Weihnachtsgeschenke

Für das Haar der Gattin ein neues praktisches Ondulier-Eisen

Was vor 100 Jahren unter dem Berliner Weihnachtsbaum lag

Es sind nur noch wenige Monate, bis Deutschland mit Großbritannien im Krieg steht, und Wünsch, das Spezialhaus für feine Herren-Ausstattung in der Leipziger Straße, bietet ein „apartes Weihnachts-Geschenk“ an: Krawatten in schottischem Geschmack. Viele Deutsche werden bald Anzug und Krawatte gegen Helm und Uniform tauschen. Aber im Dezember 1913 herrscht in Berlin noch weihnachtliche Vorfreude. Die Zeitungen sind voll von Anzeigen. Sie helfen den Damen und Herren bei der Auswahl ihrer Geschenke.

Darf es für ihn vielleicht ein Oberhemd für den Frack sein? Es kostet bei A.C. Steinhardt in der Joachimsthaler Straße 2 (damals noch mit „h“ geschrieben) 6,25 Mark. Etwas teurer aber vielleicht edler als Geschenk sind die Pyjama-Anzüge von 7,50 Mark an. Steinhardt hat aber schon am 3. Dezember seinen „Weihnachtsverkauf zu besonders billigen Preisen“ eröffnet. Den Hausherrn könnte man unter Umständen auch mit einigen Zigarren beglücken. Die Mark Intervention mit 25 Stück gibt es Carl G. Gerold, Unter den Linden 24, für 7,50 Mark.

Es grummelt schon in Deutschland. Im elsässischen Zabern hatte ein junger preußischer Offizier die Bevölkerung beleidigt. Als es zu Demonstrationen kommt, greift das Militär rigoros ein. Im Berliner Reichstag führt das zu erregten Debatten. Theobald von Bethmann Hollweg, der Kanzler, bekommt ein Missbilligungsvotum serviert, zum ersten Mal in der Geschichte des Kaiserreiches. Trotzdem ist es noch weitgehend friedlich: Am 24. Dezember titelt eine Zeitung mit dem Ausstand der Fleischausträger und Schlachthausgehilfen in Paris, das wirkt wenig aufregend. Im Nollendorf-Theater wird zum 167. Mal „Cleopatra – Die Herrin des Nils“ aufgeführt. Der Film hat den allerhöchsten Geschmack gefunden, denn er war „S. M. dem Deutschen Kaiser vorgeführt und mit großem Beifall aufgenommen“ worden.

Weltliches und irdisches Glück

Das Weihnachtsgeschäft in Berlin richtet sich vor allem an die Frau. Steinhardt, das Geschäft mit den besonders billigen Preisen, bietet gestrickte Golfjacken in Wolle (14 Mark) und Seide (25 Mark) an. Aber auch Taschentücher mit Monogramm, das Dutzend für 7,20 Mark. Wer es etwas billiger haben will, kann sie mit einem Hut (von drei Mark an) beglücken, fürs Auto oder für die Reise. Und wer noch etwas drauflegen will, kann für die „Gattin oder Braut“ ein „neues praktisches Ondulier-Eisen zur Herstellung prachtvoller Haarwellen“ erwerben – Kostenpunkt 3,50 Mark.

Das „beste Weihnachtsgeschenk“ soll aber eine Singer-Nähmaschine sein, „unübertroffen“ heißt es in der Anzeige. Es geht aber noch besser. Das „schönste Weihnachtsgeschenk für jede Hausfrau“ – was kann das wohl sein? „Zentrale Wasserversorgung“ durch mit Gas geheizte Warmwasserapparate. „Sie sind in jedem Hause – auch nachträglich noch – leicht anzubringen.“ Und wem das irdische Glück noch nicht reicht, dem sei geraten, dass er zu Salamander geht: „Weihnachten im Himmel“, das sind beispielsweise Stiefel für 14,50 Mark.

Am Wittenbergplatz ist gerade der neue erweiterte U-Bahnhof fertig gestellt worden, was sich auf das Weihnachtsgeschäft rund um Tauentzienstraße und Kurfürstendamm auswirkt. „Die Berliner City-Straßen gleichen einem gigantischen Jahrmarkt“, heißt es in der Berliner Illustrirten Zeitung. „Die Masse der Passanten macht besonders abends in dem grellen Schein der Schaufensterbeleuchtung und den huschenden Strahlen der Lichtreklamen einen überwältigenden Eindruck.“ Nicht anders als heute, oder? Naja, ein bisschen hat sich schon geändert: „Wo die Menge ein Plätzchen frei gelassen, steht ein Straßenhändler, der seinem Publikum das neueste Spielzeug demonstriert.“

Todesanzeigen verdrängen Geschenkangebote

Ein Jahr später ist von der weihnachtlichen Fröhlichkeit nicht mehr viel zu erkennen. In Deutschland herrscht der Erste Weltkrieg. Todesanzeigen verdrängen die Geschenkangebote. Es wirkt schon eigenartig, wenn neben den Gefallenen auf dem Schlachtfeld mit einem Mal das Wort „Weihnachtsverkauf“ auftaucht. Beispielsweise für ein langes Naturkorsett (2 Mark), wer es gemustert verschenken will, muss noch 1,25 Mark drauflegen. Der Zeit entsprechend sind da die „Neuen Bücher für den Weihnachtstisch“: „An der Spitze meiner Kompagnie. 3 Monate Kriegserlebnisse“ (1 Mark), „Heinz Stirlings Abenteuer im Frieden und im Kriege“ (3 Mark) und der 1. Band „Kriegs-Echo“ (2,50 Mark).

Für den Weihnachtsabend wird denn auch ein Lied vorgeschlagen, Text und Noten liegen bei. Es heißt: Des Kindes Weihnachtsbitte. „Lieber Weihnachtsengel, flieg hin zum Vater, der im Krieg, bring ihm, da ich selbst nichts habe, eine schöne Weihnachtsgabe“, soll gesungen werden. Und zwar: „Ruhig und getragen, mit inniger Empfindung.“