Der Kampf gegen den Krebs

Berliner Stiftung unterstützt junge Erwachsene wie Nadine Fischer bei den vielen Fragen nach der Diagnose. Die 34-jährige geht offensiv mit der Krankheit um und will anderen Mut machen

Foto: Jakob Hoff

„Cancer sucks“ steht auf dem schwarzen T-Shirt von Nadine Fischer. Übersetzt bedeutet dass so viel wie „Krebs ist Mist“. Und das auffällige T-Shirt ist nicht das Einzige, was ungewöhnlich ist an der jungen Frau. Nadine Fischer hat einen Nebennieren-Karzinom. „Das ist fast immer gutartig, aber bei mir eben nicht“, sagt die 34-jährige. Im Februar vergangenen Jahres wurde sie operiert, es folgte eine Chemotherapie in Tabletten-Form und im November die Diagnose, dass sich ein Rezitiv und anschließend Metastasen gebildet haben. Dennoch strahlt sie einen Lebensmut und eine Zuversicht aus, die vielen gesunden Menschen fehlt. Die 34-jährige geht ganz offensiv mit ihrer Krankheit um, wie man an ihrem T-Shirt ablesen kann. „Warum soll ich mich verstecken, es kann jeden treffen. Die Leute müssen sehen, dass es solche Krankheiten gibt“, sagt Nadine Fischer.

Eigene Facebook-Seite

Über ihren Kampf gegen die Krankheit und die Therapien berichtet sie auf ihrer Facebook-Seite „Nadine und das Leben mit dem Krebs“. Sie erhält dort viel Zuspruch, der ihr Kraft und Zuversicht gibt. Ein Eintrag lautet: „Wenn ich lese, womit Du fertig werden musst, rege ich mich nicht mehr über Kleinigkeiten auf“. Die Seite hat sie ursprünglich für ihre zehnjährige Tochter Lara eingerichtet, die später einmal etwas über das Leben ihrer Mutter erfahren soll. Das Mädchen weiß Bescheid über die Krankheit und auch die Möglichkeit, dass ihre Mutter daran sterben kann. „Nach Außen gibt sie sich sehr tapfer und gefasst, aber es gibt natürlich Momente der Traurigkeit“, sagt ihr Vater Florian Fischer. Die Lehrer des Mädchens wissen ebenfalls über die Krankheit der Mutter Bescheid, sie kann sich auch einem Kinderpsychologen anvertrauen.

Tochter weiß Bescheid

Beiden Eltern ist wichtig, ihre Tochter Ernst zu nehmen, sie nicht hilflos und unwissend dastehen zu lassen „Das Thema Krebs ist bei uns jeden Tag präsent und lässt sich ja auch nicht leugnen“, sagt Florian Fischer. Lara weiß auch, was zu tun und wer zu benachrichtigen ist, sollte es ihrer Mutter plötzlich schlecht gehen „Sie fragt mich immer ganz besorgt, ob ich meine Medikamente genommen habe“, sagt ihre Mutter lächelnd.

Bis zur Diagnose Krebs hat die 34-jährige einen langen Leidensweg hinter sich. Durch den unentdeckten Tumor an den Nebennieren wurde zu viel Cortisol ausgeschüttet und sie wurde immer dicker und depressiver, doch ihre Frauenärztin riet ihr nur, zu den Weight Watchers zu gehen und abzunehmen. Als der Tumor schließlich entdeckt wurde, war er schon zehn Zentimeter groß.

Beratung fehlt

Nadine Fischer und ihrem Mann geht es aber nicht nur um ihr persönliches Schicksal. Seit der Diagnose Krebs sind tausend Fragen und Probleme aufgetaucht, deren Beantwortung und Bewältigung viel Zeit, Kraft und Mühe kostet und dabei wollen sie anderen in ähnlicher Lage beistehen. „Das geht los bei den existenziellen Fragen. Dass ich Rente beantragen kann, habe ich per Zufall von einem Arzt erfahren“, erzählt Nadine. Deshalb unterstützen sie und ihr Mann die erst im Juli vergangenen Jahres in Berlin gegründete Stiftung für junge Erwachsene mit Krebs. „Wir wollen Erkrankten im Alter zwischen 18 und 39 Jahren helfen, denn die stehen vor ganz anderen Problemen als krebskranke Kinder oder Menschen über 60“, erklärt Michael Oldenburg, Vorstand der Stiftung, die von der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und medizinische Onkologie getragen wird.

Die Stiftung will die Versorgung junger Krebserkrankter verbessern, denn die Diagnose bedeutet für sie einen gravierenden Einschnitt in ihre Lebens- und Zukunftsplanung. Kann ich nach einer Chemotherapie noch Kinder bekommen? Was wird aus meinem Ausbildungsplatz? Wovon soll ich leben, wenn ich nicht oder nur eingeschränkt arbeitsfähig bin? Welche Nachsorge-Angebote gibt es? Um solche und ähnliche sozial-rechtliche, später aber auch medizinische Fragen zu beantworten will die Stiftung ein qualifiziertes Beratungsportal aufbauen, jeweils auch mit der Möglichkeit des persönlichen Kontaktes zu einem Experten. Nadine Fischer und ihr Mann fühlten sich nach der schrecklichen Diagnose ziemlich hilflos und allein gelassen. „Was fehlt, ist ein Fahrplan. Welches Amt ist wofür zuständig? Man weiß ja gar nicht, welche Hilfen einem zustehen“, sagt die 34-jährige. Sie setzt sich nun gemeinsam mit der Stiftung dafür ein, dass andere Erkrankte besser informiert und vorbereitet sind.

Vor der Erkrankung hat die gelernte Groß- und Außenhandelskauffrau einen erfolgreichen Online-Shop für Fotografen-Zubehör betrieben. Daran ist seit der Behandlung nicht mehr zu denken: Nadine muss viermal die Woche in die Charité, die Tabletten reichen nicht mehr aus, die Chemotherapie wird über Infusionen gemacht. „Das erste Mal sind mir die Tränen gekommen, als das Gift in meinen Körper lief“, sagt die junge Frau, die früher erfolgreich Radsport betrieben und viele Rennen gewonnen hat.

Auch im Kampf gegen den Krebs wird Nadine nicht aufgeben: „Jeder hat sein Schicksal. Man wächst mit seinen Aufgaben.“ Im Moment trainiert sie für den Avon-Frauenlauf am 16. Mai. „Und wenn ich nicht laufen kann, dann gehe ich eben“, sagt sie fröhlich.

Versorgung Junge Erwachsene mit Krebs benötigen eine spezielle medizinische Behandlung und psychosoziale Versorgung. Die neu gegründete „Deutsche Stiftung für junge Erwachsene mit Krebs“ will die Therapiemöglichkeiten in der Altersgruppe zwischen 18 und 39 Jahren verbessern. Zudem widmet sie sich dem Aufbau von Versorgungsstrukturen, mit denen spezifische Probleme dieser Patientengruppe besser adressiert werden können. Ein Online-Beratungsportal ist im Aufbau.

Forschung Die Stiftung finanziert sich durch Spenden und will dazu beitragen, dass sich vermehrt Forschungsprojekte der Thematik widmen. Es gibt ein Promotionsstipendium mit einer Förderung für ein Jahr, dass auch Bewerbern ohne medizinischen Hintergrund offen steht.

Infos unter www.junge-erwachsene-mit-krebs.de

Nadines Webseite: www.nadine-und-das-leben-mit-dem-krebs.de