Partnerschaft

im Herbst

Das bunte Herbstlaub verzaubert, die Kälte macht kuschelbedürftig.Wo findet sich der passende Partner? Die schönsten Kennenlern-Geschichten

Ein Spaziergang im goldenen Licht weckt romantische Gefühle

Ein Spaziergang im goldenen Licht weckt romantische Gefühle

Foto: iStock / BM

Sie war die Besitzerin eines kleinen, feinen Buchladens, er der Manager einer gigantischen Buchkette, der die berufliche Existenz der Einzelhändlerin massiv bedrohte. Beide chatteten sie abends als „Shopgirl“ beziehungsweise „NY152“ anonym auf einem Internetportal und tauschten sich über ihre Sorgen und Träume aus – ohne zu wissen, dass der andere im wahren Leben ein erbitterter Konkurrent ist. Und so entstand im Netz eine zarte Verbindung, die – als sich die beiden in der Realität trafen – tatsächlich in eine Partnerschaft mündete.

Erkennen Sie die Geschichte wieder? „E-Mail für dich“ war einer der ersten Filme, der im Jahr 1998 Romantik und Liebe im Cyberspace thematisierte. Und er nahm uns auch deshalb gefangen, weil er zeigte, dass die Kraft der Gefühle selbst gegen Widrigkeiten ankommt. Dass die Liebe auch bei vermeintlichen Feinden wie Kathleen (Meg Ryan) und Joe (Tom Hanks) zuschlagen kann. Bis heute ist der Film aktuell, weil er auf anrührende Weise erzählt, dass das Leben und die Liebe voller Überraschungen sind. Und weil wir es genießen, unser Herz erwärmen zu lassen von romantischen, aufregenden, verrückten und nahezu unmöglichen Kennenlern-Geschichten.

Hand in Hand durch den Blätterwald laufen

Gerade jetzt, wo die Tage kürzer und die Nächte kälter werden, steht uns der Sinn nach Romantik. Hand in Hand durch den bunten Blätterwald laufen, gemeinsam am knisternden Kaminfeuer kuscheln, zu zweit den ersten Glühwein genießen: Davon träumen Frauen wie Männer. Glücklich sind die, die den passenden Partner bereits gefunden haben. Und auf der Suche viele, bei denen Amor eine Pause eingelegt hat. Davon zeugt auch die Werbung, in die Online-Partnerportale wie Parship oder Elitepartner gerade wieder viel Geld investieren.

Anders als uns Filme wie „E-Mail für dich“ oder die Werbung glauben machen wollen, finden die meisten Menschen ihre Liebste oder ihren Liebsten allerdings weiterhin im realen Leben und nicht virtuell. Gerade einmal zwei Prozent der Bundesdeutschen haben sich über eine Internet-Partnerbörse kennengelernt. Am ehesten bahnt sich eine Beziehung über den Freundes- und Bekanntenkreis an, zeigen Umfragen. Doch spielt auch der Zufall eine Rolle. „Gerade in Berlin gibt es so viele Möglichkeiten, jemanden zu treffen“, sagt Flirt-Coach Annett Gaida. Feste seien immer gut, „da ist die Stimmung locker“. Auch das Fitness-Studio sei als Treffpunkt sehr beliebt, ein Tanzkurs ebenfalls gut geeignet. „Man kann aber auch einen interessanten Menschen in einer Ausstellung oder beim Konzert treffen. Da ist schon ein gemeinsames Interesse da und ein Thema.“

Flirten heißt, Emotionen zu zeigen

Allerdings fällt es vielen Menschen schwer, flirtend die Initiative zu ergreifen – genauso, wie locker auf einen Kontaktversuch zu reagieren. Wer Annett Gaidas Flirt-Seminare besucht, lernt, Emotionen zu zeigen, die eigene Wirkung auf andere zu überprüfen und die Angst vor einem Korb abzubauen. Häufig hilft auch einfach ein wenig Übung, um sich seiner Sache sicherer zu werden. Annett Gaida: „Wir können von Natur aus flirten und haben das oft einfach vergessen.“

Doch ein wenig Überwindung kostet es immer, seinen Schwarm anzusprechen. Manchmal zieht sich die Eroberung sogar über Jahre hin. Vielleicht hüten Paare auch deswegen ihre Kennenlern-Geschichten wie einen kostbaren Schatz. Coach Annett Gaida hat noch eine andere Erklärung: „Paare erzählen gern, wie sie sich kennengelernt haben, weil sie stolz auf ihre Partnerschaft sind. Außerdem sind die Geschichten eine Ressource, die die beiden als Paar stärkt. Sich zu erinnern: ,Weißt du noch, damals...’ tut gerade in nicht so guten Momenten gut. Denn das Kennenlernen ist mit einem positiven Gefühl in uns verankert.“

Das würden Anja, Niels, Jenny, Claudia, Thomas und all die anderen bestätigen, die uns ihre ganz persönlichen Kennenlern-Geschichten erzählt haben. Ob sie von einem Urlaubsflirt berichten, einer unvergessenen Jugendliebe oder dem Menschen, mit dem sie eine Familie gegründet haben: Immer erzählen sie von überwältigenden Gefühlen, die sie bis heute mit tiefen Glück erfüllen. Lassen Sie sich mitreißen – und Mut machen, falls Sie noch auf der Suche sind.

Benjamin, 25: Eine heiße Nacht im Berghain

Wie gerne hätte Benjamin ein paar Bilder von damals. Eine Dokumentation jener Nacht im Berghain, die sein Leben komplett veränderte. Aber Fotos sind in Berlins berüchtigtem Club nicht erlaubt. „Vielleicht ist das auch besser so“, sagt er. Die Erinnerungen daran seien sowieso viel schöner.

Montagmorgen. Während draußen der Alltag ruft, wird auch im Techno-Tempel in wenigen Stunden das Licht angehen. Bevor der Bass die Feiermeute wie verträumte Wesen zurück in die Freiheit schickt, lässt er sie ein letztes Mal zur Musik tanzen. „Wir haben das hinterher immer wieder versucht zu rekonstruieren“, sagt der Student aus Prenzlauer Berg. „Aber irgendwie verläuft diese Nacht immer ein bisschen anders. Zumindest in unseren Köpfen.“

Er sei gerade von der Toilette gekommen, als sich der Kunstnebel für einen kurzen Moment lichtete. Es war der Moment, in dem er die Augen eines jungen Mannes erblickte, die seinen Körper musterten. Die Augen von Lio. „Während um uns herum lauter halbnackte Menschen tanzten, standen wir wie in Schockstarre verfallen da und schauten uns an.“ Als hätte jemand die Zeit angehalten, sagt er.

Die Minuten vergingen. Beide bewegten sich immer schneller aufeinander zu, tanzten bald schon gemeinsam zum Takt der Musik. „Und plötzlich umschlangen meine Hände Lios verschwitzten Oberkörper.“ Sie küssten sich.

Das, was danach passierte, ist eher selten in dem für seine Freizügigkeit bekannten Berliner Nachtleben. „Ich hatte schon ein bisschen Angst vor dem Moment, in dem das Licht angeht“, gesteht Benjamin. „Dann kann es schon mal passieren, dass man bereut, was man im Dunkeln angestellt hat.“ Doch jene Begegnung sollte keine Randnotiz einer verrückten Partynacht bleiben.

Ein Jahr ist mittlerweile vergangen. Noch immer sind Lio und Benjamin ein Paar. Noch immer sind sie verliebt. Ins Berghain gehen sie dagegen nicht mehr so oft. Das hat gute Gründe. „Mit Erinnerungen ist es wie mit guten Liedern“, sagt Benjamin. „Hörst du sie dir zu oft an, kannst du sie irgendwann nicht mehr hören.“

Niels, 49: Es begann mit einer Postkarte

Niels gehört zu den Menschen, die gern Postkartengrüße aus dem Urlaub verschicken. „Das zeigt, dass man an jemanden denkt, dass man sich Zeit nimmt, jemandem etwas zu widmen“, sagt er. Kein Wunder, dass er versuchte, auch seine Angebetete mit einer Postkarte aus der Reserve zu locken.

Niels war Anfang 20, als er Alexandra kennenlernte. Beide machten eine kaufmännische Weiterbildung und wurden dafür von der Firma einmal im Monat zum Seminar geschickt. „Abends saßen wir zusammen in der Kneipe. Alexandra gehörte immer zu den letzten und so waren wir häufig zu zweit im Fahrstuhl, trauten uns aber nicht so richtig, in Kontakt zu treten“, erzählt er. Daher griff er eines Tages zu Stift und Karte und schrieb von seinem Wohnort Neustadt/Weinstraße an Alexandra nach Hannover. Wie beiläufig erwähnte er, dass er am Wochenende frei habe – und war überrascht, dass Alexandra ihn spontan zu sich einlud. „Aber das ist typisch für sie, sie ist so unkompliziert und direkt.“ Trotzdem dauerte es noch sieben Jahre, bis sich die beiden sicher waren, dass sie zusammenbleiben und eine Familie gründen wollten.

Auch den Heiratsantrag machte Niels natürlich schriftlich, in Form eines zerschnittenen Briefs, den Alexandra zusammenfügen sollte. Dazu gab es ein Tackergerät, das er „Hochzeitsmaschine“ taufte und ihr feierlich in einer Weinstube überreichte. Sie ließ sie ihn etwas zappeln, bis sie „Ja“ sagte. Heute schreibt Alexandra mehr an ihn als andersrum, sagt Niels schmunzelnd: „Auf ihren Zetteln steht, was ich am Wochenende erledigen soll.“

Annette, 52: Er hat erkannt, was ich brauche

Es war im Mai 2000, als ich mich entschloss, wieder glücklich zu sein. Zwei Monate zuvor hatte ich mich von meinem Verlobten getrennt. Mein Weg führte mich in die Eierschale in Dahlem, nicht weit entfernt von meiner damaligen Wohnung in Steglitz. Durch Zufall war auch mein Ex-Verlobter dort, da wollte ich mich noch mehr amüsieren! Es dauerte nicht lange, bis mich ein junger Mann zum Tanzen aufforderte. Dann gab er mir seine Visitenkarte. Gegen meine Gewohnheit meldete ich mich tatsächlich bei ihm und er lud mich zum Essen ein. Das Treffen war unspektakulär. Von anderen Männern war ich weltmännisch toll zum Essen ausgeführt worden. Frank aber war anders. Er hat mir Sicherheit gegeben und er hat tief in mich reingeschaut. Er hat erkannt, was ich brauche – und andersherum genauso.

Unsere Beziehung ist langsam gewachsen, über zehn Jahre lang haben wir Vertrauen aufgebaut, uns getestet und auch mal gezweifelt, bis wir vor sechs Jahren geheiratet haben. Die Begegnung mit Frank ist das Beste, was mir im Leben passiert ist. Wir teilen gern Projekte. Wir haben zusammen drei Häuser renoviert und einen Laden geführt. Keiner bestimmt allein, wo es lang geht, wir nehmen Rücksicht. Anders ginge es gar nicht, wir sind beide Individualisten. Frank hat mir später übrigens erzählt, dass er in der Eierschale gedacht habe, dass ich nur ihn anlache. Daher hatte er seinen Mut zusammen genommen und mich aufgefordert. Tatsächlich bin ich ein freundlicher Mensch und lache immer alle an. Doch durch Frank, glaube ich, bin ich ein noch netterer Mensch geworden. Denn nun fühle ich mich geborgen.

Anja, 40: Der schwimmende Dackel

Es war einer dieser Tage im November, in denen sich der Herbst schon fast zum Winter umgerüstet hat. Ein paar Monate zuvor hatte ich mich von meinem Mann getrennt. Wir waren nicht im Streit auseinander gegangen, alles war geordnet, die Kinder wechselten an den Wochenenden. Unser Rauhaardackel Toni war bei mir geblieben, weil er mehr an mir hing. Mit ihm ging ich an einem meiner freien Wochenenden im Stadtpark spazieren. Es hatte gefroren und der kleine See im Park war mit einer dünnen Eiskruste überzogen. Man sah deutlich, dass man da nicht draufgehen konnte. Nur Toni hatte das offenbar nicht gesehen.

Der arme Kerl brach in der Mitte des Sees einfach ein. Er japste und jaulte und versuchte zum Ufer zu schwimmen, aber die Eisschollen kamen ihm in den Weg, er schaffte es nicht. Es wurde langsam dramatisch.

Da tauchte plötzlich ein schlanker Mann in brauner Lederjacke auf. Er hatte einen langen Stock aus einem Gebüsch gezogen und legte sich am Ufer des Sees auf den Bauch. Er nutzte den Stock als eine Art Eisbrecher, trieb für Toni die Schollen auseinander und lockte ihn in seine Richtung. Es dauerte etwa zehn Minuten, bis das Tier wieder draußen war. Der Mann stand auf und wischte sich den Dreck von der Jacke. „Der heißt Toni?“, sagte er. „Das ist ja lustig. Ich bin Anton.“

Ich lud ihn auf einen Tee zum Aufwärmen ein, und danach hatte ich zwei Tonis in meinem Leben, einen auf vier und einen auf zwei Beinen. Irgendwann ging der Zweibeiner wieder weg, es passte nicht so recht. Aber die schöne Geschichte blieb.

Susanne, 47: Eine deutsch-deutsche Liebe

Tief in den 80er-Jahren war, wenn man im Rheinland lebte, die DDR unendlich fern. „Deutsche Dödel Republik“, eine Lachnummer. In Umfragen wurde regelmäßig nachgewiesen, wie fremd der Osten Deutschlands für heranwachsende West-Schüler war. „Ist die DDR für dich ein Teil Deutschlands oder Ausland“, hieß die Standardfrage. „Ausland“, antwortete über die Hälfte. Und einer ergänzte: „Irgendwie liegt das Land weiter weg als Trinidad, Kenia und Singapur zusammen.“ Diesen Satz hätte ich damals unterschreiben können.

Aber dann fuhr ich als 16-Jährige allein nach Dresden. Kurz vorher hatte ich über Ecken eine Brieffreundin im Elbflorenz gefunden, wir hatten viel geschrieben, nun wollte ich sie besuchen. Große Erwartungen an den Urlaub hatte ich nicht. Hallo?! Zwei Wochen DDR: Welche West-Jugendliche war darauf scharf?

Es wurde einer der schönsten Sommer imeines Lebens. Ich verliebte mich rund 72 Stunden nach meiner Ankunft im anderen Deutschland – in einen guten Freund der Brieffreundin. Der machte eine Lehre im Fotostudio. Die Liebe erwischte mich unerwartet beim Hochgucken, als er dabei war, imeine kleine Westkamera mit entschlossenen Handgriffen zu untersuchen. Er nickte anerkennend, ganz gut, fügte aber hinzu, die Russen hätten auch so eine gebaut, die sei eigentlich ganz okay. Kein Jammern, wie toll der Westen sei, wie doof der Osten. Selbstbewusster (Konsum)-Widerstand macht sexy. Um mich war es geschehen, um Andreas auch. So begann eine deutsch-deutsche Liebe. Sie hielt bis zum Mauerfall.

Jenny, 29: Wer verknallt sich schon in seinen Nachbarn?

So sieht er also aus, der neue Nachbar. Schwarze Locken, groß, breite Schultern, Italiener. Er hebt den Balkontisch hoch, als wäre er aus Styropor, und trägt ihn in die Wohnung. Bevor der Blumenkübel drankommt, muss das T-Shirt gehen und es wird klar, warum für diesen Mann alles so leicht ist wie eine Feder.

Von meinem Balkon aus habe ich einen guten Blick auf das Spektakel. Es ist Mai, sonnig, ich verbringe viel Zeit draußen im Liegestuhl. Versteckt hinter einer großen, dunklen Sonnenbrille, das Gesicht starr nach vorn gerichtet, während sich die Augen an dem Balkon links gegenüber heften.

Irgendwann schaue ich doch mal direkt hoch und da steht er, aufgestützt am Balkongeländer. Lauernd wie ein Puma und wieder ohne T-Shirt. Ich halte mein Buch ein Stück höher, so dass mein Gesicht dahinter verschwindet. Dieses Verhalten kann man kindisch finden, aber der Typ ist, wenn’s schlecht läuft, 15 Jahre älter als ich, und wer verknallt sich überhaupt in seinen Nachbarn?

Meine Freunde raten mir: „Don’t shit where you eat!“ Eines Tages öffnet sich gegenüber das Treppenhausfenster. Der Italiener steckt seinen Kopf heraus und ruft etwas herüber. Was? Wie bitte? Zu viele e’s hinter den Wörtern. Ich deute an, nichts zu verstehen. Da lacht er, macht eine abwehrende Geste und zeigt nach oben. Die Stimme meiner Nachbarin eins drüber ertönt und ich weiß: Ich war gar nicht gemeint. Ich wünsche mir, samt Liegestuhl im Erdboden zu versinken. Finito, nie wieder gucke ich da hin! Am nächsten Tag wische ich meinen Balkon und vernehme eine bekannte Stimme. Ich reagiere nicht. Erneutes Rufen. Ich wage einen kurzen Blick. Der Italiener lehnt grinsend über Balkongeländer. „Hi“, ruft er und prostet mir mit einer Kaffeetasse zu. „Hi“, antworte ich, den Mopp noch in der Hand. „Würden Sie mal einen Kaffee mit mir trinken?“, schallt es durch den Innenhof. Ich lächle unbeholfen, nicke und antworte: „Ja, jetzt?“

Er willigt ein und zehn Minuten später stehe ich in der Wohnung, deren Inneres ich mir die vergangenen zwei Monate in den schönsten Farben ausgemalt habe. Es ist der Anfang von Giuse und Jenny.

Thomas, 48: Ein unvergesslicher Urlaubsflirt

Er war allein nach Madeira gereist. Einen Sack voll Bücher hatte er im Gepäck. Nur lesen wollte er in den zwei Wochen, in dem Hotelzimmer in der Inselhauptstadt Funchal. Nach vier Tagen hatte er die Nase voll von Literatur. Der laue Sommerabend trieb ihn ans Meer. Da sah er sie. Lange rote Haare, ein weißes langes Kleid. Sie fiel auf. Ihm war langweilig, er folgte ihr. Er ließ sich treiben. Sie ging auf die Seebrücke. Er merkte, dass er nicht der einzige war, der diese Frau beobachtete. Noch drei Männer hatten sich in ihrer Umgebung eingefunden. Er fand das amüsant und beobachtete. Sie setzte sich auf eine Bank, nach wenigen Sekunden war der Platz neben ihr von einem der Männer besetzt. Sie stand auf, der Mann war aus dem Spiel, er wusste es und verschwand. Dann: Sie stand am Geländer, schaut aufs Meer, einer stellte sich zwei Meter neben sie. Rückte näher. Sie schaute ihn an und ging in eine andere Ecke. Auch dieser Mann gab sich geschlagen. Er fühlte sich nun wie in einem Theaterstück. Sie schlenderte zurück, der dritte Mann überholte sie, sprach sie an. Sie schüttelte den Kopf, noch eine Abfuhr. Nun sah auch er für sich keine Chance, er beschloss, zu seinen Büchern zurückzukehren. Er ging nach rechts, blieb dann noch mal stehen, um aufs Meer zu schauen. Er hörte ihre Schritte an ihm vorbei und wie sie plötzlich stoppten. Auch sie schaute aufs Meer. Ihm fiel nur die dümmste Frage aller Zeiten ein. Er nahm eine Zigarette und fragte sie, ob sie Feuer hätte. Sie hieß Deirdre, kam aus Irland und war noch zwei Tage lang auf der Insel. Es wurden zwei wunderschöne Tage.

Claudia, 47: Fünf Jahre „Dornenvögel“

Als ich Markus kennenlernte, war er Anwärter des Jesuitenordens und träumte davon, in Afrika Missionar zu werden. Er studierte Philosophie und eine Frau hatte in seinen Gedanken keinen Platz – bis ich kam. Ich machte gerade meine Ausbildung und war wie er 22 Jahre alt, als wir uns auf einer Geburtstagsfeier bei Freunden trafen. Ich fand ihn interessant und sympathisch, aber als ich ging, stand er vor der Tür und rauchte eine Zigarette. Das war für mich wie ein Schlag ins Gesicht: Einen Raucher wollte ich auf keinen Fall! Ich weiß noch, wie ich nach Hause kam und zu meiner Mutter sagte: „Da war einer, der war ganz nett, aber er hat geraucht.“ Später hat Markus mir erzählt, dass er mich mit seiner Coolness hatte beeindrucken wollen, weil ich ihm so imponiert hatte. Denn eigentlich rauchte er so gut wie gar nicht.

Wir trafen uns dann hin und wieder. Ich war eher abweisend, aber Markus blieb hartnäckig. An Silvester 1990 haben wir uns das erste Mal geküsst und sind anschließend zusammen zum Skifahren gefahren. Das war etwa zwei Monate nach unserem ersten Treffen.

Markus sagte aber auch zu mir: „Ich liebe Gott und möchte in den Orden eintreten.“ Ich bin dann mit ihm in die Kirche gegangen und wir haben zusammen Psalmen gelesen und gebetet. Ich wollte diese Hingabe zu Gott verstehen und diese Mystik in der katholischen Kirche, die ich als Protestantin so gar nicht kannte. Ich bin sogar mal für eine Woche zum Arbeiten in ein Kloster gegangen, weil ich unbedingt verstehen wollte, wie er tickt.

Auf der anderen Seite wollte Markus auch mich kennenlernen und alles von mir und meinem Leben und meinen Plänen wissen. Wir haben auch miteinander geschlafen. Da waren aber auch immer diese Zweifel an einer gemeinsamen Zukunft. Das ging fünf Jahre lang so! Ich sage immer, wir haben fünf Jahre lang „Dornenvögel“ gespielt. Ich habe so sehr gehofft, dass er endlich mal zu mir steht. Aber ich wollte ihn auch nicht zwingen, dass er mit mir zusammenkommt. In unserer Verzweiflung haben wir uns sogar mal bewusst getrennt. Er war eifersüchtig auf meine Männervorgeschichten. Ich habe ihn ermutigt, mal mit anderen Frauen zu schlafen, weil ich ja bis dahin die erste und einzige war. Auch ich habe mich in der Zeit unserer Trennung mit anderen Männern getroffen. Das war schon verrückt!

1995 waren wir dann zusammen in London und saßen in einer Kneipe, als er sagte: „Doch, wir gehören zusammen.“ Wir haben uns verlobt und ich war so glücklich! Neun Monate später kam unser erster Sohn auf die Welt. Noch vor der Geburt haben wir standesamtlich geheiratet und, als der Kleine auf der Welt war, auch kirchlich – zusammen mit der Taufe. Heute haben wir vier gemeinsame Kinder. In zwei Tagen, am 9. November, feiern wir unser 25-jähriges Zusammensein.

Ich habe ihn erst neulich gefragt, was dann letztendlich ausschlaggebend für ihn war, JA zu mir zu sagen. Er meinte spontan, dass es unsere gemeinsame Reise im Sommer 1995 durch Mecklenburg-Vorpommern gewesen sei. Es gibt von der Reise viele schöne Fotos, auch von mir halbnackt in der Müritz. Wir träumten von einem Haus am Wasser.

Ach ja: Und geraucht hat Markus nie mehr.