Tagebücher

"Man kann sich belastende Ereignisse von der Seele schreiben"

Frauke von Troschke hat das Deutsche Tagebucharchiv gegründet. Es umfasst 13.000 private Lebensgeschichten von 1760 bis heute.

Wer schreibt Tagebuch und warum? Was macht Zeitzeugenberichte so wertvoll? Darüber sprach Beatrix Fricke mit Frauke von Troschke, Gründerin und Vorsitzende des Deutschen Tagebucharchivs (DTA) in Emmendingen. Das Archiv sammelt seit 16 Jahren Tagebücher, Erinnerungen und Briefwechsel aus dem deutschsprachigen Raum. Es hat 96 Mitarbeiter, der Bestand umfasst 13.000 private Lebensgeschichten von 1760 bis heute.

Berliner Morgenpost: Warum schreiben Menschen auf, was sie bewegt?

Frauke von Troschke: Das Schreiben hat einen ordnenden Charakter. Es gibt Menschen, die notieren aus diesem Grund ganz alltägliche Dinge. Die meisten greifen allerdings zum Stift, wenn sie etwas Besonderes bewegt, das sie sich buchstäblich von der Seele schreiben wollen, etwa Schicksalsschläge wie Krankheit oder Tod oder auch Kriegserlebnisse. Das funktioniert! Es ist eine Form der Therapie.

Wie ist das zu erklären?

Sich mitzuteilen, hat zum einen einen erleichternden Effekt. Einem Tagebuch kann man alles sagen, es ist unendlich geduldig, widerspricht oder korrigiert niemals. Das tut gut – und kann zudem einen Denkprozess in Gang setzen. Denn gerade weil sich das Gegenüber anders als ein Freund oder Partner nicht äußert, kommt der Schreiber selbst ins Nachdenken, findet womöglich andere Blickwinkel und auf diese Weise Lösungswege.

Denken die Schreiber auch an ein Publikum?

Ja, unbedingt. Nicht alle, aber viele. Gerade in Schriften aus Kriegszeiten, die einen großen Teil unseres Bestands ausmachen, heißt es häufig ausdrücklich: Das war eine unglaubliche Zeit, das muss man weitergeben, das darf nicht mehr passieren. Ich nenne das "positives Sendungsbewusstsein". Auch heute gibt es das noch. Das DTA hat eine "Stammkundin": Sie ist sehr politisch und setzt sich intensiv mit der Gesellschaft auseinander. Sie bringt regelmäßig neue Tagebücher vorbei. Grundsätzlich scheint das Schreiben aber nachzulassen. Heute wird gebloggt.

Das DTA sammelt Tagebücher genauso wie im Nachhinein entstandene Erinnerungstexte. Wie unterscheiden sie sich?

Bei einem Tagebuch weiß der Schreiber noch nicht, wie etwas ausgeht. Er schreibt aus seiner momentanen Befindlichkeit heraus, reflektiert das Jetzt. Das finde ich besonders spannend. Denn die Erinnerung kann sich von der unmittelbaren Wahrnehmung sehr unterscheiden. Da hat der Schreiber schon eine Brille auf. Er konstruiert ein Bild von der Zeit und von sich, will sich vielleicht rechtfertigen.

Aber auch ein Tagebuch besteht ja nicht aus reinen Erfahrungen und Beobachtungen, sondern ist beeinflusst vom Zeitgeist, gerade in Kriegszeiten. Da gibt es Kriegsberichterstattung, Propaganda, Zensur. Wie viel Vorwissen braucht man zur Einordnung?

Ein Leser autobiographischer Texte sollte immer davon ausgehen, dass es sich bei dem Beschriebenen nicht nur um die reine Wahrheit handelt. Das macht es ja auch spannend: Der Leser wird zum Detektiv, der Verborgenes erkennen und allzu glatte Aussagen dechiffrieren kann. Und diese Möglichkeit des Entdeckens macht vielleicht auch die Lust am Lesen von Tagebüchern aus: Es gilt ja eigentlich als verboten und weckt das Voyeuristische in uns.

Und wer macht den Abgleich mit der offiziellen Geschichtsschreibung?

Das ist Sache der Wissenschaft. Auch unser Archiv kommentiert nicht. Unser Ziel ist es, möglichst viele Texte und damit ein breites Spektrum an Sichtweisen und Gefühlen zu sammeln. Wir lesen die Texte, erfassen sie, digitalisieren sie und stellen sie zur Verfügung – Schülern genauso wie Forschern und Museen.

Was fasziniert Sie persönlich an Tagebüchern, Erinnerungen und Briefwechseln?

Sie zeigen das pralle Leben abseits der großen Schlachten, die in den Geschichtsbüchern auftauchen. Ich finde es unglaublich spannend, wie Leben stattfinden kann. Man kann sich mit vielem identifizieren, viel lernen, und nicht selten relativieren sich beim Lesen die eigenen Probleme. Zusammen genommen sind die Dokumente wie ein Puzzle, aus denen sich eine Stellungnahme ergibt.

Unter dem Titel "Verborgene Chronik" gibt das DTA eine Tagebuchsammlung aus dem Ersten Weltkrieg heraus, der erste Band ist gerade erschienen. Woher haben Sie die Tagebücher bekommen?

Meist sind es die Erben, die uns die Schriftstücke überlassen. Manchmal sogar ungelesen. Die Nachfahren sagen, sie wollen das Bild der Verstorbenen lieber so bewahren, wie es ist. Mich schaudert es manchmal richtig, wenn ich so ein altes Buch in die Hand bekomme. Wie es riecht, wie es sich anfühlt! Und dann diese alten Handschriften, sie sind wunderbar. Andere sind so ungewöhnlich, dass schon ihre Form eine Geschichte erzählt.

Haben Sie ein Beispiel?

Wir haben ein Kriegstagebuch, geschrieben auf Zigarettenpapier und gebunden mit Wollfäden aus einer Uniform. Es gab ja kein Material. Und man muss sich vorstellen, wie gefährlich es war, das Geschehen aufzuzeichnen. Wer erwischt wurde, wurde als Spion verhaftet. Daher wurden die Tagebücher versteckt am Körper getragen. Und Ruhe zum Schreiben hatten die Soldaten an der Front ja auch nicht, es waren nur Momente bis zum nächsten Kanonenschuss. Also wurde nur das Wichtigste skizziert und erst im Nachhinein, nach Kriegsende, alles geordnet.

Warum sind Zeitzeugenberichte in Tagebuchform für die Nachwelt so wertvoll?

Aus der Alltags- und Mentalitätsgeschichte erfährt man viel – und es ist bewegend. Alles, was die Menschen direkt bewegt hat, bewegt uns auch heute noch. Ich spüre aber auch eine Verpflichtung den Schreibern gegenüber. Das Deutsche Tagebucharchiv will auch denen einen Stimme geben, die abseits des Rampenlichts gelebt haben. Unser Slogan ist: "Jeder hat das Recht, gehört zu werden".

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