Pädagogik

„Mann zu sein, ist noch keine pädagogische Qualifikation“

Psychologe Holger Brandes spricht im Interview über Rollenstereotype und den unterschiedlichen Erziehungsstil von Männern und Frauen.

Foto: EHS Dresden

Erziehen Männer Kinder anders als Frauen? Der Psychologe und „Männer-Experte“ Prof. Dr. Holger Brandes, 62, Rektor der Evangelischen Hochschule für Soziale Arbeit Dresden, hat dazu für das Bundesfamilienministerium eine Studie durchgeführt. Rollenstereotype werden danach in erster Linie von den Kindern selber an die Erwachsenen herangetragen. Wir sprachen mit ihm über diese und andere überraschende Erkenntnisse.

Berliner Morgenpost: In der Praxis wird der Ruf nach mehr männlichen Erziehern in Kitas immer lauter. Dabei haben Sie gerade herausgefunden, dass sich Männer und Frauen in der täglichen Arbeit mit Kindern gar nicht unterscheiden...

Holger Brandes: Vergleicht man männliche und weibliche Fachkräfte, so gibt es hinsichtlich der pädagogischen Qualität ihrer Arbeit tatsächlich keine Unterschiede. Männer neigen aber zu anderen Aktivitäten mit Kindern als Frauen. Sie arbeiten lieber mit Hammer und Nägeln als mit Wolle und Perlen. Sie raufen und toben und fördern den Wettkampf. Zusammenfassend kann man schon sagen, dass jedes Geschlecht seine Vorlieben in die Arbeit einbringt.

Auch Mädchen toben gerne oder arbeiten mit Holz. Welche Rolle spielt das Geschlecht der Kinder? Behandeln Erzieher die Kinder tatsächlich abhängig von ihrem Geschlecht?

Ja, in der Art der Kommunikation schon. Mit Jungen wird beispielsweise mehr sachlich-funktional gesprochen, mit Mädchen eher über Persönliches.

Kurioserweise hat die Studie gezeigt, dass es die Kinder selber sind, die genau diese Rollen-Stereotype von den Erziehern erwarten.

So kurios finde ich das überhaupt nicht. Ab dem dritten Lebensjahr differenzieren Kinder bewusst nach dem Geschlecht. Das heißt, sie schreiben Frauen Eigenschaften wie Kuscheln und Haare machen zu und Männern Hämmern oder Toben. Sie suchen nach Eindeutigkeit, weil ihnen das die Orientierung in der Welt erleichtert. Und sie verführen die Erwachsenen dazu, sich entsprechend zu verhalten.

Dabei sind Eigenschaften nicht geschlechtsabhängig. Woran liegt es, dass die Stereotype in den Kindern so fest verwurzelt sind?

Das ist tatsächlich ein Phänomen. Kinder bestärken sich gegenseitig in diesen Rollenklischees. In der Gruppe entwickeln sie schon früh eigene Jungs- und Mädchenwelten. Nehmen Sie einen Dreijährigen, der zu Hause fast nie mit Autos spielt. Wenn er im Kindergarten auf andere Jungs trifft, werden Sie merken, wie schnell er deren Vorliebe übernimmt und auch zu Hause Autos einfordert.

... und Mädchen Barbies. Wie groß ist der Einfluss der Spielzeug- und Filmindustrie?

Kinder adaptieren solche Rollenmuster natürlich auch aus Filmen und Büchern. Letztlich ist die Welt in immer gleicher Weise geschlechtlich strukturiert, und die Kinder übernehmen diese Muster.

Der Mann als Ritter, die Frau als Anziehpuppe. Hinken solche Stereotype der gesellschaftlichen Realität nicht weit hinterher?

Ja und Nein. Wir haben heute ein Nebeneinander ganz unterschiedlicher Geschlechterbilder. Auf der einen Seite einen bewussten Abbau alter Geschlechterklischees, andererseits eine Bilderwelt, in der genau diese Klischees immer wieder reproduziert werden. Nehmen Sie den Film „Pretty Woman“. Dieser Film ist jetzt 24 Jahre alt und strotzt nur so von überholten Rollenklischees. Trotzdem ist die moderne Version der Aschenputtel-Geschichte immer noch Kult.

Wie wichtig ist es vor diesem Hintergrund für die Entwicklung eines Kindes, dass es mit Vater und Mutter aufwächst?

Ich glaube, dass es ein Vorteil ist, wenn Kinder mit beiden Elternteilen aufwachsen. Es gibt in der Entwicklungspsychologie viele Studien, die belegen, wie wichtig der Einfluss des Vaters ist. Ich warne aber vor dem Pauschalurteil, dass Jungs, die ohne Vater aufwachsen, zwangsläufig Schaden nehmen müssen. Studien haben nämlich auch gezeigt, dass es alleinerziehenden Müttern häufig gelingt, die Lücke zu schließen. Sie kennen die Bedürfnisse ihrer Kinder, gehen selber mit den Jungs toben oder organisieren Ersatz für die Väter.

Sie sehen also keinen Zusammenhang zwischen der größer werdenden Gruppe der Problemjungs und der Abwesenheit der Väter?

Die „vaterlose Gesellschaft“ hat es auch schon nach dem Zweiten Weltkrieg gegeben, als viele Väter gefallen waren oder sich im Nachkriegsaufbau aufgerieben haben. Aber mit der heutigen Situation ist das nicht vergleichbar. Die Väter der neuen Generation sind insgesamt viel präsenter in der Erziehung ihrer Kinder. Ich vermute, die schlechteren Leistungen der Jungs in der Schule und ihr auffälliges Verhalten haben ganz andere Ursachen.

Nämlich?

Jungs konsumieren deutlich mehr Medien, Fernsehen und Computerspiele.

Aber da schließt sich der Kreis doch: Schließlich gilt es als erwiesen, dass der Einfluss der Medien umso größer ist, je instabiler das persönliche Umfeld ist.

Das stimmt. Es ist ja auch bezeichnend, dass gerade Jungs aus der unteren sozialen Schicht besonders empfänglich sind für exzessiven Medienkonsum.

Dann brauchen Kitas also gar nicht mehr Männer, sondern mehr Medienkompetenz?

Nein, unsere Untersuchung zeigt, dass Männer durchaus andere Akzente in die Kita einbringen. Weniger basteln, mehr bauen. Spannendere, risikoreichere Unternehmungen. So was macht übrigens auch Mädchen Spaß. Mannsein als solches ist aber noch keine pädagogische Qualifikation. Eine fundierte Ausbildung ist das A und O.

Die Quote der männlichen Erzieher liegt jetzt bundesweit bei 4,7 Prozent. Wie hoch müsste sie sein?

Schon 1996 hat die Europäische Kommission zwanzig Prozent männliche Erzieher in Kitas gefordert. Ich glaube, dass eine solche Größenordnung sinnvoll wäre.