Interview

Teures Mutterglück

Die Volkswirtin Christina Boll hat berechnet, wie viel Geld Frauen an Verdienst einbüßen, wenn sie ein Kind bekommen

Foto: Lehtikuva

Was kostet ein Kind? Nerven sicherlich. Vielleicht auch ein paar graue Haare. Und viel Geld. Windeln, Spielzeug, Ausbildung – das alles ist teuer. Dazu aber kostet es viele Frauen auch die Karriere. Christina Boll vom Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut hat diese Frage wissenschaftlich untersucht und eine Studie dazu veröffentlicht: „Lohneinbußen von Frauen durch geburtsbedingte Erwerbsunterbrechungen – Der Schattenpreis von Kindern und dessen mögliche Auswirkungen auf weibliche Spezialisierungsentscheidungen im Haushaltszusammenhang“. Mit der Volkswirtin sprach Anne Klesse.

Berliner Morgenpost: Frau Boll, was kostet das Muttersein?

Christina Boll: Oh, sicherlich viel (lacht). Ich habe berechnet, welches Einkommen verloren geht, wenn Frauen für ein Kind ihre Berufstätigkeit unterbrechen. Dafür habe ich nicht Frauen mit Männern verglichen, sondern Frauen mit Frauen. Den Einkommensverlust definiere ich dabei als Differenz zum realen Bruttolohn einer Frau mit gleichem Bildungsniveau, die durchgehend vollzeitbeschäftigt ist.

Berliner Morgenpost: Was heißt das konkret?

Christina Boll: Nehmen wir eine Frau mit mittlerer Bildung, also mit abgeschlossener Lehre, ohne Studienabschluss. Wenn diese Frau mit 30 ein Kind bekommt und drei Jahre ganz aussteigt, dann drei weitere Jahre Teilzeit und erst danach wieder in Vollzeit arbeitet, kostet sie das rund 200.000 Euro. In den sechs Jahren hat sie also 200.000 Euro brutto weniger verdient als eine Frau mit vergleichbarer Bildung und Position, die in dieser Zeit in Vollzeit weitergearbeitet hat. In dieser Summe inbegriffen sind nicht nur die Verluste, die während der Unterbrechung entstehen, sondern auch die Folgekosten.

Berliner Morgenpost: Was meinen Sie mit Folgekosten?

Christina Boll: Die Kosten für ein Kind habe ich unterteilt in Verluste, die auftreten während der Auszeit selbst, in die Differenz während der Teilzeitphase im Vergleich zu einer Frau, die Vollzeit arbeitet, und in die Folgekosten. Letztere sind die, die im Vergleich zu der Frau, die nie ausgestiegen ist, auftreten, wenn die Frau, die ihre Arbeit unterbricht, schon wieder in Vollzeit arbeitet. Die Folgekosten sind enorm hoch, das hat mich selbst überrascht.

Berliner Morgenpost: Und wie ist das bei Akademikerinnen?

Christina Boll:Akademikerinnen steigen spät in den Beruf ein und bekommen bald danach Kinder, sodass der Aufbau an Berufserfahrung, den man verlieren kann, begrenzt ist. Für Frauen niedrigerer Bildung sind Auszeiten ein größeres Problem. Für diese Frauen, die im gleichen Alter schon länger im Beruf sind, geht vergleichsweise mehr Erfahrungswissen verloren.

Berliner Morgenpost: Eine Frau büßt also weiter Einkommen ein, obwohl sie nach der Elternzeit wieder voll arbeitet?

Christina Boll: Ja. Wenn Frauen wegen eines Kindes pausieren, wird der Unterschied zu den Frauen mit unterbrechungsfreier Karriere schnell größer. Denn eine Frau ohne Erwerbsunterbrechung hat weiter Fortbildungen, sammelt weiter Erfahrung, erreicht nächste Karrierestufen und bekommt weitere Lohnerhöhungen. Diese Früchte aus Weiterbildung erntet die Mutter, die aussteigt, nicht. Hinzu kommt, dass die Mutter bei Wiedereinstieg nicht selten weniger verdient als vorher. Zusammengenommen sind die Einkommensverluste nicht nur ein Desaster für die Frau selbst, sondern auch für die Betriebe. Alles, was an Einkommen verloren geht, ist auch verlorene Wertschöpfung. Und meine Berechnungen basieren ja noch auf der geschönten Annahme, dass die Frau in ihrem Beruf bleibt, wenn sie wieder einsteigt. In der Praxis ist das ja häufig gar nicht der Fall. In Wirklichkeit dürften die Kosten für ein Kind also viel höher sein als 200.000 Euro.

Berliner Morgenpost: Und Elterngeld oder Steuererleichterungen für verheiratete Paare gleichen diesen Nachteil für die Frau nicht aus?

Christina Boll: Nein. Elterngeld oder Kindergeld schaffen keinen dauerhaften und vollständigen Ausgleich für verlorenes Einkommen und verlorene Beschäftigungsfähigkeit. Die negativen Auswirkungen längerer Auszeiten überwiegen bei Weitem. Das Problem ist: Frauen neigen dazu, auf den kurzfristigen Cash, der sich netto in der Haushaltskasse befindet, zu schauen. Und nicht auf das, was sie persönlich langfristig zur eigenen Verfügung haben. Viele Beziehungen sind instabil. Wenn sich ein Paar trennt, hat die Frau am Ende noch viel weniger als vorher. Und bei meiner Berechnung sind verlorene Rentenansprüche und Ähnliches nicht einmal eingerechnet. Ehegattensplitting und Elterngeld nützen der Frau nicht, wenn sie nach einer Trennung auf sich allein gestellt, aber nach langer Erwerbspause mit 45 Jahren nicht mehr beschäftigungsfähig ist.

Berliner Morgenpost: Was bedeuten Ihre Studienergebnisse für die Familienplanung – wann ist aus finanzieller Sicht der perfekte Zeitpunkt für das erste Kind?

Christina Boll: Allgemein lässt sich das nicht sagen. Für Akademikerinnen lohnt es sich, den Zeitpunkt für das erste Kind möglichst lange aufzuschieben. Der Nachteil gegenüber den Frauen, die weiterarbeiten, ist dann eventuell nicht ganz so groß, da die Mütter dann die ersten Lohnsteigerungen schon mitgenommen haben.

Berliner Morgenpost: Gäbe es Möglichkeiten seitens Politik oder Unternehmen, der „ Lohnbremse Baby“ entgegenzuwirken?

Christina Boll: In Deutschland werden ja jetzt schon vergleichsweise wenige Kinder geboren. Die Politik scheint aufgeschlossen, aber die Unternehmen tun sich schwer. Um lange Unterbrechungen im Berufsleben zu vermeiden, ist eine lückenlose Kinderbetreuung wichtig. Wir brauchen da eine bessere Infrastruktur, nicht nur bei den Kitas, auch bei der Betreuung der Krippen- und Schulkinder. Und zwar eine, die eine nennenswerte Erwerbstätigkeit zulässt, also Vollzeit und mit Pendelzeit. Unternehmen sollten flexible Arbeitszeiten und -orte ermöglichen. Und die Frauen selbst müssen das natürlich alles wollen. Denn wir sprechen hier ja nur über diejenigen, die wieder arbeiten gehen. In Wirklichkeit kehren viele ja überhaupt nicht zurück ins Berufsleben.

Berliner Morgenpost: Haben Sie selbst Kinder?

Christina Boll: Ja, drei. Und ich habe lieber nicht ausgerechnet, was sie mich gekostet haben (lacht). Grundsätzlich trifft ja auch niemand die Entscheidung für ein Kind aus ökonomischem Kalkül heraus. Aber man sollte sich als Frau schon vor der Geburt überlegen, wie das Leben mit Kind weitergeht. Ich denke, den meisten Frauen sind die enormen Lohnverluste nicht bewusst. Das ist mein Hauptanliegen: dass Frauen in puncto Familie und Karriere gut informiert Entscheidungen treffen können.