Schüler & Medien

Leonie Mader ist die neue Stimme der Berliner Schüler

Leonie Mader, 18, ist die Stimme der Berliner Schüler. Sie vertritt deren Interessen als Vorsitzende des Landesschülerausschusses (LSA). Im Interview mit Margareta Laudien (15) sagt sie, was sie sich fürs neue Schuljahr vorgenommen hat. Leonie will mehr tun für die Inklusion. Sie kennt sich mit dem Thema aus, denn sie selbst ist schwerhörig:

Foto: Amin Akhtar

Margareta Laudien: Wie bist Du ins neue Schuljahr gestartet?

Leonie Mader: Sehr gut, ich bin voll motiviert. Die Lehrer machen auch einen entspannten Eindruck, allerdings sind gleich am ersten Schultag drei Stunden ausgefallen. Der Grund: Zwei Lehrer sind krank, ein Ersatz wird noch gesucht.

Welche Aufgabe willst Du als LSA-Vorsitzende als erstes angehen?

Ich möchte noch mehr Kontakt zu den Schülern haben, die ich vertrete. Dabei soll auch ein Leitfaden für Schülervertreter helfen, der gerade in Druck ist. Wir wollen uns außerdem dafür einsetzen, dass sich die Situation der angestellten Lehrer verbessert, weil das mit der Situation der Lernenden zusammenhängt.

Und was sind Deine wichtigsten Ziele im Schuljahr?

Ich habe verschiedene Ziele, zum einen möchte ich die Kommunikation zwischen Schülern und dem LSA intensiver gestalten. Zum anderen sollen die Meinungen der Schüler wieder mehr in die Bildungspolitik integriert werden. Momentan empfinde ich das so, dass in den Schulen und im Land vor allem die Meinung der Eltern zählt, bzw. diese mehr wahrgenommen wird. Das ist nicht schlecht, aber in der Schule geht es vor allem auch um uns, und deshalb sollten unsere Interessen besondere Berücksichtigung erfahren.

Was willst du beim Thema Inklusion verändern?

Es ist unbedingt zu gewährleisten, dass jeder Schüler bestmöglich gefördert wird. Bei der Inklusion sind genau da teilweise noch sehr große Lücken. Was ich zum Beispiel sehr wichtig finde, ist Aufklärungsarbeit von Schülern mit Schülern. Diese Fragen zu beantworten: Was ist das überhaupt? Warum ist der Schüler anders? Wie kann ich auf ihn zugehen? Das ist etwas Super-Wichtiges, denn sonst kommt so etwas wie Mobbing oder Ausgrenzung zustande. Also etwas, was das soziale Umfeld belastet und was dazu führt, dass sich der Schüler unwohl fühlt, was sich dann meistens negativ in den Leistungen spiegelt. Da gibt es noch viel zu tun. Inklusion ist eine Riesenbaustelle und Aufklärung ist etwas, das fehlt, und man könnte das Konzept allgemein noch ein bisschen überarbeiten. Da arbeiten wir als LSA auch dran.

Die fehlende Aufklärung resultiert wahrscheinlich auch daraus, dass Schüler einfach Angst haben oder nicht über Inklusion reden wollen.

Also, ich bin ja selber schwerhörig und habe nie das Gefühl gehabt, dass ich nicht sagen kann, dass ich schwerhörig bin. Es kann aber wirklich sein, dass andere, die nicht betroffen sind, sich wirklich scheuen, darüber zu sprechen und sich aufklären zu lassen. Der Begriff wird ja im Moment immer mehr von allen angesprochen, leider auch von den Politikern. Das ist nicht schülernah! Schon wenn ich den Begriff „Inklusion“ benutze, denken sich die Schüler meiner Klasse: Okay, was ist das? Und so funktioniert das ganz häufig, die Schüler werden nicht mitgenommen. Politik hat eine andere Sprache, die wir Schüler nicht unbedingt verstehen und das merkt man auch am Begriff Inklusion. Mit dem Thema wird offen umgegangen, aber eben zu wenig an Schulen und unter Schülern.

Dein Amt ist sicher auch deshalb schwierig, weil jede Schule anders ist und man nicht alle Wünsche und Erfordernisse unter einen Hut bringen kann.

Diesen Anspruch darf man nicht stellen. Ich finde das Wort Landesschülersprecherin irgendwie abstrakt. Ich kann nicht 300.000 Schülerinnen und Schüler mit einer Meinung vertreten, das ist unmöglich. Aber man muss und soll natürlich versuchen, die Meinungen der Schüler zu berücksichtigen. Es gibt in vielen Fragen einen Minimalkonsens und den muss man ausarbeiten. Man sollte aber gleichzeitig aufzeigen, dass es in der Schülerschaft viele verschiedene Meinungen gibt.

Hast Du Angst, dass du den Ansprüchen nicht gerecht werden kannst?

Die Frage ist natürlich immer: Welchen Ansprüchen? Wenn ich höre: Die Schülerschaft Berlins äußert sich zu irgendwas, dann denke ich in diesem Moment: Okay, da wurde nicht genug Aufklärung betrieben, denn ich kann ja nicht 300.000 Schüler vertreten. Um die Arbeit und Verantwortung besser zu verteilen, habe ich den Vorstand gestärkt. Wir arbeiten als Vorstand wieder mehr zusammen, wichtige Pressemitteilungen und andere wichtige Fragen werden vorab abgeklärt. Angst habe ich nicht wirklich. Nur davor, dass der Begriff des Landesschülersprechers so verstanden wird, dass meine Meinung die aller Schüler Berlins ist. Das Amt ist auf jeden Fall eine große Verantwortung und der wird man nicht so einfach gerecht.

Hat sich in deinem Alltag viel geändert? Es muss doch stressig sein, Schule und Amt miteinander zu vereinbaren...

Es ist viel Stress, wobei Stress für mich nicht heißt, dass ich einen vollen Terminkalender habe. Ich bin hier im Büro zweimal die Woche, im Schnitt zwei bis drei Stunden, dann haben wir noch ein paar Sitzungen und Veranstaltungen. Aber ich mache es, weil ich es mag. Gestresst bin ich allerdings, wenn ich Leuten hinterher telefonieren muss. Eins steht aber auch fest: Meine Schulnoten sind wegen der zusätzlichen Arbeit natürlich runtergegangen, das ist ganz normal. Auf der anderen Seite habe ich Kompetenz erworben. Jetzt weiß ich, wie man Pressemitteilungen schreibt oder mit Jugendpolitikern reden kann, ich darf Sachen machen, die mich weiterbringen. Ich glaube, das ist eine Bereicherung für mein Leben. Mehr Bereicherung, als wenn ich jetzt jeden Tag nur zur Schule gehen würde und ein 1,0-Abi hätte.

Was hast Du Dir persönlich fürs neue Schuljahr vorgenommen?

Ich würde gerne einen guten Durchschnitt erreichen, um ein Stipendium fürs Studium zu bekommen. In meinem letzten Schuljahr will ich aber auch Spaß und Freude haben. Und die Arbeit im Landesschülerausschuss zu einem guten Ende bringen.