Partnerschaft

"Eine offene Beziehung erfordert Selbstreflexion und Reife"

Mathias Miklaw berät in Sachen Beziehungen. Er spricht über Fremdgehen, Polyamorie und warum Monogamie kein Auslaufmodell ist.

Der Arzt Mathias Miklaw (55) ist Paar- und Beziehungsberater

Der Arzt Mathias Miklaw (55) ist Paar- und Beziehungsberater

Foto: privat / BM

Der Arzt Mathias Miklaw, 55, arbeitet als systemischer Paar- und Beziehungsberater mit Schwerpunkt "ungewöhnliche Beziehungskonstellationen". In seiner Praxis in Friedenau berät er Einzelpersonen, Paare oder Dreiecksbeziehungen.

Berliner Morgenpost: Was sind denn "ungewöhnliche Beziehungskonstellationen"?

Mathias Miklaw: Das sind alle Konstellationen, bei denen es sich nicht um die typische monogame Zweierbeziehung handelt. Allerdings sind die Übergänge fließend. Was ist normal? Ist es normal, neben der Ehefrau oder dem Ehemann heimlich weitere Sexual- oder Liebespartner zu haben? Das passiert ständig und keiner wundert sich mehr darüber.

Geben Sie bitte ein paar Beispiele für mögliche Konstellationen.

Es fängt an bei konventionellen Beziehungen, bei denen Paare sich eingestehen, dass sie sich von anderen angezogen fühlen, ohne das in der Praxis umzusetzen. Andere leben ihre erotische Abenteuerlust gemeinsam im Swinger-Club aus. Dann gibt es Bisexuelle, die sich nicht mehr verbiegen wollen oder können. Dazu kommen Ehen, in denen einer oder beide Geliebte haben, offene Beziehungen oder polyamore Netzwerke.

Mit welchen Problemen kommen die meisten zu ihnen?

Der Klassiker ist das Fremdgehen. Angefangen vom "in flagranti erwischt" bis hin zu dem Wunsch, die Beziehung in Absprache zu einer dritten Person zu öffnen, was im klassischen Sinne kein Fremdgehen ist. Ist das Kind schon in den Brunnen gefallen, ist das für den Partner meist sehr schmerzhaft. Schlimmer als die Sexualität außerhalb der Beziehung empfinden es die Betroffenen, angelogen worden zu sein. Darin liegt auch die eigentliche Bedeutung des Begriffes "betrogen werden".

Was raten Sie Hilfesuchenden?

Ich rate ihnen, ihr Beziehungsmodell zu überdenken. Ist es maßgeschneidert? Oder von der Stange? Meist wurde das monogame Modell gar nicht bewusst gewählt oder passt nicht mehr zu der Lebenssituation, sondern entspricht gesellschaftlichen Konventionen oder Hollywood-Klischees. Ich ermutige meine Klienten, nicht ein Modell gegen ein anderes auszutauschen, sondern sich zu fragen: Was passt für uns beide?

Ein neues Beziehungsmodell als Garant für das Liebesglück?

So einfach ist es nicht. Nicht immer passt ein Modell für beide. Darüber hinaus bekommen Menschen, die nicht in der Lage waren, eine gute Zweierbeziehung zu führen, häufig auch ein anderes Modell nicht gut hin. Eine offene Beziehung erfordert viel Selbstreflexion und einen hohen Grad an Reife. Die Komplexität solcher Beziehungen wird oft unterschätzt. Eine Abkürzung zur Problemlösung durch Austauschen des Beziehungsmodells gibt es nicht. Meist ist es ein langwieriger Prozess. Natürlich scheitern dabei auch Beziehungen. Die Frage ist nur, ob das nicht ohnehin passiert wäre.

Ist es dann nicht doch leichter, das Fremdgehen zu verheimlichen?

Es kommt darauf an. Handelt es sich um einen "Ausrutscher"? Gibt es kleinere Kinder und könnte die Beichte zum Zerbrechen der ansonsten guten Familienkonstellation führen? Hier könnte das Verheimlichen einer zeitlich begrenzten Affäre vielleicht klug erscheinen. Dem Partner dauerhaft die Wahrheit vorzuenthalten, empfehle ich niemandem. Damit wird die Beziehung von innen ausgehöhlt. Sie müssen sich immer fragen: Wollen Sie es bequem oder intim? Wenn Sie es intim wollen, müssen Sie sich mit allen Facetten zeigen, auch denen, die dem anderen nicht gefallen.

Welche Möglichkeiten gibt es?

Wir können festhalten an einem alten, starren Modell und uns verbiegen. Das bedeutet viel Leid. Oder wir können der Anziehung nachgehen – heimlich oder offen. Alle drei Lösungen sind nicht ohne Probleme.

Sind Menschen, die monogam leben, beziehungsfähiger?

Wenn wir uns die Urängste anschauen, gibt es zwei Typen von Menschen: Die einen haben eher Angst vor Bindung, die anderen eher vor Autonomie und dem Alleinsein. Erstere wird man vielleicht häufiger in offenen Beziehungen finden, letztere in monogamen. Jeder Mensch hat beide Ängste in sich. Es kommt darauf an, welche Angst überwiegt. Immer wenn ein Element nicht da sein darf, wird es problematisch. Wenn etwa dem Polyamoren der Wunsch nach Bindung fehlt oder dem Monogamen die Fähigkeit, autonom zu handeln.

Ist die Polyamorie ein neuer Trend?

Nach 1968 ist die sexuelle Vielfalt Teil einer allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklung geworden. Vieles ist mittlerweile normal. Denken Sie an die Schwulenbewegung. Die Monogamie ist nicht gottgegeben, deshalb sind andere Liebesformen vorstellbar. Das eine Patentrezept zum Glück gibt es aber nicht.

Was sind das für Menschen, die polyamor unterwegs sind?

Menschen mit Experimentierfreude und geistiger Flexibilität. Sehr mutige Menschen, die sich trauen, offen zu leben, was andere verheimlichen. Notwendig sind innere Reife und Stabilität. Wichtig ist auch zu wissen, was man sucht. Vor allem Frauen verwechseln leicht Sex mit Liebe. Männer dagegen wünschen sich zuweilen mehrere Sexualpartnerinnen, dasselbe der Frau an ihrer Seite zuzugestehen fällt aber oft schwer.

Hat die monogame Zweierbeziehung überhaupt noch Zukunft?

Natürlich. Vor allem die bewusst gewählte. Daneben wird es noch eine Reihe von anderen Modellen geben. Im Übrigen leben auch Menschen aus der Freien Liebe-Szene in Zweierbeziehungen, wenn auch nicht monogam.

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