Berliner helfen

Der Schmerz wird bleiben

Der 19-jährige Literaturwissenschafts-Student Valerian starb beim S-Bahn-Surfen. Seine Eltern wollen mit einer Stiftung, die literaturbegabte Kinder und Jugendliche fördert, an ihn erinnern.

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Nachts um vier Uhr klingelt es an der Haustür. Draußen stehen zwei Polizisten in Zivil, ein Mann und eine Frau, sie sagen drei Worte: „Valerian ist tot“. Als Arsène Verny von der Nacht Anfang März erzählt, in der sein Sohn beim S-Bahn-Surfen starb, wirkt er fassungslos. Jeder Versuch, die nüchterne Polizeimeldung zu begreifen, muss scheitern. An jenem Abend hat er Valerian zu einer Feier gefahren; zuvor hatten sie noch gemeinsam dessen Bewerbung für einen Verlagsjob vorbereitet. Der 19-Jährige steckte voller Pläne, wollte unbedingt Schriftsteller werden. Eingebrannt hat sich dem Vater das letzte Bild des Sohnes, wie er sich an der Autotür lächelnd von ihm verabschiedet. Ein paar Stunden später kletterte Valerian in Schöneberg mit vier Freunden auf das Dach eines Zuges der S1 und stürzte herunter, als der Wagen in einen Tunnel fuhr.

Keine Erklärung

Niemand kann genau erklären, was den Literaturwissenschafts-Studenten bewegt hat, auf das Dach zu steigen – und die Ermittlungen laufen noch. Riskante sportliche Unternehmungen waren nicht Valerians Sache: „Er hatte das Pech, etwas zu tun, was er noch nie vorher getan hatte, und dabei zu sterben. Er war vieles, aber kein Held“, sagt Arsène Verny mit leiser Stimme. Dabei blickt er gedankenverloren aus dem Fenster des Palais Mendelssohn. Verny hat den Ort für das Gespräch vorgeschlagen, weil sein Sohn gern hierher kam. Der ehemalige Sitz der Bankiersfamilie von Mendelssohn in Grunewald ist heute ein soziales Zentrum der Johannischen Kirche, deren Mitglied Valerian war. Für seine Abiprüfung hat er eine Präsentation über die bewegte Gebäude-Geschichte erstellt. „Eine schöne Arbeit, auch Zeitzeugen hat er dafür befragt“, sagt Arsène Verny, der Anwalt ist und als Professor an der Universität Pilsen EU-Recht lehrt. In seiner Gemeinde engagierte sich Valerian als Leiter des Kindergottesdienstes, „auch wenn ihn das frühe Aufstehen an manchen Sonntagen nervte“ – jetzt lächelt Verny ein wenig.

Er konnte gut mit Kindern umgehen

Mit Kindern und Jugendlichen konnte der junge Mann, der mit 17 Jahren am Schadow-Gymnasium sein Abitur ablegte, gut umgehen. Bei der Berliner Literaturinitiative betreute er sieben Jugendgruppen, las mit den kleinen Leseratten aktuelle Bücher, aber auch Klassiker wie Baron Münchhausen. Dabei diskutierte er leidenschaftlich gern mit ihnen: „Er hatte einfach Freude an Texten. Und mit dieser Freude hat er die anderen infiziert“, sagt Birgit Murke, die Leiterin der Literaturinitiative. Seine Liebe zur Sprache hat in seinen Eltern die Idee reifen lassen, unter Valerians Namen eine Stiftung ins Leben zu rufen, die literaturbegabte Kinder und Jugendliche vielfältig fördern soll. Ein Trost für die Eltern und für den 16-jährigen Bruder? Viktorian absolviert zurzeit ein Auslandsjahr in den USA und hat auf dem Flug zurück nach Hause, zur Beerdigung seines Bruders, einen Brief verfasst, den er – allen Mut zusammennehmend – vorgelesen hat: „Ich weiß, es wird mein ganzes Leben lang weh tun und der Schmerz wird auch nie besser werden“, so der Junge. „Ich habe nicht nur meinen Bruder verloren, sondern meinen Mentor, meinen Helden und meinen aller-allerbesten Freund.“ Ähnlich sieht es der Vater. „Es gibt keinen Trost“, sagt Arsène Verny und seine Augen fokussieren durch die randlose Brille einen Punkt an der Wand. „Die Natur hat das nicht vorgesehen, die Psyche akzeptiert den Tod des eigenen Kindes nicht. Das Einzige, was man versuchen kann, ist, aus dem Tod etwas Lebendiges zu machen.“

Stiftung für Deutschland und Tschechien

Die „Valerian-Arsène-Verny-Stiftung“ soll etwas Lebendiges werden. Der Vater wünscht sich, dass die Stiftung in Deutschland und Tschechien tätig wird – nicht nur wegen seiner eigenen tschechischen Wurzeln, sondern auch weil Valerian sein Auslandsjahr unbedingt in Prag verbringen wollte und sich dort sehr wohl gefühlt hat: „Vor vier Jahren war das, damals hat er angefangen zu schreiben, hat an Wettbewerben teilgenommen“, so Verny. Der tschechische Botschafter Rudolf Jindrák hat bereits signalisiert, dass er die Schirmherrschaft für die Stiftung übernehmen wird. Ihn kennt Verny schon aus der Zeit der EU-Beitrittsverhandlungen für Tschechien, die er als Jurist begleitete.

Gedenkvorstellung im Schlosspark-Theater

Um die Gründung vorzubereiten, gibt es am Mittwoch eine Gedenkvorstellung im Schlosspark-Theater, bei der die Familie, seine Freunde und Literaturschüler nicht nur Texte von Valerian vortragen werden, sondern auch eigene Beiträge. „Die Kinder haben ihn geliebt, er war fröhlich und lebenslustig“, sagt Birgit Murke. Und erzählt von einem Jungen aus einer Literaturgruppe, der versucht zu erklären, was in jener März-Nacht geschehen ist: „Valerian konnte dem Moment nicht widerstehen.“ Gut möglich, dass sich dieser in dem Satz wiedergefunden hätte. In einem seiner Gedichte heißt es: „Doch was ist ein Leben ohne Risiko? Sicherheit und Freiheit gingen niemals Hand in Hand!“

Viktorian ist sich sicher, dass dem Bruder die vielen traurigen Worte nicht gefallen hätten. Aufmunternde Witze wären eher in seinem Sinne gewesen: „Wir können Valerian allerdings ehren, indem wir mit einem Lächeln an ihn zurückdenken und an seine strahlenden Grinsebacken, mit denen er es vermochte, so viele Menschen glücklich zu machen.“

Wer die Gründung der Valerian-Arsène-Verny-Stiftung für literaturbegabte Kinder und Jugendliche unterstützen möchte, kann Spenden auf das Stiftungskonto überweisen:

Sabine Adolph-Verny, Stichwort: Valerian,

IBAN DE77 1002 0890 0227 3827 75, BIC HYVEDEMM488.

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