Fliegen

Saarmund - Vor den Toren Berlins in die Wolken steigen

Der Himmel lässt sich auf vielfältige Weise erobern. Der Flugplatz Saarmund bieten Luftsportgeräte der unterschiedlichsten Gattungen an. Jeder kann hier das Fliegen erlernen und ausüben.

Foto: Buddy Bartelsen / impress picture/Buddy Bartelse

Hochkonzentriert checkt Johannes Klor Instrumente und Gurtzeug, schließt die Haube und signalisiert „startklar!“ Sekunden später schießt das Flugzeug an einem Seil per Winde in den Himmel. Für den 17-Jährigen ist es die schönste Sucht zwischen Himmel und Erde: Segelfliegen. Vor knapp zwei Jahren hat sich der Gymnasiast vom Virus „Fliegen“ infizieren lassen. „Schuld“ daran ist Vater Michael, der selbst eine Cessna steuert und Johannes oft mitgenommen hat.

Seitdem vergeht kaum ein Wochenende, an dem Johannes nicht auf dem Flugplatz Saarmund ist. „Auf mehrere Tausend Meter Höhe nur mit Hilfe warmer Aufwinde steigen zu können und dabei große Distanzen zurückzulegen, fasziniert mich an diesem Sport“, sagt Johannes, nachdem er wieder sicher gelandet ist. 65 Starts absolvierte er mit Fluglehrer bis zu seinem ersten Soloflug. Seitdem hat er schon 40 Flüge allein zurückgelegt, der längste dauerte eineinhalb Stunden. „Da oben vergisst man komplett den Alltag“, schwärmt er.

Das Fliegerleben ist bunt

Doch auf dem Flugplatz vor den südlichen Toren Berlins geht noch mehr. Das Fliegerleben in Saarmund ist bunt: Luftsportgeräte der unterschiedlichsten Gattungen heben von hier ab. Auch mit Cessnas, Ultralight-Fliegern wie UL-Dreiachsern, Trikes, Gyrocoptern sowie mit Gleitschirmen erobern die Hobbypiloten den Himmel über Berlin, Brandenburg – und andernorts.

„Diese Vielfalt an Luftsportgerät auf einem Flugplatz ist wohl weltweit einzigartig“, meint Lukas Bader. Er muss es wissen: Über den Luftsport ist er, wie er sagt, „ganz schön herumgekommen“. Der Pilot mit dem sonnengebräunten Gesicht besitzt eine eigene Flugschule und bildet unter anderem auf Drachen und Gleitschirmen aus. So auch an diesem Sonntag. Mehr als 20 Flugbegeisterte sind gekommen, um einen Grundkursus zu absolvieren. Mit Schirm und Gurtzeug rödeln sie herum, bis alles passt, um sich dann per Seilwinde in die Luft schleppen zu lassen – wie die Segelflieger.

Johannes hat indes den Fallschirm abgelegt – er dient Segelfliegern im Ernstfall als Rettungsgerät. Schon etwas ungeduldig wartet der nächste Flugschüler darauf, abheben zu können. Schließlich klinkt Johannes das Schleppseil am Rumpf des Flugzeugs ein und hebt die Fläche an. Ein anderer Flugschüler telefoniert inzwischen mit dem Windenfahrer: Der wirft den Motor an und zieht den Flieger am Seil nach oben. „Segelfliegen ist Teamsport, man hilft sich gegenseitig in die Luft und lernt dabei viel über soziales Verhalten“, sagt Fluglehrer Ingo Janicke. Er ist Flugkapitän auf Business-Jets und fliegt schon seit seinem 14. Lebensjahr.

Beginn bereits mit 14 Jahren

Das mag überraschen: Eine Ausbildung zum Segelfliegen sowie zum Drachen- und Gleitschirmflug kann man schon mit 14 Jahren beginnen. Außer dem praktischen Fliegen lernen die Schüler auch viel Theorie: Meteorologie, Luftrecht, Menschliches Leistungsvermögen, Verhalten in besonderen Fällen, Technik und Navigation stehen auf dem Stundenplan. Außerdem muss man ein sogenanntes Sprechfunkzeugnis erwerben, denn die Verständigung in der Luft und mit dem Boden funktioniert über Funk.

Mit 17 Jahren hat man nach bestandener Prüfung schließlich seine Segelflug-Lizenz SPL (Sail Pilot Licence) in der Tasche. „Fliegen macht viel Spaß“, sagt Fluglehrer Janicke. Aber es erfordere auch viel Verantwortungsbewusstsein. „Man muss sich an viele Regeln halten und vor allem regelmäßig trainieren.“

Am anderen Ende des Platzes hat Udo Reimann seine Halle geöffnet: Besucher kommen zum „Anfliegen“ und um sich zu informieren. Schnittige Trikes stehen dort und werden neugierig bestaunt. Trikes, das sind offene, gewichtskraftgesteuerte motorisierte Ultraleichtflugzeuge, auf denen man hintereinander sitzt. „Es vermittelt das Gefühl, in der Luft ein gemütliches Chopper-Motorrad zu fahren“, sagt der Inhaber der Flugschule flyteacher, der auch auf UL-Dreiachsern ausbildet. „Die Sicht vom Trike aus ist einmalig“, schwärmt er.

Flapp-Flapp-Flapp: Wieder setzt ein Fluggerät auf dem Saarmunder Platz auf. Der Gyrocopter, der gerade gelandet ist, gehört ebenfalls zur Kategorie der ULs. Galant hilft Pilot Thomas Flöther von der Flugschule gyronautix der jungen Passagierin aus der Fliegerkombi. Sie hat gerade ihr Geburtstagsgeschenk eingelöst. „Das war ein tolles Erlebnis“, sagt sie und strahlt glücklich. „Gyrocopter, auch Tragschrauber genannt, sind sehr anspruchsvoll zu fliegende Luftsportgeräte“, sagt Flöther. Mindestens 17 Jahre muss man alt sein, wenn man die Ausbildung beginnt, den Schein gibt’s erst mit 18.

„Wer die Privat Pilotenlizenz (PPL A) für einmotorige Sportflugzeuge erwerben will, muss zu Ausbildungsbeginn mindestens 16 Jahre alt sein“, sagt Peter Wartig von der ebenfalls ansässigen Flugschule Albatros. Der ehemalige Jetpilot mit den stahlblauen Augen schult auf die Typen Cessna 152 und 172 sowie eine TB 9-Tampico. Eine abgespeckte Variante ist die Leichtflugzeugführerlizenz LAPL (A), mit der man allerdings nur in Europa fliegen kann.

Toleranz und Disziplin gefragt

„Doch ohne den selbstlosen Einsatz einiger Piloten, viel Toleranz und Disziplin funktioniert so ein buntes Fliegerleben am Platz nicht“, sagt Klaus Britze, Geschäftsführer der Flugplatz-Betriebsgesellschaft Saarmund. Dazu gehört zum Beispiel Michael Fechner. „Sobald es irgendwas an den Motoren der Flieger zu reparieren gibt, ist er zur Stelle“, sagt Britze. Auch ohne den Mann am Funk würde der Betrieb nicht so reibungslos laufen: Bernhart Blume gilt als Urgestein auf diesem Flugplatz. Der ehemalige Agrarflieger mit der weißen Mähne ist fast immer mit dem Funkgerät anzutreffen.

„Mit das Schönste ist aber, wenn wir abends am Lagerfeuer sitzen und von unseren Erlebnissen erzählen“, sagt Johannes. Um dann schließlich im Schlafsack unter der Flugzeugfläche einzuschlafen und zu träumen: vom nächsten faszinierenden Flug.