Dinge des Lebens

Die kleinen Schätze meines Opas

Omas Uhr, das Hochzeitskleid, das liebste Kuscheltier: Geschichten ganz besonderer Gegenstände. Gabriele Müller aus Marienfelde erzählt über drei Kleinode aus vergangenen Zeiten.

Foto: Massimo Rodari

Wer sich die Welt der Gegenstände einmal genauer ansieht, dem fällt schnell etwas auf. Da gibt es zum einen die Dinge des täglichen Bedarfs, ohne die das Leben schwer zu führen oder weniger angenehm wäre. Lampenschirm, Autoschlüssel, Glühbirne und Heckenschere fallen zum Beispiel in diese Kategorie. Solche Sachen begleiten uns wie selbstverständlich und fallen eigentlich erst auf, wenn sie nicht mehr funktionieren (Glühbirne) oder mal wieder verschwunden sind (Autoschlüssel). Sie gehen uns deshalb oft auf die Nerven. Wir geben ihnen abfällige Namen: Zeug, Krempel, Gedöns, Geraffel.

Dann gibt es die Dinge, die wir aus sentimentalen Gründen um uns haben wollen. Vielleicht haben sie einmal einen praktischen Zweck erfüllt. Der Teddybär beschützte uns vor den Monstern unter dem Bett, die Petroleumlampe stand in Sommernächten auf der Terrasse und aus der gesprungenen Porzellantasse tranken wir unseren Lindenblütentee. Wir bewahren diese Dinge auf, weil sie die Zeit konservieren sollen, weil sie ein Einspruch sind gegen das Vergehen und gegen das Vergessen. Ein Andenken.

Bürste, Bleistift, Taschenmesser

Gabriele Müller hat nicht viele solcher Gegenstände. Das liegt daran, dass sie oft umgezogen ist in ihrem Leben, und Umzüge zwingen ja immer zum Aussortieren. Sie wurde in Stendal geboren, wuchs in Berlin-Schöneberg auf, arbeitete als Kindergärtnerin in Berlin und Köln, bekam zwei Söhne in Dortmund und noch einen in Regensburg, bevor sie Jahre später wieder nach Berlin zog, erst nach Lankwitz, dann nach Mariendorf, dann nach Marienfelde. Dabei hat sie viel alten Krempel weggeschmissen. Aber diese drei kleinen Gegenstände hat sie immer aufbewahrt: eine kleine Bürste, einen Bleistift und ein ausklappbares Taschenmesser.

Wenn man sich die einmal ansieht, dann merkt man gleich, dass es mit ihnen eine besondere Bewandtnis haben muss. Die Bürste ist viel zu klein für eine Schuh- oder Kleiderbürste. Es muss sich um eine Bartbürste aus jener längst vergangenen Zeit handeln, als Bärte noch gebürstet wurden. Ihr Rücken ist von einem Silberdeckel eingefasst, der ein wenig angelaufen und in den ein Jugendstilrelief eingeprägt ist. Das gleiche Muster und das gleiche Material schmücken auch den Bleistift, den man wie ein kleines Schwert aus der Scheide ziehen und ihn dann umgekehrt in sie einsetzen kann, wodurch er erst geschützt und dann handlich verlängert wird. Und auch das kleine Taschenmesser trägt dasselbe silbrig schimmernde Jugendstilrelief. Man kann es nicht mehr öffnen, es hat sich irgendwie verklemmt. Aber das spielt keine große Rolle, niemand will noch etwas damit schneiden. Es ist ja ein Andenken.

Sie beschenkten und verlobten sich

Diese drei Dinge, so erzählt man sich in der Familie, waren einmal ein Geschenk der Großmutter für den Großvater. Die Geschichte führt zurück an den Beginn des 20. Jahrhunderts und in ein kleines ostwestfälisches Nest namens Bremerberg, das man heute, wenn überhaupt, nur noch als längst eingemeindeten Teil der Stadt Marienmünster kennt. Die Großmutter hieß Theresia und der Großvater hieß Wilhelm, und sie taten das, was man damals eben so tat in einer kleinen Stadt: Sie beschenkten und verlobten sich, sie heirateten und bekamen zwei Töchter. Dann traten sie die Landflucht an und zogen nach Berlin.

In der Reichshauptstadt wurde Theresia mit ihrer dritten Tochter schwanger. Es war das Jahr 1914, Europa taumelte in den Abgrund. Im fernen Sarajewo wurde der österreichische Thronfolger erschossen, einen Monat später brach der Krieg aus. Wilhelm wurde einberufen und und sah seine jüngste Tochter nur selten, es war die Mutter von Gabriele Müller, Anneliese. Alle nannten sie nur Ati, und als der Krieg vorbei war und Wilhelm nach Hause zurückkehrte, da wunderte sich die junge Ati, wer denn dieser seltsame Kerl war, der plötzlich mit ihr, der Mutter und den beiden Schwestern zusammenleben wollte. „Mama, wer ist der Onkel?“, fragte sie. Das wurde zum geflügelten Wort.

Ein Bauernhof mitten in der Stadt

Vielleicht lagen die Bürste, das Taschenmesser und der Bleistift auch damals schon wohlverwahrt in einem Porzellanschälchen, irgendwo in dem Haus an der Schöneberger Akazienstraße, wo die Familie nach dem Krieg lebte. Und das war ein wirklich eigenartiges Haus, eine Art ländliches Idyll mitten im Berliner Stadtzentrum. Die Familie hatte sich, wie zum Schutz gegen das Heimweh, ein Stück ostwestfälisches Landgefühl einfach mitgenommen.

So etwas gibt es heute gar nicht mehr: einen Bauernhof mitten in der Stadt. Im Keller lebten Schweine, im Erdgeschoss stand ein Pferd herum wie Pippi Langstrumpfs Kleiner Onkel und im ersten Stock hielten sich manchmal bis zu 30 Kühe auf. Für sie gab es einen Lastenfahrstuhl, mit dem man sie ins Erdgeschoss und zurückfahren konnte. Unter dem Dach legten Hühner ihre Eier.

Geblieben, wo sie waren

Das ging ein paar Jahrzehnte so. Irgendwann kam der Rias vorbei und führte ein Interview mit den seltsamen Bauernleuten aus Schöneberg. Sie behielten den Hof noch bis zur Mitte der 1950er-Jahre, dann rentierte er sich nicht mehr. Tochter Anneliese hatte da schon ihren Mann Erwin kennengelernt und zwei Töchter zur Welt gebracht, Margit und Gabriele. Auch Erwin war in den Krieg geschickt worden, aber erschossen worden in Italien. Gabriele Müller hat ihn nicht kennengelernt.

Jedenfalls lebten die Großeltern mit ihrer ältesten Tochter noch bis in die 1960-er Jahre in einem Haus in der Marienfelder Hranitzkystraße, das sie mit selbst erspartem Geld schon 1928 gebaut hatten. 1960 starb Wilhelm, 1965 seine Frau Theresia und 1991 die Tante Gabriele Müllers. Sie hat ihr den Bleistift, das Taschenmesser und die Bürste überlassen, die so einen weiten Weg zurückgelegt haben und doch auch geblieben sind, wo sie so lange waren. Denn Gabriele Müller wohnt nur drei Minuten von dem alten Haus entfernt.