Dinge des Lebens

Zartes Glas – aber robust

Foto: Martin U. K. Lengemann

Wenn Renate Wittenzellner ihre kleine blaue Vase anschaut, leuchten ihre Augen. Das gute Stück, ein Geschenk ihrer Mutter, gerade mal so groß wie eine Hand, begleitet sie schon ihr ganzes Leben lang. „Das Erstaunlichste ist, dass sie alles überstanden hat: den Krieg, die Flucht, die Umzüge!“, sagt die 73-Jährige. Und es ist tatsächlich beeindruckend, dass ausgerechnet eine gläserne Vase, die so zart und zerbrechlich erscheint, durch die härtesten Zeiten des vergangenen Jahrhunderts gegangen ist, ohne einen einzigen Kratzer davonzutragen. Ihre Stärke, erklärt die Besitzerin, liege darin, dass sie so leicht ist. Man könne sie einfach immer mitnehmen.

Eigentlich war die Vase schon da, als Frau Wittenzellner geboren wurde. Das war 1940 in Berlin. Ihre Familie wohnte damals in der Kreuzberger Bergmannstraße. Bereits als kleines Kind betrachtete sie gern die elegante Vase, die in einem antiken Schreibschrank ihrer Eltern stand. Ihre Mutter hatte sie 1930 geschenkt bekommen. Zum Dank dafür, dass sie als Haustöchterchen auf die Pfarrerskinder aufgepasst hat.

Mit der Vase auf der Flucht

In der Hoffnung vor dem Krieg zu fliehen, ging die Mutter Anfang der 1940er-Jahre mit der kleinen Renate nach Friedrichshof in Ostpreußen, heute Polen. Doch auch dort konnten sie nicht lange bleiben. 1943 befand sich die Familie wieder auf der Flucht. Zu Fuß gingen sie im Treck von Ostpreußen nach Boitzenburg (Uckermark). „Das war keine einfache Zeit, die Flucht hat Tage gedauert. Aber als Kind empfindet man das nicht so dramatisch, für mich war das alles wie ein Spiel.“ Frau Wittenzellner war erst drei Jahre alt, aber sie kann sich gut daran erinnern, wie die Russen die Familie damals in einer Scheune aufgestöbert und durchsucht haben. Ihren Cousins nahmen sie Wertgegenstände ab. Die blaue Vase aber blieb unentdeckt.

Nach dem Krieg kam Renate Wittenzellner mit ihrer Mutter wieder nach Kreuzberg. Hier lebt sie bis heute, und die kleine Vase steht seit langer Zeit in ihrem Schrank. Vor etwa 40 Jahren hat die Mutter den kleinen Schatz ihrer Jugend an ihre Tochter weitergegeben. „Meine Mutter war eine dynamische Frau,“ erinnert sich Renate Wittenzellner. Im Laufe des Krieges sei sie sehr selbstständig geworden, doch damit konnte der Vater nicht umgehen. Sie trennten sich. Einige Jahre später hat die Mutter wieder geheiratet. „Der neue Ehemann meiner Mutter war ein wunderbarer Vater für mich“, sagt Renate Wittenzellner.

Ein Wert, der durch Erlebnisse gewachsen ist

Die Robustheit, die sie an ihrer Vase so sehr schätzt, scheint ihr auch selbst eigen zu sein. So hat sie zum Beispiel mehrmals die Berufe gewechselt, sich immer wieder aufs Neue bewiesen. Zuerst als Maßschneiderin, dann als Privatchauffeurin und als Mannequin. Einmal wurde sogar eine Kollektion für sie maßgeschneidert, doch auf den großen Laufsteg hat sie es nicht geschafft. Zu klein sollte sie für die Modewelt gewesen sein – nur 168 Zentimeter. Später fand sie ihr Glück in der Hotelbranche.

Oft hat Frau Wittenzellner darüber nachgedacht, an welche ihrer beiden Töchter sie die Vase weitergeben wird – Viola oder Angela. Oder vielleicht gleich an die Enkel? Erst mal bleibt sie, wo sie ist. „Noch behalte ich sie, sie ist so wertvoll für mich geworden. Ob das daran liegt, dass sie mit mir so viel erlebt hat?“

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