Dinge des Lebens

Die Geschichten meiner Kindheit

Omas Uhr, das Hochzeitskleid, das liebste Kuscheltier: Geschichten ganz besonderer Gegenstände. Christa Huth, ehemals Sportlehrerin, erzählt über ihr liebstes Märchenbuch.

Foto: Amin Akhtar

„Mein Heiligtum“: Keine geringere Bezeichnung findet Christa Huth für das Buch, das vor ihr auf dem Tisch liegt. Alt ist es, das sieht man an den Gebrauchsspuren, aber auch an der Gestaltung und der Schrifttype. „Peterchens Mondfahrt“ und „Prinzessin Huschewind“ ist auf dem Einband zu lesen. Christa Huth bekam das Buch mit den Märchenklassikern von Gerdt von Bassewitz und Fritz Peter Buch von ihren Eltern geschenkt, als sie sieben oder acht Jahre alt war. Noch heute liebt sie die Erzählungen und liest sie immer wieder. Vor allem aber schätzt sie das Buch so sehr, weil es sie an ihre Kindheit erinnert.

„Ich hatte eine sehr schöne Kindheit, schöner kann eine Kindheit gar nicht sein“, sagt die 81-Jährige. Geboren wurde sie 1932 in Zerbst in Sachsen-Anhalt als jüngste von drei Töchtern. Der Vater führte gemeinsam mit dem Opa eine kleine Fabrik für Bäckereimaschinen, die Mutter war Englischlehrerin. „Sie war die strengere von beiden, mein Vater war die Güte in Person“, sagt Christa Huth. Er zimmerte für das Nesthäkchen, das die Natur und Bücher gleichermaßen liebte, eine hölzerne Plattform in den alten Kastanienbaum im Garten. Darauf zog sich die kleine Christa liebend gern zurück und vergaß die Zeit. Was sie für die Gemütlichkeit brauchte, holte sie sich mit einem selbst gefertigten Flaschenzug nach oben ins Geäst. Zum Beispiel ihr Märchenbuch.

Die Erzählungen regten ihre Fantasie an

Die Abenteuer von Peter und Anneliese, die versuchen, das verloren gegangene sechste Beinchen des Maikäfers Herrn Sumsemann zu finden: Sie faszinierten das Kind genauso wie die Erlebnisse der Prinzessin Huschewind, die durch einen Fluch auf einem Stuhl festgewachsen ist, und die ihrer Freundin, dem Köhlerkätchen, die zusammen mit dem Hofmarschall versucht, die Verwünschung rückgängig zu machen. „Immer noch kann ich mich in diese Abenteuer hineinversetzen“, sagt Christa Huth und blättert begeistert durch das von Hans Baluschek farbig illustrierte Buch, das 1932 in der Verlagsanstalt Hermann Klemm in Berlin erschien. „Ich lebte damals richtiggehend mit den Figuren und die Geschichten regten meine Fantasie an.“

Aber auch viele Freundinnen habe sie gehabt, erzählt die alte Dame. „Im Sommer spielten wir Völkerball, schaukelten und turnten am Reck im Garten, im Winter liefen wir Schlittschuh auf dem See.“ Außerdem habe sie einen Roller besessen, Pfeil und Bogen und ein Steckenpferd. Und dann erst der Heilige Abend! Schon eine Woche zuvor sei das Weihnachtszimmer immer abgesperrt gewesen und die Eltern hätten den Christbaum und die Geschenke festlich hergerichtet. „Ach, wunderbar war es...“, schwärmt sie, und ihre blauen Augen glänzen.

Wie in der „Feuerzangenbowle“

Auch die Schule hat Christa Huth in guter Erinnerung. Bis heute besucht sie jedes Jahr im April die Ehemaligentreffen im alten Kloster, in dem das Zerbster Gymnasium untergebracht ist. Ein bisschen sei es dort zugegangen wie in der Feuerzangenbowle, erzählt sie schmunzelnd: „Wissenschaftlich waren die Lehrer sehr gut, aber methodisch...“ Sie rollt mit den Augen. Sie muss es wissen: Jahre später wurde sie selbst Lehrerin mit Schwerpunkt Sport. 35 Jahre lang lehrte sie an der Polytechnischen Oberschule in Prenzlauer Berg.

Doch zunächst kam der Krieg. Der Vater wurde eingezogen, die Mutter harrte mit den Mädchen im Haus aus und nachts, wenn Bombenalarm war, im Keller. „Dann flohen wir mit dem Handwagen. Aus der Ferne sahen wir Zerbst brennen“, sagt Christa Huth und ihr Gesicht verdunkelt sich. Viele Verwandte seien bei dem vernichtenden Angriff auf die Stadt umgekommen. Das Haus der Familie blieb, da es etwas außerhalb lag, stehen. Doch fortan musste das Heim mit russischen Soldaten geteilt werden.

1952 ging Christa Huth zum Sportstudium an die Fachschule nach Leipzig, wo sie auch ihren späteren Mann Norbert kennenlernte, ebenfalls Sportstudent. Witzig und selbstsicher sei er gewesen und habe seine Meinung offen heraus gesagt, das habe ihr imponiert. Als Norbert zurück in seine Heimatstadt Berlin ging, führten die beiden ein Jahr lang eine Pendelbeziehung. Dann heirateten sie und Christa folgte Norbert nach Berlin. Erst wohnte das Paar in Prenzlauer Berg, dann in Treptow, wo auch der Sohn zur Welt kam. Heute ist er 52, Maschinenbauingenieur und selbst Vater von zwei Kindern. Christa Huths Mann starb im Januar 2013, nach 60 gemeinsamen Jahren.

Der Sport verband die Familie

„Er wusste, was das Märchenbuch für mich bedeutet“, sagt Christa Huth. Gerade, weil ihr Mann keine schöne Kindheit gehabt habe, habe er abschätzen können, welchen Wert dieses Symbol ihrer Kinderjahre für sie hat. Vor allem verbunden hat das Paar aber die gemeinsame Leidenschaft für den Sport. Handball und Tennis: Das war der Lebensinhalt von Christa Huth. Ihr Mann lebte für das Turnen, Schwimmen, Turmspringen, Fußball und Hockey. Und jeden Sonntag Morgen ging es gemeinsam zum Laufen in den Plänterwald, den Sohn im Schlepptau. Christa Huth lächelt. Der viele Sport hat seinen Tribut gefordert: Mehreren Operationen an Knien, Schulter und Hüfte musste sich die 81-Jährige unterziehen, oft leidet sie an Schmerzen. Doch die vielen guten Jahre und Erinnerungen sind es wert.

Gymnastik und Spaziergänge: Das steht noch immer täglich auf dem Plan von Christa Huth. Außerdem hat sie angefangen, selbst Geschichten zu schreiben: über den Jungen Malte, der sich auf den Meeresgrund träumt, und zwei Pflänzchen mit Namen Löwenzahn und Gänseblümchen. Und das „Hasenmädchen Dita“ natürlich. Das ist die Geschichte ihres eigenen Lebens, verpackt in die Geschichte einer Hasenfamilie. Dieses Manuskript hat Christa Huth 2006 auch liebevoll selbst illustriert und binden lassen. Nun liegt das Büchlein neben dem Märchenbuch ihrer Kindheit. Schmaler ist es, aber die Verwandtschaft in Ausdruck und Gestaltung ist deutlich. Es gibt keinen Zweifel: Die Geschichten ihrer Kindheit, sie prägen Christa Huth bis heute.