Beziehungen

Sei mein Gast!

Wenn Besuch ins Haus steht, brechen viele Menschen in hektische Aktivitäten aus. Die Ungezwungenheit im Umgang mit anderen ist keine leichte Übung. Über die Tugend und die Regeln der Gastfreundschaft.

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„Kriegen wir Besuch?“, erkundigt sich der kleine Julius, ohne von seinem Legoschiff aufzuschauen, das er mit Eifer auftakelt. Verblüfft lässt seine Mutter den Wischlappen sinken, mit dem sie gerade leise fluchend die Fliesen in der Küche bearbeitet hat. „Wie kommst du denn darauf?“, fragt sie. Dass sie am Freitagabend Oma und Opa abholen würden, hatte sie ihrem Sohn doch noch gar nicht erzählt! „Weil du so doll putzt!“, gibt Julius achselzuckend zurück. Recht hat er: Zwar kommen nur die Großeltern, aber da muss die Wohnung blitzen, das Essen besonders aufwendig sein, der Tisch perfekt gedeckt, das Freizeitprogramm geplant. „Kuchen kaufen geht gar nicht. Der muss selbst gebacken sein. Die Frage ist nur: wann?“

Die Berliner Architektin Ragna S. arbeitet Vollzeit. Ihr Sohn Julius ist vier. Sie mag es durchaus, Gäste zu empfangen. Doch bedeuten Einladungen für sie auch Stress. Kompromisse, wie etwa wenigstens den Kuchen beim Bäcker nebenan zu kaufen, kommen für Ragna S. nicht in Frage. „Das ist Ehrensache“, lächelt sie matt, „und es geht doch auch um den guten Eindruck, den man hinterlassen will.“

Wer möchte nicht gern ein guter Gastgeber sein oder andersherum für einen gern gesehenen Gast gehalten werden? Gastlichkeit ist sicher auf privater Ebene für jeden etwas, das zum gelungenen Leben gehört. Doch was bringt uns dazu, das, was wir haben, auch außerhalb der Familie mit Fremden, Bekannten und Freunden gerne zu teilen – und das, was wir nicht haben, schleunigst zu beschaffen, ohne Kosten und Mühen zu scheuen?

Das Recht des Gastes, bewirtet, versorgt, geschützt und unterhalten zu werden, ist die Pflicht des Gastgebers seit Urzeiten. Vielleicht hat es in den Menschenhorde am Feuer begonnen, als einer dem hinzugekommenen Fremden das saftige Stück Fleisch gereicht hat. Damit wäre eine ursprüngliche Kulturleistung erbracht worden: Dem Fremden, der sich nähert, nicht den Schädel einzuschlagen, sondern ihn einzuladen und zu bewirten.

Und heute: Mögen wir Gäste? Wenn sie kommen oder wenn sie gehen? Und wie gestalten wir die Zeit dazwischen? Schafft es ganz selten mal einer, bis in unser Zuhause vorzudringen? Oder sind die Türen in den Berliner Single-Appartements, Altbauwohnungen und Einfamilienhäusern weit offen? Wer führt heute noch ein großes Haus? Braucht man Geld, um Gäste zu haben? Ist man zum Gastgeber geboren? Oder wird man dazu gemacht – auch von den anderen, den Gästen?

Wie eine Insel im Ozean

Wie die Rollen idealerweise besetzt sind, beschrieb die Münchener Journalistin Ursula von Kardorff so: „Ideale Gastgeber sind manchmal Verschwender, öfter Lebenskünstler und immer Menschenfreunde. Sie sind die sonnenwarmen Inseln im kaltstürmischen Ozean des Daseinskampfes. Wenn man sie zufällig besucht, finden sich meist ebenso zufällig andere Gäste ein. Stets ist der Korkenzieher in Bewegung, Fröhlichkeit belebt die Räume. Der gute Gastgeber hat etwas Königliches, gleichgültig ob sein Palast das Zelt eines Beduinen, die Hütte eines Landarbeiters, das Schloss eines spanischen Granden oder das Untermietzimmer einer Berliner Sekretärin ist.“

Und der perfekte Gast? „Öffnet die Haustür, schenkt leere Gläser voll, saust nachts in die nächste Kneipe, um Zigaretten zu holen, besänftigt Aufbrausende, holt Beleidigte von der Palme, bringt Alkohol und Tanzmusik mit, leert schließlich selbstlos, wenn alle fort sind, die überfüllten Aschenbecher, räumt die halb vollen Gläser ab und verabschiedet sich, je nach Vertrautheit, liebevoll, gemessen oder überhaupt nicht von der Gastgeberin. Er versprüht eine solche Lust, gerade hier und heute eingeladen zu sein, dass er auch mattere Gestalten mitreißt. Ein einziger idealer Gast kann alle anderen dazu machen. Er lebe hoch. Leider ist er selten.“

Den Gast umgibt etwas Magisches, Mythisches. Eine Quelle der Gastfreundschaft speist sich aus purer Angst vor dem Fremden: Wie, wenn der Unbekannte gar ein Gott wäre? Wie sich Götter prüfend in Gestalt von Fremden unter die Irdischen mischen, ist ein uraltes Motiv in antiken, jüdischen, muslimischen und germanischen Legenden. Die Geschichten von göttlichen Gästen beschreiben eine Regel: Sie warnen davor, den Fremden zu verkennen und mahnen, ihn gut zu behandeln. Der Gastgeber erfuhr im Gegenzug durch den Fremden himmlischen Segen.

Vorsicht ist geboten

Weil man nie sicher sein konnte, wer sich unter der Verkleidung des Fremden verbarg, war Vorsicht geboten. Bei Homer, Herodot, Platon und Hesiod steht der Fremde unter dem Schutz der Götter. Ovid berichtet, dass Zeus und Hermes in Gestalt müder Wanderer auf Erden unterwegs sind und überall vor verschlossenen Türen stehen. Nur Philemon und Baucis, die beiden Alten, bewirten die verkleideten Götter in ihrer ärmlichen Hütte. Zeus und Hermes bedanken sich für die herzliche Aufnahme und belohnen Philemon und Baucis für ihre Redlichkeit: Als eine Sintflut das Land überschwemmt, bleibt allein ihre Hütte verschont.

Auch Jesus war Gast: „Ich habe Hunger gehabt und ihr habt mich gespeist, ich habe gedürstet und ihr habt mich getränkt, ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen“, sagt Jesus zu den Gerechten. Und auf deren Frage, wann das gewesen sei, antwortet er: „Was ihr einem von diesen geringsten unter meinen Brüdern getan habt, das habt ihr mir getan.“ Gastfreundschaft ebnet den Weg zum Himmel: Denen, die Jesus in der Person des Nächsten aufgenommen haben, wird das Himmelreich versprochen, den anderen die Hölle. Großes Vorbild in Sachen Gastfreundschaft ist auch Mohammed, der Prophet. Er hatte einen tönernen Topf, der so schwer war, dass mehrere Männer ihn tragen mussten. Jeden Morgen nach dem Gebet lud er die Gemeinde ein, mit ihm zu essen. Je mehr Leute kamen, desto enger wurde der Platz um den Topf herum. Dann kniete der Prophet sich hin und dadurch wurde der Platz für weitere Gäste noch größer – ein besonderes Zeichen seiner Gastlichkeit .

Bis heute sind die Gefühle, die sich mit der Ankunft des Fremden einstellen, zwiespältig geblieben. Das Bedeutungsspektrum des Wortes „Gast“ reicht vom freundlichen Aufnehmen bis zur feindlichen Abweisung. Der germanische gast, der schwedische gäst, der altenglische giest wie auch der russische gost – sie alle entspringen der indogermanischen Sprachwurzel ghostis, mit der unsere Altvorderen noch Gegner und Gast gleichermaßen bezeichneten. Im Lateinischen entwickelte sich daraus sowohl hostis als Bezeichnung für den Feind und Gegner als auch hospes für den Gast. Erst im ausgehenden Mittelalter erhält das Wort im Deutschen seinen ehrenden Sinn. Damals begannen die Bürger auch, ausgesuchte Gäste zu sich zu bitten, und hießen sie willkommen.

Vom Gegner zum Gast

Eine neue Art von Geselligkeit entstand in den 1970er-Jahren: Die Feten der Wohngemeinschaften entwickelten ein unbefangenes Ritual. Man wurde nicht direkt eingeladen, sondern es sprach sich herum, dass eine Fete steigt. Freund oder Freundin konnte man mitbringen, mit Gastgeschenken oder pünktlichem Erscheinen rechnete ohnehin kein Gastgeber. Niemand wurde vorgestellt und alle duzten sich. In der Küche stand ein riesiger Topf Borschtsch auf dem Feuer, wahlweise Chili con Carne. Retsina dazu – fertig. Der kulinarische Aufwand, das Gastgeberzeremoniell hielt sich in Grenzen. Ähnlich zwanglos der Übernachtungsbesuch. Durchreisenden, die sich auf die vage Bekanntschaft mit einem Freund der jüngeren Schwester oder dem Bekannten eines Ex-Mitbewohners beriefen, wurde ohne viel Umschweife das Bett des momentan verreisten Mitbewohners angeboten.

Mit muffigen Manieren und als heuchlerisch empfundenen Höflichkeiten wollten die 68er aufräumen. Dabei ist auch einiges auf der Strecke geblieben, was früher den Umgang mit Gästen erleichtert hat. Trafen sich Fremde am Tisch, stellte sie der Gastgeber einander vor. Der bemühte sich auch, das Gespräch in Gang zu halten, und achtete darauf, dass jeder Gast zur Geltung kam. Förmliches Vorstellen und Begrüßen mögen ja gekünstelt wirken – aber jedenfalls weiß jeder Gast sogleich, wen er vor sich hat, und kann ein Gespräch anknüpfen. Gastgeber, die etwas davon verstehen, wie man wildfremde Menschen miteinander bekannt macht, haben die interessanteren und begehrteren Einladungen zu vergeben.

Umgangsformen wie auch Gastfreundschaftsrituale entspringen dem Bedürfnis nach Sicherheit: Wer sich daran hält, gibt zu erkennen, dass er sich den Spielregeln beugt, weil er dazugehören will. Denn in einer tieferen Schicht schwelt das Misstrauen vor dem möglichen Gegner im Gast weiter. Wie instabil die Beziehung zwischen Gast und Gastgeber ist, zeigt die übliche Abschiedsfloskel: „Wir werden uns revanchieren.“ Und Revanche heißt Rache.

In unzähligen Redewendungen kommt die Ambivalenz dem Gast gegenüber noch zum Ausdruck. „Esst und trinkt, aber schneidet nicht so große Stücke“ oder „Esst und trinkt und seht euch satt“, wird der Gast im Berlin der Zwanziger Jahre aufgefordert. In der Eifel sagt man: „Hast du einen Gast, so gib ihm was du hast. Ist er ein Mann von Ehr, so verlangt er nicht mehr.“ Kurze Besuche, so die einhellige Meinung in nahezu allen europäischen Redensarten, verlängern die Freundschaft. Denn: „Gäste und Fische“, so ist von Italien bis Dänemark verbürgt, „stinken nach drei Tagen“.

Mitarbeit erwartet

Wochen- und monatelange Gastfreundschaft, wie sie bei Griechen und Römern und auch gelegentlich bei Germanen vorkam, konnte nur ein sehr reicher Gastgeber bieten. Das Gastrecht war fast überall auf zwei bis drei Nächte und die Tage dazwischen begrenzt. Der in vielen Varianten belegte Satz „Zwei Tage Gast, vom dritten Tag an Hausgenosse“ schützt den Gastgeber, der nach germanischem Recht für das Tun und Lassen eines Gastes, den er länger als zwei Tage beherbergte, rechtlich zur Verantwortung gezogen werden konnte. In der Türkei gilt noch heute, dass dem Gast Tür und Tor geöffnet werden muss und nichts verweigert werden darf. Am Ende des dritten Tages jedoch wird ihm der Spaten in die Hand gedrückt.

Gastfreundschaft haben Menschen schon immer eingesetzt, um Einfluss zu erlangen, Geschäfte einzufädeln, Verbündete zu gewinnen und Feinde zu versöhnen. Es gibt aber noch ein ganz einfaches, zutiefst menschliches Motiv: Gastfreundschaft ist der beste Weg, Einsamkeit zu verhindern oder zu überwinden. Wer Freunde finden und behalten will, muss sie einladen.

Doch einen einheitlichen Umgang mit Gästen gibt es auf unserem Kontinent nicht, weder historisch noch kulturell. Menschen halten es sehr unterschiedlich, was sie mit Gastlichkeit verbinden. Für Burkhard Liebsch, Professor für Philosophie an der Ruhr-Universität Bochum, ist der Begriff der Gastlichkeit in Europa stark ökonomisiert, beispielsweise in der Hotellerie, die mit Gastlichkeit wirbt, aber ein Geschäft meint – also eigentlich zutiefst ungastlich ist. Die private Gastlichkeit in unserer modernen Gesellschaft sei eine Art Lebenskunst für Besserlebende, ohne weitere Verpflichtung, eine freiwillige Handlung für begrenzte Zeit. „Fühl dich wie zu Hause“ – dieser Satz ist ebenso schnell gesagt wie zurückgenommen, wenn sich der Gast dann wirklich wie zu Hause verhält und das dem Gastgeber missfällt.

Einladung an Menschen in Not

Dass man sich in Deutschland überhaupt wieder mit Gastlichkeit befasst und um ein gemeinsames Vorgehen beispielsweise in der Asylfrage ringt, deutet Burkhard Liebsch so: „Das, was mit dem Nationalsozialismus verbunden ist und der Herrschaft, die er über uns gehabt hat, über Europa, da kann man von einer Erfahrung der Ungastlichkeit sprechen in einem sehr radikalen Sinne, und das ist eine Provokation für das Nachdenken über Gastlichkeit heute.“ Aber sind die Flüchtlinge, die in Europa um Asyl bitten, überhaupt Gäste? Wurden sie eingeladen? „Ja“, sagt Daniel Schmicking, Philosoph an der Mainzer Johannes-Gutenberg-Universität. „Auf rechtlicher Ebene gibt es natürlich so etwas wie eine Einladung, denn wir sagen natürlich, dass Menschen, die wirklich bestimmte Bedingungen erfüllen, aufgenommen werden sollen, also Asyl erhalten. Insofern gibt es immer so etwas wie eine Einladung und auch dann, wenn man dieses Einladung gar nicht ausgesprochen hat.“ Eine Bevölkerung müsse aber auch eine menschliche Qualität mit hineingeben. „Dahinter steht ja auch die Idee, dass eine Kultur ohne Gastlichkeit monolithisch wird und ihre Dynamik verliert.“

Ist uns die Lust am Gästehaben teilweise abhanden gekommen? Was ist dran an der Klage über mangelnde oder mindestens komplizierte Gastfreundschaft? Stellt man sich beim Einzug in die neue Wohnung noch bei den Nachbarn vor, wird man auf ein Glas hereingebeten? Wird der neue Mitarbeiter, frisch zugezogen, von seinen Kollegen nach Hause eingeladen? Wird der Freundin auf der Durchreise das Sofa zur Nacht gerichtet oder sucht sie sich gleich ein Hotelzimmer, weil sie „um Gottes willen keine Umstände“ machen will? Die junge Familie, die seit kurzem in der Straße wohnt – kann sie sich vor Einladungen der anderen Familien zum Grillfest kaum retten? Und der Bekannte, der mal eben herein schneit, unangemeldet, mit leeren Händen – wie wird er aufgenommen?

Überraschungsbesuch ist selten

Oft genug verharren wir in Distanz, besuchen einander nur nach Anmeldung und laden nur nach reiflicher Überlegung und umfangreicher Vorbereitung alle Jubeljahre ein paar enge Freunde zum Abendessen ein. Wir reagieren verstimmt auf unerwarteten Besuch, räumen klammheimlich die Wolldecke vom Sofa und schalten den Fernseher aus, wenn es abends plötzlich klingelt – was ohnehin immer seltener überraschend passiert.

Gäste können stören. Sie setzen den Alltag außer Kraft. „Einerseits hat man es gerne, wenn überhaupt noch Gäste kommen, andererseits ist man froh, wenn sie das Haus verlassen haben. Denn Gäste machen Unordnung, nehmen die Dinge nicht ernst, mit denen man lebt, stellen Forderungen, reden zu viel, geben falsche Ratschläge und benehmen sich insgesamt so, dass man lieber auf sie verzichtet“, so der Schriftsteller Reinhard Lettau in einem boshaft schillernden Lamento über den Gast. Gäste, so heißt es auch in einem afghanischen Sprichwort, machen doppelt Freude: wenn sie kommen und wenn sie wieder gehen.

Hoffentlich überwiegt die Freude den Aufwand. Denn: Mit dem Gast pflegt man auch die Freundschaft. Wenn man aufhört, sich gegenseitig einzuladen, werden aus Freunden wieder Bekannte, aus entfernt Bekannten wieder Fremde. Mehr noch: Wer Gäste erwartet, betrachtet sein Heim mit den Augen der Anderen – und nimmt vielleicht nur deshalb den überfälligen Hausputz in Angriff, den er ohne Gäste auf den Sankt-Nimmerleins-Tag verschoben hätte. Gäste haben etwas Gutes: Sie wollen unser Bestes, und das kriegen sie auch.