Dinge des Lebens

Höflichs Geheimnis

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Foto: Martin U. K. Lengemann

Sascha Merdanovic begrüßt Besucher mit festem Händedruck. Manchmal auch mit einer Praline. Wer Glück hat, trifft den Unternehmer derzeit bei einer Schokoladenverkostung im Supermarkt. Sascha Merdanovic ist Erfinder der „Höflich Knusperpraline“, und er glaubt, dass der Chef selbst der Kundschaft am besten erklären kann, warum sie den süßen Genuss keinesfalls verpassen sollte. Außerdem macht es Merdanovic Spaß zu sehen, wie die Berliner seine Kreation zum Mund führen, sie ganz bewusst kosten und dann bestenfalls wortreich loben. Der 38-Jährige lächelt. Glücklich sieht er aus. Und zufrieden. Das verdankt er einem Buch. Einem Buch, das sich millionenfach verkauft hat und für Sascha Merdanovic doch zu einem ganz persönlichen Begleiter geworden ist.

Reichtum durch Selbsterfüllung

Wie einen Schatz wiegt der Unternehmer das Buch im blau-roten Umschlag in seinen Händen. Verfasst hat es der Amerikaner Napoleon Hill, erschienen ist es bereits 1937 unter dem Titel „Think and Grow Rich“, zu deutsch: „Denke nach und werde reich“. „Ich finde den Titel irreführend, denn mit Reichtum meint der Autor gar nicht in erster Linie Wohlstand, sondern Selbsterfüllung“, sagt Sascha Merdanovic mit seiner angenehm temperierten, unaufdringlichen Stimme. Allerdings dienten Napoleon Hill die Lebensläufe sehr wohlhabender Menschen als Grundlage für seinen Bestseller. Der US-Industrielle Andrew Carnegie hatte Hill beauftragt, anhand der Erfolgsgeschichten von 500 amerikanischen Self-made-Millionären das Geheimnis des Erfolgs zu erkunden und daraus eine Erfolgsformel zu entwickeln. 20 Jahre Recherche stecken in dem Buch, für das Hill Größen wie John D. Rockefeller, Henry Ford und F. W. Woolworth befragte.

Die Ausgabe von Sascha Merdanovic fasst 270 eng bedruckte Seiten. Für ihn steckt die Weisheit des Buches allerdings in einem einzigen Satz: „Dem Geist sind keine Grenzen gesetzt außer denen, die wir als solche anerkennen.“ Dieser Satz ist für Merdanovic zu einem Leitmotiv geworden. „Das Buch hat mich ermutigt, mir etwas Eigenes zu schaffen, was ich mir schon zeitlebens gewünscht hatte. Und es hat mich gelehrt, dass man sich frei machen muss von Schranken und von Vergleichen“, sagt er. Nur aus sich selbst heraus könne man wachsen und seinen Weg finden.

Der Weg von Sascha Merdanovic hin zum Knusperpralinen-Erfinder war alles andere als vorgezeichnet. Doch fügen sich heute alle Bausteine seines Lebens wie die Teile eines Puzzles logisch zusammen. Eigentlich ist Merdanovic ausgebildeter Schauspieler. Doch er arbeitete auch im Promotionsbereich, als Fitnesstrainer und – nach einem Zusatzstudium zum Fitness-Fachwirt – als Produktmanager in einem Sportstudio. Kreativ und zugleich diszipliniert sein, Menschen ansprechen und motivieren, Ideen entwickeln, kalkulieren und organisieren: All diese Fähigkeiten und Erfahrungen helfen ihm heute in der Selbstständigkeit.

Sein Unternehmen „Höflich Schokolade“ gründete Merdanovic im Dezember 2010. Das erste Produkt, die Vollmilch Knusperpraline, kam rund fünf Monate später auf den Markt. Mittlerweile gibt es vier Sorten von Zartbitter-Orange bis Weiße-Kokos, in Faltschachteln und geprägten Dosen, die die Silhouette Berlins im Jahr 2018 zeigen – mit wieder aufgebautem Stadtschloss. Von „Hof“ leitet sich auch der Firmenname „Höflich“ ab. „Meine Knusperpraline soll das werden, was die Mozartkugel für Salzburg ist: das Berlin-Souvenir schlechthin“, sagt Sascha Merdanovic selbstbewusst. Noch ist er von einer solchen Erfolgsgeschichte zwar weit entfernt, auch wenn er bereits das Innenministerium und einen großen Automobilkonzern zu seinen Kunden zählen darf. Aber schon jetzt fühlt er sich „angekommen“, wie er sagt. Wo er sich auf einer Zufriedenheitsskala einordnen würde, auf der die „Null“ sehr gering und die „Zehn“ sehr hoch bedeutet? „Bei Zwölf“, sagt Merdanovic mit einem Augenzwinkern, aber ohne auch nur eine Sekunde lang zu zögern. Der Berliner, der in Tiergarten aufgewachsen ist, mag dies gut beurteilen können. Denn er kennt alle Zustände – die „Zehn“ genauso wie die „Null“.

Den Traum wahr machen

Gegen „Null“ tendierte er damals, als er Napoleon Hills Buch in die Hand bekam. Die Fitnesskette, bei der er so glücklich und erfolgreich war, hatte Insolvenz angemeldet, und Merdanovic war ohne Arbeit. So wie schon früher häufig in seinem Schauspielberuf, in dem er sich von Engagement zu Engagement hatte hangeln müssen. „Das ist schrecklich, irgendwann fühlt man sich nicht mehr wertig“, sagt Merdanovic. Hills Erfolgsbuch, das ihm eine gute Bekannte empfohlen hatte, erwies sich in dieser Situation als Rettung. Es stellte dem jungen Mann die entscheidenden Fragen: Wofür brennst du? Und was hält dich eigentlich auf?

Über ein Jahr lang beschäftigte sich Merdanovic mit dem Buch, bis er den Mut gefasst hatte, seinen Unternehmer-Traum wahr zu machen. In dieser Zeit reifte auch die Idee zum süßen Berlin-Souvenir. „Um das Stadtschloss, da muss doch was drumherum“, sagt er und ergänzt grinsend: „Na, und etwas mehr Höflichkeit könnten wir in Berlin ja sowieso gebrauchen.“

Die Firma Höflich: Sie ist Sascha Merdanovics neue Existenz. Und zugleich Experiment: „Ich will ausprobieren, ob Napoleon Hill Recht hat und es die Grenzen wirklich nicht gibt.“ Bisher, sagt er, funktioniere es: Die Nachfrage nach den Knusperpralinen ist so groß, dass er täglich mindestens zwölf Stunden arbeitet – und „super viel Spaß“ dabei hat. Gerade hat er eine Teilzeitkraft zur Verstärkung eingestellt, eine Agentur hilft bei der Gestaltung des Online-Shops und bei der Weiterentwicklung der Produkte. Und wenn Spaß und Erfolg irgendwann nachlassen? „Dann schreibe ich selbst einen Ratgeber“, sagt Merdanovic. Lacht, verabschiedet sich und steigt in sein „Knuspermobil“, voll geladen mit Knusperpralinen für die nächste Verkostung.

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