Reportage

Vom komplizierten Leben der späten Väter

Immer mehr Männer bekommen noch im reiferen Alter Kinder. Ist das gut? Zwei Berliner erzählen, wie die Geburt ihres ihres Kindes ihr Leben verändert hat.

Foto: Reto Klar

Günter Haße war bei allen drei Geburten seiner Kinder im Kreißsaal dabei. Bei seinem ersten Sohn war er 31 Jahre alt. Als sein Sohn Tim zur Welt kam, war er 60 Jahre alt. Bei der Geburt von Jan 62. Wenn andere Jungen zu seinen Söhnen sagen: "Dein Papa ist ja dein Opa", stellen sie klar: "Ist er nicht. Er ist mein Papa." Der 67-jährige Haße formuliert es selbst dann so: "Ich sehe vielleicht aus wie ein Opa, bin aber ein Papa."

Man kann ihn aber auch als Trendsetter bezeichnen. Denn Haße ist mit seiner späten, zweiten Vaterschaft nicht alleine: Mittlerweile hat jedes 20. Neugeborene in Deutschland einen Vater, der älter als 50 ist. Und waren es vor 13 Jahren noch 70.000 werdende Väter, die älter als 40 waren, sind es nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 2010 fast 117.000. Der Anteil der Väter, die über 70 sind, wuchs im gleichen Zeitraum um 20 Prozent. Derjenige, der diese Zahlen so fleißig zusammen gesammelt hat, heißt Matthias Franck. Er ist 63 Jahre alt. Vor zwei Jahren wurde sein erstes Kind, seine Tochter Mathilda, im Berliner Sankt Joseph Krankenhaus geboren. Franck hat das gemacht, was Väter gerne machen, wenn sie ein bisschen Zeit haben, schreiben können und sich um ihr Kind kümmern: er hat ein Buch herausgebracht. "Spätzeuger" liest sich wie ein Plädoyer für eine späte Vaterschaft. Im Untertitel stellt er provokativ die Frage: Sind ältere Männer die besseren Väter?

Start-over-Dads – ja, es gibt schon längst einen Begriff für diese späten Väter – seien schwungvoll und optimistisch. Überhaupt will Franck "den Spieß umdrehen" und fragt: Warum vernachlässigen junge Väter öfter ihre kleinen Kinder? Warum steht "jung" für "keine Zeit für Kinder"? Weil der Arbeitsdruck die Freiheiten einschränkt? Ältere Väter hätten ihre Karrierewünsche längst hinter sich gelassen und könnten sich nun voll und ganz um ihre Kinder kümmern. Außerdem würden die Kleinen nicht mehr mit einer Scheidung ihrer Eltern konfrontiert sein. Wer so spät noch ein Kind in die Welt setzt, dessen Eltern würden sich nicht mehr trennen. Franck und seine Frau, die Berliner Integrationsbeauftragte Monika Lüke, beispielsweise haben sich geschworen, die 18 Jahre, bis ihre Tochter volljährig ist, auf jeden Fall zusammen zu bleiben.

Seine Frau hat einen 60-Stunden-Job

Es ist einer dieser grauen Herbstnachmittage, an denen man schon nicht mehr ohne Schirm die Wohnung verlassen will. Franck hat trotzdem die obersten zwei Knöpfe seines Hemdes geöffnet und die Ärmel nach oben gekrempelt. Er hat eine durchtrainierte Statur, wirkt mindestens zehn Jahre jünger als seine 63 Jahre. In einer Stunde wird er seine Tochter von der Kita am Marheinekeplatz abholen, das Fahrrad hat er schon einmal dort vor die Tür geschoben. Er scheint entspannt, hat nicht diesen gehetzten Vater-Tunnel-Blick.

Franck ist Journalist. Er arbeitet frei, sonst könnten sich Mathildas Eltern die Erziehung ihrer Tochter vielleicht nicht so einigermaßen gut einteilen. Seine Frau, sagt Franck, hat einen 60-Stunden-Job. Sie bringt das Kind morgens um acht Uhr in die Kita, er holt es in der Regel um 16 Uhr ab, "dann gehen wir spielen". Doch auch er ist ab und zu unterwegs. Er berät Entscheider in Politik und Wirtschaft für Fernseh-Auftritte, moderiert im NDR-Hörfunk die Sendung "Redezeit". Er dreht Dokumentarfilme. Als seine Frau gerade schwanger geworden war, berichtete er über das massenhafte Morden in der mexikanischen Grenzregion.

Aber fühlt er sich als Vater nicht zu alt? Ein Moment schaut er schweigend auf seine Kaffeetasse und sagt dann: "Auf dem Spielplatz, glauben Sie es mir, bin ich der aktivste Vater. Und von den Müttern sowieso. Es gibt kaum jemanden, der mit seinen Kindern rutschen geht." Weitere Beweise? Er springe mit einem Köpfer vom Fünf-Meter-Turm im Schwimmbad, einmal in der Woche spiele er Fußball, er habe noch einen guten, harten Schuss.

Ein Kind? Sie konnte es gar nicht glauben

Eigentlich hatte Franck nicht geglaubt, noch einmal Vater werden zu können. Er habe zweimal Schwangerschaftsabbrüche erlebt, die Frauen hätten die Kinder nicht gewollt. Eine Amerikanerin, mit der er zusammen war, erklärte ihm, dass es die schlimmste Vorstellung in ihrem Leben sei, ein Kind zu bekommen. Seine heutige Frau kannte er gerade mal vier Monate, als sie schwanger wurde. Was schon ein Wunder war. Denn sie hatte sich vor einigen Jahren in den Tropen den Dengue-Virus eingefangen und konnte, so sagten ihr Mediziner, kein Kind mehr bekommen. Als Franck von einer Reise wiederkam, sah er, dass ihr Busen größer geworden war und meinte, sie würde schwanger sein. Sie konnte es gar nicht glauben, bis es dann ein Test bewies. "Ich glaube, ich habe mich ein bisschen mehr gefreut als sie", erinnert sich Franck.

Gefreut? Für den pensionierten Lehrer Günter Haße ist das, was ihm alles in den letzten sieben Jahren passiert ist, viel mehr, "ein Riesenlebensglück". Er hat den Krebs besiegt, obwohl es eigentlich aussichtslos aussah. Er hat zwei Kinder bekommen, obwohl er eigentlich gar nicht mehr zeugungsfähig war.

Es ist elf Uhr am Vormittag. Die Familie lebt in einer Doppelhaushälfte ganz im Süden Berlins. Im Wohnzimmer ist es sehr ruhig. Wenn Haße nicht gerade spricht, hört man nur das leise Ticken einer Uhr. In diesen Vormittagsstunden ist er meistens ganz allein zu Hause. Die Kinder sind in der Kita beziehungsweise in der Schule. Seine Frau Kathrin arbeitet. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin eines Abgeordneten im Bundestag. Sie verdient Geld, er kriegt Rente. An den Wänden hängen jede Menge Kinderzeichnungen, Spiele liegen in der Ecke. Wie so oft, wenn es kleine Kinder gibt, haben sie weitgehend auch das elterliche Terrain erobert.

"Mittlerweile bin ich viel gelassener"

Haße erzählt von seinem ersten Sohn, der 1977 zur Welt kam. "Da war ich schon nicht mehr der jüngste. Die meisten Freunde sind in dieser Zeit bereits mit 23 Jahren Vater geworden." Er sagt, er habe sich um diesen ersten Sohn bemüht. Nur war er weniger präsent als heute. Und unsicherer, wie er mit der Vaterrolle umgehen solle. "Mittlerweile bin ich viel gelassener. Bei meinen beiden späteren Kindern wusste ich, was auf mich zukommt. Bei so etwas wie Windeln wechseln war mir klar, das kannst du bewältigen." Windeln wechseln – das hört sich heute so selbstverständlich bei modernen Vätern an. Aber viele Großväter, die in Haßes Alter sind, würden so eine Windel nicht einmal im sauberen Zustand anfassen.

Nach der Geburt der ersten Sohnes wollte Haße seiner damaligen Frau ersparen, dass sie verhüten muss und ließ sich die Samenleiter durchtrennen. "Es dauerte zehn Minuten, es tat ein bisschen weh, aber eigentlich hat es uns das Leben erleichtert. Die Ehe lief entspannt weiter. Meine Frau wusste, dass sie durch mich nicht mehr schwanger werden konnte." Trotzdem reichte es nicht für ein lebenslanges Eheversprechen. Haße und seine Frau trennten sich. Der volljährige Sohn sah den Grund beim Vater und wollte mit ihm fortan nichts mehr zu tun haben. Bis heute haben sie, obwohl beide in Berlin wohnen, keinen Kontakt. Haße unterrichtete an einer Grundschule im Süden Neuköllns. Deutsch und Religion waren seine Hauptfächer. Er lernte dort seine neue Frau kennen, Kathrin, 22 Jahre jünger als er. Er war 52 und sie 30. Und plötzlich wurde das Kinderkriegen noch einmal ein Thema. Haße ging zu einem Urologen. "Wir müssen prüfen, ob ihre Samen noch aktiv sind", sagte der. Sie waren es. Beim zweiten Versuch klappte die Hormonbehandlung und In-Vitro-Fertilisation (IVF) bei seiner Frau. 2006 kam der Sohn Tim zur Welt.

Ein Jahr später wurde Haße schwer krank. Bauchspeicheldrüsenkrebs. "Es ist ein Wunder, dass es mich noch gibt. Wenn man eine solche Diagnose erhält, ist das Leben normalerweise nach wenigen Wochen erledigt. Ich bin aber durch großes Glück in gute Chirurgen-Hände gekommen." Der Krebs wurde herausoperiert. Fünf Jahre nach der Chemotherapie ist Haße heute beschwerdefrei.

Jan kam ein Jahr nach der Krebs-Operation zur Welt

Jan, der jüngste Sohn, kam ein Jahr nach der Krebs-Operation zur Welt. Haße und seine Frau Kathrin hatten nach Tims Geburt beschlossen, von den befruchteten Eizellen noch einige einzufrieren. Jetzt wurden sie aufgetaut und seiner Frau eingesetzt. "Eine Zelle ist zum Leben erwacht und wurde unser Jan. Das macht uns bis heute sehr glücklich."

Haße steht unter der Woche morgens um sechs Uhr auf. Er macht das Frühstück für die Familie und bringt dann die Kinder in Schule und Kita. Er kauft ein, kocht das Abendessen vor, holt die Kinder ab, macht mit Tim Schularbeiten und spielt mit beiden. Beim Fußball ist er schon ein bisschen kurzatmig, steht lieber im Tor. Auch in den Dreck kann er sich nicht einfach mal schmeißen, weil er Rückenschmerzen hat. Jeden Abend, kurz vor dem Schlafen, liest seine Frau dann den beiden Kindern immer noch etwas vor, "das tut uns allen gut".

Was aber findet eine wesentlich jüngere Frau an einem älteren Mann? Warum will sie gerade mit ihm eine Familie gründen? Haßes Frau ist nun gerade mal neun Jahre älter als sein erster Sohn, er ist nur zehn Jahre jünger als sein Schwiegervater. "Offensichtlich muss ich bei meiner jetzigen Frau etwas ausgelöst haben, dass sie dachte, das ist der Mann, mit dem sie ihr Leben teilen will. Für mich war nicht entscheidend, dass sie jünger war, sondern dass sie ein ganz anderer Typ war. Sie tut mir gut und ich ihr auch."

Aber wären sie noch heute zusammen, wenn keine Kinder zur Welt gekommen wären? Haße meint, er könne dazu kein eindeutiges Ja geben. "Wir wollten doch Kinder haben." Und auch Matthias Franck meint: "Das kann man nicht sagen."

Zwillinge mit 70

Übrigens finden sich die beiden in prominenter Gesellschaft. Schon Charlie Chaplin, Anthony Quinn und Luis Trenker wurden teilweise in hohem Alter noch einmal Väter. Heute ist beispielsweise der 70-jährige Ulrich Wickert in dritter Ehe mit der 41-jährigen Julia Jäckel verheiratet. Im vergangenen Jahr bekam das Paar Zwillinge, sie ist seit April Vorstandsvorsitzende bei Gruner+Jahr. Franz Beckenbauer ist mittlerweile 68 Jahre alt, er hat zwei Kinder im Alter 13 und neun Jahren. Der Fernseh-Moderator Jean Pütz ist 77 Jahre alt, das jüngste seiner drei Kinder kam vor drei Jahren zur Welt. Der 59-jährige Dieter Bohlen wurde gerade im September wieder Vater. Der 68-jährige Schauspieler Sky du Mont hat mit seiner 37-jährigen Frau Mirja zwei Kinder im Alter von zwölf und sieben Jahren.

"Ich liebe dich, aber ich bin jung, ich will eine Familie, ich will Kinder haben", hat du Mont damals von seiner Frau zu hören bekommen. Matthias Franck erzählte er für dessen Buch, dass er "tierische Angst" gehabt hatte. Weil er nicht noch einmal ein Kind verlieren wollte. Seine erste Ehe war nicht nur gescheitert, die Trennung hatte ihn auch von seinem ersten Sohn entfremdet. Heute, wo seine beiden anderen Kinder auf der Welt sind, sagt er: "Ich weiß, ich habe in meinem Leben zu viele Dinge liegen gelassen, weil ich hinter meinem Beruf oder Gelderwerb her war oder verliebt war oder was auch immer. Als ich das Neugeborene sah, dachte ich: Nein, das passiert dir nicht mehr. Ich werde mich ganz doll um dich kümmern. Ich will sehen, wie du aufwächst, ich möchte sehen, wenn du das erste Mal hinfällst, ich werde jubeln, wenn du deine ersten Schritte machst. Das will ich sehen." Mehr Pathos kann ein später Vater eigentlich nicht zeigen.

Bleibt die Frage, wie geht es den Kindern mit ihren alten Vätern. Haßes Kinder begegnen dümmlichen Nachfragen souverän. Trotzdem trifft das Wort "Opa" einen empfindlichen Punkt. Schließlich ist die Zeit, wie lange sie ihre Väter sehen und um sich haben können, begrenzt. Bis zum Abitur? Bis zur Hochzeit? Kann der Papa noch mal Großvater werden? Trotz steigender Lebenserwartung erscheinen manche dieser Ziele unerreichbar.

"Wenn ich einmal hier liege, besuchst du mich dann?"

In Francks Buch erzählt sein Patenkind, eine 18-jährige, von ihrem 71-jährigen Vater. Wie sehr sie sich wünscht, dass er einmal ihre Kinder kennen lernt, dass er ihre Hochzeit mitfeiert, "damit er sieht, dass ich glücklich bin".

Die Schriftstellerin und Diplom-Psychologin Felicitas Heyne wuchs mit einem älteren Vater auf. Sie erzählte Franck von einer Begebenheit in ihrer Kindheit, die sie Zeit ihres Lebens nicht mehr loslassen sollte. Als sie vier oder fünf Jahre alt war, ging sie mit ihrem Vater zur Rodelbahn. Sie nahmen eine Abkürzung über den örtlichen Friedhof. Dort fragte sie ihr Vater plötzlich: "Wenn ich einmal hier liege, besuchst du mich dann?" Sie sagte ja, es schien ihr einfach in aller Unkenntnis instinktiv die richtige Antwort. Aber in der folgenden Nacht kam ihr die Szene wieder in den Sinn, sie weinte, konnte ihren Eltern nicht erklären warum.

Das Alter ihres Vaters war für sie eigentlich kein Problem. "Ich habe ihn schlicht angebetet. Mir wäre nie der Gedanke gekommen, dass sein Alter etwas Beschämendes sein könnte. Eher fand ich, dass es ihn zu etwas Besonderem machte." Und wie sah er selbst seine Tochter? Heyne: "Ich war willkommen, aber als ,Sinnstifter' brauchte mich mein alter Vater eigentlich nicht."

Seine eigene Kindheit bezeichnet er als grausam

Da sieht sich Matthias Franck in einer ganz anderen Position. Mathilda verkörpere mehr als alles andere den Sinn seines Lebens. Seine eigene Kindheit bezeichnet er als grausam. "Es gab keine Liebe, keine Nähe. Mein Vater hat sich nach dem Essen bedankt und sich dann zum Lesen zurückgezogen." Die Mutter hat ihn erst später, mit 44 Jahren, bekommen, den Vater empfand er bereits mit 60 als "uralten Mann". "Er hat nie einen Ball mit mir geworfen, wollte nur mal Schach spielen." Dem Vatersein habe er sich komplett entzogen. Im Alter von zehn Jahren hatten ihn die Eltern sogar in ein Heim gesteckt. Er verlor den Kontakt zu seinen Freunden.

Das möchte Franck mit Mathilda anders machen. Sein Kind soll nie in ein Internat kommen. Natürlich fällt ihm trotz aller Fitness manches schwer, was allerdings vielen Eltern auch nicht anders ergeht. Vor kurzem blieb Mathilda bei einem Ausflug auf dem Tempelhofer Feld einfach sitzen, wollte nicht mehr aufs Fahrrad steigen. Dann drohte er ihr: "Ich fahre jetzt nach Hause." Sie sagte darauf trotzig nur: ja. Er fuhr langsam los. Mehrere Leute sahen das, es verursachte "einen Riesenärger": "Sie können doch Ihr Kind nicht einfach allein lassen." Er fuhr zurück, fragte, ob sie denn jetzt endlich mitkommen wolle. Wieder sagte sie einfach nur ja – als ob nichts gewesen wäre.

Franck sagt, es falle ihm schwer, streng zu sein. Seine Frau und er hatten beschlossen, statt zu schreien zu flüstern. Schreien würde nicht helfen, sondern nur zur Eskalation beitragen. Ob sich das auf Dauer durchhalten lässt? In Mathildas Pubertät? Wenn er dann bereits Mitte Siebzig ist? Er glaubt nicht, dass er "dann ein alter Mann ist". Aber was ist, wenn sie mit ihrem ersten Freund zu Hause aufkreuzt? "Wie wird der mich sehen? Wird der mich zum Opa, zum alten Esel abstempeln, der von nichts eine Ahnung hat?" Franck gibt sich kämpferisch: "Das wird ihm nicht gelingen."

Matthias Franck: "Spätzeuger. Sind ältere Männer die besseren Väter?" Kösel Verlag, 176 Seiten, 17,99 Euro

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