Demografie

„Ausbildung, Arbeit, Rente: Bloß weg von diesem starren Rhythmus!“

| Lesedauer: 6 Minuten
Antje Hildebrandt

Foto: Lothar Seiwert

Lothar Seiwert ist Buchautor und Experte für Zeitmanagement. Hier stellt er seine Konzepte für eine alternde Gesellschaft vor

Das Interview setzt Prof. Dr. Lothar Seiwert um 8.08 Uhr an. Keine Frage: Der Mann ist Experte für Zeitmanagement. Jetzt hat der 62-Jährige ein Buch darüber geschrieben, wie man als älter werdender Mensch mit der Zeit umgehen sollte, die noch bleibt – und wie die Gesellschaft mit der demographischen Entwicklung. Wir hätten da noch ein paar Fragen.

Berliner Morgenpost: Ihr Buch ist ein Plädoyer, das Alter als Chance zu begreifen. Sie haben es auch aus eigener Betroffenheit geschrieben. Fühlen Sie sich benachteiligt?


Lothar Seiwert: Überhaupt nicht. Aber es gab vor sechs Jahren mal so eine Situation, da hatte ich einen Bandscheibenvorfall. Als Alternative zu einer Operation bin ich in ein Fitness-Center gegangen, um meine Rückenmuskulatur zu trainieren. Ein Mädchen, etwa 22 Jahre alt, fragte mich, ob ich Rentner sei, dann gäbe es Sondertarife. Da bin ich frustriert rausgegangen und habe mich gefragt: Sehe ich schon so alt aus?


Dabei hat es die junge Frau doch gut gemeint, oder?

Ja, aber deswegen habe ich mir trotzdem ein anderes Fitness-Studio gesucht. Ich würde mir auch nie im Leben einen Senioren-Teller bestellen, selbst wenn der günstiger ist. In solchen Situationen merkt man einen Generationenunterschied. Es ist ein Gefühl, wie man es von runden Geburtstagen kennt. Die vierzig und die fünfzig gingen bei mir noch. Aber die sechzig hat richtig reingehauen.

Warum?

Vielleicht, weil mir dann erst so richtig bewusst wurde, dass das Leben endlich ist und ich immer weniger dazugehöre.

Verrät Ihre Reaktion nicht, dass Älterwerden mehr ein Problem der Betroffenen ist als das der Umwelt?

Natürlich, das fängt ja immer bei mir selber an. Das gebe ich unumwunden zu.

Rentnern ging es noch nie so gut wie heute. Sie reisen viel, lernen Fremdsprachen oder ein Musikinstrument. Warum fordern Sie dann noch einen Paradigmenwechsel im Umgang mit dem Thema Alter?

Weil das vielen Menschen und Politikern leider noch nicht bewusst ist. Es gibt viele schöne Beispiele für Senioren, die ihren Ruhestand sinnvoll nutzen – aber eben noch nicht genug.
Welche Botschaft transportiert Ihr Buch denn an die Politik?


Als Volkswirtschaftler geht es mir darum zu zeigen, dass wir keine freie oder soziale Marktwirtschaft mehr haben, sondern längst viele Merkmale einer sozialistischen Planwirtschaft erfüllen. Immer mehr unseres persönlich verfügbaren Einkommens wird von der Gesellschaft weggenommen und umverteilt. Der größte Teil davon bleibt aber im System hängen. Es kommt zu absurden Umverteilungen. Siehe die Praxisgebühr.

Was heißt das für das Älterwerden?

Vor dreißig Jahren wurde statistisch ein Rollstuhlfahrer von vier Menschen den Berg hochgeschoben. Demnächst sind es nur noch ein bis zwei Menschen, die vier Rentner versorgen müssen. Und in Zukunft werden es noch weniger, weil immer mehr qualifizierte Arbeitnehmer das Land verlassen.

Daraus entwerfen Sie ein Schreckensszenario: eine Republik von Pflegeheim-Insassen, die von Pflegern aus Entwicklungsländern versorgt werden. Wie soll man da gelassen altern?

Aber das ist bald die Realität, das will bloß keiner wahrhaben. Die Bevölkerungsprognosen sind hochrechenbar, aber die Entwicklung passiert schleichend. Und die Politiker machen nichts, weil sie primär wiedergewählt werden wollen.

Wie muss sich der Generationenpakt ändern, damit das Problem gelöst wird?

Einmal durch Zuwanderung und dadurch, dass Arbeitnehmer länger ins Erwerbsleben integriert werden. Die ältere Generation kann von der jüngeren so viel lernen - und umgekehrt. Die Älteren können der Gesellschaft geben, was ihr fehlt: Zeit, Sinn, Ruhe, Erfahrung.

Handwerker würden jetzt einwenden, das gehe an der Realität vorbei.

Sie meinen den Tischler, der 45 Jahre lang geschuftet und zwei Bandscheibenvorfälle erlebt hat? Nun, der sollte nicht mehr auf die Baustelle, sondern sich um Organisation und kaufmännische Fragen kümmern. Und auch nicht mehr fünfzig Stunden die Woche, sondern in Teilzeit.

Die Große Koalition hat die Weichen gerade anders gestellt und die Rente mit 63 beschlossen. Wie lange sollten Menschen arbeiten?

Warum muss das reglementiert werden? Das sollten die Arbeitnehmer selber entscheiden. Starre Systeme funktionieren in unserer Zeit immer weniger.

Zu arbeiten ist das eine, das Gefühl, gebraucht zu werden das andere. Kann die Gesellschaft nicht auch von der Erfahrung alter Leute profitieren, wenn man sie ehrenamtlich einbindet?

Unbedingt. Nehmen Sie meine Mutter. Die hat bis zu ihrem 90. Lebensjahr noch als Telefonseelsorgerin gearbeitet. Das hat ihrem Leben viel Halt gegeben.

Viele Menschen warten ja bis zum Rentenalter, um noch mal neu durchzustarten. Sollte man nicht eher versuchen, seine Träume zu verwirklichen, solange man noch jung ist?

Mein Reden. Wir müssen weg von diesem starren Rhythmus: Ausbildung, Arbeit, Rente. Zum Glück hat das auch die Wirtschaft erkannt. Es gibt Firmen, die ermöglichen, dass Sie Zeit ansparen können, zum Beispiel um für ein soziales Projekt zu arbeiten oder um mit dem Rucksack loszuziehen. Wenn man alt und grau ist, hat man vielleicht keine Lust mehr, die Wüste Gobi zu durchwandern.

Sie sind jetzt 62. Wie stellen Sie sich Ihren Ruhestand vor?

Ich halte Vorträge und schreibe Bücher. Das werde ich noch lange machen können. Es darf natürlich nicht in Arbeit ausarbeiten.

Das Buch: Lothar Seiwert, Das neue Zeit-Alter. Warum es gut ist, dass wir immer älter werden, Ariston, 237 Seiten, 19,99 Euro