Jugendsprache

Warum der Slang die Sprache eher bereichert als verschandelt

Oft steht der Duden in der Kritik, weil er Anglizismen aufnimmt. Ein Gespräch mit Duden-Programmleiter Werner Scholze-Stubenrecht über chillende Strauchdiebe und coole Lüsterweibchen.

Foto: Jens Kalaene / dpa

Berliner Morgenpost: Herr Scholze-Stubenrecht, wie viele neue Wörter schaffen es jedes Jahr in der Duden?

Werner Scholze-Stubenrecht: Alle drei bis vier Jahre werden zwischen 3.000 und 5.000 neue Wörter aufgenommen.

Wie viele davon stammen aus der Jugendsprache?

Das lässt nicht genau eingrenzen. Weil es „die“ Jugendsprache nicht gibt. Die Sprachwissenschaft spricht von Jugendsprachen. Und stellt fest, dass das oft sehr regional begrenzte, kurzlebige Cliquensprachen sind. Ich habe mal in einem älteren Jugendsprachwörterbuch das Wort „motzen“ gefunden. Da fragt man sich schon, was das mit Jugendsprache zu tun haben soll. Motzen steht seit Jahrzehnten im Rechtschreibduden.

Welche Kriterien muss ein Wort erfüllen, damit es die Aufnahme schafft?

Wir beobachten die Sprache fast ausschließlich in ihrer schriftlichen Manifestation. Wir haben eine große elektronische Textsammlung. Anhand dieser Sammlung prüfen wir, wie häufig Wörter in verschiedenen Quellen vorkommen. Damit wir nachweisen können, dass bestimmte Wörter tatsächlich etabliert sind und auch schon über einen längeren Zeitraum benutzt werden.

Auf diesem Weg haben es Verben wie „dissen“ oder „chillen“ in den Duden geschafft.

Ja, weil „chillen“ und „dissen“ schon seit mehreren Jahren im Sprachgebrauch dokumentiert sind.

Werten Sie neben Artikeln, Büchern und Aufsätzen auch andere mediale Quellen aus? Zum Beispiel Facebook oder Twitter?

Derzeit noch nicht, aber das prüfen wir gerade. Es gibt verschiedene Forschungsprojekte in dieser Richtung.

Wo kommen die Neuschöpfungen eigentlich her? Sind es immer eingedeutschte Anglizismen?

Neue Wörter kommen relativ häufig aus dem Englischen, oft aus der Popkultur oder der Rapper-Szene, etwa „cool“ oder „crazy“. Aber es gibt auch andere Beispiele. Das deutsche Wort „geil“ etwa, das ursprünglich eine sexuelle Bedeutung hatte, die dann allmählich abgeschnitten wurde. Jetzt bedeutet „geil“ einfach „toll, wunderbar“. Neuschöpfungen kommen also nicht nur aus fremden Sprachen, sondern entstehen auch aus Abwandlung der eigenen Sprache.

Fallen Ihnen da spontan noch andere Beispiele ein?

Da könnte man den „Grufti“ nennen. Und auch „Proll“ oder „Prolo“ – als Abwandlung von Prolet.

Es gibt immer wieder Klagen darüber, dass es solche umgangssprachlichen Ausdrücke in den Duden schaffen. Das sei Sprachverschandelung und Sprachverfall, heißt es dann. Was entgegen Sie Ihren Kritikern?

Der Duden will die gesamte Breite der Sprache erfassen. Wir dokumentieren auch Fachsprachen und Mundarten. Aber wir markieren das auch. Wir sagen nicht, dass „cool“ ein normales Standardwort ist, sondern dass das ein umgangssprachlicher Ausdruck ist. Es geht darum, die Nutzer zu informieren: Menschen, denen bestimmte Wörter begegnen und die nicht wissen, was sie bedeuten oder wie man sie ausspricht, die sollen mit dem Duden ihr Informationsbedürfnis befriedigen können.

Beliebt in der Jugendsprache, vor allem im Internet, sind auch Abkürzungen wie „Hdl“ für „Hab dich lieb“ oder „OMG“ für „Oh mein Gott“. Tauchen diese Abkürzungen ebenfalls im Duden auf?

Abkürzungen gibt es im Duden relativ häufig, wie etwa EKG. Wir haben aber mittlerweile auch „lol“ – also „laughing out loud“ beziehungsweise „laut loslachen“ aufgenommen. Wir streben da aber keinerlei Vollständigkeit an. Aber Abkürzungen, die sehr gängig sind, fallen statistisch eben auf und kommen dann automatisch auf unseren Tisch.

Muss eigentlich für jedes neu aufgenommene Wort ein altes weichen?

Die alten Wörter fliegen nicht schnell raus, wir halten schon noch eine Weile an ihnen fest. Vor allem, weil einem die Wörter ja noch in Liedern, Märchen oder Theaterstücken begegnen können. Aber nach einer gewissen Zeit, nun ja… Wir haben jetzt für den neuen Duden zum Beispiel auf den „Buschklepper“ verzichtet. Das ist jemand, der am Busch lauert, um einen anderen zu überfallen. Der „Strauchdieb“ ist nach wie vor drin, das ist aber auch ein ziemlich veraltetes Wort. Für den Buschklepper gab es mittlerweile überhaupt keine aktuellen Belege mehr. Deshalb haben wir nun auf ihn verzichtet. Aber man tut sich schwer damit. Ich kann mich erinnern, dass ich vor vielen Jahren das „Lüsterweibchen“ rausgestrichen habe, das ist eine Verzierung an Lampen, die jeder Antiquitätenhändler kennt. Da habe ich dann auch zwei, drei erboste Briefe bekommen.

Haben Sie auch böse Briefe gekriegt, als „chillen“ aufgenommen wurde?

Alle paar Monate kommt ein Brief, in dem jemand sich sehr besorgt über den angeblichen Sprachverfall äußert. Aber mir ist nicht bange um die deutsche Sprache. Die gesamte Geschichte der Sprache ist davon gekennzeichnet, dass Wörter aus anderen Sprachen übernommen wurden. Und die meisten Leute, die Jugend- oder Umgangssprache benutzen, können in der Regel sehr gut auf Standardsprache umschalten. Ich habe daher keine großen Bedenken, sondern erfreue mich an der Vielfalt.

Interview: Astrid Herbold