Pädagogik

Abenteuer Elternabend

Helikopter-Mütter und überengagierte Väter: Sie gibt es nicht nur in Sönke Wortmanns neuem Film „Frau Müller muss weg!“ Jeder kennt sie aus Schule und Kita. Wir erzählen die besten Anekdoten.

Foto: Constantin Film

Frau Müller heißt sie und ist der Fleisch gewordene Elternschreck. Weil die Pädagogin nicht mit guten Noten um sich wirft, steht die Karriere der lieben Kleinen am Gymnasium auf der Kippe. Die Eltern wissen sich nur einen Rat: Frau Müller muss weg! Das ist auch der Titel von Sönke Wortmanns neuem Film, der gerade im Kino angelaufen ist. Eine herrliche Schulkomödie, die vor allem eines nahelegt: dass nämlich die Klassenlehrerin das geringste Problem ist. Vielmehr sind es die Mütter und Väter selbst, die plötzlich in schlechtes Licht geraten, wenn ihnen Frau Müller – und sie sich gegenseitig – den Spiegel vorhalten.

Ort des Eltern-Aufstands in Wortmanns Film ist eine Grundschule in Dresden. Es könnte aber auch eine Kita oder eine Schule in Berlin sein. Denn solche Schicksalsgemeinschaften, die sich in abendlichen Stuhlkreisen bilden, kennen wir – so oder so ähnlich – alle: leistungsbesessene Helikopter-Eltern, alleinerziehende Löwenmütter, rechthaberische Manager-Väter, betuliche Öko-Freaks. Wenn die verschiedenen Weltanschauungen und sozialen Milieus aufeinandertreffen, entwickelt sich mitunter eine fatale Gruppendynamik, die Nerven kostet, viel Zeit – und am besten mit Humor zu ertragen ist. Daher: Lachen Sie mit uns! Hier finden Sie die besten Anekdoten von Müttern und Vätern aus der Redaktion. Die Namen der Autoren haben wir vorsichtshalber geändert – damit der nächste Elternabend nicht gleich in Unfrieden beginnt...

Blitzlicht aufs Weidenkörbchen

Eines der skurrilsten Erlebnisse, das ich beim Elternabend je gehabt habe, war die Diskussion über einen Fotografen. Als mein Kind fast zwei war, wurden in der Elternabend-Runde in der Kita drei verschiedene Musterset-Mappen herum gegeben. Letztlich wurde dann von der Kitaleitung für die gesamte Einrichtung ein Motiv entschieden. Die Kinder sollten an einer Strickleiter hangeln oder sich zumindest festhalten und dabei natürlich nett und entspannt gucken. Das mag für Drei- bis Fünfjährige eine super Sache sein, doch den Eltern der Jüngsten kamen dann doch Zweifel.

Wie sollen Kinder im Alter von ein bis zweieinhalb Jahren eine solche Aufgabe bewältigen, wandten wir ein. Doch, das ginge schon, man möge doch bitte Vertrauen haben, hieß es. Wie sich zum Fototermin zwei Wochen vor Weihnachten herausstellte, ging es natürlich nicht. Die Kleinen wurden flugs in einem mit Fell ausgelegten Weiden-Hundekörbchen platziert, was auch nicht wirklich passte. Leider war man auch noch gezwungen, ein komplettes überteuertes Bilderset zu nehmen, um wenigstens ein einziges Gruppenfoto zu erhalten. Und ich fragte mich: Wozu haben wir beim Elternabend eigentlich überhaupt (und dann auch noch so lange) über das Thema diskutiert? Sandra Weiß

Weg mit der Zwangsjacke!

Denke ich an meinen ersten Elternabend, fallen mir als erstes die Stühle ein – diese etwa dreißig Zwergenstühlchen, die ich erblickte, als ich das Klassenzimmer betrat, in dem die abendliche Versammlung stattfinden sollte. Auf einem von ihnen saß vormittags meine kleine, zarte Tochter. Jetzt zwängten sich enorme Hintern auf diese Stühlchen. Enorme Körper probierten Stellungen aus, die geeignet wären, die nächsten zwei Stunden zu überstehen. Ein Quengeln und Schnaufen lag in der Luft. Ich bin fest überzeugt davon, dass viel von dem Zank und Streit, der sich in den folgenden Jahren immer mal wieder Luft machte bei diesen Elternabenden, von der zwangsjackenhaften Lage herrührt, in der sich die armen Eltern befanden. Darum lautet mein Rat: Erwachsene Stühle für erwachsene Menschen! Thomas Lauer

Klassenfahrt mit Hindernissen

Es ist der Elternabend vor der ersten Klassenreise, dritte Klasse. Die Eltern sind aufgeregt, es wird heftig diskutiert, ob zwei Lehrer und eine Erzieherin wirklich die Betreuung sichern können. Die meisten Mütter zweifeln. Die eine: „Also mein Jannick kann nur einschlafen, wenn Licht brennt.“ Eine andere: „Also die Lara möchte immer Nudeln ohne Soße essen.“ Und noch eine: „Also die Anna muss jeden Tag einmal mit mir telefonieren können.“ Und, und, und. Die Lehrerin atmet schwer. Bleibt aber ruhig und zieht einen Stapel Zettel aus der Tasche. „Ich habe mal ein paar Dinge aufgeschrieben, die die Kinder mitnehmen sollten.“ Rucksack, Taschenlampe, Kuscheltier, einen Waschlappen... Entrüstet meldet sich eine Mutter zu Wort: „Ein Waschlappen für eine ganze Woche? Das finde ich wirklich unhygienisch.“ Sarah Rausch

Klage gegen die Kitaleitung

Kinder können ja schon laut und anstrengend sein, aber ihre Eltern finde ich noch deutlich schwerer zu ertragen. Viele Mütter und Väter sind so unglaublich überzeugt von ihrem tadellosen Verhalten und ihren Erziehungsmethoden, und auf welchen Thron sie erst ihre Kinder heben! Selbst dann noch, wenn die sich völlig daneben benehmen. Auf Elternabenden setzt sich das fort, was ich häufig auf Spielplätzen beobachte. Nur, dass es da nicht um das Klauen von Sandspielzeug und den richtigen Umgang damit geht, sondern besonders gern um das Thema Ernährung.

Mein Sohn ist jetzt fast sechs, und in seiner Kita in Charlottenburg waren viele Eltern mit Uni-Abschluss und Doktortitel, die gern mit ihrem Wissen protzten. Am schlimmsten war ein Vater, der irgendeine wichtige Position in einer Bank hatte. Zum Elternabend brachte er immer seinen Aktenkoffer mit und wollte das Treffen wie eine Sitzung unter Managern gestalten. Eines Tages forderte er die Elternschaft auf, die Kita wegen Körperverletzung zu verklagen. Warum? Die Kinder bekamen einmal in der Woche, immer montags, Cornflakes zum Frühstück. „Da ist so viel Zucker drin, das ist unverantwortlich!“, regte er sich auf. Einige Eltern gaben ihm recht, aber eine Anzeige wollte keiner. Daraufhin verfasste der Vater einen offenen Brief, in dem er drohte, sich an den Kinderschutzbund zu wenden, wenn die süße Pause nicht abgeschafft werde.

Ansonsten erlebe ich Väter entspannter als Mütter. Sie gehen auch mal politisch unkorrekt mit ihren Kindern um. Aber Ansammlungen von Eltern, egal, ob Mütter oder Väter, versuche ich zu vermeiden. Daniela Harnisch

Allein unter Eltern

Seit 17 Jahren gehe ich nun schon zu Elternabenden, seit gut zehn Jahren bin ich als Mutter von vier Kindern auch Elternvertreterin. Ich habe es nicht ständig mit Muttis und Vatis zu tun, die irre Sachen wissen wollen oder dämliche Vorschläge machen. Mir macht eher Sorgen, dass immer weniger Leute zu Elternabenden erscheinen. Und dass es kaum Interessenten gibt, wenn es um die Besetzung kleiner Posten geht. Nur an eine schräge Begebenheit aus der Grundschulzeit kann ich mich noch erinnern. Da wurde tatsächlich sehr engagiert darüber diskutiert, ob es besser sei, für den Deutschunterricht rote oder blaue Hefter zu benutzen. Aber mir ist es allemal lieber, die Eltern machen sich vielleicht etwas abwegig erscheinende Gedanken, als wenn ihnen alles egal ist, was mit ihren Kindern in der Schule geschieht. Sabine Herzog

Ein Höllenjob

Schweigen in der Runde. „Wer von Ihnen, bitte, führt denn nun die Klassenkasse, liebe Eltern?!“ Die Aufforderung der Klassenlehrerin ist deutlich. Mancher blickt auf sein Handy, andere fangen mit Maniküre an, die meisten Eltern gucken Löcher in die Luft. „Gut, dann sammeln wir jeden Kleinbetrag von den Kindern einzeln ein.“ Stöhnen. „Okay, ich melde mich freiwillig“, entweicht es meinen Lippen. Oh Gott, ich habe mich gerade zur Übernahme des schlimmsten Jobs bereit erklärt! Applaus brandet auf und alle sind erleichtert, dass sich ein Blöder gefunden hat. Es sollte genauso nervenaufreibend werden, wie ich es mir vorgestellt hatte. Manche Eltern mussten dreimal gemahnt werden, die popeligen zehn Euro im Jahr zu zahlen. Andere behaupteten, schon überwiesen zu haben, und wir forschten lange, um einen Zahlendreher in der IBAN zu finden. Die Klassenkasse – ein Höllenjob! Timo Johann

Bloß kein Fluor in der Zahnpasta

Der Magen des Vaters rechts knurrt, die Mutter links malt konzentriert ein Bierglas auf den Block, den sie auf ihren Knien hält. Voller Optimismus tauschen wir Blicke und Gesten aus: Vietnamesisch? Jetzt gleich? Die Tagesordnung ist abgearbeitet, es ist noch nicht einmal neun Uhr, und das, obwohl der Vater gegenüber gleich am Anfang den Zeitplan um ungefähr eine Viertelstunde nach hinten verschoben hat – mit seinem Vortrag darüber, dass ein viel beschäftigter Anwalt wie er eigentlich überhaupt keine Zeit für Elternabende hat. Die Diskussion über die Kitareise ging überraschend problemlos über die Bühne, Sveas Mutter hielt ihren Vortrag über die Nussallergie ihrer Tochter diesmal erstaunlich kurz, und sogar die Frage, ob bei der nächsten Aufführung auch die Großeltern eingeladen werden sollen, konnte innerhalb weniger Minuten geklärt werden.

Die Erzieherin klappt ihre Mappe schon zusammen, blickt noch einmal in die Runde und sagt: „Das war’s dann ja wohl. Oder gibt’s noch irgendwelche Fragen?“ Das ist der Moment, auf den Avas Mutter wahrscheinlich schon den ganzen Abend gewartet hat. „Ich will euch ja nicht länger als nötig aufhalten“, sagt sie und die anderen Eltern seufzen, denn sie wissen, was jetzt kommt – die Diskussion über die Frage: Darf die Zahnpasta, die die Erzieherinnen für alle Kinder einkaufen, Fluor enthalten oder nicht? Als wir eine gute Stunde später im Restaurant ankommen, macht die Küche gerade zu. Aber immerhin gibt es jetzt einen Beschluss zur Zahnpasta. Die Kinder putzen ohne Fluor. Bis zum nächsten Elternabend jedenfalls. Christiane Hubert

Nicht reden, lieber machen!

Es muss Bio sein. Es muss gesund sein. Es muss nicht durchweg fleischlos sein. Immerhin darin waren sich die Eltern auf dem Kita-Elternabend meines Sohnes einig. Aber wie die Burger und Pommes liebende Rasselbande davon überzeugen, dass mittags was Gesundes auf den Tisch kommen soll? „Lass dir mal was einfallen“, so die leicht schadenfrohe Aufforderung meiner Frau. Wer grundsätzlich nicht zu Elternabenden geht, weil es angeblich die Arbeitszeit nicht zulässt, der wird eben in die Küche verdammt.

Meine Strategie stand schnell fest: Versuch’s nicht mit Argumenten. Tricks die kleinen Teufel aus! Von meiner Großmutter hatte ich ein Rezept für Grünkern. Schrotet man den grob, lässt ihn in Fleischbrühe quellen und hält sich anonsten an herkömmliche Bulettenrezepte, ist der Geschmack von einem echten Fleischklops kaum zu unterscheiden. Ich war gespannt, wie die Kids (und ihre Eltern!) auf den Kita-Burger, mit eingelegter Spreewald-Gurke, Salatblatt, Tomate, Zwiebeln reagierten. Zur Sicherheit stellte ich noch einige Flaschen Ketchup auf den Tisch.

Die stundenlange Arbeit in der Versuchsküche hat sich gelohnt. Während andere Eltern schon Tage vor ihrem Küchendienst bei den Kindern nach ihren Wünschen fragten – und doch oft auf keinen Nenner kamen - gab’s auf meine Nachfrage aus vierzehn Kinderkehlen den Gourmet-Schrei: „Kiiitaaa-Börrrger!“ Wolfram Steiner

...und noch ’ne Flasche Rotwein

Es war mein erster Elternabend. Nach zwei Jahrzehnten saß ich wieder in einem Klassenzimmer und obwohl es früher Abend war, überfiel mich nach einer Weile das gleiche bleierne Gefühl wie damals im Unterricht. Die Lehrerin hielt einen tapferen, aber leider nicht mitreißenden Vortrag über das, was auf uns Eltern von Schulanfängern zukommt. Kurz bevor mir die Augen zufielen, hörte ich neben mir ein „Plop“. Ich schaute auf und sah zwei grinsende Väter, die sich unter dem Tisch Rotwein in Plastikbecher schütteten.

Mir fiel mein früherer Mitschüler Peter ein, der in der Englischstunde unter der Bank immer eines dieser Arztroman-Groschenhefte las. Ich habe Peters Leidenschaft dafür nie verstanden, wunderte mich aber, dass es ihm trotzdem gelang, in den Arbeiten fast regelmäßig eine Zwei zu schreiben. Irgendwann ertappte ihn allerdings die Lehrerin. Seine Mutter wurde einbestellt, ich habe ihn danach nie wieder einen Arztroman lesen gesehen.

Die beiden erwachsenen Männer neben mir taten in der Zwischenzeit auch alles dafür, dass sie mit ihrem Weinkonsum nicht auffielen. Was aber, nachdem auch eine zweite Flasche geöffnet wurde, immer schwerer wurde. Die Väter kicherten jetzt öfter, was so gar nicht zu dem ernsten Gesicht der Lehrerin vorne passte. Sie redete noch etwa eine Stunde, dann war auch die zweite Flasche leer getrunken. Die beiden Männer verließen das Schulgebäude entspannt. Daniel Jäger