Kindermode

„Mode ist ein Ausdruck der Identitätsentwicklung“

Wie wichtig ist Mode für Kinder? Was dürfen die Eltern bestimmen, was nicht? Karin Jacob, Erziehungs- und Familienberaterin im SOS-Familienzentrum Berlin des SOS-Kinderdorf e.V., klärt typische Fragen.

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Berliner Morgenpost: Ab welchem Alter interessieren sich Kinder für Mode?

Karin Jacob: Bei kleinen Kindern geht es noch nicht um Marken. Da ist es möglicherweise ein Thema der Eltern, die sich fragen: Wie muss mein Kind aussehen, damit andere nicht schlecht über mich denken? Wie viel Freiheit und Mitbestimmung kann ich meinem Kind bei der Wahl der Kleidung lassen? Ab dem Grundschulalter beziehungsweise der Pubertät stellen sich entwicklungsbedingt Modefragen, vor allem wenn es um die Abgrenzung vom Elternhaus geht. Das Kind möchte die Individualität herausstellen, aber auch zu einer Gruppe Gleichaltriger gehören. Es geht um Identitätsentwicklung, darum, sich selbst zu finden und auszuprobieren. Das ist ein wichtiger Entwicklungsschritt.

Wie frei kann man das Kind in Modefragen entscheiden lassen?

Kleinen Kindern geht es auch um das Durchsetzen des eigenen Willens. Ich erlebe zuweilen, dass sich Eltern unter Druck gesetzt fühlen, weil sie sich unter dem Gesichtspunkt der Erziehungskompetenz beobachtet fühlen. Ich bestärke sie, dass es okay ist, dass das Kind sich ausprobiert, sich möglicherweise ganz bunt anzieht. Aber man muss dem Kind bestimmte Grenzen erklären. Es kann nicht im Winter im dünnen Sommermantel nach draußen gehen. Eltern müssen dem Kind aber auch sagen, warum sie eine Entscheidung treffen. Kinder haben ein Recht darauf, dass Eltern begründen, warum Dinge nicht gemacht werden dürfen.

Aber oft lassen kleine Trotzköpfe nicht mit sich diskutieren...

Es gibt oft die Situation, dass morgens Stress ist, wenn man unter Termindruck aus der Tür muss. Die Frage ist: Wie kann man die Situation im Vorfeld entspannen? Vielleicht legt das Kind gemeinsam mit den Eltern abends die Kleidung heraus. Dann kann es sich ausprobieren, natürlich innerhalb der Grenzen der Notwendigkeit.

Wie viel Mode muss denn bei der Identitätsentwicklung sein?

Das ist altersabhängig. Es geht hier um den eigenen Geschmack, um den Ausdruck von Individualität und auch um Statusfragen. Das kennen wir Erwachsenen auch. Dazu gehört auch, dass das Kind zu einer Gruppe dazu gehören oder einem Vorbild nacheifern möchte.

Und dann sollten Eltern dem Wunsch nach einem Markenprodukt nachgeben?

Eltern sollten ihr Kind ernst nehmen und mit ihm versuchen, eine individuelle Lösung zu finden. Sie sollten fragen: Was passiert, wenn du nicht genau diese Turnschuhe hast? Eltern sollten ihre eigene Positionen deutlich machen und sagen: Mir wäre das nicht wichtig, aber wenn es dir wichtig ist, finden wir eine Lösung. Man kann zum Beispiel vorschlagen, dass das Kind das Taschengeld einsetzt.

Manchmal haben Eltern das Gefühl, dass es gar nicht darum geht, was angezogen werden soll, sondern um etwas anderes. Was steckt dahinter?

Eltern müssen in der Pubertät damit rechnen, dass ihre Kinder sie mit ihrem Outfit auch schockieren wollen. Das gehört zur Abgrenzung und Ablösung dazu. Das ist kein persönlicher Angriff und ändert sich spätestens nach der Pubertät wieder. Ein Gewinn dieses Prozesses ist, dass Kinder lernen, eigenständig zu werden, sich zu behaupten und Argumente zu entwickeln. Aber sie lernen auch, in der Auseinandersetzung andere Meinungen zu akzeptieren.

Also sollten Eltern gelassen bleiben, wenn die Tochter im Minirock oder bauchfrei zur Schule gehen möchte?

Meist geht es hier um die Ängste der Eltern davor, dass das Mädchen gleichzeitig seine Sexualität ausprobiert. Also müssen Eltern dem Kind erklären, warum sie etwas dagegen haben. Sie sollten das Kind fragen: Warum ist dir das jetzt wichtig? Es gehört zum Erwachsenwerden dazu, dass Mädchen ihre Weiblichkeit testen. Ab einem bestimmten Alter lassen sich Verbote nur noch schwer durchsetzen, weil die Kinder es dann möglicherweise heimlich machen. Eltern müssen dem Kind Freiräume und eigene Entscheidungen zugestehen. Sie müssen lernen, ihr Kind immer mehr loszulassen. Wenn Eltern Gefahren sehen, sollten sie diese offen ansprechen und mit ihren Kindern nach Lösungen suchen.

Ab welchem Alter sollten Kinder alleine über Kleidung entscheiden oder alleine einkaufen gehen?

Das kann man nicht pauschal sagen. Mit zwölf, dreizehn oder vierzehn Jahren beginnt es, dass Kinder immer eigenständiger sein wollen und sich mit Gleichaltrigen ausprobieren. Man sollte klare Linien vorher absprechen: Was darf gekauft werden? Was darf die Hose höchstens kosten? Das Kind muss sich an etwas orientieren können. Wichtig ist, dass Eltern zum Beispiel erklären, dass nur so und so viel Geld zur Verfügung steht.

Was kann man tun, wenn das Kind wegen der Kleidung in der Schule gemobbt wird?

Ganz wichtig: Man darf das Kind nicht alleine lassen. Mit Mobbing fertig zu werden, schafft niemand alleine. Da braucht es Hilfe, vor allem Offenheit und Transparenz. Man muss den Grund für die Ausgrenzung klären und überlegen: Wie kann ich meinem Kind helfen, sich stärker zu behaupten? Welche Verbündete findet das Kind? Man sollte sich an Lehrer und Freunde wenden. Auch beim Elternabend kann das Thema angesprochen und zum Beispiel angeregt werden, dass in der Klasse darüber diskutiert wird, wie man mit Mode umgeht. Und natürlich muss man das Kind unterstützen, Argumente und Positionen zu finden.