Trauer

Vom Leben nach dem Tod des Partners

Scheiden tut weh: Das ist ein Grund, warum Sterben und Trauer Tabuthemen sind. Doch wie ergeht es Hinterbliebenen? Wie gestalten sie ihr „Leben danach“? In einem Buch erzählen Witwen vom Neuanfang.

Foto: Getty Images/iStockphoto

Doppelt so viele Paare werden in Deutschland vom Tod geschieden wie vom Scheidungsrichter. Doch obwohl derzeit circa 4,6 Millionen Witwen in Deutschland leben, kommen sie in unserer Gesellschaft öffentlich fast gar nicht vor. Es sei denn, sie sind prominent. Das will Buchautorin Regine Schneider ändern. Bei ihr trägt die Trauer nicht schwarz, sondern pink: In einen poppig-pinken Einband ist ihr Buch gewandet, in dem 25 Witwen vom Tod des Partners erzählen. Die Aufmachung unterstreicht die These des Geschichtenbandes mit dem Titel „Paul ist tot“. „Der Tod ist kein Punkt, der Tod ist ein Doppelpunkt“, sagt Regine Schneider und meint damit: Der Tod des Lebensgefährten ist für alle Witwen, die bei ihr zu Wort kommen, zwar ein einschneidendes, erschütterndes Erlebnis – aber zugleich ein Wendepunkt in einem Leben, in dem Freude und bunte Farben weiterhin erlaubt sind.

„Das Leben geht weiter“: Das ist leicht gesagt und schwer getan. Auch davon ist in dem Buch die Rede. Die überwiegend jungen Witwen erzählen davon, wie schwere Krankheiten, Suizid oder Unfälle ihnen einen geliebten Menschen entreißen. Sie erzählen von letzten Tagen im Hospiz, von liebevollen, traurigen und bitterbösen Gedanken, von Tränen, Verzweiflung und auch von unfreiwilliger Komik, die zum Beispiel dann entsteht, wenn eine Dropsdose zur Urne umfunktioniert wird. Und sie schildern ihren Neustart ins Leben, der so vielfältig ist wie die Frauen selbst. Die einen müssen sich an die alleinige Verantwortung für die Kinder gewöhnen, andere tun, was nie gewollt war. Lila Haare? Eine Kreuzfahrt? Auswandern? „Alles darf sein“, findet Regine Schneider und wünscht sich, dass der Tod selbstverständlich ins Leben integriert wird – damit er seinen Schrecken verliert. Lesen Sie hier zwei ihrer Geschichten aus dem Leben.

Von hier fliegt Papa in den Himmel: Letzte Station Hospiz

Mein Mann und ich sprachen sehr offen über den Tod. Nach der Diagnose Magenkrebs war schnell klar, dass er es nicht überleben würde. Sein Magenausgang war komplett verschlossen. Die Leber und auch das Bauchfell waren bereits von Metastasen befallen. Ihm wurde ein Magenumgang gelegt, damit er wieder Nahrung zu sich nehmen konnte. Es folgte dann die Chemotherapie, die er relativ gut vertrug. Mein Mann war immer für klare Worte und wollte gleich auf den Punkt kommen. Er sagte zu unserem Arzt: „Ich will alles genau wissen. Ich mag kein Um-den-heißen-Brei-Reden.“ Und so machten wir uns auch keine Illusionen.

Nachdem wir beide diesen Schock ein wenig verdaut hatten, beschlossen wir, offen mit unseren beiden Töchtern, fünf und sieben Jahre alt, zu sprechen. Wir versammelten uns abends um unseren großen runden Esstisch, zündeten Kerzen an. Ich hatte warmen Kakao gemacht. Mein Mann erklärte den zwei Mädchen, dass ihr Papa nicht mehr lange auf der Erde bleiben würde. Dass er sterben und dann in den Himmel kommen würde. Sie könnten aber sicher sein, dass er auch vom Himmel aus immer auf sie schauen und alles sehen würde. Unsere ältere Tochter wollte wissen, was denn der Papa für eine Krankheit habe. Mein Mann erzählte wahrheitsgemäß, dass er Krebs habe und die Ärzte diesen Krebs nicht mehr aus ihm herausbekämen. Sie fragte: „Frisst der Krebs dich?“ – „Ja, so ungefähr.“ Wir mussten alle weinen.

Kinder haben ein anderes Verhältnis zum Tod. Mein Mann und ich waren der Meinung, dass es besser für unsere Töchter sei, offen mit seiner Krankheit umzugehen. Auch unsere jüngere Tochter machte sich Gedanken. „Was machst du, Papa, wenn wir etwas tun, was wir nicht dürfen. Siehst du das dann vom Himmel und schimpfst?“ – „Naja“, meinte mein Mann. „Vielleicht schicke ich dann mal einen kräftigen Donner zur Erde.“ – „Auch einen Blitz?“ – „Ja, vielleicht auch einen Blitz.“ Dieses Gespräch hatte zur Folge, dass die beiden später bei Gewitter fragten: „War das jetzt Papa?“

„Damit du nicht so alleine bist“

In der ersten Zeit blieb mein Mann noch zu Hause. Als sich sein Zustand so verschlechterte, dass er ohne Pflege nicht mehr auskam, beschlossen wir, in ein Hospiz zu gehen. Wir hatten uns über die Hospizbewegung informiert und nur Gutes gehört. Dass dort ein schmerzfreier, würdevoller Tod möglich sei. Meine Mutter würde zu uns ziehen und für die beiden Mädchen sorgen. Ich würde mit ins Hospiz einziehen. Es war sowohl möglich, ein Bett in sein Zimmer zu stellen, als auch später, wenn es nicht mehr ging, die Nacht gemeinsam in einem Raum zu verbringen, ein Gästezimmer zu nehmen. Wir hatten uns einige Hospize angeschaut und uns für ein modernes Haus entschieden in einem neuen Gebäude mit großen Fenstern und hellen freundlichen Zimmern, zentral gelegen, sodass wir gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen waren.

Als mein Mann seinen Platz und sein Zimmer bekam, richtete ich es ihm zuerst wohnlich ein. Ich hängte Fotos von uns allen auf. Die Mädchen hatten Bilder gemalt. Eins stellte Papa im Himmel dar, auf einer Wolke. Ein anderes zeigte Papa, wie er ein Gewitter schickte mit Regen, Blitz und Donner. Auch die hängte ich in sein Blickfeld. Meine Kleine hatte ihm ihren Teddy und meine Große ihren Hasen ins Bett gelegt. „Damit du nicht so alleine bist.“

Mein Mann und ich sprachen offen über den Tod. Das tat gut. Ich musste nichts zurückhalten. Der größte Wunsch meines Mannes war, die Einschulung der Kleinen noch mitzuerleben. Das schaffte er auch tatsächlich. Zwar im Rollstuhl, aber er konnte dabei sein. Es gibt ein Foto, das ihn mit der Kleinen auf dem Schoß und großer Schultüte zeigt. Danach ging es rapide bergab. Ab da veränderte er sich. Er wurde sehr ruhig, war oft auch abwesend. Für uns beide war jetzt endgültig klar: Wie lange noch? Er konnte immer schlechter essen, bald blieb nichts mehr drin. Kurz nach Frühlingsanfang begannen wir mit künstlicher Ernährung über den Port. Wir hofften, dass er dadurch noch mal auf die Beine kommen würde.

Faltig und mickrig

Aber nach zwei Wochen war immer noch keine Besserung zu spüren. Da der Port eine Qual für ihn war, verweigerte er diese Art der künstlichen Ernährung. Danach wurde er immer schwächer. War er einst ein stattlicher großer Mann von 125 Kilo, so wog er zum Schluss nur noch 68 Kilo. Wenn ich das Foto betrachtete, wo er die Kleine huckepack hat, kamen mir die Tränen. Da war er noch muskulös. Kein Gramm Fett zu viel. Im Fitnessstudio gestählt. Seine Tätowierungen thronten prall auf seinen muskelbepackten Armen. Jetzt sahen sie faltig und mickrig aus.

Sein Bart war ausgedünnt. Seine Haare ausgefallen. Die Tattoos auf der schlaffen Haut kaum erkennbar. Früher hatten wir uns immer über seine Eitelkeit lustig gemacht. Er brauchte von uns allen am längsten im Bad. Er roch immer gut. Jetzt konnte er sich nicht mehr alleine rasieren, musste sich duschen lassen und an Bodybuilding war überhaupt nicht mehr zu denken. Stattdessen brauchte er Windeln. Das war auch für ihn sehr schwer zu ertragen.

Manchmal brach mir sein Anblick das Herz. Dann ging ich in den Ruheraum und betete. Ich blätterte in dem Buch, in dem man seine Gedanken niederschreiben konnte. Wenn ich die Sätze las, die meine Vorgänger dort hinterlassen hatten, fühlte ich mich nicht mehr so allein. Seine Ziele wurden immer bescheidener. Erst wollte er es bis zur Einschulung schaffen. Dann nur noch bis zum nächsten Tag. Zweimal war es fast zu Ende. Doch er kam noch mal zurück. Wenn er dann die Augen aufschlug, sagte er in einem seiner wenigen lichten Momente: „Ich habe an dich und die Mädchen gedacht. Da konnte ich noch nicht gehen.“ Es war ein verzweifelter Kampf. Vor dem Tod hatte mein Mann keine Angst. Aber davor, seine Familie zu verlassen. Die Tatsache, dass seine Töchter bald keinen Vater mehr hätten, das machte ihn verzweifelt. Er sagte einmal: „Ich würde alles geben, wenn ich euch noch ein bisschen begleiten dürfte. Es ist so schwer, zu gehen, wenn man im Leben noch etwas zu Ende bringen möchte. Es tut so weh, die Kinder alleinzulassen.“

Das war verdammt nicht leicht

Wir weinten auch viel zusammen. Immer hielt ich fest seine Hand oder streichelte ihn über die Wange. Immer öfter war er weggetreten. An guten Tagen kam meine Mutter mit unseren Mädchen. Sie betrachteten ihn kritisch und fragten: „Papa ist so dünn. Hat der Krebs das schon alles gefressen?“ Manchmal konnten wir lachen. Aber die guten Tage wurden deutlich weniger. Immer öfter hatte ich einen Kloß im Hals, wenn ich ihn ansah. Es kam die Zeit, als es nur noch bergab ging. Er hatte literweise Flüssigkeitsansammlungen im Bauchraum, die punktiert werden mussten. Immer zehn bis zwölf Liter. Unfassbar. An einem frühen Montagabend kollabierte mein Mann und drei Stunden später musste ich für immer Abschied nehmen. Das war verdammt nicht leicht. Aber ich danke dem lieben Gott, an den ich eigentlich nicht glaube, dass ich die ganze Zeit über an seinem Bett sitzen und seine Hand halten durfte. Und ich danke den Hospizmitarbeitern, dass sie uns so unglaublich einfühlsam und liebevoll unterstützt haben, alles Menschenmögliche getan haben, um uns den Abschied zu erleichtern.

Zuerst wusste ich überhaupt nicht, wie es weitergehen sollte. Ich war am Ende. Ich war tieftraurig. Auch froh, dass er es geschafft hatte und keine Qualen mehr leiden musste. Ich rief meine Mutter an, und nachdem mein Mann abends gewaschen und hergerichtet worden war, kam sie mit unseren Töchtern. Die schauten sich ihren Papa genau an und fragten: „Ist seine Seele im Himmel?“ – „Kann er uns hören?“ – „Sieht er uns?“ Meine Kleine sagte: „Papa, ich bin so traurig“, und da mussten wir wieder alle weinen.

Dieses Nie-Wieder ist schwer zu ertragen

Bei der ersten Geburtstagsfamilienfeier ohne ihn habe ich schon auf dem Weg dahin nur geheult. Weil ich wusste, dass es nicht nur jetzt so ist, dass ich ohne den Vater meiner Kinder, meinen Mann, irgendwohin muss, sondern dass er nie wieder dabei sein wird.

Ich war an einem Sonntag nach seinem Tod bei meinen Eltern. Es war ein verkaufsoffener Sonntag. Ich dachte, ich gehe mal durch die Stadt mit meinen Töchtern, damit ich auf andere Gedanken komme, etwas anderes sehe. Aber es fiel mir so unendlich schwer. Die Stadt war voll mit Familien, überall heile Welten. Das war einfach noch zu viel für mich.

Ich hatte die ganze Zeit einen Druck auf der Brust und musste mich zusammennehmen, um nicht einfach loszuheulen. Ich war froh, als ich endlich wieder im Auto saß, nach Hause fahren und mich wieder verkriechen konnte. Für so was war es wohl einfach noch zu früh.

Dieses Nie-Wieder, dieses Unendliche ist schwer zu ertragen. Am liebsten wäre ich manchmal schon 100 Jahre alt und wüsste, ich bin ganz bald bei ihm. Aber ich bin Mitte 30. Es wird wohl noch ein wenig dauern, bis ich ihn wiedersehe. Es zerreißt mich innerlich, wenn ich mich in solchen Gedanken wälze. Ich versuche ja schon immer, meine Gedanken zu ordnen, aber das ist nicht einfach. Schon gar nicht, wenn man dann abends allein im Bett liegt und nicht einschlafen kann.

Nach vorne schauen

Aber irgendwo musste ich ja anfangen. Meine Töchter sind ein großer Halt für mich. Sie zwingen mich dazu, wieder in den Alltag zu kommen. Und das ist gut so. Es sind nur kleine Alltäglichkeiten. Morgens pünktlich aufstehen, einkaufen, Essen kochen, sauber machen, die Kinder zu ihren Terminen fahren. Aber all das hilft mir, weiterzuleben und nicht zu verzweifeln.

Im Hospiz wurde meinem Mann und mir noch eine lebenswerte Zeitspanne geschenkt. Dafür war ich so dankbar, dass ich noch zwei Jahre lang dort einmal wöchentlich ehrenamtlich gearbeitet habe. Ich habe Essen verteilt, Hände gehalten, mit Sterbenden gesprochen und mich auch für die Angehörigen interessiert. Es gibt so viele grausame Schicksale. Ich konnte sehen, dass ich nicht allein bin. Man denkt ja immer, es sind nur die Alten, die sterben. In der Zeit meiner Hospizarbeit habe ich etliche junge Männer und Frauen, die unheilbar an Krebs erkrankt waren, sterben sehen. Einige mussten, wie mein Mann, ihre Kinder zurücklassen. Ich habe mit anderen verwitweten Frauen sprechen können. Auch das hat mir geholfen, wieder nach vorne zu schauen.

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Heulen erlaubt! Witwen auf Mittelmeer-Kreuzfahrt

„Heul dich aus, Mädchen“, sagte Irmi aus dem Kohlenpott vor der Sagrada Familia, der größten Kirche in Barcelona, seit hundert Jahren Baustelle und trotzdem schön, und legte den Arm um mich. Beim Anblick dieses Gotteshauses, das aussieht, als sei es gerade einem Fantasy-Roman entsprungen, waren mir plötzlich die Tränen in die Augen geschossen. Hier hatte ich vor drei Jahren mit meinem Mann Hans gestanden. Seine letzte Reise, bevor der Leberkrebs ihn mir genommen hatte. Damals war die Hoffnung noch nicht gestorben.

Die Truppe, mit der ich jetzt in Barcelona unterwegs war, war ein bunt zusammengewürfelter Haufen. Wir hatten nur eins gemeinsam: Wir waren alle Witwen. Ich war durch den Pastor unserer Kirche auf dieses Projekt gestoßen worden. Eine Mittelmeer-Kreuzfahrt auf der MS Astor für hinterbliebene Frauen. Das war’s!

Vor der Buchung wurde ich zu einem intensiven Vorgespräch eingeladen. Man wollte wissen, wie gut ich den Tod meines Mannes bereits verarbeitet hatte und ob ich reif dafür sei, neue Eindrücke aufzunehmen. Drei Jahre war Hans tot und ich war durchaus wieder in der Verfassung, Herausforderungen zu begegnen. Ich war neugierig, was das Leben noch zu bieten hatte. Auf meine Frage, wer denn hier abgewiesen werde, antwortete eine Trauerbegleiterin: „Es ist wichtig, dass Sie so viel Abstand haben, dass Sie sich einem neuen Leben öffnen können.“ Klar, wer noch pausenlos heult und an nichts anderes denken kann als an den toten Mann, wäre auf einer Kreuzfahrt sicher verkehrt. „Verstehen Sie mich richtig. Es geht nicht darum, dass Sie nicht weinen dürfen, wenn die Erinnerung Sie überkommt. Sie sollten nur so weit sein, dass Ihr Leben weitergehen darf.“ Kapiert! Verständlich, wenn man mit einer sowieso schon hochexplosiven Truppe auf Reisen geht.

„Heul Rotz und Wasser. Tut dir bestimmt gut“

Ich kann mich nicht mehr an alle Witwen erinnern. Aber an die, die mir guttaten. Irmi aus Recklinghausen im Kohlenpott mit ihrem losen Mundwerk und ihrem großen Herzen, Herta aus Meschede im Sauerland, auch eine Frau mit Herz, Martha aus Berlin, unsere Alternative, und Gesche aus Buxtehude, ihr Mann war Versicherungsmakler gewesen und sie hielt sich als Lehrerin für die Intellektuelle unter uns, was aber weiter nicht störend war. Eingeloggt war die Gruppe in Außenbordkabinen, wahlweise zu zweit, was etwas günstiger war, oder allein.

Herta aus dem Sauerland bekräftigte: „Lass dich nicht stören. Heul Rotz und Wasser. Tut dir bestimmt gut.“ Dabei hatte sie selbst Tränen in den Augen. Sie hatte ihren Wilhelm vor vier Jahren zu Grabe getragen. Wilhelm, der beim Schützenfest im Umzug immer den Herold gab. Auf seinem »Totilas«, einem gescheckten Shire-Horse-Wallach, Stockmaß 1,82 Meter. Wilhelm, mit dem sie drei Kinder hatte und der ein begeisterter Pferdezüchter war. Wilhelm war einem Herzinfarkt erlegen. „Hatte zu viel geraucht und auch oft zu tief ins Glas geguckt.“ In einer rührseligen Minute auf dem Sonnendeck hatte sie mir noch unter Tränen anvertraut, dass er Alkoholiker war und seine Bauchspeicheldrüse bis auf zehn Prozent entfernt worden war. „Muss ja nicht jeder wissen.“ – „Ne, behalt mal schön für dich“, antwortete ich. Sie schwärmte von einer Beerdigung, die sehr würdig und ergreifend gewesen sein soll: „Dat ganze Dorf war dabei!“ Wenn Herta erzählte, mussten wir alle heulen. „War datt schön!“

Marthas Mann war Freizeit-Rocker und bei einem Motorradunfall mit seiner Kawasaki in einer rutschigen Kurve auf dem jährlichen Biker-Treffen auf der Hohensyburg bei Dortmund zu Tode gekommen. Sie berichtete uns ausführlich von der zünftigen Biker-Bestattung. „Achtzig Maschinen! Könnt ihr euch nicht vorstellen. War ein richtig guter Abgang. Wie beim Harley-Treffen in Hamburg am Michel. Mit Bon-Jovi-Musik. Hätte Walter das gesehen, wäre er total überwältigt gewesen.“ Sie trug an Deck seine Biker-Jacke mit Nieten.

„Blöde Kuh“ hat er mich genannt

Gesches Mann hatte einen Hirntumor, ein Glioblastom. Das erdrückte nach und nach die Hirnregionen, die man für die Bewältigung eines selbstständigen Lebens braucht. Mehrere Operationen, Bestrahlungen und Chemotherapien konnten den ausweglos tödlichen Hirntumor nicht aufhalten. Seine Lebenserwartung war auf wenige Monate geschätzt worden. Er hatte Gesche mit Nachdruck verboten, einen Priester an sein Bett zu holen. „Den erschlag ich“, hatte ihr Klaus gedroht. Gesche war tief katholisch und dadurch in einen Zwiespalt geraten. Sie hatte es aber nicht gewagt, seinen letzten Wunsch zu übergehen.

Irgendwann bekam er epileptische Anfälle, sein Sichtfeld bekam Lücken, seine Orientierung ließ nach. Klaus irrte durch die Gänge des Hospizes und fand von der Küche nicht mehr zurück in sein Zimmer, das nur drei Türen weiter war. Sein Zustand machte ihn wohl ausgesprochen unwirsch. Mehr noch, als er sowieso schon war. Dann fing er an, einfach umzufallen. Immer häufiger hatte er Artikulationsprobleme. Als der Tumor begann, sein Sprachzentrum aufzufressen, schrie er vor Verzweiflung und schlug mit letzter Kraft gegen die Wand. Dann konnte er nicht mehr gehen, nicht mehr sprechen und schließlich war er bewegungsunfähig ans Bett gefesselt. Sein Gesicht sei vom Kortison aufgequollen gewesen. „Solange er noch etwas sagen konnte, hat er nur geflucht. Über sein Schicksal und über mich. Er ist zum Schluss richtig fies geworden“, erzählte Gesche immer noch ein bisschen beleidigt. „Blöde Kuh“, hat er mich genannt.

„Einmal, da konnte er noch sprechen, lag er in seinem Hospizbett so still, dass ich dachte, jetzt liegt er im Sterben. Da nahm ich seine Hand und flüsterte, du darfst gehen, Klaus. Was macht er? Reißt die Augen auf und schnauzt, hast du mir schon fünfmal gesagt. Kannst es wohl nicht erwarten.“ Daran hatte Gesche schwer zu knabbern. „Das hat mich tief verletzt.“ Er soll auch bei klarem Verstand nicht besonders nett gewesen sein. „Manchmal konnte er ein richtiges Ekelpaket sein.“

Wenn Erinnerungen die Trauernden einholen

Das Erbauliche an der bisweilen ziemlich nervigen Witwentruppe war, dass jede wusste, was los war, wenn eine zu schluchzen anfing. Die Momente, wenn eine bestimmte Musik spielt, wenn man einen Geruch von früher in der Nase hat, einen Ort besucht, an dem man zu zweit glücklich war, wenn man von Erinnerungen überflutet wird und losheult, hatten wir alle. Keiner guckte pikiert oder fühlte sich belästigt, wenn wir uns mit roten Augen die Nase schnäuzten.

Morgens nach dem Frühstück hatten wir „Plenum“ und jede konnte sagen, was ihr gerade auf der Seele lag. Unsere Ansprechpartnerin war Frau Bode, deren Mann schon vor zehn Jahren verstorben war. Als »Fortgeschrittene« stand sie uns zur Verfügung und sorgte dafür, dass nichts in die falsche Richtung driftete. Nachdem ihr Mann nicht mehr war, hatte sie die gemeinsame Firma übernommen und sich zur Sterbebegleiterin ausbilden lassen. Sie war klein, dick, sehr tough, trug die Haare knallrot gefärbt und angeordnet wie die Stiele auf einer Runkelrübe. Wiedererkennungswert optimal. Ich postete in Gedanken: „Gefällt mir!“«

Am frühen Nachmittag legten wir meist an und konnten Städte besichtigen. Geordnet in Gruppen oder auch selbstständig. Martha, Gesche, Herta und ich wollten die Prachtstraße La Rambla, ein Zwitter aus Spazierweg und Fahrbahn, in Barcelona unsicher machen und shoppen gehen. „Müssen wir uns geben“, sagte Gesche, die gern ihren Bildungsstand unter Beweis stellte, und fügte hinzu: „Das wäre wie Paris ohne Champs Élysées oder wie Kopenhagen ohne Stroeget.“ Damit betonte sie indirekt, dass sie mit ihrem Mann weit gereist war.

Den Schicksalsschlag verarbeiten

Natürlich landeten wir in einem der Straßencafés. „Leute gucken“, wie Herta sagte. Obwohl wir alle dasselbe Schicksal teilten, hatte jede einen anderen Background. Zickenkrieg gab es dadurch nicht. Uns allen war bewusst, dass unsere Reise nicht den Zweck verfolgte, beste Freundinnen zu werden, sondern unseren Schicksalsschlag zu verarbeiten.

Herta nahm sich vor, in Zukunft mit ihrer Rente klarzukommen, Gesche überlegte, ob sie beruflich wieder einsteigen sollte, und Martha war ja sowieso Geschäftsfrau geworden. Ich wusste noch nicht, ob ich in Deutschland bleiben oder auswandern sollte. Ein Jugendtraum von mir. Ich überlegte, ob ich mal ein Jahr nach Neuseeland gehen wollte. Ich hatte ja jetzt alle Freiheiten.

„Was hast du eigentlich zuerst gemacht, als Klaus unter der Erde war?“, fragte ich Gesche. „Als Erstes habe ich seine zwei Autos verkauft, damit mein Auto endlich einen Garagenplatz hatte“, erzählte sie pragmatisch. „Ewig musste ich im Winter Eis kratzen. Wie mich das genervt hat!“

Dem Leben wieder zugewandt

„Mich hätte meine Tochter am liebsten sofort wieder verkuppelt. Mit einem Witwer aus unserem Stadtteil, der richtig Kohle und keine Kinder hat. Berechnende Brut!“, erzählte Irmi. „Ja, so wollen sie ihr Gewissen beruhigen“, ergänzte Martha. „Aber es ist ja nicht so, dass wir jetzt Betreuung bräuchten.“ – „Ne, ganz gewiss nicht“, tönte Irmi. „Reif für den Rollator sind wir noch nicht.“ Wir grinsten. „Ganz schön viele alte Knacker an Bord“, meinte Gesche. „Die haben unten im Schiff eine Dialysestation. Da tanken die auf für den Tag.“ Ich konterte: „Seid nicht so garstig!“ – „Oh Gott!“, stöhnte Gesche. „Hast du beim Frühstück den Rollstuhlfahrer mit Vollbart gesehen?“ – „Ja, und ich hab auch gesehen, wie der dich angestarrt hat.“ – „Hihi“, kicherte Irmi jetzt. „Der braucht ’ne Krankenschwester und keine Frau.“ – „So isses“, hakte Herta das Thema ab. Ich war froh, dass wir wieder lästern konnten. Das zeigte, dass wir dem Leben wieder zugewandt waren.

„Also ich“, berichtete jetzt Irmi, „ich habe mich geweigert, Schwarz zu tragen. Ich bin in Dunkellila über den Friedhof gezogen. Hätte Hermann so gewollt. Ich habe auch gleich seine ganzen Sachen verschenkt, unser Ehebett rausgeschmissen und die Wände neu streichen lassen.“ Irmis Mann war Kettenraucher und nach zwei Schlaganfällen gestorben. „Ich wollte den kalten Rauch nicht mehr riechen.“

Langeweile kam jedenfalls nicht auf. Wir gingen zu „Bauch, Beine, Po“ bei Lisa und strampelten uns auf dem Fahrrad im Fitnessraum ab. Ich entdeckte das Laufband für mich. Abends spielte eine Kapelle Jazz und Swing. Wenn Irmi aufstand und anfing, ihren Hintern hin- und herzuwerfen, kam richtig Schwung in die Bude. Plötzlich turnten alle im Saal nach der Musik herum, mehr oder weniger gekonnt, aber voller Begeisterung, mit und ohne Rollator. Die Stimmung war bombig, und selbst der Rollstuhlfahrer zappelte mit Kopf und Händen. Tja, so konnten wir dem Leben wieder etwas abgewinnen. Es ging ja weiter.

Das Buch: Regine Schneider: Paul ist tot. Witwengeschichten. Osburg Verlag, 237 Seiten, 19,99 Euro.