Integration

Ich war ein Flüchtling - Wie ich Hoffnung fand

Sie wurden vertrieben – und haben doch nicht aufgegeben. Berlin wurde zu ihrer neuen Heimat, die beiden zu einer Familie. Gertrud Wagemann und Dang Tu Dung erzählen. Eine Ostergeschichte.

Foto: Reto Klar

Von der Flucht erzählt Gertrud Wagemann nur, dass sie hinten auf dem Wagen standen, zwischen Gasflaschen, die der Wagen eigentlich transportierte. Dass ihr furchtbar schlecht wurde, vom Geschaukel oder vielleicht von dem ausströmenden Gas, und dass es so furchtbar kalt war. Über ihre Angst spricht sie nicht.

Dang Tu Dung band sich nachts fest, damit er nicht vom Boot fiel. Er wusste, dass er jetzt auf sich selbst aufpassen musste. Seine Eltern hatte er in Vietnam am Hafen zurückgelassen. Das Geld für die Flucht hatte nicht für alle gereicht, die Familie entschied sich, den Sohn auf das Schiff zu schicken. Dang Tu Dung war zwölf Jahre alt.

Gertrud Wagemann und Dang Tu Dung sind Flüchtlinge. Gertrud Wagemann gehörte zu einem der größten Flüchtlingstsröme des 20. Jahrhunderts: Zwölf Millionen deutsche Flüchtlinge und Vertriebene brauchten nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs eine neue Heimat. Dang Tu Dung floh wie Hunderttausende anderer Vietnamesen über das Meer vor den Folgen des Krieges in seiner Heimat. Deutschland nahm knapp 40.000 der vietnamesischen Boat People auf.

Nicht wissen, wie es weitergeht

Zwei Flüchtlinge, aus denen eine Familie wurde: Gertrud Wagemann nahm Dang Tu Dung, den das Schicksal eher zufällig nach Berlin brachte, als Pflegesohn auf. „Natürlich hatte das auch mit meiner eigenen Flüchtlingssituation zu tun“, sagt sie. Damit, dass sie das Gefühl kannte, alles zurücklassen zu müssen, nicht zu wissen, was aus der Heimat geworden ist – und wie es weitergeht.

Zehn Jahre alt war sie, als ihre Mutter mit den vier Kindern vor der Roten Armee aus Pommern floh. Der Vater hatte organisiert, dass der Militärtransport sie mitnahm, musste dann aber wieder zu seinem Einsatz zurück, Schützengräben ausheben, trotz seines gelähmten Arms. Die Familie sah ihn nie wieder. Gertrud Wagemanns Mutter aber schaffte es, ihre Kinder sicher bis nach Wernigerode zu bringen. „Aber als wir ankamen, war schon alles voll“, erinnert sich Gertrud Wagemann an den Moment, als die Flucht in Richtung Westen endlich vorbei war. „Da hat sich keiner gefreut, dass wir kamen.“ Die Großeltern, denen das Haus gehört hatte, lebten nicht mehr, die Tanten, die dort wohnten, hatten die Zimmer voll mit zwangseingewiesenen Flüchtlingen. Und auch die Nachbarn im Ort sahen die Neuankömmlinge nicht gern: „Da hat keiner gesagt: Das ist doch das Haus der Großeltern. Wir waren einfach noch ein paar Flüchtlinge mehr.“

Suppe vom Wohlfahrtsverein

Die Kinder aus der Nachbarschaft spielten nicht mit den Neuen, luden sie nie zu sich nach Hause ein: „Wir waren ziemlich isoliert“, sagt Gertrud Wagemann. Das änderte sich erst, als die Schule wieder losging. Ein halbes Jahr nach der Ankunft in Wernigerode begann der Alltag. Die zehnjährige Gertrud fand in der Klasse neue Freundinnen, auch unter den anderen Flüchtlingskindern, sang im Kirchenchor und begann, sich im Harz zu Hause zu fühlen.

Dass sie wenig hatten, weil sie auf der Flucht kaum etwas mitnehmen konnten, spielte keine Rolle. „Die meisten Mädchen trugen Kleider, die aus alten Fahnen waren“, sagt Gertrud Wagemann. Drei Jahre lang holte der ältere Bruder jeden Tag Suppe vom Wohlfahrtsverein. Die Mutter verdiente in den ersten Jahren nur mit selbst gemachten Schnitzarbeiten etwas Geld, bevor sie in ihrem Beruf als medizinisch-technische Assistentin arbeiten konnte. Abends saß die Familie zusammen, einer las vor, die anderen hörten zu. Über Pommern, über die verlorene Heimat, wurde nicht gesprochen. Die Mutter lebte nur für die Arbeit und die Kinder, sie sorgte dafür, dass Gertrud ebenso wie die drei Geschwister studierte, was für die Tochter einer alleinerziehenden Mutter in den 50er-Jahren alles andere als selbstverständlich war.

Gertrud Wagemann weiß, dass sie ihrer Mutter viel verdankt. Aber sie sagt auch: „Es wurde nicht viel gelacht bei uns.“ In ihrer eigenen Familie, mit ihrem Mann, den sie im Studium kennenlernte, und den Söhnen dafür um so mehr. „Da habe ich alles nachgeholt“, sagt die 80-Jährige. „Und ich auch“, ergänzt Dang Tu Dung. Er sitzt neben Gertrud Wagemann auf dem Sofa, gemeinsam erinnern sie sich an die Zeit zurück, als er bei den Wagemanns lebte. „Ich war so kindisch“, sagt der heute 47-Jährige , „ich habe meine ganze Kindheit nachgeholt.“

Fortgeschickt, um zu lernen

Die war schon vor der Flucht aus Vietnam vorbei gewesen. Die Eltern arbeiteten hart, der Junge musste helfen, „auf dem Markt handeln“, sagt er, das kam ihm später zugute, als er auf sich allein gestellt war. Geplant war es eigentlich anders. Die Eltern wollten ihn mit einem Onkel mitschicken, ein wenig hatte der Vater sogar gehofft, am Hafen doch gemeinsam mit seinem Sohn auf ein Schiff zu kommen. Am Ende aber waren weder Onkel noch Vater auf dem Boot, auf dem Dang Tu Dung 1979 mit Hunderten anderen Menschen aus Vietnam floh. Sie gehörten zu den Glücklichen, die es an Land schafften und in einem indonesischen Lager landeten. „Sehr reif“ für sein Alter sei er gewesen, sagt Dang Tu Dung, etwas anderes blieb ihm nicht übrig, wenn er überleben wollte. Der Zwölfjährige sorgte dafür, dass er etwas zu essen bekam, organisierte seinen eigenen kleinen Handel – und kam schließlich dank der Hilfsorganisation Terre des Hommes nach Berlin.

Gemeinsam mit 50 anderen Kindern lebte er in einem Pflegeheim in der Ollenhauer Straße, in dem sich vietnamesische Studenten und andere Betreuer um die Neuankömmlinge kümmerten. Drei Tage nach seiner Ankunft begann der Deutsch-Unterricht. In Vietnam hatte ihm der große Bruder eingetrichtert: „Egal wo du hinkommst, du musst die Sprache lernen.“ Daran hielt sich Dung (im Vietnamesischen wird sein Nachname Dang dem Vornamen vorangestellt). Immerhin hatten ihn die Eltern fortgeschickt, damit er lernen konnte. Kind zu sein? Dafür war auch in Berlin erst einmal kaum Zeit.

Bis zu dem Tag, an dem er zu Familie Wagemann zog. Gertrud und Hans-Günther Wagemann hatten sich auf einen Zeitungs-Aufruf hin gemeldet, in dem Pflegeeltern für die vietnamesischen Flüchtlingskinder gesucht wurden. Wegen der beiden Söhne, damals zehn und zwölf Jahre alt, arbeitete die Mutter nicht mehr in ihrem Beruf als Architektin, kümmerte sich aber in der Kirchengemeinde schon jahrelang um Flüchtlinge und hatte ohnehin vor, ein Pflegekind aufzunehmen. 1980, am Muttertag sah die Familie Dung zum ersten Mal, kurz danach zog er in das Zimmer unter dem Dach. „Altersmäßig passt er eigentlich besser zu unserem älteren Sohn“, sagt Gertrud Wagemann, „aber er hat ganz viel mit dem Jüngeren gespielt.“

Über den Schrecken sprechen

Geredet aber hat er vor allem mit der Mutter, ihr erzählte er die Erlebnisse auf dem Boot, im Lager, in Kinderheim. Seine Pflegemutter war froh, dass er alles herausließ. Denn sie wusste, was es für ein Kind bedeutet, wenn es nie über den Schrecken sprechen kann. In ihrem Zuhause war das Thema ein Tabu, die Mutter redete nicht darüber, die Kinder wagten nicht, sie darauf anzusprechen. Auf dem Militärwagen hatten sie gelernt, keine Fragen zu stellen, stillzuhalten, die plötzlich allein verantwortliche Mutter nicht zusätzlich zu belasten. In der Schule war das Trauma des Krieges und der Flucht ebenfalls kein Thema, die Lehrer hatten genug damit zu tun, den Schulalltag zu organisieren.

Trotz allem habe sie es zugleich so viel leichter gehabt als andere Flüchtlinge, ist Gertrud Wagemann überzeugt. „Ich musste keine neue Sprache lernen, nie Angst haben, dass ich keine Aufenthaltserlaubnis bekomme.“ Und auch wenn in Pommern manches anders gewesen war als im Harz, war ihr der Alltag zwischen Schule, Kirche und Familie vertraut.

Für Dung hingegen war alles fremd. Die neue Sprache lernte er schnell, ohne die alte zu vergessen, das war seinen Pflegeeltern wichtig. Sie schrieben anfangs täglich ein Deutsch-Diktat mit ihm und sorgten zugleich dafür, dass er vietnamesische Bücher zu lesen bekam. In der Schule lief es von Anfang an gut, die Lehrer mochten den fleißigen neuen Schüler. Die sechste Klasse schloss er mit einer Gymnasialempfehlung ab. Und Freunde fand er auch, erst einmal unter den Mädchen, erinnert er sich mit einem Lachen: „Für die war ich eine Sensation: Jemand, der so anders aussieht, den muss man kennenlernen! Das fand ich gut...“

Eine Bilderbuch-Integration sozusagen. Und dennoch geriet der Junge nach ein paar Jahren in eine Krise.

Beschimpft und angespuckt

Eigentlich war es eine gute Nachricht: 1985 durften seine Eltern Vietnam verlassen und kamen nach Berlin. Der inzwischen 18-Jährige tauchte plötzlich wieder ein in die vietnamesische Welt seiner Kindheit, in der das Wort der Eltern alles galt. Er wurde gebraucht, musste übersetzen, vermitteln, bei der Eingewöhnung helfen, sich um die Eltern, die Schwestern und zunehmend auch um andere Landsleute kümmern. Mit der Zeit nahm das Vietnamesische in seinem Leben so viel Raum ein, dass für das Deutsche kaum noch Platz blieb. Die Freunde der Teenager-Jahre verlor er aus den Augen.

Aber es war ein anderes Erlebnis, das ihn völlig aus der Bahn warf: Am Tag nach dem Mauerfall war er mit seiner Freundin auf dem Kudamm unterwegs, als er plötzlich beschimpft und angespuckt wurde, „von einem Ost-Berliner“, sagt er, der ihn wohl für einen der Vertragsarbeiter hielt, die die DDR-Regierung ins Land geholt hatte. Von den Spannungen zwischen DDR-Bürgern und Vertragsarbeitern wusste Dang Tu Dung wenig, der Hass, der ihm entgegenschlug, schockierte ihn: „Ich dachte: Du hast dir so viel Mühe gegeben, dich zu integrieren, und wirst trotzdem nur aufgrund deines Aussehens nicht akzeptiert.“

Immer häufiger fiel ihm jetzt auf, wie schwer sich die Menschen in Deutschland damit taten, ihn als einen der Ihren anzuerkennen. „Irgendwann dachte ich: Was soll ich dann hier? Ich wollte lieber wieder Vietnamese sein.“ Das Studium, das ihm so wichtig gewesen war, vernachlässigte er, gab es schließlich ganz auf und kümmerte sich nur noch um andere Flüchtlinge.

Sie fingen ihn auf

Noch einmal fing die Pflegefamilie ihn auf. „Ihr habt mich da rausgeholt“, sagt er und lächelt seine Pflegemutter an. Die deutsche Familie unterstützte ihn, als er eine neue berufliche Zukunft suchte: Nach einem Studium an der Fachhochschule für Verwaltung arbeitet Dang Tu Dung heute für die Polizei. Zugleich halfen die Pflegeeltern ihm, seinen Platz zwischen Deutschland und Vietnam zu finden. Das Leben mit mehreren Kulturen nimmt in Gertrud Wagemanns Leben viel Raum ein, sie hat Bücher zum Thema geschrieben und gestaltet den Interkulturellen Kalender Berlins, der einen Überblick über religiöse Feste gibt.

Ihr Pflegesohn ist heute verheiratet mit einer Vietnamesin. Er lebt ganz selbstverständlich in zwei Kulturen, zwischen deutschem Verwaltungsrecht und buddhistischem Hausaltar. Den übernahm er von den leiblichen Eltern, als sie starben. Beide Welten vereint die Gruppe, die er vor einigen Jahren gründete, um seinen Dank für die Aufnahme in Deutschland auszudrücken. Sie heißt „Sehnsucht nach Heimat“. Natürlich habe er Sehnsucht nach Vietnam, „aber nur aufgrund meiner Erziehung“, sagt Dang Tu Dung. Keines seiner Länder ist für ihn alleinige Heimat: „Ich bin Vietnamese“, sagt er, „aber eindeutig Berliner.“