Lebenshilfe

„Kinder wollen nicht, dass ihre Eltern traurig sind“

Seelsorgerin Karin Seidenschnur begleitet sterbende Menschen, auch Kinder.

Die Seelsorgerin Karin Seidenschnur, 62, arbeitet in den Oberhavel-Kliniken in Hennigsdorf und Oranienburg, einem Hospiz für Erwachsene in Oranienburg und dem Kinderhospiz Sonnenhof in Pankow.

Sie bietet Begleitung und Gespräche an, im Hospiz besucht sie alle Eltern persönlich.

Frau Seidenschnur, wenn ein geliebter Mensch stirbt, zumal wenn es ein Kind ist, können Betroffene da überhaupt Hilfe annehmen?

Das ist ganz unterschiedlich. Manche möchten für den Moment Begleitung haben, wenn sie wissen: Mein Kind stirbt. Anderen ist es einfach wichtig, dass jemand im Raum ist. Da muss man nicht viel sagen, es geht mehr um die Nähe. Manche Menschen wollen in der Situation auch lieber allein sein.

Wie gehen Sie konkret mit Trauernden um?

Zunächst geht es einfach ums Dasein, Zuhören, um die Nähe. Wenn ein Erwachsener im Sterben liegt, zumal ein älterer Mensch, ist es den Verwandten oft wichtig, darüber zu sprechen, was danach kommt. Wie z. B. „Gibt es ein Leben nach dem Tod?“ Wenn Kinder sterben, ist das etwas anderes. Eltern können meist nicht über den Tod ihres Kindes sprechen, solange es noch lebt.

Wie können Sie diesen Eltern helfen?

Zunächst durch Nähe, Mitgefühl und Trost. Ich biete auch Trauergruppen für verwaiste Eltern an, doch das ist erst sinnvoll, wenn der Verlust länger als ein Jahr zurück liegt.

Warum erst nach einem Jahr?

Nicht umsonst nennt man es das Trauerjahr. Der Tod eines Kindes ist vermutlich der schlimmste Seelenschmerz, den ein Mensch erleiden kann. Wenn das Kind vor den Eltern stirbt, ist die natürliche Reihenfolge auf den Kopf gestellt. Zunächst gibt es eine Phase des Nicht-Wahrhaben-Wollens, danach sehr starke Emotionen. In einer solchen Situation ist man nicht in der Lage, in einer Trauergruppe über andere Schicksale nachzudenken. Man muss erst einmal den Bezug zum Leben wiederfinden.

Sie sind Theologin mit zusätzlicher Ausbildung als Krankenhausseelsorgerin. Warum haben Sie sich für solch eine schwere Aufgabe entschieden?

Das liegt an meiner persönlichen Geschichte. 1984 ist unsere Tochter mit elf Jahren an Krebs gestorben. Damals gab es keine Kinderhospize, Seelsorger oder Psychologen, die einen begleitet hätten. Ich war Krankenschwester im Krankenhaus, danach habe ich mich sozusagen noch einmal auf den Weg gemacht, Theologie studiert und die Ausbildung zur Seelsorgerin gemacht.

Spielt die Religion für Ihre Arbeit eine Rolle?

Für mich persönlich natürlich, ich arbeite im Auftrag der Kirche. In den Gesprächen spielt es aber für mich keine Rolle, welche Konfession jemand hat. Ich bin für alle da.

Hat man als Betroffener einen anderen Zugang zu Menschen in Trauer?

Ja, man weiß eben genau, was in ihnen vorgeht. Man kennt die Ängste. Das ist etwas, dass man nicht mitteilen kann, sondern nur selbst erfahren.

Sprechen Sie über den Tod Ihres Kindes mit anderen Betroffenen?

Nein, in der direkten Situation im Krankenhaus nicht. Bis vor einigen Jahren konnte ich das auch generell nicht. In den Trauergruppen spielt es natürlich eine Rolle. Und mittlerweile bin ich sogar dabei, ein Buch über meine Tochter zu schreiben.

Sie verarbeiten die Trauer schreibend?

Ja, das ist mein persönlicher Trauerweg. Ich kenne viele Menschen, die nach einem solchen Verlust anfangen zu malen, Bücher schreiben oder auch im Hospiz arbeiten.

Begleiten Sie auch Kinder?

Ja, natürlich. Selten sprechen jedoch die Kinder direkt über den Tod. Es hoffen wirklich alle bis zuletzt, dass es doch noch eine Wendung gibt. Bis zu einem Alter von etwa zehn Jahren können Kinder auch nicht ermessen, was Tod, die Endlichkeit bedeutet. Kinder drücken ihre Angst ganz unterschiedlich aus, oft in Aggression, oder malen. Sie ahnen oft eher, dass sie sterben müssen, aber reden darüber nicht, weil sie nicht wollen, dass die Eltern traurig sind.

Wie arbeiten Sie in den Gruppen mit den verwaisten Eltern?

Es gibt zwei Motive: den Weg und den Baum. Wir interpretieren sie als Sinnbilder: Wege, auf denen Steine liegen, der Baum des Lebens, die Jahresringe. Zugleich sind Baum und Weg starke Symbole für das Leben. Wir malen und machen viel Kreatives. Die Eltern sollen erfahren und lernen, mit diesem Verlust zu leben. Es gibt ein Leben danach, man kann sich auch irgendwann wieder freuen.

Menschen, die ein lebensbedrohlich erkranktes Kind haben, erleben oft, dass das Umfeld sich abwendet. Was raten Sie Freunden und Verwandten von Betroffenen?

Gerade andere Eltern können sich diese Situation nicht vorstellen oder haben Angst, über das Thema zu sprechen. Ich habe das auch erlebt. Man wird gemieden, man ist plötzlich nicht mehr „heil“. Doch für Betroffene ist es wichtig, darüber zu sprechen. Freunde sollten sich nicht aufdrängen, aber einfach immer mal wieder nachfragen.

Lässt sich denn Trauer so wie Glück teilen?

Ja, die Trauer schon. Das Leid dagegen nicht. Der Schmerz um den Verlust, den hat man alleine, vor allem bei einem verstorbenen Kind. Da stellt man alles in Frage, da ist die Zukunft plötzlich weggebrochen. Und selbst wenn das Kind überlebt, bleibt die Angst, dass die Krankheit wiederkehrt, für den Rest des Lebens.

Gibt es heute mehr Verständnis im Umgang mit dem Sterben und mit verwaisten Eltern?

Es wird zwar viel über den Verlust eines Kindes und Trauer geschrieben, aber auf der anderen Seite wollen gerade Jüngere mit dem Tod oft nichts zu tun haben. Zumal sie ihn ja auch nicht mehr kennen. Gestorben wird ja nicht mehr zu Hause, sondern im Krankenhaus oder im Altersheim.

Sie haben eine Tochter, die heute erwachsen ist. Hilft ein zweites Kind in der Trauer?

Einerseits helfen Kinder den Eltern über den Verlust hinweg. Aber ein Ersatz ist es natürlich nicht. Auch mein verstorbenes Kind bleibt ja mein Kind. Die Trauer bleibt ein Leben lang. Interview: Uta Keseling