Dinge des Lebens

Zu Gast in der guten Stube

Omas Uhr, das Hochzeitskleid, das liebste Kuscheltier: Geschichten ganz besonderer Gegenstände. Heute: Das ungewöhnliche Puppenhaus von Angelika Thiel aus Biesenthal bei Bernau.

Foto: Massimo Rodar / Massimo Rodari

Die Nachbarskinder kommen gern zu Angelika Thiel. Weil die 62-Jährige nett ist, weil sie ihnen zuhört, weil sie mit ihnen spricht, mit ihnen spielt und immer irgendwo eine kleine Süßigkeit parat hat. Aber es gibt noch einen weiteren Grund. Und der steht in der Ecke am Fenster auf einem Nähmaschinenuntersatz: Es ist ein großes, achteckiges Puppenhaus. Voll möbliert und restauriert, mit verschiedenen Püppchen, Strom und einer Toilette, bei der man sogar an der Kette ziehen kann. „Mein Großvater Hugo hat es vor 89 Jahren für meine Mutter Waltraut gebaut“, sagt Angelika Thiel. Waltraut, damals ein kleines Mädchen von nicht einmal drei Jahren, feiert an diesem Wochenende ihren 91. Geburtstag. „Dass ihr Puppenhaus noch immer bei mir steht, ist für sie etwas ganz Besonderes“, sagt Angelika Thiel.

Detailgetreu nachgebaut

Die Entstehungsgeschichte ist immer wieder Thema in der Familie. Waltrauts Vater Hugo fuhr jeden Tag von Potsdam nach Berlin, wo er als Prokurist in einer Baufirma arbeitete. Immer musste er dabei am Kaufhaus Wertheim am Leipziger Platz vorbei. „Dort stand dieses Puppenhaus im Fenster“, sagt Angelika Thiel, „es war wunderschön. Aber leider vollkommen unerschwinglich.“ Trotzdem wollte Hugo das Schmuckstück für seine Tochter. Jeden Tag blieb er vor dem Fenster stehen und studierte jedes Detail. Abends baute er es dann nach. Ein Jahr lang sägte, klebte und hämmerte er im Keller. Dann war es fertig. Ungewöhnlich achteckig. Eine Küche, ein Bad, ein Herrenzimmer, ein Wohnzimmer und ein Schlafzimmer. „Alles liebevoll eingerichtet“, sagt Angelika Thiel. „Ein Mädchentraum.“

Trotzdem war die Freude verhalten, als die dreijährige Waltraut an Weihnachten das tolle Haus überreicht bekam. „Sie hatte nämlich auch noch Lackschuhe bekommen und die übten zunächst eine noch größere Anziehungskraft auf sie aus“, erzählt Angelika Thiel. Der Erbauer Hugo war sicher ein bisschen enttäuscht darüber - aber das ließ er sich nicht anmerken. Seine Belohnung: Die Lackschuhe waren schnell passé – das Puppenhaus keineswegs. Oft spielte Waltraut damit auch zusammen mit ihrem Cousin. Einmal wollten die beiden Kinder es den Püppchen im Haus besonders gemütlich machen und zündeten im Puppenwohnzimmer eine Kerze an. „Die Haare meiner Mutter fingen sofort Feuer. Zum Glück ist ihre Mutter damals gerade ins Zimmer gekommen und konnte Schlimmeres verhindern“, sagt Angelika Thiel. Mit Feuer spielten die beiden darauf hin nicht mehr, aber mit der Puppenstube noch viele Jahre. „Und später dann ich“, sagt Angelika Thiel und lacht. „Es war wundervoll. Stundenlang konnte ich mich damit beschäftigen.“ Die originalen Möbel waren in den Wirren des Kriegsendes zum Teil verloren gegangen. Doch sie wurden immer wieder ersetzt. „Meine Mutter fand die geeigneten Sachen in einem Steglitzer Spielwarenladen“, sagt Angelika Thiel. Das Haus konnte sich sehen lassen. Ein tolles Bad und eine voll eingerichtete Küche und ein Mini-Porzellan-Service auf dem Wohnzimmertisch.

„Als mein Sohn dann alt genug war, gab meine Mutter uns das Puppenhaus“, erzählt Angelika Thiel. Etwa 30 Jahr ist das jetzt her. Auch er ließ seiner Fantasie mit dem Haus freien Lauf. „Er fand nie, dass das nur etwas für Mädchen sei“, sagt Angelika Thiel, „manchmal spielte er mit seiner Freundin, aber auch gern mal allein.“ Dann wurde alles aus- und wieder eingeräumt, die Möbel umgestellt und die Räume neu aufgeteilt. „Jungs spielen damit anders als Mädchen“, sagt Angelika Thiel. Auch die großen. Denn nachdem der Sohn aus dem Puppenhaus-Alter raus war, nahm sich der Vater der Sache an. „Mein Mann hat das Haus von Grund auf renoviert“, erzählt Angelika Thiel. Er ersetzte das Papierdach und deckte das Dach des Puppenhauses mit Holzschindeln, er tapezierte die Zimmer neu, legte Strom in das Haus - vorher sorgte eine Batterie für Licht in der Puppenstube – und verlegte echtes Parkett in den Wohnräumen. Auch den Erbauer verewigte er: Hugo hängt im Miniaturformat im Herrenzimmer. „Und auch mein Mann und ich haben mittlerweile einen Platz in dem Haus“, sagt Angelika Thiel. „Unser Sohn hat uns in alter Kleidung fotografiert und das Bild verkleinert. Die Schwiegertochter hat es gerahmt“, sagt Angelika Thiel. „Das hängt nun im Puppenschlafzimmer.“ Sogar den erwachsenen Austauschschüler aus Amerika faszinierte das Häuschen. „Seine Eltern schickten uns später Möbel für das Haus und sogar ein Klavier für das Wohnzimmer“, sagt Angelika Thiel. Und damit das auch richtig was hermacht, baute der Mann von Angelika Thiel aus einer „Happy Birthday“ spielenden Glückwunschkarte die Musik aus – und setzte sie in das Klavier ein. „Das kommt bei Besuchern immer gut an“, sagt Angelika Thiel, „damit rechnet ja niemand.“

Frühjahrsputz im Puppenhaus

Das Puppenhaus ist ein Schmuckstück. Aber nur zum Anschauen ist es viel zu schade. „Die Nachbarskinder spielen gern mit dem Haus“, erzählt Angelika Thiel. Sie hat es extra auf einen drehbaren Nähmaschinen-Untersatz gestellt, damit die Kinder es gut von allen Seiten bespielen können. „Dafür ist es ja schließlich da“, sagt sie. Immer wieder fällt ihr auf, wie umsichtig und vorsichtig die Kinder mit dem Haus spielen. „Sie spüren, dass es etwas Besonderes ist.“ Und das vermittelt Angelika Thiel ihnen auch. Im Frühjahr macht sie mit den Kindern zusammen Frühjahrsputz im Puppenhaus, da wird alles abgestaubt und vorsichtig abgewischt. Zu Ostern und an Weihnachten wird es dann festlich dekoriert. „Das macht immer allen viel Spaß“, sagt Angelika Thiel.

Man hört ihrer Stimme an, dass es ihr noch heute Freude macht, sich mit dem Puppenhaus zu beschäftigen. „Ein Sammler hat meiner Mutter schon einmal Geld geboten“, sagt Angelika Thiel und lächelt. „Aber das kommt für uns nicht infrage. Das Puppenhaus bleibt in Familienbesitz.“

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