Sterbebegleitung

Musik von Engeln

Was bleibt von einem Menschen zurück? Dem geht das ungewöhnliche Musik-Projekt „Letzte Lieder“ auf den Grund – jetzt erstmals in Berlin

„Lied des Lebens“:  Helmut Bürger aus Neukölln liebt die Musik des weltberühmten Geigers Nigel Kennedy

„Lied des Lebens“: Helmut Bürger aus Neukölln liebt die Musik des weltberühmten Geigers Nigel Kennedy

Foto: Reto Klar

Einmal nach Skandinavien reisen: Das war der Wunsch, den sie Stefan Weiller anvertraute. Sie hatte eine ganze Liste mit Wünschen. Auch den, dass ihr Grab in ihrem Heimatdorf in der Südpfalz liegen solle, mit Blick über die Rheinebene. Eines Tages, so stellte sie sich vor, würden ihr Mann und ihre Kinder dort stehen, den Ausblick bestaunen und erkennen, wie schön die Welt ist. Diese Welt, auf der ihr nicht mehr viel Zeit bleiben sollte. Sie hatte Bauchspeicheldrüsenkrebs und starb wenig später, mit Mitte 50.

Die Begegnung ist viele Jahre her. Doch für Stefan Weiller ist sie unvergessen. "Manchmal begegnet man Engeln", sagt der Künstler, "und diese Frau war für mich einer." Sie war der Anstoß, dass Weiller sein Leben veränderte. Dass er fortan keine Listen mehr schrieb, sondern seine Wünsche und Ideen direkt umsetzte. Der Sehnsucht folgend, nicht dem Pflichtgefühl.

Weiller kündigte seinen Job, kappte den Kontakt zu Menschen, die ihm nicht gut taten, und reiste nach Island – so, wie die Frau mit der Wunschliste ihm geraten hatte. Handeln, nicht träumen. Der Wunsch seiner Gesprächspartnerin, einmal Skandinavien zu erleben, blieb dagegen unerfüllt. Und doch wirkt er weiter – in Form eines Liedes. Stefan Weiller widmete seinem ganz persönlichen Engel aus der Südpfalz ein schwedisches Volkslied. "Uti var hage" bildet den beständigen Abschluss der musikalischen Abende, die der Künstler seit 2013 unter dem Titel "Letzte Lieder" bundesweit veranstaltet. Am Sonnabend, den 21. November, gastiert das Projekt erstmals in Berlin.

Lieder aus dem Leben

Letzte Lieder: Das klingt nach Abschied. Nach trauriger Beerdigungsmusik. Tatsächlich erklingen an den Abenden zwar Lieder, die sich Menschen in ihrer letzten Lebensphase gewünscht haben. Aber mit "Totenmusik" haben sie nicht viel zu tun. Das Programm der "Letzen Lieder" spannt den Bogen vom populären Volkslied "Weißt du wieviel Sternlein stehen" über das eingängige Knef-Chanson "Für mich soll's rote Rosen regnen" bis hin zu David Bowies "Space Oddity". Auch Madonnas provokanter Pop-Song "Like a Prayer" und Seemannslieder waren schon dabei, neulich im Hamburger Michel. Genauso wie ein Wiegenlied, das ein 92-Jähriger Stefan Weiller in dessen Handy hauchte. Weiller ließ es von einem Musiker transkribieren und von einem Chor einsingen. "Die ,Letzten Lieder' sind Lieder aus dem Leben", sagt Stefan Weiller. "Es sind die Melodien, die die Menschen begleitet haben und die ihnen sehr viel bedeuten."

Stefan Weiller sucht für seine Liedsammlungen Menschen im Hospiz auf. Gelegentlich auch zu Hause, wenn sie sich noch allein versorgen können und nur auf ambulante Hilfe angewiesen sind. Er lässt sich von ihnen aus ihrem Leben erzählen, manchmal auch von ihrem Sterben. Vor allem aber von der Musik, die ihnen wichtig ist.

Mehr als 100 Gespräche hat er bereits geführt. In den Interviews entstehen konkrete Liedideen, die bei den Liederabenden von professionellen Musikern präsentiert werden. Ergänzt wird die Musik von Porträts der Patienten, geschrieben von Stefan Weiller. Sie werden in der Berliner Marienkirche von den Schauspielern Hansi Jochmann und Christoph Maria Herbst vorgetragen. In jeder Stadt entsteht auf diese Weise ein neues Projekt, eine Art "musikalische Reportage", die wegen der häufig lokalspezifischen Liedwünsche nicht nur von den Menschen erzählt, sondern auch von der Region, in der sie leben.

Treffen im Hospiz

Das Ricam Hospiz war es, das Stefan Weiller mit seinem Projekt nach Berlin holte. Zur Vorbereitung reiste Weiller über mehrere Monate immer wieder von Frankfurt aus mit dem ICE in die Hauptstadt, um todkranke Menschen zu treffen und sich von ihrem Leben erzählen zu lassen. So wie am 8. Juli, einem dieser heißen Sommertage, als die Sonne hoch am Himmel stand und auf den Berliner Straßen der Asphalt glühte.

Helmut Bürger, 63, erscheint pünktlich im Hospiz in der Neuköllner Delbrückstraße. Schwarz-rotes Karohemd, graue Hosen, schwarze Turnschuhe. Das Haar trägt er lang, seine blauen Augen leuchten. Doch das Haar ist schütter geworden, die Gestalt schmächtig. Helmut Bürger hustet. Er hat Krebs, therapieren lässt er sich nicht mehr. An manchen Tagen sind die Schmerzen im Hals unerträglich. Aber heute hat Bürger einen guten Tag.

Der ehemalige Postangestellte wohnt noch in seiner Wohnung in Alt-Buckow, direkt hinter dem Britzer Garten. Die Fahrt in die Delbrückstraße ist für ihn auch eine Fahrt in die Vergangenheit. "22 Jahre lang hab' ich in der Emser Straße gewohnt, aber das is' nich' mehr der richtige Einstieg in den Tag für mich, mit den ganzen Bierdosen und so", beginnt er das Gespräch. Dass das doch "eher was fürs junge Volk" sei. Er stehe nun lieber auf seinem Balkon und höre den zwitschernden Vögeln zu. Selbst singen könne er ja nun leider überhaupt nicht. "Unsere Zeit, das war die Hippie-Zeit, LSD und so. Musik kann ich nicht machen und auch nicht tanzen, ich saß mit der Tüte in der Ecke und habe Pink Floyd gehört."

Zuhören und Anteil nehmen

Stefan Weiller schaut sein Gegenüber unverwandt an, offen und neugierig. Er nickt, lächelt. Und beruhigt. "Herr Bürger, Sie müssen nicht singen, ich auch nicht. Wir gestalten ein Konzert mit Geschichten. Haben Sie ein Lied, das Sie mir anvertrauen wollen?"

"Oh ja, da gibt es viele! Ich kann keine Musik machen, aber ich höre der Musik richtig zu!"

Und Helmut Bürger erzählt: vom Krippenspiel, bei dem er als Jugendlicher mitgemacht hat. Vom Ostermarsch in Bielefeld. Von seiner WG-Zeit in der Kreuzberger Waldemarstraße. Von seinen Künstlerfreunden. Davon, dass er selbst Bilder malt und die sogar schon einmal ausgestellt worden seien. Dass er fasziniert ist von der indianischen Kultur. Wie wunderbar seine Kollegen bei der Post waren, dass sie auch nach Feierabend häufig etwas gemeinsam unternommen haben. Und immer wieder erzählt er auch von der Musik, die ihn in diesen und anderen Lebensphasen begleitet hat. Dass er den Jazz-Flötisten Herbie Mann verehrt, den Blues von Willy de Ville liebt, ein überwältigendes Feuerwerk mit russischer Klassik im Britzer Garten erlebt hat.

Stefan Weiller tut wenig – und zugleich viel. Er sitzt da, hört zu, fragt nach, nimmt Anteil. Manchmal schaut er betroffen, aber häufig muss er auch schmunzeln, mit Helmut Bürger mitlachen.

Trauer und Wut – und viel Humor

Welche Situation ihn im Hospiz erwartet, weiß Stefan Weiller im Vorfeld nie. "Keine Begegnung ist repräsentativ", sagt er. "Gemeinsam ist allen nur das Wissen um die nahe Endlichkeit des Lebens. Aber jeder und jede geht anders damit um." Da seien die extrovertierten Menschen, die sich Geschichten zurecht legten und mit Wucht, Humor und Offenheit viel von sich erzählen wollten. Andere wollten plaudern, wieder andere mit ihm über den Tod sprechen. Über ihre Angst, ihre Hoffnung, ihre Wut, ihre Trauer, ihre Konflikte und Zweifel. Vor allem Männer, hat er festgestellt, brächten oft eine bittere Note in die Gespräche. Manchmal werde auch geweint.

"Es gibt auch Begegnungen, die auf den ersten Blick nicht sehr tiefgründig erscheinen", sagt Weiller. Aber gerade das sei doch tröstlich – dass es auch in der letzten Lebensphase noch Alltag gebe. "Manchmal kann man auch übers Essen reden, übers Wetter oder über die Halbglatze von Prinz William. Nicht jeder Satz muss ein starkes Bekenntnis sein, eine kluge Botschaft für die Welt, ein pathetisches ,letztes Wort'."

Zusammenhalt war ihm immer wichtig

Plötzlich kramt Helmut Bürger in seiner schwarzen Umhängetasche. Er zieht eine CD hervor und reicht sie Stefan Weiller. Es sind die "Murder Ballads" von Nick Cave and the Bad Seeds. Ein Album, das an Düsternis wohl kaum zu überbieten ist. "Also das wäre mein letztes Lied. Das ist jetzt mal so vorläufig, ich dachte, das wäre gut, wenn ich abschwebe", erklärt er flapsig. "Aber erstmal will ich da ja noch nichts davon wissen."

Bürger fährt mit der Hand durch die Luft, als wolle er den Gedanken an seine eigene Beerdigung und die dazu passende Musik verscheuchen. Für die "Letzten Lieder" im November, stellt er an diesem Sommertag optimistisch klar, wünscht er sich einen anderen Soundtrack: "East Meets East" von Nigel Kennedy & Kroke Band. Auf diesem Album musiziert der weltberühmte Geiger gemeinsam mit drei polnischen Musikern. "Die gibt was", schwärmt Bürger über die CD, "die gibt ein Gefühl von Zusammenhalt!"

In diesem Stichwort, in dieser Musikwahl offenbart sich das, was Helmut Bürger in seinem Leben besonders wichtig war: Gemeinschaft leben, zusammenhalten. Und das, was ihm heute wichtig ist. Vielleicht ist es in diesen Tagen sogar weniger der zwischenmenschliche Zusammenhalt als vielmehr der Wunsch, dass seine Körperteile noch lange zusammenhalten. Dass ihn die Kraft nicht so schnell verlässt. "Die Krankheit hat meinen Blick auf die Welt intensiver gemacht. Sie hat mir gezeigt, wie wertvoll es ist, auf der Welt zu sein", sagt Helmut Bürger mit entschiedener Stimme. Heute sei er noch lieber am Leben. Und dankbar, das sei er sowieso. "Jede Stunde, die man auf diesem Planeten tanzt, ist wertvoll."

Einsatz für Menschen am Rand der Gesellschaft

Für Stefan Weiller sind die "Letzten Lieder" – der vollständige Titel lautet "Und die Welt steht still... Letzte Lieder und Geschichten aus dem Hospiz" nicht das erste Kunstprojekt, das sich mit existenziellen Themen des Menschseins beschäftigt, die gleichzeitig politisch brisant sind. 2009 setzte er die "Deutsche Winterreise" um, ein Projekt mit sozial ausgegrenzten und obdachlosen Menschen. 2012 folgte "Wiegenlieder", ein Zyklus, der häusliche Gewalt thematisierte. Dem Künstler ist es ein Anliegen, Menschen am Rand der Gesellschaft eine Stimme zu verleihen. Er möchte Ängste abbauen und Themen, die mit Scham und mit Tabus besetzt sind, mitten hinein in den Alltag tragen.

Gleichzeitig hofft der Künstler auf Unterstützung für diese Menschen – auch ganz direkt, mit einer Geldspende. "Der Eintritt zu den ,Letzten Liedern' ist kostenfrei, denn wir wollen keine Barrieren", erklärt Weiller. "Aber es wäre schön, wenn viele Spenden für die Hospizarbeit zusammenkämen." Der Gastgeber in Berlin, das Ricam Hospiz, will die Gelder für den Aufbau eines ambulanten Hospiz-Zentrums in Rudow verwenden.

"Die Menschen brauchen Hilfsmittel, um sich mit dem Thema Sterben und Hospiz auseinanderzusetzen", begründet Maik Turni vom Ricam Hospiz seine Einladung an Stefan Weiller in die Hauptstadt. "Ein musikalisches Projekt ist dafür sehr gut geeignet, denn Musik ist ein Teil unserer Lebenswirklichkeit und man kann sehr gut nachempfinden, was ein Musikstück für einen Menschen bedeutet." An den "Letzten Liedern" hat ihn zudem beeindruckt, welch hohe Aufmerksamkeit das Projekt in anderen Städten wie Hamburg oder Frankfurt erzielen konnte. Rund 12.000 Besucher hatten die "Letzten Lieder" bislang bundesweit. Allein bei der letzten Veranstaltung in Hamburg kamen 16.000 Euro an Spenden zusammen.

Zuschauer bedankten sich

Auch die Schauspielerin Hansi Jochmann gehört zu den Unterstützern. Sie hat Stefan Weiller bei dessen "Winterreise"-Projekt kennengelernt und ist bei den "Letzten Lieder" seit Beginn dabei. Ihr Part ist es – in Berlin gemeinsam mit ihrem Schauspiel-Kollegen Christoph Maria Herbst –, die von Weiller verfassten Porträts vorzutragen. "Viele können gar nicht glauben, dass ich so etwas mache", sagt sie, die einem breiten Publikum vor allem bekannt wurde durch ihre Rolle als Haushälterin Margot Roßhauptner in der TV-Serie "Pfarrer Braun" und als deutsche Stimme von Jodie Foster. Aber im Grunde, sagt Hansi Jochmann, sei sie ein ernster Mensch, der keine Berührungsängste mit dem Tod habe.

"Die ,Letzten Lieder' sind für mich immer ein beeindruckender Abend, auch weil sehr talentierte Musiker beteiligt sind", erklärt sie. "Es ist immer schön und rührend und traurig und großartig, denn Stefan Weiller bringt mit seinen Texten die Menschen auch zum Lachen." Sogar wild getanzt wird bisweilen – wie zuletzt im Hamburger Michel bei Madonnas "Like a prayer".

Viele kämen nach der Vorstellung, um sich zu bedanken und zu erklären, dass ihnen der Liederabend sehr geholfen habe, erzählt Hansi Jochmann. "Das Projekt ist eine Gelegenheit, gemeinsam mit anderen darüber nachzudenken, was es heißt zu sterben", sagt sie. "Zwischen Leben und Tod liegt nur ein schmaler Grat, und es kann jeden treffen." Auch während der Recherche im Hospiz regt das Liedprojekt bereits zum Austausch an, weiß Stefan Weiller: Sozialarbeiter und Musiktherapeuten kämen darüber mit den Patienten ins Gespräch. Das begeistert ihn: "Ein guter Abschied ist eine große Qualität. Und in guter Begleitung kann Sterben gelingen."

Die Zeit ist knapp

Es ist immer noch heiß in Berlin. Der Kalender zeigt den 16. Juli an. Stefan Weiller ist wieder im Ricam Hospiz in Neukölln zu Gast, sieben Tage nach seinem Zusammentreffen mit Helmut Bürger. Während Bürger nach dem Interview wieder nach Hause gefahren ist, muss Jenni L. ihre Kraft zusammennehmen, um überhaupt Besuch zu empfangen. Den Termin vor einer Woche – Stefan Weiller wollte sie direkt nach seinem Gespräch mit Helmut Bürger treffen – musste sie absagen. Aber das Interview ist ihr wichtig.

Eine enge Freundin ist bei ihr. Aus dem Hintergrund leistet sie Jenni L. Beistand, hilft ihr, sich zu erinnern, die Gedanken zu sortieren. Und Jenni L. versichert sich immer wieder bei ihr, was sie aus ihrem Leben preisgeben sollte – und worüber lieber schweigen. Diese suchenden Blicke, diese Momente der Kontrolle: Stefan Weiller kennt sie von den Begegnungen, bei denen Angehörige oder Berichterstatter von Medien dabei sind. Dann sind seine Gesprächspartner verhaltener, vorsichtiger, abwägender, sagt er. Um den Menschen die Scheu zu nehmen, dass jedes einzelne ihrer Worte dokumentiert wird, verzichtet Stefan Weiller selbst aufs Mitschreiben.

An diesem Tag nimmt der Künstler am Tisch neben Jenni L.s Bett Platz. Abgemagert sieht sie aus, ihre Haut ist gelb, die Haare hat sie längst verloren. Doch wie eine 64-Jährige wirkt sie, die in ihrem Berufsleben als Tontechnikerin und DJ arbeitete, nicht. An ihren Oberarmen trägt Jenni L. Tattoos, in ihrem rechten Ohr blitzen silberne Ohrringe und in ihrem Gesicht zwei wache blaue Augen. Sie hat es eilig, Stefan Weiller ihre Musik zu präsentieren. Ihre Zeit, weiß sie, läuft ab. Als "La valse" von Les Négresses Vertes erklingt, einer französischen Weltmusik-Gruppe, die sich Ende der 1980er aus Straßenmusikern formiert hat, schließt Jenni L. die Augen. Selig lächelnd wiegt sie ihren Kopf zur Musik, gibt sich den Klängen hin.

Mehr, als wir Menschen verstehen

So wird Stefan Weiller später die Begegnung schildern:

"Meist trägt sie einen Beatmungsschlauch unter der Nase. Beim Gespräch würde das Plastikröhrchen stören, deshalb hängt sie es in den Schubladengriff ihres Beistelltischchens ein, was ihr nicht auf Anhieb gelingen will. Hilfe beansprucht sie nicht mehr als nötig. Die Nachfrage, ob das Gespräch denn nicht zu viel für sie sei, wehrt sie ab. Sie weiß Grenzen zu setzen. Eine Stunde räumt sie ein. Sie führt akribisch ihr Terminbuch. Zeit ist knapp. Die Freunde sind zahlreich. Noch kann sie Stunden vergeben, demnächst Minuten. (...) Ab und zu bricht sie mitten im Satz ab, dann tasten ihre Finger scheinbar unwillkürlich den wunden Mundraum ab, in dem sich ein Pilz breitmacht. Ab und zu verläuft sie sich in den Gedankengängen ihrer Vergangenheit; dann bekennt sie freimütig, dass sie die Frage schlichtweg vergessen habe. So sei das eben, die Krankheit wirke auf alles: Körper und Geist. (...)"

Auch Jenni L. selbst wird Stefan Weiller zu Wort kommen lassen. Dies wird bei dem Liederabend, ergänzt von den Klängen des unkonventionellen Walzers, von ihr zu hören sein:

"Die erste Begegnung mit dem Meer hatte ich als Kind. Alles wirkte unendlich, ewig und gewaltig. Das Meer, diese Spannung aus Schönheit und Gefahr faszinierte mich. Einmal schwamm ich mit Freundinnen weit hinaus. Mein Hund schwamm an unserer Seite. Plötzlich verloren wir die Orientierung. Der Hund spürte unsere Furcht und gab eine Richtung vor. Er folgte einem inneren Wissen, das uns Menschen nicht zur Verfügung steht. Wir vertrauten ihm und erreichten das Ufer. Seither habe ich den Beweis, dass es viel mehr gibt, als wir Menschen verstehen. Jahre später beobachtete ich Delphine, die schwerelos durch das Wasser glitten. Erhaben und irgendwie selig. Diese Szenen sehe und spüre ich bei meiner Musik. (...)

Berlin ist mein Dorf, jede Ecke ist mir vertraut, jeder Hinterhof, und so viele Menschen. Aber ist auch Berlin ein Dorf, in der Musik begegnete ich der ganzen Welt."

Noch tausende Fragen

Er habe an Jenni L. noch tausende Fragen gehabt, gibt Stefan Weiller nach dem kurzen Gespräch mit ihr zu. Gestellt hat er sie nicht. Nachgefragt hat er auch kaum. Weiller passte sich ganz dem Gedankenstrom von Jenni L. an. "Sie hatte mit ihrer Freundin den Rahmen abgesteckt und es stand mir nicht zu, das Feld zu erweitern", schildert er seine Empfindungen und seine Haltung als Interviewer. Auch so habe er das Gefühl, Jenni L. kennengelernt zu haben: ihr Lebensgefühl, ihre Lebensgestaltung jenseits des Mainstream. Selbst was wahr sei und was nicht, hinterfrage er in den Begegnungen nie, erklärt er: "Ich nehme es so an, wie die Menschen sich mir präsentieren."

Wie wichtig es Stefan Weiller ist, die Wünsche seiner Gesprächspartner zu erkennen und zu respektieren, zeigt auch eine andere Begebenheit. "Ich habe kein Lied", sagte eine Frau einmal zu ihm. "Ich liebe die Stille, wenn man sie aushält." Stefan Weiller nahm ihren Wunsch ernst – und widmete ihr in seinem Liedprogramm 60 Sekunden Stille.

Weg durch die Jahreszeiten

Für den Abend des 21. November in Berlin hat Stefan Weiller insgesamt 27 Programmpunkte zusammengestellt. Sie werden den Weg des Künstlers bei seiner Recherche durch die Zimmer der Patienten und durch die Jahreszeiten nachzeichnen. Auch die Stille wird wieder dabei sein, genauso wie das schwedische Volkslied "Uti var hage", das sein persönlicher Engel ihm gestiftet hat.

"Adje Jano" von Nigel Kennedy, der Musikwunsch von Helmut Bürger, wird nicht Bestandteil des Programms sein. Denn Helmut Bürger lebt noch. Sein Lied wird zum Einzug des Publikums in die Marienkirche gespielt – dann, wenn auch Helmut Bürger selbst dort ankommen wird, denn er will die Aufführung unbedingt besuchen.

"La Valse" von Les Négresses Vertes, den Musikwunsch von Jenni L., wird der Akkordeonspieler Maxim Shagaev präsentieren, etwa in der Mitte des Liederabends. Vielleicht wird Jenni L. dazu wieder selig lächeln. Vom Himmel herab. Sie verstarb drei Tage nach dem Interview.

Die Veranstaltung: "Und die Welt steht still... Letzte Lieder und Geschichten aus dem Hospiz. Sonnabend, 21. November, 19.30 Uhr in der Marienkirche am Alexanderplatz, Karl-Liebknecht-Straße 8, 10178 Berlin. Mehr zum Projekt: www.und-die-welt-steht-still.de

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