Pädagogik

Ob Pauken in den Sommerferien sinnvoll ist

In Berlin beginnen kommende Woche die Sommerferien. Zwei Drittel der deutschen Schüler lernen auch in dieser unterrichtsfreien Zeit. Muss das sein? Wir haben Experten, Eltern und Kinder befragt.

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Zwei Wochen ist es her, dass Lina angefangen hat, die Tage in ihrem Kalender abzustreichen. Das Ziel: der letzte Schultag vor den großen Ferien. In Kürze ist es soweit, die Zehnjährige kann es kaum erwarten.

Sie weiß schon genau, was sie machen wird, wenn die Schulglocke zum vorerst letzten Mal läutet. Sie wird sich, so schnell es geht, aufs Rad schwingen und nach Hause fahren. Dort wird sie ihren Schulrucksack in die hinterste Ecke ihres Zimmers pfeffern. Am Abend wird ihr Vater wie immer zu Beginn der Sommerferien den Grill anwerfen. Und beim Essen wird sich die Familie gemeinsam ausmalen, wie schön die bevorstehende Zeit werden wird.

Sechseinhalb Wochen große Freiheit für Lina und ihre kleine Schwester Nora, mit viel Platz für Unternehmungen und Verabredungen mit Freundinnen, für einen Familienurlaub an der Nordsee – und einfach nur fürs Abhängen. Ihre Schulsachen, das hat sich Lina nach den vielen Hausaufgaben, Arbeiten und Vorträgen des zurückliegenden Schuljahres vorgenommen, wird sie die ganze Zeit über nicht anrühren.

Massenweise Lernangebote

Linas Mutter allerdings ist nicht ganz wohl bei dem Gedanken, dass der Schulstoff so lange ruhen soll. Zwar wird Linas Zeugnis gut ausfallen, mit lauter Einsen, Zweien und nur einer Drei. Doch hat sie neulich in der Buchhandlung einen ganzen Tisch voller Lernmaterial für die Ferien gesehen, liebevoll dekoriert zwischen Sand und Muscheln.

„Englisch, das Ferienheft. A holiday language course with Merit and Onno“, hieß ein Band. Er versprach, dass das Lernen auf den 48 Seiten Spaß mache und „wie nebenbei“ passiere. Beim „Deutschbuch Ferienheft Fit fürs Gymnasium“ sollen die Ferienkinder das „Rätsel der schlafenden Tiere“ lösen und darüber auf unterhaltsame Weise Rechtschreibung und Grammatik üben. „Alles klar!“ lockte der Titel eines anderen Werkes, ein weiteres Ferienheft lud Erstklässler auf eine „Zahlenreise“ ein. Ist es notwendig, fragte sich die Mutter, dass sich ihre Kinder auch im Urlaub mit Schulstoff befassen? Oder sollten Ferien frei bleiben und die Schüler eine Lernpause einlegen?

In der Zwickmühle

Linas Mutter steht mit ihren Überlegungen nicht allein. So wie sie fragen sich viele Eltern, ob Lernen in den großen Ferien gut tut und sinnvoll ist - und wenn ja, wie viel.

Die riesige Auswahl an Lernangeboten legt nahe, dass das Pauken in der freien Zeit zum Alltag eines Schülers heute ganz selbstverständlich dazu gehört - egal, ob er in der Grundschule oder im Gymnasium ist, egal, ob das Zeugnis gut oder schlecht ausgefallen ist.

Neben den gedruckten und gebundenen Ferienheften, die zahlreiche Schulbuchverlage als Ferien-Ergänzung zu den Lehrwerken an den Schulen anbieten, gibt es reichlich Online-Angebote zum Aneignen, Wiederholen oder Ergänzen des Schulstoffs. Der Cornelsen-Verlag etwa hat die Plattform „lerncoachies.de“ für die Fächer Deutsch, Mathe und Englisch für die Klassen 3 bis 7 eingerichtet, bei scoyo.de findet sich Lernstoff ab der ersten Klasse. Beide Angebote sind kostenpflichtig.

Außerdem bieten Nachhilfe-Institute wie der Studienkreis, die Schülerhilfe oder Lernwerk Extra-Ferienkurse an, die schulische Fitness versprechen. Darüber hinaus gibt es in allen Teilen Berlins von verschiedenen Anbietern zahlreiche Lerncamps und Sommerferien-Workshops, in denen Schüler ihr Wissen vervollkommnen sollen – sei es in Englisch, Französisch oder Spanisch, in Chemie oder auch im Schönschreiben.

Dicke Bücher, Pflanzen sammeln

Doch halten auch einige Lehrer selbst ihre Klassen über die Ferien in Bewegung. Viele Schülerinnen und Schüler bringen aus der Schule Aufgaben nach Hause mit, die sie über die Ferien erledigen sollen. So sollen sie etwa ein bestimmtes Buch lesen, einen Vortrag über den schönsten Urlaubstag vorbereiten oder eine Gruppenarbeit bewerkstelligen. Die Begeisterung hält sich meist in Grenzen, bei den Kindern wie bei den Eltern, die auf Erledigung pochen müssen. Und nicht selten artet die Aufgabe in ein richtiges Projekt aus.

Ist das Quälen durch ein dickes Buch für einen leseunwilligen Schüler (und seine Eltern) zumindest ein zweifelhaftes Ferienvergnügen, kann eine Gruppenarbeit schon rein logistisch eine Herausforderung sein: Kaum ist das eine Kind aus der Gruppe aus dem Urlaub zurück, fährt das andere weg. Das dritte ist bei der Oma, das vierte mit einem Malkurs verplant. Antje Timmermann, Mutter von Lisa, 11, und Michel, 9, erzählt, wie eine Ferienaufgabe ihres Sohnes einmal die ganze Familie in Atem hielt. „Michel sollte ein Herbarium anlegen, da waren wir einige Tage beschäftigt, bis wir alles beisammen hatten.“ Zum Glück habe der Vater Spaß an der Aufgabe gewonnen und mit Michel eifrig Pflanzen gesammelt.

Je älter, desto unmotivierter

41 Prozent der Eltern schulpflichtiger Kinder berichten in einer Forsa-Umfrage, dass das Thema „Lernen in den Ferien“ schon einmal für Streit in der Familie gesorgt habe. Kein Wunder: Das Pauken gehört nicht gerade zu den Lieblingsbeschäftigungen. „Lernst du gern in den Ferien?“, ließ die Online-Lernplattform Scoyo knapp 1000 Schüler zwischen sechs und 14 Jahren fragen. Die häufigste Antwort war – mit 68 Prozent – ein klares „Nein“. Je älter die Kinder, desto unmotivierter sind sie: Üben noch drei von zehn Sechsjährigen gern in der schulfreien Zeit, kann von den Zwölfjährigen nur noch einer von zehn diesen Eifer aufbringen.

Überraschend scheint aber, dass immerhin jedes fünfte Kind (19 Prozent) die Frage mit „Ja“ beantwortet hat. Vielleicht haben sich diese Kinder schlichtweg mit den Gegebenheiten angefreundet. Denn für zwei Drittel der Schülerinnen und Schüler hierzulande gehört das Lernen für die Schule auch in den Sommerferien zum Alltag. 2014 verbringen die Kinder laut Forsa sogar noch mehr Zeit mit dem Schulstoff als im Vorjahr. 44 Prozent der befragten Eltern beziffern die Lernzeit ihrer Kinder in den Ferien mit mehr als zwei Stunden pro Woche. 2013 gaben das „nur“ 35 Prozent an.

Von den Schülerinnen und Schülern selbst sagen 25 Prozent, dass sie weniger als eine Stunde pro Woche lernen. 30 Prozent geben ihre Lernzeit mit ein bis zwei Stunden pro Woche an, 15 Prozent mit länger als zwei Stunden pro Woche. Dass sie „gar nicht“ in den Ferien lernen, sagen 23 Prozent.

Die richtige Balance

Doch welches ist nun das richtige Maß? Die Schule ganz Schule sein lassen, zumindest ein bisschen lernen oder doch regelmäßig? Der Erziehungsberater und Autor Jan-Uwe Rogge hat eine klare Meinung: „Ferienzeit ist Freizeit – sie sollte nicht mit schulischem Lernen in Zusammenhang gebracht werden“, findet er. Skeptisch dem Pauken in den Ferien gegenüber äußert sich auch Heidemarie Arnhold, Vorsitzende des Arbeitskreises Neue Erziehung (ANE), dem Herausgeber der „Elternbriefe“.

„Lernen in den Ferien ist eine zweischneidige Sache“, sagt sie. „Wenn ein Kind Spaß daran hat, ein Ferienheft durchzuarbeiten oder einen Sprachkurs zu besuchen, ist das natürlich kein Problem.“ Doch vor allem gelte: „Kinder brauchen Ferien und die Eltern auch.“ Ob das schulische Lernen erforderlich sei, sollten Eltern im konkreten Fall mit den Lehrern abstimmen, findet sie. Und auf keinen Fall sollten Kinder die ganze Ferienzeit über lernen müssen. Notfalls sollten Eltern allzu fordernde Lehrer bremsen.

Wichtig sei es, die Kinder in die Ferienplanung einzubeziehen und ihnen die Chance zu lassen, auch mal faul zu sein und eigene Vorlieben zu entwickeln. „Man muss akzeptieren, dass die Kinder in einem bestimmten Alter keinen Ehrgeiz haben, für die Schule zu lernen – besonders in der Pubertät“, sagt Heidemarie Arnhold. „Und wenn die Motivation von außen nicht in eine innere Motivation übergeht, haben die Eltern sowieso kaum eine Chance, etwas zu bewirken.“ Nicht zuletzt würde ein zu großer Druck zum Gegenteil führen, nämlich, dass die Kinder sich komplett sperren und jeden Spaß am Lernen verlieren.

Ruhe bewahren

„Eltern sollten Ruhe bewahren und ihren Kindern und sich selbst Ruhe gönnen“, rät die Expertin. Und selbst wenn das Kind mal sitzenbleibe, sei das doch kein Drama, unterstreicht sie. „Es muss auch mal was schiefgehen, das Kind muss auch mal traurig sein dürfen“, sagt sie. „Denn Misserfolge gehören zum Leben dazu und die Kinder müssen lernen, damit umzugehen.“ Eltern, die ihre Söhne und Töchter 24 Stunden lang überwachten und ihnen alle Wege ebneten, täten ihnen keinen Gefallen.

Selbst die kommerziellen Anbieter von Lernhilfen für die Ferien plädieren dafür, den Kindern in den Ferien genug Ruhezeit zu gönnen. „Schule ist genauso Arbeit und Stress für die Kinder, wie es unsere Arbeit für uns ist. Sie müssen sich genauso erholen wie wir“, sagt Dorothee Raab, Herausgeberin der Lernhilfenreihe „Lernen mit Rufus Rabenschlau“. „Darum sollte man den Kindern in den ersten drei Ferienwochen ihre Ruhe lassen.“ In der zweiten Hälfte der Ferien bietet es sich ihrer Meinung dann an, sich auf das neue Schuljahr vorzubereiten. Dabei sei es nicht falsch, Kindern mit Belohnungen einen Anreiz für das Lernen in den Ferien zu bieten. „Eltern können jüngeren Kindern zum Beispiel sagen: Du machst eine Viertelstunde Rechenaufgaben in den Bereichen, die du noch nicht so gut beherrscht, dafür gehen wir anschließend gemeinsam ins Schwimmbad.“

Ferienheft oder Lerncamp?

Ferienhefte oder Online-Lernportale sind eine relativ kostengünstige Möglichkeit, um Schulstoff zu vertiefen. Zudem sind sie zumeist so konzipiert, dass die Kinder weitgehend selbstständig mit ihnen arbeiten können. Ob die Kinder aber tatsächlich die Aufgaben konzentriert angehen oder nicht doch die Eltern als Nachhilfelehrer daneben sitzen und das Lernen in Streit ausartet, bleibt dahingestellt. An dieser Gefahr kann auch die Tatsache nichts ändern, dass die Lernmedien fröhlich aufgemacht sind, mit Comicfiguren arbeiten oder die Aufgaben als Rätsel daher kommen.

Familie Städter aus Schöneberg hat ihren eigenen Weg des Lernens gefunden. Die Söhne Paul, 15, und Richard, 13, bekommen zu Schulzeiten regelmäßig Nachhilfe-Unterricht. Paul nimmt Nachhilfe in Mathe und Englisch, Richard in Französisch. Bei Bedarf wird auch mal für andere Fächer gebüffelt – etwa, wenn eine Arbeit ansteht. Paul hat sich auf diese Weise innerhalb eines Schuljahres in Englisch von der Note 5 auf eine 2 verbessert. Das hat ihn so motiviert, dass er nun auch in den Sommerferien freiwillig zu einem Ferienkurs geht – genauso wie sein jüngerer Bruder.

Freiwillige Entscheidung

„Wir haben es den beiden freigestellt, ob sie an dem Ferienkurs teilnehmen wollen“, sagt Mutter Ina Städter, 38. Richard sei gleich begeistert gewesen, Paul habe sich von den Argumenten seiner Nachhilfelehrerin ziemlich schnell überzeugen lassen. Er geht nun in der letzten Ferienwoche drei Tage lang für jeweils neunzig Minuten in sein Nachhilfeinstitut, den Studienkreis in Schöneberg. Sein Bruder Richard will alle fünf Tage à 90 Minuten nutzen. „Und die fünf Wochen davor haben unsere Söhne wirklich frei“, sagt Ina Städter. Eine Woche davon will die Familie gemeinsam in den Harz fahren und Natur und Kultur erkunden. „Das ist ja auch Lernen“, sagt die 38-Jährige.

Dass es am Ende der Ferien doch noch Gemaule gibt, wenn die Schulsachen ausgepackt werden sollen, bezweifelt sie: „Den beiden wird am Ende der Ferien bestimmt etwas langweilig sein und sie werden sich freuen, in den Alltag und zu ihren Freunden zurückzukehren.“

Lernen mit Struktur, Lernen als Gruppenerlebnis: Das ist der Vorteil von Ferienkursen, wie sie zum Beispiel der Studienkreis anbietet. „Wir lernen in einer Gruppe von fünf Jugendlichen, das spornt mich an“, sagt Paul. „Man kann sich gegenseitig helfen und die Aufmerksamkeit des Lehrers ist nicht so auf einen allein konzentriert, das würde ich nicht mögen.“

Die Eltern haben es längst aufgegeben, ihren Söhnen selbst in Schuldingen zu helfen, „denn so ‚in‘ wie die jungen Nachhilfelehrer sind wir nun mal nicht“, sagt Ina Städter lachend. Und Lernmaterial in den Ferien eigenständig durcharbeiten, das würden ihre Söhne kaum tun, ist sie überzeugt. So gibt sie pro Kind etwa 100 Euro im Monat für Nachhilfe aus. Immerhin: Das Ferienangebot ist für die regulären Nachhilfeschüler kostenfrei.

Interesse wecken

Nicht nur Paul und Richard, auch die anderen Nachhilfeschüler werden zahlreich kommen, stellt Rita Trzewik, Leiterin des Schöneberger Studienkreises, fest. „Von unseren 70 Lernkindern haben sich 80 Prozent zu der Intensivwoche in der letzten Woche der Sommerferien angemeldet“, sagt sie. Hinzu kommen versetzungsgefährdete Kinder, die ihre Nachprüfungen nach den Ferien zu bestehen versuchen, sowie neue Interessenten. Gelernt wird mit dem Material, das die Kinder selbst mitbringen oder das der Studienkreis entwickelt hat – und der Stoff, den die Schüler selbst einfordern. Am meisten nachgefragt sei Mathe „und ab der 8. , 9. Klasse auch Physik und Chemie“.

Den Nachhilfelehrern geht es darum, nicht verstandene Grundlagen aufzuarbeiten, praktische Zusammenhänge des Lernstoffs zum Alltags- und Berufsleben herzustellen und nicht zuletzt das häufig erlahmte Interesse und den Spaß der Schüler am Lernen wieder zu wecken.

Bloß nicht zu viel

Oft ginge es ja nicht nur um ein Problem etwa in Mathe, sagt Rita Trzewik, sondern auch um ein schwieriges Verhalten. „Manche Schüler sind wegen ihrer schlechten Noten zu Klassenclowns oder Störenfrieden geworden.“ Ein solches Verhalten werde jedoch in der kleinen Lerngruppe nicht akzeptiert, gerade auch von den anderen Schülern nicht. „Bei uns wird niemand ausgelacht. Bei uns gibt es Verständnis, die Schüler trösten sich und freuen sich miteinander. Diese Erfahrung kann eingeübt und das störende Verhalten dann abgelegt werden.“

Doch trotz der Begeisterung für den eigenen Ansatz rät auch die Institutsleiterin, es mit dem Lernen nicht zu übertreiben. „Vier Mal pro Woche Nachhilfe ist selten produktiv, das geht nach hinten los“, sagt sie. Und auch in den Ferien sollten die Kinder und Jugendlichen ihrer Ansicht nach in erster Linie ausspannen. „Nur wenn ein Schüler denkt, dass er extrem viele Baustellen hat, sollte er vielleicht eine Stunde am Tag konzentriert lernen – aber dann die Sachen wegpacken“, rät sie.

Eine Stunde Vokabeln am Stück, das sei aber wiederum sinnlos, weil viel zu viel. „Da bringt es die Wiederholung: Lieber fünf Minuten täglich als eine Stunde pro Woche.“ Gute Erfahrungen hat Rita Trzewik auch mit unorthodoxen Lernmethoden gemacht. „Ich sage meinen Schülern: Bewegt euch beim Lernen!“ Das ginge auch nebenbei, zum Beispiel beim Treppensteigen. „Vokabeln, Gedichte: Durch den gleichmäßigen Rhythmus beim Steigen prägt sich so etwas prima ein.“ Und das sei ja noch nicht mal zusätzliche Zeit: „Nach Hause über die Treppe müssen die Kinder ja sowieso.“

Lernen findet überall statt

Tatsächlich muss das Lernen nicht immer am Schreibtisch stattfinden. „Ein Feriensprachkurs in England kann eine tolle Erfahrung sein“, regt Heidemarie Arnhold vom Arbeitskreis Neue Erziehung an. „Vielleicht machen da auch die Eltern mit und signalisieren damit dem Kind, dass sie selbst auch hier und da Defizite haben.“ Alternativ könne das Kind allein ein Austauschprogramm mitmachen.

Familie Timmermann aus Potsdam hat sich die weite Anreise gespart: Ihre Tochter Lisa, 11, hat bereits zwei Mal bei einem Englisch-Camp mitgemacht, einmal als Drittklässlerin in Zehlendorf, einmal als Viertklässlerin in der brandenburgischen Landeshauptstadt.

„Lisa hatte in der Schule die Lust an der Sprache verloren und ich wollte, dass sie sie auf eine andere Weise entdecken kann“, sagt Mutter Antje Timmermann, 42. Ihr gefiel, dass beide Camps die Sache spielerisch angingen. Nach einem Einstufungstest wurden die Kinder in Gruppen eingeteilt, die dann eine Woche lang schöne Dinge unternahmen. „Lisa hat zum Beispiel Basketball gespielt, T-Shirts bedruckt, ein Theaterstück vorbereitet – nur eben auf Englisch, mit Muttersprachlern.“

„Er war so stolz“

Das Programm selbst kam bei dem Mädchen genauso gut an wie die jungen, engagierten Lehrer, und weil sie so schwärmte, machte bei dem zweiten Camp auch ihr Bruder Michel mit, der damals erst in der ersten Klasse war. „Er war so stolz, dass er am Ende der Ferien ganze Sätze auf Englisch sprechen konnte. Und bei Lisa ist die Unlust seitdem verschwunden“, so die Mutter.

Wenn Antje Timmermann hört, dass andere Eltern mit ihren Kindern ausgiebig lernen, fühlt sie sich bisweilen unter Druck gesetzt. Dennoch bleibt sie bei ihrer Einstellung, dass die Wochenenden genauso wie die Ferien weitgehend frei von schulischem Lernen bleiben und die Kinder ihre Aufgaben möglichst selbstständig erledigen sollten. „Nur, wenn eines meiner Kinder lernschwach wäre oder es ihm an Grundlagen fehlen würde, würde ich in den Ferien gezielt mit ihm arbeiten“, sagt sie.

In den bevorstehenden Sommerferien will sie Lisa und Michel jedoch allenfalls zu spielerischen Übungen animieren, etwa Kilometerstände bei der Autofahrt in den Familienurlaub zu berechnen oder die Summe, die der Bäcker für seine Brötchen erhält. „Erst in der letzten Ferienwoche werden wir gemeinsam die Schulmappen packen und langsam versuchen, wieder in den Stoff zu kommen.“

Reiten statt Grammatik

Und schließlich ist es ja auch nicht so, dass Lisa und Michel in den großen Ferien nichts lernen werden. Lisa hat sich für ein einwöchiges Reitcamp eingeschrieben und in einer weiteren Woche für einen Bildhauerkurs. Der neunjährige Michel wird eine Woche lang intensiv Tennis spielen und eine Woche lang mit anderen Kindern einen Roboter konstruieren.

So wie die beiden werden auch viele andere Kinder in Berlin und Umgebung ihre Ferien nutzen: für außerschulisches Lernen. Zuhause oder im Urlaub. Auf der Straße, im Garten, im Wald, am Strand oder im Museum. Allein, mit der Familie, mit Freunden. Nach einem vorgefertigten Angebot oder spontan, aus der Situation heraus. Pädagogin Heidemarie Arnhold kann das nur unterstützen: „Die Idee, dass Lernen nur stattfindet, wenn es einen offiziellen pädagogischen Stempel hat, ist falsch.“ Richtig ist dagegen, dass die Sommerferien Familien eine große Chance bieten: für die persönliche Entwicklung und für gemeinsame Projekte.