Frühchen

„Eltern sollten früh in die Pflege einbezogen werden“

Dr. Axel von der Wense ist Neonatologe. Hier spricht er über Entwicklungsrisiken bei Frühgeborenen und Trends bei der Versorgung von Frühchen

Erfolgsgeschichten: Danksagungen von Frühchen-Eltern im St. Joseph Krankenhaus

Erfolgsgeschichten: Danksagungen von Frühchen-Eltern im St. Joseph Krankenhaus

Foto: Ricarda Spiegel

Was bedeutet es für Eltern, wenn ihr Kind zu früh zur Welt kommt? Entwickeln sich Frühchen anders als andere Babys? Dr. Axel von der Wense, Chefarzt der Neonatologie und Intensivmedizin des Altonaer Kinderkrankenhauses in Hamburg, hat mit der Kinderpsychiaterin Carola Bindt das Buch „Risikofaktor Frühgeburt. Entwicklungsrisiken erkennen und behandeln“ (2013) geschrieben. Wir haben mit ihm gesprochen.

Berliner Morgenpost: Herr Dr. von der Wense, wie definieren Sie „Frühchen“?

Axel von der Wense: Das sind alle Kinder, die unterhalb der Grenze von 37 Schwangerschaftswochen geboren werden. In Deutschland liegt die Häufigkeit von Frühgeburten bei neun Prozent.

Woran liegt es eigentlich, dass Kinder zu früh geboren werden?

Es gibt verschiedene Ursachen, und sie sind auch nicht immer in jedem Fall zu klären. Das eine sind Infektionen, die von der Scheide ausgehen und die Fruchthöhle erreichen. Um eine schwere Infektion abzuwehren, wehrt sich der mütterliche Körper mit vorzeitigen Wehen. Die zweite Ursache sind Mehrlingsschwangerschaften. Mehrlinge haben in der Plazenta weniger Platz als Einlinge. Deshalb ist das Risiko vorzeitiger Wehen höher.

Schwangerschaften infolge künstlicher Befruchtungen haben zugenommen. Hat das die Zahl der Frühgeburten erhöht?

In den vergangenen fünf Jahren hat es keine wesentliche Zunahme mehr gegeben. Diesen Anstieg haben wir schon vor zwanzig Jahren beobachtet. Damals lag die Rate der Frühgeburten bei sieben Prozent. Auch aufgrund der Fortschritte in der Reproduktionsmedizin ist die Zahl dann auf neun Prozent gestiegen. Das liegt aber auch an dem Alter der betroffenen Mütter. Bestimmte Komplikationen wie Schwangerschaftsvergiftungen oder Gefäßerkrankungen des Mutterkuchens treten häufiger bei älteren Müttern auf.

Seit wann ist die Intensivmedizin in der Lage, Frühgeborenen zu helfen?

Vor 100 Jahren hat sich um diese Kinder kaum einer gekümmert. Im Vordergrund stand die Säuglingssterblichkeit. Es gab zwar schon erste Vorläufer von Brutkästen, die mit Holzkohle befeuert wurden. Auf Weltausstellungen wurden Frühgeborene in solchen Brutkästen auch mal ausgestellt. Die richtige Ära der Neugeborenenmedizin beginnt in den 1960er-, 1970er-Jahren.

Wie kam es dazu?

Einer der Auslöser war, dass der damalige US-Präsident John F. Kennedy mit seiner Frau ein zu früh geborenes Kind verlor. Infolgedessen wurde in den USA viel zu dem Thema geforscht. Einen starken Schub hat die Medizin Ende der 1980er-Jahre mit der Entwicklung eines Medikamentes bekommen, das die Lungenreife fördert. Das hat die Überlebensfähigkeit der Kinder deutlich verbessert. Seit Mitte der 1990er-Jahre stehen die Einbeziehung der Eltern und die so genannte Känguruh-Methode ganz oben auf der Agenda.

Von welchen Faktoren hängt ab, wie sich Frühgeborene als Kinder entwickeln?

Der entscheidende Faktor ist der Grad der Unreife. Je näher der an der kritischen Grenze liegt, desto höher sind die Gefahren für Komplikationen, die die Entwicklung langfristig beeinträchtigen können. Eine Rolle spielt auch die Frage, warum die Kinder zu früh zur Welt kommen. Jede Infektion der Fruchthöhle birgt das Risiko, dass die Hirnfunktion beeinträchtigt wird. Das dritte große Risiko sind Hirnblutungen, weil die Gefäße im Gehirn extrem dünn und anfällig sind für Blutdruckschwankungen. Dann gibt es noch die Gefahr, dass die Kinder nach der Geburt an Infektionen erkranken, weil das Immunsystem unreif ist.

Wenn ich Mutter eines Frühgeborenen wäre, würde ich nach dieser Aufzählung Angst kriegen...

Das ist ja auch so, dass die Eltern am Anfang Angst haben. Wenn man sich ein kräftiges, gesundes Baby wünscht und dann ist es zehn Wochen zu früh da und wiegt nur ein Drittel eines gesunden Babys, dann macht das Angst. Deshalb sprechen wir diese Risiken schon vor der Geburt an, wenn auch sehr vorsichtig. Die Eltern müssen schon wissen, dass das Kind im Brutkasten landet und eine Magensonde bekommt, weil es am Anfang noch nicht so gut allein trinken kann.

Wenn ein Kind zehn Wochen vor dem errechneten Geburtstermin zur Welt kommt, wie hoch ist das Risiko, dass dieses Kind stirbt oder bleibende Schäden behält?

Das Risiko, in der 30. Schwangerschaftswoche zu sterben, beträgt unter fünf Prozent. Die kritische Grenze liegt bei 23 bis 24 Wochen. Von den Kindern, die in dieser Frist geboren werden, sterben knapp die Hälfte. Von den Überlebenden behalten ein Drittel schwerwiegende Langzeitprobleme wie Behinderungen und ein Drittel leichtere Probleme wie Schulprobleme. Ein Drittel kommt ohne Langzeitfolgen davon. Mit jeder weiteren Schwangerschaftswoche steigen die Chancen deutlich an.

Das St. Joseph-Krankenhaus in Berlin bezieht Eltern in die Pflege der Frühchen mit ein. Was halten Sie von diesem Ansatz?

Ich finde das sehr gut. Das Rooming In hat sich allerdings noch nicht sehr weit verbreitet. Es hängt immer auch von den räumlichen Möglichkeiten ab. Und es ist auch nicht damit getan, ein Bett für die Mutter mit ins Zimmer zu stellen. Dahinter muss eine ganze Philosophie stehen. Schließlich gibt es auch Mütter, die das nicht leisten können, weil sie noch andere Kinder haben oder es die psychosozialen Bedingungen nicht zulassen. Dieses Leben in ständiger Alarmbereitschaft kann für manche Eltern auch eine Belastung sein. Man darf diesen Eltern kein schlechtes Gewissen machen. Entscheidend ist es, die Eltern in jeder Situation miteinzubinden.

Wie?

Am Anfang geht es darum, ihnen die Angst davor zu nehmen, das Kind zu berühren. Wir ermutigen sie, ein Buch vorzulesen oder ein Lied zu singen. Wir bieten Eltern zum Beispiel eine Musiktherapie an, damit sie einen eigenen Zugang bekommen und nicht immer von den Profis abhängig sind. Das Selbstvertrauen der Eltern soll gestärkt werden.

Können die Eltern wieder durchatmen, wenn das Kind stabil genug ist, um das Krankenhaus zu verlassen?

Gerade, um diesen Übergang zu meistern, ist das Rooming In gut. Die Eltern brauchen keine Angst mehr zu haben, wenn sie vorher schon viele Nächte im Krankenhaus mit dem Kind verbracht haben. Was auch nach der Entlassung eine Rolle spielt, ist die Situation der Eltern. Mütter von Frühchen sind häufiger depressiv als andere.

Warum?

Weil sie nach der Geburt ihre ganze Kraft in die Sorge um das zu früh geborene Kind gesteckt und dabei ihre eigenen Bedürfnisse verdrängt haben. Viele quälen sich mit Schuldgefühlen. Deshalb ist eine Nachbetreuung wichtig – für die Kinder und ihre Eltern. In der Regel kommen solche Angebote von den Kliniken, in denen die Kinder geboren wurden.

Worauf muss man bei frühgeborenen Kindern besonders achten?

Auf die motorische und die sprachliche Entwicklung. Ob sie altersgerecht ist.

Ein Problem ist das so genannte Aufmerksamkeitsdefizit. Warum tritt das vermehrt bei Frühgeborenen auf?

Genau weiß man das nicht. Die Entwicklung des Hirns verläuft in einer Klinik natürlich anders als im Mutterleib. Die Reize der Umwelt prasseln ungeschützter auf die zu früh geborenen Kinder ein. Insofern kann man davon ausgehen, dass bestimmte Vernetzungen im Hirn eine andere Richtung nehmen.

Wir haben die ganze Zeit von Risiken gesprochen. Gibt es auch etwas, das Frühgeborene anderen Kindern voraus haben?

Man hört oft, das seien echte Kämpfer, und das ist ja auch ein schönes Bild. Aber der Ansatz, mit diesen Patienten umzugehen, sollte ein anderer sein. Man sollte diese Kinder als Persönlichkeiten ernst nehmen, auch wenn sie noch ganz klein sind.