Kinderliteratur

Mach mit!

Malen, rätseln, pusten, scannen: Immer mehr Kinderbücher bieten mehr als Lesestoff. Sie binden die digitalen Medien ein und laden ein, selbst aktiv zu werden. Alles zum Trend und viele Buchtipps

Foto: Reto Klar

Es dauert nur wenige Momente, da hat Béla sein Lieblingsbuch gefunden. Fasziniert blättert der Sechsjährige durch die Bilderbuchseiten, die dem Betrachter Rätsel aufgeben. Warum, bitteschön, hängt der Mann an einer riesigen Blume? Warum steht der Polarforscher fast nackt im Schneetreiben? Und warum ist der Astronaut, der da im Weltraum schwebt, von Kopf bis Fuß besprüht mit Graffiti? Maja, 8, späht ihrem Bruder neugierig über die Schulter. Gemeinsam überlegen die beiden, was wohl zu den lustigen Missgeschicken geführt haben könnte. Später gibt es die Auflösung: wenn die Mutter die QR-Codes auf den Buchseiten scannt. Sie führen zu kleinen Trickfilmen, die zeigen, wie es zu den verrückten Szenerien gekommen ist.

Das Bilderbuch "Was ist denn hier passiert?" ist nur eines von vielen Mitmach-Büchern, die derzeit auf der Buchmesse in Leipzig präsentiert werden. Bei diesen Büchern werden die Kinder zu aktiven Mitgestaltern der Geschichte. Denn Lesen bedeutet heute nicht mehr unbedingt, sich in eine stille Ecke zurückzuziehen und sich Satz für Satz einen Text zu erobern. Da werden vielmehr schon die Jüngsten aufgefordert, zu klopfen, zu pusten oder das Buch zu schütteln, damit die Geschichte weitergeht. Andere Bücher entstehen erst dadurch, dass das Kind malend oder bastelnd kreativ wird, denn sie bieten nur leere Seiten mit verrückten Gestaltungsideen. Wieder andere Bücher laden zum Rätseln oder Experimentieren ein. Und schließlich gibt es die, die die Grenze des Mediums Buch bewusst überschreiten. Durch den Einsatz von Tablet, Smartphone oder elektronischem Stift kann sich das Kind Zusatzinformationen besorgen. All diesen Büchern ist gemeinsam, dass sie über das reine Lesen hinausführen und mehrere Sinne ansprechen.

Austausch wird gefördert

Nicht nur das junge Publikum ist begeistert. Auch Experten, die sich der Leseförderung verschrieben haben, gefällt das boomende Segment. "Bücher, die Kinder zum Mitmachen und zur kreativen Auseinandersetzung anregen, finde ich sehr gut, denn sie bieten noch einmal einen ganz anderen Zugang zum Medium", sagt Ulrike Nickel, Vorsitzende von Kulturkind e.V., dem Veranstalter der "Berliner Bücherinseln". Christine Kranz, Referentin für Leseförderung bei der Stiftung Lesen, hebt den kommunikativen Aspekt hervor: Mitmach-Bücher würden häufig die Eltern einbinden und förderten so den Austausch (siehe Interview).

Ein Grund für den Trend dürfte das veränderte Mediennutzungs-Verhalten des Nachwuchses sein. Lesen gehört schon lange nicht mehr zu den favorisierten Beschäftigungen. Nur neun Prozent der Mädchen und drei Prozent der Jungen zwischen sechs und 13 Jahren gaben in der aktuellen KIM-Studie zum Medienumgang an, dass sie in ihrer Freizeit gern Bücher lesen. Da liegt es nahe, dass die Buchbranche Elemente aus den beliebteren elektronischen Medien aufgreift oder die Medien sogar verbindet. Außerdem macht es einfach Spaß, selbst aktiv zu werden. Die Mitmach-Bücher liefern einen Gestaltungsraum für kleine Geschichtenerzähler, Künstler und Abenteurer.

Klassische Print-Titel bleiben erhalten

Rund 8.000 neue Bücher für Kinder und Jugendliche sind allein 2014 auf dem deutschen Buchmarkt erschienen. Wie viele davon zum Mitmach-Segment gehören, dazu gibt es keine Zahlen – wohl auch, weil die Angebote sehr unterschiedlich sind. Manche sind mehr Block als Buch, manche mehr Skizzensammlung als gedruckte Geschichte. Manche erfordern Körpereinsatz, manche digitale Verstärkung. Fakt ist allerdings, dass der Großteil der Neuerscheinungen weiterhin klassische Print-Titel sind.

Auch in Zukunft dürfte das Buch trotz aller Medienvielfalt seine Berechtigung behalten – zumindest zu bestimmten Tageszeiten. So gab mit 21 Prozent die Mehrheit der Sechs- bis 13-Jährigen in der KIM-Studie an, dass sie zum Schlafengehen am liebsten zum Buch greifen. Und nicht nur das. Der Anteil der zehn- bis 19-jährigen Käufer am Kinder- und Jugendbuchmarkt ist laut den aktuellsten Zahlen des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels deutlich angestiegen: von zehn auf 15 Prozent. Das heißt: Bücher sind beim Nachwuchs angesagt – und er kümmert sich gern selbst um Lese-Nachschub. Ob das auch an der attraktiven Auswahl an Mitmach-Büchern liegt? Urteilen Sie selbst! Hier stellen wir die besten Neuheiten vor.

Weltreise mit Musik, Geräuschen und interaktiven Spielen

Der Mutter von Lotte und Leonie, die sich als "leseverrückt" beschreibt, blutet oftmals das Herz. Dann nämlich, wenn ihr stolz erzählt wird, dass der Zweijährige mit dem Zeigefinger über das Foto in der Zeitung streicht, um das nächste zu sehen. Oder wenn die Kleine mit dem Schnuller im Mund und dem iPad in der Hand Rotkäppchen zwar animiert, aber eben elektronisch vorgelesen bekommt. Zwar habe sie inzwischen eingesehen, dass ihr ihre sechs- und achtjährigen Töchter an Smartphone und Tablet überlegen sind und dass es auch gut so ist – aber ganz verzichten mag sie auf Bücher nicht. Niemals!

Ein erstes Eingeständnis hat die Familie vor einigen Jahren mit der Anschaffung von TipToi-Büchern gemacht. Da gibt es zwar den elektronischen Stift, aber es gibt eben auch noch Bücher dazu. Haptisch einfach nicht zu übertreffen, findet die Mutter. Jetzt hat sie mit ihren Töchtern "LeYo!" aus dem Carlsen Verlag getestet. "Die erste Multimediabibliothek für Kinder" heißt es in der Ankündigung – und, dass sich die Sach- und Bilderbücher an Kinder zwischen drei und sechs Jahren richten. Das hält die Mutter für untertrieben. Doch zuerst die Frage: Wie funktioniert das Ganze? So: Man muss sich für eines der derzeit zehn zur Verfügung stehenden Bücher entscheiden (9,99 bis 19,99 Euro), im Buchhandel kaufen oder bei Carlsen bestellen und dann die LeYo!-App kostenlos im App Store oder bei Google Play auf das Smartphone oder Tablet herunterladen.

Lotte und Leonie haben sich für "Mein Atlas" entschieden. Darin werden 193 Staaten mit ihren Hauptstädten und Flaggen erklärt, alle Kontinente sind farbenfroh bebildert und textlich begleitet. Schön. Dann kommt die App dazu – und es eröffnet sich eine Reise um die Welt, mit Geschichten, Musik, Geräuschen und interaktiven Spielen. "Eine tolle Verbindung zwischen echtem Buch und digitaler Welt", findet die Mutter.

Logisch, sagt sie, dass die Töchter es irgendwie gleich richtig machen und sofort verstehen, wie sie die Kamera des iPads über den Atlas halten müssen, um sich von Paul, dem Astronauten, etwas über die Welt und die Planeten erzählen zu lassen, die Geschichte des Brandenburger Tors zu erfahren oder die Lemuren auf Madagaskar zu besuchen.

Das Fazit der Kinder: "Cool. Und wenn ich nicht selber lesen will, muss ich nicht." Das Fazit der Mutter: "Und wenn sie wollen, dann können sie. Cool."

"Mein Atlas" aus der Reihe LeYo!, Carlsen Verlag, 19,99 Euro

Rütteln, schütteln, pusten, drücken

"Guten Morgen, Egon! Es ist Zeit aufzustehen. Kannst du Egon mit einem lauten Weckergeräusch wach machen?" So beginnt das "Rüttel-Schüttel-Puste-Buch", das neueste Buch der Krickelkrakels. Die Krickelkrakels: Das ist eine Gruppe von 14 Künstlern, die nicht nur ihre eigene Kreativität ausleben wollen, sondern auch die ihres Publikums wecken. Das gelingt ihnen mit diesem interaktiven Buch, bei dem die kleinen Leser Schweinchen Egon durch seinen Tag begleiten, nein: gemeinsam mit Egon die Welt erobern. Egon hat Hunger? Da musst du wohl das Buch kippen, damit die Cornflakes in die Schüssel kullern! Egon möchte Trampolin springen? Na klar: Bewege das Buch auf und ab! Und was musst du machen, damit Egon fliegen kann? Finde es heraus! Ein witziges Buch für Kids ab vier, das auch Grundschulkindern noch Spaß macht.

Die Krickelkrakels: "Das Rüttel-Schüttel-Puste-Buch", Oetinger Verlag, 12,99 Euro

Pinguin-Parade mit Hand und Fuß

"Malen mit Händen und Füßen" ist eine Mischung aus Buch und Malblock und verlangt vollen Körpereinsatz. Es besteht aus 32 Seiten mit bunten Bildern, die unvollständig sind. Was darin fehlt? Die Hände und Füße eines Kindes, das mutig mit einem Stift Umrisse von Hand oder Fuß nachzeichnet oder Hände, Füße, Zehen und Daumen in flüssige Farbe drückt und aufs Papier stempelt. Was dann entsteht? Ein magischer Fingerflossenfisch. Eine Zehenfamilie. Eine Horde gefährlicher Gespenster. Eine Pinguin-Parade. Oder der noch weitgehend unbekannte Hand-O-Saurier. Feine Linien zeigen, wo es lang geht. Jedes Bild kann herausgetrennt werden – so lässt sich das Kinderzimmer verschönern oder Oma eine Freude machen. Autorinnen sind die Modedesignerin Jacky Bahbout, die bereits "My Fashion Lookbook" veröffentlicht hat, und die japanische Illustratorin Momoko Kudo. Empfohlen für Kinder zwischen drei und sechs Jahren.

"Malen mit Händen und Füßen", Knesebeck Verlag, 12,95 Euro

Duell zwischen fiesem Cowboy und mutigem Kind

Das Buch will Linus gar nicht mehr aus der Hand geben. Und Bär Max schaut auch ganz interessiert. Der fast Dreijährige entdeckt sofort den Bananen-Colt, mit dem der fiese Cowboy ihn bedroht. "Was glotzt du so?", hat der blöde Kerl Linus schon ganz vorne im Buch gefragt. Ob er Streit sucht? Aber Linus kann sich wehren – denn er muss bei diesem Buch mitmachen. Er pustet. Pustet den grimmigen Cowboy einfach weg. Pustet und pustet so lange, bis der Blödmann auf dem Mond landet. Wo er auch hingehört. Dem Zeichner Karsten Teich ist ein ganz wunderbares Kinderbuch gelungen, das Kinder selbstbewusst werden lässt. Woher man den Zeichner sonst noch kennt? Na, von Cowboy Klaus, der inzwischen ja sogar in der "Sendung mit der Maus" auf seinem pupsenden Pony durch die Prärie reitet. Allerdings ohne Bananen-Colt im Halfter.

Karsten Teich: "Suchst du Streit?", 32 Seiten, Hinstorff, 14,99 Euro

Verrückte Bilder, die laufen können

Julia Neuhaus ist Kinderbuch-Illustratorin, Till Penzek Trickfilmer. Zusammen sind sie ein Paar, Eltern von zwei Kindern – und Schöpfer von "Was ist denn hier passiert?" Das Buch zeigt zwölf absurde Szenarien, die sich nicht auf den ersten Blick erklären. Eltern und Kinder können sich gemeinsam eine mögliche Vorgeschichte ausdenken – oder sich mit Tablet oder Smartphone per QR-Code kleine Trickfilme herunterladen, die die Version der Autoren zeigen. Das Buch ist so schön gestaltet, dass schon das Angucken allein Spaß macht. Besonders wird es durch die filmische Ergänzung. "Was ist denn hier passiert?" ist das erste gemeinsame Projekt der Hamburger. Wir wünschen uns mehr davon!

Julia Neuhaus und Till Penzek: "Was ist denn hier passiert?" Tulipan Verlag, 18 Euro

Zeichenaufgaben für kleine Entdecker

"Alle Welt" ist ein außergewöhnliches Landkartenbuch, an dem die polnischen Buchgestalter Aleksandra Mizielinska und Daniel Mizielinski jahrelang gearbeitet haben. Allerdings braucht es Anleitung, um sein Potenzial auszuschöpfen – oder den Block "Meine Welt", eine Sammlung von kniffligen Zeichenaufgaben für junge Entdecker. Für die Weltreise (die auch ohne Landkartenbuch funktioniert) braucht es nur Buntstifte. Dann geht es auch schon los: zum Beispiel zu den Maori, denen du das Gesicht tätowieren darfst. Oder nach Japan, wo Außerirdische gegen Roboter kämpfen. In Griechenland musst du durch ein Labyrinth finden, in Katalonien eine Menschenpyramide bauen. Und wie sieht dein Traumland aus?

"Meine Welt. Mit dem Buntstift auf Entdeckungsreise", Moritz Verlag, 12,95 Euro

Rätsel und Magie im Zauberwald

Zauberhaft in jeder Hinsicht ist das Buch "Mein Zauberwald" der schottischen Illustratorin Johanna Basford. Tief im verwunschenen Wald, zwischen dichten Bäumen und wuchernden Blumenranken, steht ein geheimnisvolles Märchenschloss. Es wartet darauf, mit bunten Stiften zum Leben erweckt zu werden. Doch nur, wer den Weg durchs Labyrinth findet und die magischen Symbole entschlüsselt, kann das Tor zum Schloss öffnen und sein Geheimnis lüften. Auf der Suche gibt es auf 96 Seiten unzählige Fabelwesen zu entdecken und farbenfroh zu gestalten. "Mein Zauberwald" ist ein wundervoll gestaltetes Buch zum Ausmalen, Rätseln, Geschichten erfinden und Träumen. Es dürfte alle Kinder begeistern, die Pflanzen und Tiere lieben, an die Kraft der Magie glauben und die auch gern Mandalas ausmalen. Denn etwas Geschick und Geduld braucht es schon, um die feinen Formen farbig zu gestalten. Empfohlen für Kinder zwischen acht und zehn.

"Mein Zauberwald", Knesebeck Verlag, 14,95 Euro

Keine Angst! Einfach ausprobieren....

60 Mutproben in einem Buch, 60 Sachen, die Helikopter-Eltern sofort auf die Palme bringen: beispielsweise mit der Zunge an einer Batterie lecken oder freihändig Fahrrad fahren. Allerlei Ängste werden hier besprochen. Für unseren Testleser Fedor, 9, ein Wechselbad der Gefühle. Von einen achselzuckenden "Also davor habe ich überhaupt keine Angst" bis zu einem aufgeregten "Ich glaube, die kennen mich persönlich – davor fürchte ich mich auch" reichen seine Reaktionen. Das Buch interessiert ihn. Und die Wertungs-Sticker in der Mitte des Buches machen Freude. Nix für schwache Nerven!

tinkerbrain: "Bäng! 60 gefährliche Dinge, die mutig machen", 60 Seiten plus Anhang und Sticker, Beltz & Gelberg, 19,95 Euro

Crazy Postkarten für Berliner Briefkästen

Huch, das Buch kommt einem irgendwie bekannt vor. Obwohl, ein richtiges Buch ist das ja nicht. Sondern eine Sammlung von 48 Postkarten, die unbedingt verschickt werden wollen. Aber nicht ohne Vorarbeit. Jede Karte will vom Absender vorher bearbeitet werden. "Dokumentiere Dinge, die Dir begegnen, während Du diese Postkarte zum Briefkasten bringst", heißt beispielsweise Exemplar Nr. 1. Danach sind neun Zeilen Platz gelassen, denn in Berlin kann einem auf dem Weg zum Briefkasten ja so allerlei begegnen, nicht nur ein Hundehaufen und die verrückte Frau mit den grässlich rot geschminkten Lippen. Malen, schreiben, falten, schneiden - ganz verschiedene Dinge werden mit diesen Karten angestellt. Und warum bekannt? "Mach dieses Buch fertig" heißt der Vorgänger von Keri Smith, ein Buch, mit dem man allerlei Blödsinn anstellen kann und soll. Unter anderem: das Buch unter die Dusche mitnehmen.

Keri Smith: "Mach diese Postkarten fertig", 48 Karten, Kunstmann, 9,95 Euro

Ein Buch, ein Game, ein Film

"Wie cool ist das denn" ist ein Ausruf, den man selten von Heranwachsenden hört, wenn man ihnen ein Buch schenkt. Aber die 14-jährige Anna strahlt! Denn man muss wissen, "Endgame" ist nicht nur ein Buch. Es ist ein Rätsel, das es zu lösen gilt. Dem Gewinner winkt ein echter Goldschatz im Wert von 500.000 Dollar, den der Autor James Frey selbst gespendet hat. "Endgame" ist der erste Band einer SciFi-Trilogie, das Internet spielt für das Buch eine große Rolle und, ja, die Filmrechte sind auch längst verkauft. Das ganz große Ding also, längst mehr als schlichte Unterhaltungsliteratur. Anna zieht sich auf jeden Fall gleich mit dem Buch in ihr Zimmer zurück, um loszulesen. Wie waren die ersten fünfzig Seiten? "Krass. Voll brutal und spannend." Aber gut, wenigstens liest das Kind.

James Frey: "Endgame. Die Auserwählten", 589 Seiten, Oetinger, 19,99 Euro

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