Beziehungen

Die Geschichte der besonderen Liebe von Katja und Sebastian

Über Menschen mit geistiger Behinderung gibt es immer noch Vorurteile. Doch Katja und Sebastian führen eine fast normale Ehe. Die Geschichte eines echten Traumpaars.

Foto: Amin Akhtar

Der Tag, an dem Katja Bode und Sebastian Richter beschlossen, dass sie es ernst meinten, war ein Samstag. Als sie loszogen, erzählten sie niemandem, was sie vorhatten. Nach einer Weile begannen sich die Betreuer ihrer WG zu fragen, wo sie denn eigentlich blieben. Katja und Sebastian sind lernbehindert. Dann standen sie wieder in der Tür, mit einem geheimnisvollen Lächeln auf den Lippen. „Der Basti und ich waren beim Standesamt“. erklärte Katja den erstaunten Betreuern. „Wir wollen nämlich heiraten.“

Das ist ungefähr vier Jahre her. Katja Bode ist heute 26, Sebastian Richter 34 Jahre alt. Sie erinnern sich gut an die Antwort, die man ihnen auf dem Amt gab. Sie müssten anrufen und einen Termin vereinbaren. Das klang kompliziert. Und als würde man sie nicht ganz ernst nehmen. Also waren sie wieder nach Hause gefahren. Mit Bus und Bahn, wie sie das immer machen: Katja versucht, sich an den Weg zu erinnern und Sebastian liest die Schilder. Katja kann nicht lesen, Sebastian hat keinen guten Orientierungssinn. Wenn sie nicht weiterwissen, fragen sie jemanden nach dem Weg. Gemeinsam sind sie ein gutes Team.

Katja lehnt sich auf dem WG-Sofa zurück, lächelt und nimmt Sebastians Hand. „Ist doch so, stimmt’s, Basti?“ Es ist Nachmittag, Feierabend, die beiden sitzen bei Kaffee und Kuchen mit ihren WG-Betreuern zusammen. Katja schiebt ihre Finger zwischen Sebastians. So, dass ihre Ringe direkt übereinander liegen. Heute sind die beiden tatsächlich ein Ehepaar. Und damit etwas ziemlich Besonderes, auch wenn es im Alltag oft gar nicht so aussieht.

„Wie erleben Sie Ihre Ehe?“ – „Wir tanzen“

Sie sind sogar ein bisschen berühmt. Im Februar wurden sie auf dem großen Valentinstags-Ball der Berliner Lebenshilfe zum „Traumpaar“ gekürt. Vor 700 geladenen Gästen durften sie die Tombola-Lose ziehen. Und der RBB bat sie zu einem kurzen Live-Interview für die „Abendschau“. „Wie erleben Sie Ihre Ehe?“, fragte der Reporter. Sebastian, ein bisschen aufgeregt, antwortete ebenso kurz wie präzise ins Mikrofon: „Wir tanzen.“ Etwas Schöneres lässt sich über eine Ehe wohl kaum sagen.

Was für die meisten selbstverständlich klingt – einen Partner finden, heiraten, eine Familie gründen – bleibt für Menschen mit geistiger Behinderung oft ein Traum. Bis in die 90er-Jahre galten Menschen mit geistiger Behinderung entweder als unschuldige ‚Kinder’, die eigentlich keine Sexualität wollten, oder umgekehrt als besonders triebhaft. Beide Vorurteile sind längst widerlegt. Doch die Wahrnehmung beginnt sich erst langsam zu verändern. Themen wie Liebe und Sexualität sind im Zusammenhang mit geistiger Behinderung noch lange nicht so selbstverständlich wie bei Nicht-Behinderten. Und mit dem Gedanken an eine Ehe unter Menschen mit geistiger Behinderung können sich selbst manche Christen noch nicht anfreunden.

Katja Bode und Sebastian Richter haben sich in ihrer Wohngemeinschaft kennen gelernt. Sie zog damals aus Sachsen nach Berlin. Sie ist die Jüngste von sechs Geschwistern. „Als meine Mutter gestorben ist, wollten wir nicht mehr in Sachsen leben, die Erinnerung an sie war zu traurig.“ Sebastian, sagt sie, wohnte damals schon in der WG. Sie hat ihn gleich gemocht. „Er sah so nett aus.“

Eine Nichte brachte sie zusammen

Katja lehnt sich an ihn, er legt einen Moment zärtlich seine Hand an ihre Wange. Dann nickt er und schweigt. Katja kann gut formulieren. Man spürt, dass sie Gesellschaft mag und gewohnt ist. Sebastian ist ernsthafter. Er überlegt genau, bevor er etwas sagt. Auch er hat ein Elternteil früh verloren, seinen Vater. Vielleicht war es auch das, was die beiden einander näher brachte, als Katja dann tatsächlich einzog. Anfangs, erzählt sie, hat sie sich heimlich Sebastian ins Zimmer geschlichen. Sie kichert, er lächelt und sagt: „Aber richtig zusammengebracht hat uns Katjas Nichte Sandra.“ Sandra ist etwa so alt wie Katja. Sie hatte die beiden am Valentinstag zum Bowling eingeladen. Dort haben sie sich ihre Liebe gestanden. Sebastian rechnet nach. „Vor genau fünf Jahren war das.“ Katja lächelt. Der Valentinstag begehen sie seitdem jedes Jahr ganz besonders. Diesmal werden sie tanzen gehen, auf dem Ball – und sich gegenseitig Geschenke machen.

Es klingt nach einem normalen Leben. Die Zeiten, in denen Menschen mit Behinderung in Anstalten gesperrt wurden, entmündigt und versteckt hinter Mauern , sie scheinen hier unendlich weit weg. Nach der Wende 1990 wurden Begriffe wie Entmündigung oder Vormundschaft abgeschafft. Neue Gesetze regelten, wie Menschen mit Behinderung leben sollten. Das Ziel lautet seitdem „Teilhabe an der Gesellschaft“. Allein die Lebenshilfe Berlin betreibt in der Stadt heute mehr als 50 Wohngemeinschaften für Menschen mit geistiger und/ oder psychischer Behinderung.

Das Haus, in dem Katja und Sebastian wohnen, liegt im Norden von Berlin. Ein Nachwende-Neubau in einer freundlichen Siedlung. Katja wohnt im Erdgeschoss, Sebastian einen Stock höher. Pro WG sind sie jeweils zu fünft. Jeder hat ein eigenes Zimmer, es gibt je eine gemeinsame Küche und ein WG-Wohnzimmer. Fotos an den Wänden erzählen von gemeinsamen Reisen und Hobbys der Bewohner, die Haushaltspläne in der Küche vom Alltag. Der funktioniert fast wie in einer Studenten-WG. Nur dass von mittags bis abends je ein oder zwei Betreuer da sind, am Wochenende sind sie auch schon vormittags da. „Dann gehen wir manchmal ins Kino oder zum Fußball“, sagt Sebastian. „Oder Tanzen in Clärchens Ballhaus“, ergänzt Katja. Sie liebt tanzen. Besonders zu indischer Popmusik aus Bollywoodfilmen. Die hat schon ihre Mutter gemocht.

„Bin ich behindert?“

Katja und Sebastian sagen über sich selbst: Sie seien geistig behindert. Die Betreuer sagen: lernbehindert. „Oder, Sebastian? Bin ich behindert?“, fragt Katja. Die Betreuer lachen. Der Begriff ist unscharf, selbst Fachleute sind uneins. Manche messen die Intelligenz, andere beurteilen die Fähigkeit eines Menschen, mit der Umwelt in „Interaktion“ zu treten. Nicht zuletzt von Menschen mit Autismus oder Down-Syndrom weiß man längst, das große Defizite Begabungen nicht ausschließen. Und dass auch Menschen mit „mentalen Defiziten“ sehr vieles lernen können. Nur brauchen sie eben oft sehr, sehr viel länger dafür. So besucht Katja jeden Sonnabend einen Volkshochschulkurs in Lesen und Schreiben. Eigentlich hat sie das in der Schule schon gelernt. „Aber ich vergesse es immer wieder.“ Andererseits kann sie die Zahlen perfekt. Warum? Keiner weiß es.

„Wir fragen hier nicht konkret nach Diagnosen und Ursachen einer Behinderung“, sagt Signe Beye, die neben Christian Reimer zu den WG-Betreuern gehört. „Im Alltag sieht man, was jemand kann und wo seine Grenzen sind.“ So haben sie am Nachmittag gemeinsam mit dem jungen Ehepaar deren Zimmer aufgeräumt. Sebastian grinst. Er gehört zu den Bewohnern, die daran erinnert werden müssen, andere können es allein. Den Kuchen auf dem Tisch hat Betreuer Christian Reimer gebacken, Kaffee und Tee haben Katja und Sebastian zubereitet. Aufgabe der Betreuer ist es, so viel Unterstützung wie notwendig anzubieten bei so wenig Einflussnahme wie möglich. Am Wochenende kochen sie auch selbst, mit Unterstützung der Betreuer. „Morgens machen wir uns ja auch das Frühstück selbst, um 5.30 Uhr“, sagt Katja. Es klingt stolz. Zur Arbeit fahren sie selbstständig. Abends treffen sich alle zum Abendessen am WG-Küchentisch. „Dann wird geredet“, sagt Christian Reimer. Über den Alltag. Und natürlich auch über das, was nicht so klappt, wie es soll.

So war es auch mit Katja und Sebastian. Anfangs zog Katja in Sebastians WG mit ein, heute lebt sie in einen Stock tiefer. Was genau vorgefallen ist, wollen sie nicht erzählen. Welches Paar spricht schon gern über private Probleme? Grenzen setzen zu lernen ist für Menschen mit geistiger Behinderung besonders wichtig, sagt Signe Beye. „Denn sie können vieles nicht reflektieren.“ So haben sie in der WG gemeinsam beschlossen, dass Katja und Sebastian nicht in einer Wohngemeinschaft leben sollen. Auch wenn es in Katjas WG schon ein anderes Paar gibt, das sogar ein gemeinsames Schlaf- und ein Wohnzimmer hat. Katja sagt: „Für uns ist es besser so.“ Sebastian stimmt zu. Jetzt gibt es Tage, an denen sie jeder allein etwas unternehmen. Und Tage und Nächte, an denen sie zusammen sind.

Heiraten war schon immer Katjas Traum

In Sebastians Zimmer hängt über der Couch eine große Collage. Er hat darauf in einem Projekt festgehalten, was ihm wichtig ist: „Mit jemandem reden“, „Entscheidungen treffen.“ In der Rubrik „Worauf ich stolz bin“ hat er eingetragen: „Dass ich eine Freundin habe“. In Katjas Zimmer hängt über dem Frisiertisch ein Poster von Bollywood-Superstar Shah Rukh Khan. Auf der Kommode hat sie Figuren gesammelt. Es sind Hochzeitspärchen. Sie sagt: Sie hat schon lange davon geträumt, einmal zu heiraten. Schon vor Sebastian. Es gehörte zu ihrer Vorstellung vom Leben einfach dazu. Und noch etwas sagt sie: „Eigentlich möchte ich auch ein Kind.“

Wenn Sebastian und Katja sich nachmittags nach der Arbeit treffen, gucken sie gern zusammen fern. „Oder quatschen“, sagt Katja. „Oder wir schmusen, wenn keiner guckt.“ Einmal hatten sie für zwei Wochen eine ganz andere Beschäftigung. Auch wenn sie nicht so gern daran zurückdenken. Nachdem Katja und auch Sebastian gesagt hatten, sie hätten gern ein Kind, durften sie für 14 Tage tatsächlich eines haben. „Aber kein echtes“, sagt Katja, „es war eine Babypuppe“.

Kinder aufzuziehen ist schwierig

Sie stammte aus einem Projekt für Teenager, die erleben sollen, was es bedeutet, ein Baby zu versorgen. Die Puppe lachte, sie weinte, sie hatte Hunger und musste gewickelt werden. Rund um die Uhr. Katja und Sebastian nahmen abwechselnd Urlaub. Er holte sie mit der Babypuppe von der Arbeit ab. Fast wie richtige Eltern. Nur einen Namen hatte das Baby nicht. Und am Schluss wäre es beinahe verhungert. Der Babywunsch wurde in die Zukunft verschoben. „Kinder aufzuziehen ist schwierig“, sagt Sebastian realistisch. „Wir bräuchten dafür Hilfe.“ So kehrten die beiden vorerst in ihren Alltag zurück.

Katja arbeitet in einer Werkstatt, in der Taschen und Patchwork-Decken genäht werden. „Das macht mir echt Spaß“, sagt sie. Vom Taschengeld hat sie sich eine eigene Nähmaschine zusammengespart. In ihrem Zimmer liegt eine ihrer Arbeiten. Eine große Decke in schönen Pastellfarben, geduldig zusammengesetzt aus winzigen Stoffstücken und perfekt genäht.

Sebastian arbeitet als Küchenhilfe in einer Werkstatt für behinderte Menschen. Momentan hilft er allerdings in einem Kühlhaus aus. „Ich mache eine Vertretung, es ist jemand ausgefallen“, sagt er. Gebraucht werden, etwas leisten – der Stolz der beiden wirkt kindlich, aber das täuscht. Das Gefühl ist dasselbe wie bei anderen auch. Nur ist es für Menschen mit Behinderung viel schwerer, darin ernst genommen zu werden.

Ein richtiger Antrag, mit Rosen

Auch, was das Heiraten betraf, war es den beiden ernst. „Basti hat mir einen richtigen Antrag gemacht“, erzählt Katja. „Auf den Knien. Mit Rosen.“ Sebastian schaut ein bisschen verlegen, als die Betreuer staunen. Von diesem romantischen Moment hatten sie bisher gar nichts gewusst. Aber dass die beiden es ernst meinten, verstanden sie auch so. „Wir haben uns erkundigt, wie Katja und Sebastian heiraten könnten“, sagt Signe Beye. Zwar sprach nichts gegen eine Eheschließung, denn das dürfen die Verlobten selbst entscheiden. Auch Eltern oder gesetzliche Vertreter haben seit 1992 kein Einspruchsrecht mehr. Und auch auf dem Standesamt ist eine geistige Behinderung in der Regel nur dann ein Problem, wenn die Verlobten ganz offensichtlich nicht verstehen, worum es eigentlich geht. Doch Katja und Sebastian entschlossen sich, ohne Amt zu heiraten, denn bei einer Eheschließung können dem Paar Leistungen gekürzt werden.

Es war Sebastians Patentante, die schließlich die Lösung fand. Einen Theologen, der „besondere“ Paare traut, etwa gleichgeschlechtliche oder solche zwischen zwei Religionen. Oder Sebastian und Katja, die nicht religiös sind. Sie gaben sich an einem Julitag 2013 das Jawort. In einem großen Garten vor einem feierlichen Tisch mit weißem Tuch, einer Hochzeitskerze, Blumen und den Ringen, die auf sie warteten. Trauzeugin war Katjas Nichte. Als Gäste kamen die meisten Betreuer und sämtliche Mitbewohner. Einer von ihnen ist Musiker in einer Band. Er sang ein Lied für die beiden. Dann tanzten sie den Hochzeitswalzer.

Sich miteinander freuen und sich trösten

Es gibt einen Film von dem Tag. Eine DVD, die Katja zwischen ihren Bollywoodfilmen aufbewahrt. So können sich Katja und Sebastian immer wieder die Szene anschauen, in der sie einander versprechen: Ja, sie wollen den anderen lieb haben in guten wie in schweren Tagen. Sich miteinander freuen und sich trösten, wenn einer traurig ist. Man sieht darauf auch Sebastians Gipsfuß. Er hatte sich kurz vorher beim Hockey den Knöchel gebrochen. Katja war damals mit ins Krankenhaus gefahren. Sie hatte lange auf ihn gewartet und dann dafür gesorgt, dass sie mit einem Taxi nach Hause fahren durften. „Die wollten uns einfach wegschicken, aber er musste doch erst lernen, auf Krücken zu laufen.“ Beim Ringetausch konnte er dann schon ohne Krücken stehen.

In seiner Rede hatte der Theologe gesagt: Die Liebe zwischen den beiden solle sein wie ein Fußball, den man sich hin- und herwirft, denn Sebastian ist Fußballfan. Und wie ein Tanz, in dem man sich mal zu zweit dreht, mal allein – in Anspielung auf Katjas Freude am Tanz. Und noch etwas erzählte der Mann. Bevor die eigentlichen Planungen für das Hochzeitsfest begannen, hatte er die Verlobten befragt, warum sie denn eigentlich heiraten wollten. Viele Menschen hätten auf so eine Frage wahrscheinlich lange Geschichten erzählt. Von der tiefen Vergangenheit bis in die rosige Zukunft, zu zweit oder als Familie. Sebastian hatte einfach geantwortet: „Weil ich Katja ganz doll liebe.“