Freiwilligen-Fernreisen

„Vor allem geht es darum, Erfahrungen zu sammeln“

Einer der größten kommerziellen Anbieter für Freiwilligen-Fernreisen ist die britische Organisation Projects Abroad. 1991 eröffnete sie ein Büro in Berlin. Die Morgenpost sprach mit dem Büroleiter Michael Harms (41).

Berliner Morgenpost: In den 1980-er Jahren jobbte man nach dem Abitur im Kibbuz oder als Au Pair. Heute zieht es Schulabgänger als Helfer in Entwicklungsländer. Was suchen die da genau?

Michael Harms: Die wollen raus aus dem Alltag. Die sind noch so genervt vom vielen Lernen in der Schule, dass sie eine völlig neue Erfahrung suchen.

Wie verträgt sich der Hunger nach Abenteuer mit Arbeit?

Die meisten Leute, die ins Ausland gehen, wollen etwa Sinnvolles machen. Zum Beispiel mit Waisenkindern arbeiten. Sie suchen sich ein Land aus, in dem sie nicht unter der Obhut ihrer Eltern stehen. So weit weg wie möglich.

Das günstigste Angebot, ein Monat in Nepal, kostet 1445 Euro - ohne Flug. Warum?

Die Teilnehmer bekommen ein volles Back-up in einer fremden Umgebung. Diese Rund-um-die-Uhr-Betreuung gibt es nicht zum Nulltarif. Wir betreuen Projekte in 28 Ländern und haben überall eigene Mitarbeiter. Außerdem gibt es Einführungsseminare.

Trotzdem müssen sich kommerzielle Anbieter den Vorwurf gefallen lassen, sie nutzten das Fernweh und die Hilfsbereitschaft der Jugendlichen aus.

Ziel unserer Teilnehmer ist es nicht, die Lebensverhältnisse in der Dritten Welt umzukrempeln. Deshalb ist es egal, ob sie da für einen Monat oder für ein halbes Jahr hinfahren. Es geht in erster Linie darum, selbst Erfahrungen zu sammeln. Da es keine ausgeschriebenen Stellen für ihre Tätigkeiten gibt, verfolgen sie eher weiche Ziele. Deshalb geht der Vorwurf ins Leere.

Mit dem Bundesministerium für Entwicklungshilfe und Zusammenarbeit können Freiwillige zum Nulltarif in Entwicklungsländer reisen. Warum steigen bei Ihnen trotzdem die Anmeldezahlen?

Mit uns kann man relativ kurzfristig verreisen. Man braucht nicht bis zum offiziellen Bewerbungstermin im August warten. Es gibt keine Altersbegrenzung. Selbst die Englischkenntnisse werden nicht überprüft.

Keine guten Voraussetzungen, um als Lehrer oder Betreuer zum Beispiel für indische Kinder zu arbeiten.

Vertrauen entsteht dadurch, dass die Freiwilligen täglich wiederkommen und den Kindern Aufmerksamkeit schenken. Das ist ein gegenseitiges Lernen. Auf die Sprache kommt es gar nicht so sehr an.

Woran messen Sie den entwicklungspolitischen Mehrwert einer Reise?

Das Feedback der Rückkehrer ist durchweg positiv. Einige verreisen sogar ein zweites Mal mit uns. Für uns ist das Bestätigung genug.