Gesellschaftsspiele

„Menschen, die viel spielen, haben mehr vom Leben“

Was muss ein gutes Spiel mitbringen? Und was ein guter Spieler? Spiele-Tester Bernhard Löhlein über den Wert des Spielens.

Ob Mikado oder Monopoly: Die Deutschen schätzen Gesellschaftsspiele

Ob Mikado oder Monopoly: Die Deutschen schätzen Gesellschaftsspiele

Foto: dpa Picture-Alliance / CHROMORANGE / Walter Heim / picture alliance

Brauchen Menschen das Spiel? Was zeichnet ein gutes Spiel aus? Und wer ist ein „guter Spieler“? Darüber sprachen wir mit Bernhard Löhlein, Jury-Mitglied und Sprecher des Vereins „Spiel des Jahres e.V.“

Berliner Morgenpost: „Spielen ist Kinderkram“. Was sagen Sie dazu?

Bernhard Löhlein: Dem widerspreche ich natürlich vehement! Richtig ist, dass das Spielen als Freizeitbeschäftigung auch für Erwachsene hierzulande gesellschaftlich immer noch nicht so anerkannt ist wie etwa Fußball. Das liegt vielleicht am Ideal des fleißigen Deutschen. Wer Zeit zum Spielen hat, hat nichts zu tun und ist ein Faulpelz, lautet das Vorurteil. Und wer einen Spieleabend vorschlägt, bekommt zu hören: „Warum? Haben wir uns etwa nichts zu sagen?“

Was antworten Sie darauf?

Na, es ist doch andersrum: Spielen bringt die Menschen zusammen, und zwar alle Generationen. Außerdem fordert und fördert es alle Lebensbereiche: Kopf, Hand, Herz, Bauch. Beim Spielen brauchen wir Verstand und Geschick, wir kommunizieren und kooperieren. Und nicht zuletzt brauchen wir ein gutes Gefühlsmanagement, um mit Siegen und Verlieren umzugehen. Je nach Spiel ist mal das eine, mal das andere mehr gefragt. Auf diese Vielfalt aufmerksam zu machen, ist ein Anliegen unseres Vereins.

Der Verein „Spiel des Jahres“ verleiht sein Siegel seit 1979. Wie kam es dazu?

Der Verein entstand aus einer Arbeitsgruppe von Spielekritikern, die auf den Wert des Spiels aufmerksam machen und neue Impulse setzen wollte. Jugendliche und Erwachsene haben ja andere Ansprüche an Regeln und Design als Kinder. Außerdem will der Verein Originalität auszeichnen, das Publikum überraschen! Das erste prämierte Spiel war „Hase und Igel“. Seitdem hat sich das Siegel zum „Oscar der Spieleszene“ entwickelt und dazu beigetragen, dass das Spiel als Kulturgut wahrgenommen wird.

Was muss ein gutes Spiel mitbringen?

Am wichtigsten finde ich, dass es nicht langweilig wird, egal, ob es zehn Minuten oder zwei Stunden dauert. Ansonsten kann man Erfolge kaum vorhersagen und häufig auch nur schwer erklären, worin der Reiz eines Spiels liegt. Eine gute Optik und gut erklärte Regeln sind hilfreich. Und wenn das Verhältnis zwischen Glück und Strategie so ist, dass der Gewinner sagen kann: „Ich war gut“ und der Verlierer: „Ich hatte Pech“. Im Moment liegen kooperative Spiele im Trend: Man spielt zusammen in einem Team, nicht gegeneinander.

Was waren denn die erfolgreichsten „Spiele des Jahres“?

1983 bekam „Scotland Yard“ den Preis, 1995 die „Siedler von Catan“. Dieses Spiel hat eine breite Masse zum Spielen gebracht und den Anspruch an Spiele hochgeschraubt. Man wollte stärker gefordert werden! Das hat übrigens auch zu einem neuen Preis geführt, dem „Kennerspiel“ für erfahrene Spieler. Das „Spiel des Jahres“ ist eine Empfehlung für alle. Unter ihnen wurden auch „Carcassonne“ (2001) und „Qwirkle“ (2011) Hits. Der aktuelle Preisträger heißt „Colt Express“. Die Spieler entwickeln eine Wild-West-Geschichte, ohne den Ausgang zu kennen. Das hat Charme.

Ist es schwierig für das klassische Gesellschaftsspiel, sich neben Spielekonsolen und PC-Spielen zu behaupten?

Ich sehe elektronische Spiele nicht als Konkurrenz. Eine Konkurrenz zum Spielen ist eher das Fernsehen. Und schlechte Spiele sind eine Gefahr! Sie verleiten Menschen dazu, Brettspiele ganz allgemein abzulehnen. Es ist aber schon so, dass PC-Spiele Brettspiele beeinflussen. „Wer war’s“ und „Schnappt Hubi“ etwa haben elektronische Elemente. Die müssen aber Sinn machen. Simple Gimmicks wie Blinken oder Piepen kommen nicht an. Auch gibt es von vielen Brettspielen mittlerweile PC-Versionen. Klassische Brettspiele wie „Mensch ärgere dich nicht“ oder „Monopoly“ werden aber nie untergehen. Sie schaffen ein Gemeinschaftsgefühl und wecken Erinnerungen.

Nicht nur die Spiele, auch die Spieler sollten einige Voraussetzungen mitbringen, damit es eine gute Partie wird. Welche?

Ganz wichtig ist der Wille, spielen zu wollen! Arbeit und Schlaf sind Verpflichtungen, doch das Spiel lebt von der Freiwilligkeit und der Lust des Augenblicks. Daneben braucht es die Bereitschaft, sich an Regeln zu halten, und das Ziel, so zu spielen, als könnte man gewinnen.

Was meinen Sie damit?

Ich finde nicht, dass man Kinder immer gewinnen lassen muss. Aber man sollte auch nicht so verbissen sein, dass man selbst immer gewinnen muss. Eine gewisse Ernsthaftigkeit ist gut, aber das Gemeinschaftsgefühl sollte stets im Vordergrund stehen.

Was ist mit Menschen, die einfach nicht verlieren können?

Frustrationstoleranz gehört natürlich auch zum Spielen dazu! Meiner Erfahrung nach sind Spieler sympathische Menschen, die gut miteinander klar kommen. Ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass der, der viel spielt, mehr vom Leben hat. Denn er übt Regeln ein, die ihm im realen Leben weiterhelfen.

Kann man als Spieleautor reich werden?

Es gibt nur ganz wenige, die von ihren Erfindungen leben können wie Klaus Teuber, der Entwickler von „Siedler“. Es braucht manchmal Jahre, ein Spiel bis zur Marktreife zu bringen und einen Verlag dafür zu finden.

Ihre schönste Spiel-Anekdote?

Das war bei „Wer war’s“. Ich spielte das Spiel mit meiner Tochter, die damals sieben Jahre alt war. Das Spiel ist ja ein Wettlauf gegen die Zeit. Doch auf einmal sagte meine Tochter: „Können wir bitte mal kurz Pause machen, ich habe so Herzklopfen!“ Da wusste ich: Dieses Spiel hat was!