Pädagogik

„Es wird viel geredet, aber nicht über das, was wichtig ist“

Anja Koeseling, Autorin von „Schlachtfeld Elternabend“, erklärt, warum die abendlichen Zusammenkünfte von Müttern und Vätern in Schulen und Kitas so oft aus dem Ruder laufen.

Foto: Eden Books

„Schlachtfeld Elternabend“ lautet der Titel des Buches, das die Autorinnen Anja Koeseling und Bettina Schuler vor kurzem herausgegeben haben. Es handelt von Spickzetteln, Läusen, schlimmen Lehrern und noch schlimmeren Eltern. Wir wollten wissen: Warum, bitteschön, arten Elternabende so häufig in einen Klassenkampf aus? Anja Koeseling hat geantwortet.

Berliner Morgenpost: Ihr Buch trägt den Untertitel: „Unzensierter Frontbericht von Lehrern und Eltern“. Wer sind denn, um in Ihrer Sprache zu bleiben, die „Kriegstreiber“, die Elternabende so unerträglich machen?

Anja Koeseling: Bei Elternabenden kommt eins zum anderen. Da sind auf der einen Seite Eltern, die ihr Kind als das Wichtigste betrachten und darüber die Agenda genauso ignorieren wie die Bedürfnisse der anderen Anwesenden. Und auf der anderen Seite Lehrer, die Elternabende mehr oder weniger absitzen und nur zu gern das Wort dem Elternvertreter überlassen.

Warum eigentlich?

Die Stellung des Lehrers hat sich verändert. Früher hatten Schüler wie Eltern Respekt. Heute erhebt man das Wort gegen den Lehrer, hat mehr Macht. Immer häufiger wird sogar geklagt. Da haben die Lehrer natürlich Angst, etwas falsch zu machen und ihren Job zu verlieren, und sichern sich ab. Der Schulalltag ist anstrengend geworden, viele Lehrer fühlen sich überfordert.

Aber die Eltern fühlen sich mit den ausufernden Diskussionen ja auch nicht wohl...

Allerdings. Es wird viel geredet, aber leider nicht über das, was die Eltern wirklich bewegt. Das Thema Ernährung etwa ist ein Dauerbrenner. Das ist ja auch wichtig: Viele Kinder sind heute von 7 bis 18 Uhr außer Haus. Aber dafür sehen sich die Lehrer nicht zuständig. Dann gibt es die Läuse, die nie jemand hatte. Und dann natürlich die Organisation der Klassenfahrt. Mein eigener schlimmster Elternabend begann um 19 Uhr und endete um 23.15 Uhr. Meine Tochter war damals in der 6. Klasse und es ging um das Thema Drogen – obwohl keines der Kinder Drogen genommen hatte.

Was, glauben Sie, liegt Eltern denn tatsächlich am Herzen?

Sie wollen mehr in den Alltag ihrer Kinder einbezogen werden, eben weil die Kinder und häufig auch sie selbst lange außer Haus sind. Und sie machen sich Sorgen um Zensuren und wegen des Leistungsdrucks. Sie sehen, dass ihre Kinder Ängste haben und keine Zeit mehr für Hobbys. Aber das traut sich ja keiner offen zu sagen, weil er Nachteile für sein Kind befürchtet. Es wäre gut, wenn sich Eltern unabhängig beim Stammtisch treffen würden. Im Anschluss könnte der Elternvertreter solche Themen im Namen aller zur Sprache bringen.

Trägt auch das Schulsystem zu der Unzufriedenheit bei, die sich auf Elternabenden Luft macht?

Definitiv. Wir leben in einer Gesellschaft, in der alle, die nicht gesund und leistungsfähig sind, auf der Strecke bleiben. Daher wird in der Schule vor allem versucht, vermeintliche Schwächen auszugleichen, anstatt die Stärken zu fördern. Das führt dazu, dass auf die Bedürfnisse des Einzelnen zu wenig eingegangen wird. Und dann ist der Schulstoff viel zu viel. Die Lehrpläne müssten dringend überarbeitet werden. Chemie, Physik in all den Details – wer braucht das heute noch? Das ist doch was fürs Studium.

Immer mehr Eltern klagen, dass ihre Kinder das Pensum kaum mehr allein bewältigen...

Oh ja. Eltern müssen sehr viel helfen, von Plakaten für Vorträge bis hin zur Vorbereitung von Tests. Und dann brüten viele Gymnasiasten trotzdem noch bis zwei Uhr nachts über den Aufgaben. Wenn Eltern so etwas erleben, müssen sich Lehrer nicht wundern, dass Mütter und Väter auf Elternabenden den Mund aufmachen und sich einmischen.

Sie haben eine Eltern- und Lehrer-Typologie entworfen. Welche Spezies ist denn besonders, sagen wir mal, auffällig?

Besonders schlimm sind die Helikopter-Eltern, die meist in verantwortungsvollen Jobs sind und daher gewohnt, Anweisungen zu geben und Angestellte zu kontrollieren. Daher mischen sie sich auch im Privatleben ständig ein. Ganz schwierig ist auch die Alleinerziehende. Sie ist eine Einzelkämpferin und agiert wie eine Löwenmutter. Sie ist die größte Gefahr für die Lehrer. Harmlos dagegen sind die Eltern in klassischer Rollenverteilung, die wir „Vorstadt-Eltern“ nennen, und die „Chantal-Eltern“, die kein Interesse haben. Beide sind nicht aufmüpfig und fallen daher nicht auf.

Und was ist mit den Lehrern?

Unangenehm sind die autoritären Oberstudienräte, die nur ihre Eliteschüler und deren Eltern im Fokus haben. Alle anderen sind für sie unsichtbar. Das sorgt natürlich für Ärger. Und es gibt die Lehrer, die noch nie besonders sozial und engagiert waren – oder die im Schulalltag abgestumpft sind. Das Problem bei diesen Fällen: Auch sie können es Schülern und Eltern nicht recht machen, weil deren Bedürfnisse zu kurz kommen – nicht nur beim Elternabend.

Wird es eigentlich schlimmer auf Elternabenden, je älter die Kinder werden, oder besser, weil diese ihre Probleme selbst lösen?

Erst mal ändern sich nur die Themen. Ab der 10. Klasse gab es bei mir dann plötzlich keine Elternabende mehr. Und ich sage Ihnen: Das ist auch schwierig! Dann haben die Eltern kein Forum mehr außer Einzelgesprächen, aber die Kinder werden trotzdem von den Lehrern nicht für voll genommen.

Ihre Überlebensstrategie für Elternabende?

Eltern sind erfinderisch: Knobeln, wer dran ist, Handyspiele mitnehmen oder Rotwein in der Thermoskanne – alles geht. Aber mal im Ernst: Vieles wäre besser, wenn sich alle an den Themenplan hielten und Rücksicht auf die anderen nähmen. Etwas Anerkennung für den Lehrer hier und da kann auch nicht schaden. Das ist ein harter Job.

Zum Weiterlesen: Bettina Schuler, Anja Koeseling (Hg.): Schlachtfeld Elternabend. Eden Books, 9,95 Euro