Berliner helfen

Ohne Angst ins Wasser

Der Berliner Sport Club organisiert mit ehrenamtlichen Lehrern und Spenden kostenlose Ferienkurse, damit Schulkinder richtig Schwimmen lernen.

Foto: Amin Akhtar

„Ich kann nicht behaupten, dass ich besonders gerne schwimme“, sagt Uwe Weise und lacht. Man glaubt es kaum, denn der Mann scheint im Wasser absolut in seinem Element zu sein. Geduldig spielt er mit sieben Erstklässlern im Nichtschwimmerbecken. Die Kinder setzen sich auf so genannte Nudeln aus Schaumstoff und lernen so, die Balance zu halten. Einige Minuten später dürfen sie sogar in das tiefe Becken. An ihren Rücken haben sie zusätzlich kleine Luftkissen, die wie Flügel aussehen. Dort bilden die Jungen und Mädchen eine Kette: Uwe Weise zieht sie durch das Wasser, während sie auf Kommando „Uhhh“ rufen oder auch husten sollen. „Das alles wirkt wie ein Spiel, doch dahinter steckt immer ein pädagogisches Konzept. Bei dieser Übung können die Kinder erfahren, dass es nichts Schlimmes ist, wenn sie ein wenig Wasser verschlucken“, sagt der Schwimmlehrer.

Es geht nicht um Schnelligkeit

Die Kinder absolvieren an dem Tag ihre zweite gemeinsame Schwimmstunde. Das Wichtigste sei, den Kindern die Angst vor dem Wasser zu nehmen. Ein Junge, der sich nicht traut, sich auf den Rücken zu legen, darf seinen Kopf auf eine gefaltete Matte betten, so wird er sanft auf dem Wasser getragen. Um korrekte Schwimmzüge oder gar um Schnelligkeit geht es in dieser Phase noch nicht.

Uwe Weise arbeitet seit 25 Jahren hauptberuflich als Sozialarbeiter, derzeit leitet er den Jugendclub am Heckerdamm in Charlottenburg-Nord. Bei den Ferienschwimmkursen engagiert er sich ehrenamtlich. Die kostenlosen Lehrstunden, an denen jedes Kind teilnehmen darf, sollen die Jüngeren auf das Schulschwimmen vorbereiten und bei denjenigen, die bereits Schwimmunterricht hatten, die Fertigkeiten verbessern. „Wir sind in Deutschland sehr privilegiert, weil die Teilnahme am Schwimmunterricht in allen dritten Klassen Pflicht ist“, sagt Uwe Weise. „Doch der Unterricht findet in großen Gruppen im Klassenverband statt. Die Erfahrung zeigt, dass nicht jedes Kind in der Schule lernt, wie es sich sicher im Wasser bewegen kann. Die Lehrer haben nur wenige Möglichkeiten, gezielt auf Kinder einzugehen, die sich beispielsweise im Wasser fürchten.“

Notendruck und zu große Gruppen

Uwe Weise berichtet von einem Mädchen, das die Schwimmtechnik problemlos beherrschte, aber jedes Mal nach wenigen Zügen japsend an den Beckenrand kam. „Irgendwann habe ich gemerkt, dass das Mädchen sich nicht traut, beim Schwimmen zu atmen“, sagt er. „Sie hatte Angst, Wasser in den Mund zu bekommen, ihre Mutter hatte behauptet, dass ganz viele Menschen Pipi im Schwimmbad machen. Um solche Fälle können wir uns hier viel besser kümmern als an einer Schule.“ Und dann ist da noch der Notendruck, der vielen Kindern Angst macht. Die Ergebnisse, die sie beim Schwimmen erzielen, gehen in ihre Sport-Note ein. Auch das kann die Freude am Sport im Wasser verderben. Der Schwimmlehrer hat außerdem beobachtet, dass Schüler, die Probleme haben, das Schwimmen zu lernen, oft aus Nichtschwimmer-Familien kommen. In Sonderfällen wurden deshalb auch schon Mütter und Väter aus bedürftigen Familien unterrichtet.

Ausbildung von Schwimmlehrern

Das Angebot an Ferienschwimmkursen in Charlottenburg ist einmalig in Berlin und bereits mehr als 50 Jahre alt. Während der Sommerferien finden die Kurse im Freibad Jungfernheide statt. In diesem Jahr werden sie zum ersten Mal auch zusätzlich in den Herbstferien veranstaltet. Seit fast 30 Jahren organisiert der Lehrer Michael Geerdts die Kurse. „Schwimmen zu lernen ist in meinen Augen ein Grundrecht, genau wie Lesen und Schreiben zu lernen“, sagt er.

Michael Geerdts bildet auch Rettungsschwimmer und Berliner Lehrer für den Schwimmunterricht aus. Im Laufe der Jahre hat er ein dichtes Netzwerk an Pädagogen aufgebaut, die in den Ferien auf einen Teil ihres Urlaubs verzichten, um Ferienkurse in der Jungfernheide abzuhalten. Uwe Weise sagt, dass er sich engagiert, weil er weiß, dass er ein „guter Ausbilder“ ist. Andere der ehrenamtlich aktiven Lehrer finden es regelrecht befreiend, abseits von Notendruck und Schulstress mit Schülern zu arbeiten.

Schwimmabzeichen erlangen

„Das Tolle ist, dass wir hier wirklich individuell auf die Bedürfnisse der einzelnen Kinder und Jugendlichen eingehen können“, sagt Andrea Engelmann, die als Förderschullehrerin an einer Charlottenburger Schule arbeitet. Im Moment erteilt sie einem 16-jährigen Jungen, der vor wenigen Jahren nach Berlin kam, Einzelunterricht. Der muskulöse Jugendliche besucht die sportbetonte Poelchau-Oberschule und gilt als herausragender Leichtathlet. Schwimmen konnte er aber nicht. Mittlerweile hat er die erste Prüfung für das „Seepferdchen“ abgelegt, in den nächsten Tagen wird er voraussichtlich das Schwimmabzeichen in Bronze, besser bekannt als „Freischwimmer“, erhalten.

Nach 40 Minuten sind die Erstklässler aus Uwe Weises Schwimmkurs erschöpft, aber glücklich. Bei einem Jungen zittert die Unterlippe vor Kälte, aber er will trotzdem nicht aus dem Wasser. Ein Mädchen sitzt am Beckenrand und lässt die Beine ins Wasser baumeln. „Ihr seid meine Helden, aber jetzt müsst ihr raus!“, ruft Uwe Weise den Kindern zu. „Eine Dreiviertelstunde im Wasser verbraucht eine Menge Energie, danach braucht man ein wenig Ruhe.“ Die Kinder kommen aus dem Becken und verabschieden sich tropfnass von dem Schwimmlehrer. In den Umkleidekabinen warten schon die nächsten Schwimmschüler.

Ferienkurse

Das Schwimmprojekt wird vom Berliner Sport-Club veranstaltet und von Berliner helfen e.V. mit einer Spende unterstützt. In diesem Jahr gibt es erstmals einen Herbstferien-Kurs im Stadtbad Charlottenburg. In den Sommerferien finden mehrmals täglich Schwimmkurse im Freibad Jungfernheide statt. Infos im Jugendclub Heckerdamm {telvoll} 030-3409 3896. Der Kurs ist kostenfrei, Kinder zahlen nur den Eintritt in die Schwimmhalle.