vom Herzen gefallen. „Die Mutter hat vor Erleichterung geweint.“

Lisa Ziemann kennt solche Erlebnisse. Die Panik, wenn der Atem plötzlich aussetzt. Sie sagt, sie habe es den Schwestern zu verdanken, dass sie ihre Angst überwunden habe. „Sie sind immer da, wenn man sie braucht.“

Auch sechs Wochen nach der Geburt lebt sie noch immer auf der Station, in Zimmer 6. Dort gibt es ein Krankenhausbett und ein Wärmebett für Lionel. Und natürlich den Monitor, der Lionels wichtigste Körperfunktionen überwacht und piept, sobald einer der Werte in den roten Bereich rutscht.

„Ich wusste: Wir packen das!“

Auf Lisas Bett liegt ein aufgeklappter Laptop. Während Lionel geschlafen hat, hat Lisa eine Folge ihrer Lieblingsserie geguckt: Beverly Hills, 90210. Sie erzählt vom Leben der rich kids in Los Angeles. Sonne, Strand, Dolce Farniente. Von diesem Leben ist ihr Alltag gerade weit entfernt. Lisa sagt, sie könne sich schon gar nicht mehr daran erinnern, wann sie zuletzt mit Fernando um die Häuser gezogen sei. So lange sei das her.

Die Klinik hat sie zuletzt vor ein paar Tagen verlassen, aber nicht, um zu chillen, sondern um mit Fernando zu Ikea zu fahren. „Wir brauchten noch eine Wickelkommode.“

Die gelernte Erzieherin und der angehende Speditionskaufmann sind erst seit einem Jahr ein Paar. Sie: eine Frau, die ihr Leben plant. Erst die Ausbildung, dann das Abitur nachgeholt und mit dem Studium begonnen, Erziehungswissenschaften im 7. Semester. Er: ein Draufgänger, der seinen Job bei der Bundeswehr geschmissen und eine Ausbildung zum Speditionskaufmann begonnen hat, um mehr Zeit mit der Familie verbringen zu können. Einer, der das Leben genießt und darauf vertraut, dass alles gut wird. Und bisher ist ja auch alles gut gegangen. Fernando wirft Lisa einen prüfenden Blick zu. Er sagt: „Ich habe von Anfang an gewusst, dass wir das packen.“

Vorfreude auf die eigene Wohnung

Das Baby war nicht geplant. Lisa Ziemann war schon in der 16. Woche schwanger, als ihr ihre Ärztin einen leuchtenden Punkt auf einem Ultraschallbild zeigte. Das Herz ihres ungeborenen Kindes. Sie sagt, mit allem habe sie gerechnet, aber nicht damit. „Bis dahin habe ich noch meine Periode bekommen.“

Das war im August. Danach ging alles Schlag auf Schlag. Der Umzug in die erste gemeinsame Wohnung. Die Wehen, die viel zu früh einsetzten. Die Geburt, die mit einem Notkaiserschnitt endete, weil sich Lionel in der Nabelschnur zu verfangen drohte, nachdem er sich im Mutterleib gedreht hatte. Der Umzug ins Krankenhaus.

Und da sitzen sie an einem Abend im Januar im Halbdunkel auf Lisas Bett. Fernando ist gerade von der Arbeit gekommen. Er hat den Kleinen gleich aus seinem Wärmebettchen geholt, damit ihn Lisa wickeln kann. Und so, wie seine Augen dabei leuchten, merkt man, dass er es kaum erwarten kann, dass die beiden endlich nach Hause kommen.

Jeden Tag ein bisschen mehr

Wie „so‘n Opi“ habe der Kleine anfangs ausgesehen, sagen die beiden, mehr Greis als Baby. Sie schmunzeln. Doch jetzt wird er jeden Tag ein bisschen mehr zu dem Lionel, der schon im Bauch so wild gestrampelt hat, dass sie ihn nach Fernandos Lieblingssportler benannt haben, Lionel Messi, dem argentinischen Mittelstürmer, dem Torkönig. Wie seine Mimik immer feiner wird und wie er jetzt manchmal lächelt, wenn er satt und zufrieden an Lisas Brust liegt. Sein Gewicht hat er fast verdoppelt. Für jede 250 Gramm, die er zugenommen hat, hat er von der Klinik einen Luftballon geschenkt bekommen. Drei Ballons sind es jetzt, sie hängen wie Trophäen an der Wand.

Blumen darf man den Eltern keine mitbringen. Aus hygienischen Gründen. Überhaupt ist die Frühgeborenenstation eine eigene Welt. Lautsprecher an den Wänden zeigen an, wenn die Zimmerlautstärke das für Frühgeborene erträgliche Maß übersteigt. Ein Zeichen in Form eines grünen Ohres leuchtet dann rot auf. Für Besucher das Signal, die Stimme zu senken.

Der Flur ist sonnengelb gestrichen. Er führt vorbei an einer Galerie mit den Fotos von Kindern, die in der Klinik die Kurve ins Leben bekommen haben. Da sind Laura und Lisa, die Zwillinge, die sich im Brustkasten eng aneinander kuscheln. Ihre Fotos hängen neben Schnappschüssen von Niklas, Anton, Luis, Leopold, Mia, Luka und Matea. Alle winzig klein, und alle doch schon kleine Persönlichkeiten.

Glück und Leid

Leben und Tod liegen hier nah beieinander. Vis-à-vis der Fotogalerie mit den gesunden Frühchen ist die Trauerecke. Ein LED-Licht, ein tönerner Engel, ein Buch aus schwerem Büttenpapier. Wenn der Tod auf der Neonatologie zu Gast ist, leuchtet das LED-Licht, und hin und wieder schreiben betroffene Mütter und Väter in das Buch, was sie bewegt. Die Eltern von Erik haben das getan. Erik wurde nur 29 Tage alt. Ein knapper Monat nur, aber randvoll mit Erinnerungen. „Es war eine der intensivsten Zeiten unseres Lebens“, haben sie geschrieben.

Der Tod kommt selten. Da das St. Joseph Krankenhaus nur nach der 26. Schwangerschaftswoche zur Welt gekommene Frühgeborene aufnimmt, ist die Überlebensrate hoch. Im vergangenen Jahr starben von rund 1000 Frühgeborenen vier Kinder.

Verwaiste Eltern müssen mit ihrer Trauer nicht allein bleiben. Sie können sich in einem eigenen Zimmer in Ruhe von ihrem Kind verabschieden und es auch segnen oder taufen lassen. Neben einer Psychologin beschäftigt das katholische Krankenhaus auch mehrere Seelsorgerinnen.

Lucia Hömberg, 52, ist seit fünf Jahren auf der Station unterwegs, eine leise Frau mit eisgrauem Pagenschnitt und randloser Brille, die Sanftmut ausstrahlt. Hömberg ist Angestellte der katholischen Kirche. Sie ist da, wenn Eltern jemanden zum Reden brauchen. Und dabei, sagt sie, gehe es nicht nur um die Kinder. „Oft ermutige ich die Eltern, auch mal an sich zu denken, einen Schluck Tee zu trinken oder wenigstens einmal am Tag die Nase nach draußen an die frische Luft zu stecken. Der Himmel ist schließlich höher als die Zimmerdecke.“

Die große Unbekannte

Bei Lisa Ziemann stößt sie damit auf offene Ohren. Nur noch wenige Tage, dann kann sie das Krankenhaus mit Lionel verlassen. Zu Hause in der neuen Wohnung hat sie mit Fernando schon alles vorbereitet. Es gibt jetzt ein Bett und eine Wickelkommode und genügend Strampler in der Größe 44. Sie sind immer noch winzig klein, doch Lisa sagt, Lionel sei jetzt stark genug, um das Wärmebett zu verlassen. „Ich vertraue ihm.“

Eine Schwester aus der Klinik wird die Familie in den ersten Wochen zu Hause besuchen. Als Hartz IV-Empfängerin hat die junge Mutter auch Anspruch auf eine Haushaltshilfe. Lisa Ziemann seufzt. Sie denkt an ihre Bachelor-Arbeit und daran, wie es weitergehen soll. Mit einem Jahr soll Lionel in den Kindergarten, wenn er sich weiterhin so gut entwickelt. Wenn. Das ist und bleibt die große Unbekannte in dieser Geschichte.

Doch erst einmal wird gefeiert. Die Babyparty wollten die jungen Eltern vor der Geburt eigentlich selber organisieren. Jetzt helfen ihnen Freunde und Verwandte. Es wird vor allem eine Party für Lisa, das hat Fernando schon entschieden. Hinter den Eltern liegt eine emotionale Achterbahnfahrt. Doch die Mutter hat am meisten gelitten. Keine Frage also, wer sich bei der Party ums Kind kümmert. Fernando sagt: „Natürlich ich.“