Dinge des Lebens

Kochen wie bei Königs

Omas Uhr, das Hochzeitskleid, das liebste Kuscheltier: Geschichten ganz besonderer Gegenstände. Karin Skibbe, 72 Jahre, Rentnerin aus Spandau, erzählt über ein außergewöhnliches Kochbuch

Foto: Massimo Rodari

Artischocken, Muscheln, Schweinefleischcurry – das klingt nach einer Auswahl moderner Gerichte. Doch das Kochbuch „Das ABC der Küche“, dem Karin Skibbe die Rezepte zur Zubereitung dieser Speisen entnimmt, stammt aus dem Jahr 1897. Es wurde für die Prinzessin von Preußen zu Schaumburg-Lippe verfasst, Jahre später landete ein Exemplar in den Händen von Karin Skibbes Schwiegermutter. In den 1930er-Jahren hatte sie als Köchin in einem jüdischen Geschäftshaushalt gearbeitet. Der Krieg hat ihr nicht nur die Menschen genommen, die ihr nah waren, sondern auch ihren Beruf. Dennoch gelang es der Familie Skibbe, sich und einige wertvolle Sachen bei Kriegsende aus einem zerbombten Keller in Berlin zu retten. Darunter war auch das Kochbuch „Das ABC der Küche“.

Geschenk der Schwiegermutter

In den 1960er-Jahren, als dann Karin Skibbe nach Berlin kam, schenkte ihre Schwiegermutter ihr dieses Buch. Das war eine besondere Zeit in Karin Skibbes Leben. Als gebürtige Dortmunderin musste sie zuerst Berlin als Stadt für sich entdecken. Sie war jung und noch nicht besonders gut im Kochen. Viele Gerichte hat sie dann von ihrer Schwiegermutter gelernt. Für ihr Interesse wurde sie später mit dem besonderen Kochbuch belohnt.

Wenn Karin Skibbe heute aus dem Buch kocht, modernisiert sie die Rezepte ein wenig, zum Beispiel den Gänsebraten. „Weniger fett und weniger schwer als damals soll es sein“, erklärt sie. Außerdem seien die Portionen in der heutigen Zeit kleiner geworden. „Ansonsten kann man alles nachkochen, wie es dort steht“, sagt sie. So stark habe sich die Esskultur in den vergangenen hundert Jahren denn auch nicht verändert.

Koch- und Geschichtsbuch in einem

Und doch ist das Lieblingsstück von Karin Skibbe mehr als ein einfaches Kochbuch. Es verrät viel über die damalige Zeit und ihre Sitten. So würde man heutzutage in einem Rezept kaum eine detaillierte Anleitung zum Thema lesen, „wie man einen Aal tötet, abzieht und vorbereitet“. Was die Zutaten angeht, gehören Salzsäure und Hammelfleisch mittlerweile nicht mehr in den Kochtopf. Auch die „Resteverwertung“ sei ein besonderes Zeitphänomen, erzählt Karin Skibbe: „Aus den Resten wurde das Essen für die Angestellten vorbereitet, dieser Aspekt wird in jedem Rezept berücksichtigt.“

Manchmal liest die 72-Jährige „Das ABC der Küche“ nicht zum Nachkochen, sondern wie ein Geschichtsbuch. Denn außer den Rezepten enthält es auch Kapitel wie die „Entwicklung der Feuerstätte und unserer Herde“ oder die „Behandlung von Brandwunden“. In der Einleitung „Ernährung und Nahrungsmittel des Menschen“ geht es darum, aus welchen Grundstoffen wie Sauerstoff, Eisen, Kalium der menschliche Körper besteht. Je mehr man sich in das Buch vertieft, desto deutlicher erkennt man darin ein beeindruckendes Zeitdokument voller Geschichten und Weltanschauungen einer vergangenen Epoche. Und an den Rändern sind noch die Notizen der Schwiegermutter zu erkennen.

Zwei Weltkriege überlebt

Wenn man das Kochbuch von Frau Skibbe in die Hand nimmt, fühlt es sich immer noch königlich an – prachtvolle Schrift, die Seiten fest gebunden, in einem guten Zustand. Zwei Weltkriege hat die wertvolle Rezeptesammlung überlebt, und doch sind die schweren Zeiten an ihr nicht spurlos vorbeigegangen. Der gute Zustand des antiken Stücks ist Ergebnis einer „Schönheitsoperation“, die das Buch in den 1970er Jahren genossen hat – Karin Skibbe und ihr Mann hatten einen Meister gefunden, der es für sie restauriert hat. Seitdem ist Kochen Frau Skibbes Hobby geworden und „Das ABC der Küche“ steht nun mit ihren modernen Kochbüchern zusammen.

„Montag: Kohlrabi, Dienstag: Möhreneintopf, Mittwoch: Spargel“: So schreibt Karin Skibbes Mann seine Essenswünsche für die nächste Woche auf einem Zettel. Diese verwirklicht „die Köchin“ mit Vergnügen. „So muss ich mir nicht jeden Tag was Neues ausdenken“, sagt sie. Besonders froh ist Karin Skibbe darüber, dass ihr Mann ihr gerne beim Kochen hilft. Und manchmal nimmt auch er „Das ABC der Küche“ in die Hand und liest darin. Es ist ein Zauberbuch, das ihn schon das ganze Leben lang begleitet – zuerst durch seine Mutter, jetzt durch seine Frau. Nicht nur eine Weltgeschichte, sondern auch die Geschichte seiner Familie spiegeln diese Seiten wider.

Haben auch Sie ein Lieblingsstück, einen Gegenstand, der eine besondere Bedeutung hat oder der Sie schon sehr lange begleitet? Dann schreiben Sie uns doch, bitte mit Angabe der Telefonnummer: familie@morgenpost.de