Wenn der Nachwuchs flügge wird, gewinnen Kinder wie Eltern neue Freiheiten

Tschüss Mama, ich bin dann mal weg

Viel Freude und eine Prise Wehmut: Eine Mutter und ihre Tochter erzählen von ihrem Leben unter verschiedenen Dächern

Mutter Andrea Huber: „Ich antwortete tapfer, dass es uns wunderbar geht“

Vor nicht allzu langer Zeit berichteten die Zeitungen vom Fall eines 41-jährigen Italieners, der trotz guten Einkommens das „Hotel Mama“ partout nicht verlassen wollte. Die genervten Eltern schalteten den Anwalt ein, um den anhänglichen Sohn endlich los zu werden. „Wir können nicht mehr“, sagte der Vater. Zweifellos haben wir – mein Mann und ich – es in dieser Hinsicht deutlich besser, denn der Gang zum Anwalt blieb uns erspart.

Schon während ihrer Schulzeit hatte unsere mittlerweile 20-jährige Tochter klare Ziele formuliert: „Sobald ich Abi habe, ziehe ich aus und gehe ins Ausland.“ Versöhnlich schob sie meist noch ein „nichts gegen euch“ hinterher.

Wir haben ihren Wunsch nach früher Selbstständigkeit unterstützt, denn auch wir sind gleich nach der Schule von zuhause ausgezogen. Der Wunsch nach einem aufregenden Studentenleben frei von elterlichen Gängeleien und der Wille, das eigene Leben endlich selbst in die Hand zu nehmen, waren bei uns vor Jahren nicht kleiner als heute bei unserer Tochter. Zudem ist Leas frühe Nestflucht nicht untypisch, denn junge Frauen drängt es generell schneller zum Auszug als ihre männlichen Altersgenossen. Und in Deutschland werden junge Erwachsene deutlich eher flügge als im Süden Europas.

Doch natürlich ist die Einsicht in die Notwendigkeit der Abnabelung nur die eine Seite der Medaille; eine andere Sache ist es, wenn der Tag des Auszugs vor der Tür steht. Schon Wochen vor Leas Umzug ins holländische Maastricht mit seiner Europa-Universität sprachen mich Eltern anderer Jugendlicher, die nach der Schule erst einmal ein Freiwilliges Ökologisches Jahr oder ein Jahr Pause im „Hotel Mama“ einlegen wollten, mitleidig an: „Wie geht es dir?“ Feinfühlig ergänzten sie: „Ich bin ja sooooo froh, dass unsere Kinder nicht gleich nach der Schule weggehen wollen, denn ich bin einfach noch nicht so weit.“ Natürlich verkniff ich mir eine strenge Replik nach dem Motto: „Vielleicht solltest du lernen, deine Kinder endlich mal loszulassen.“ Stattdessen antwortete ich tapfer, dass es uns wunderbar gehe, ich Lea beim Umzug tatkräftig unterstützen wolle und mich im Übrigen auf unser neues Leben zu Zweit freuen würde.

Als die Studienplatz-Zusage sechs Wochen vor Semesterbeginn kam, fing das Kind an, im Internet eine Wohnung zu suchen. Schon bald stellte sie fest, dass die Angebote an freien Zimmern knapp und die Maastrichter Mieten hoch sind. „Mama, Papa, wollt ihr nicht mitkommen?“, fragte sie mit treuherzigem Blick. Wir wollten, denn natürlich sollte es nicht passieren, dass profitorientierte Makler unsere unerfahrene Tochter nachher noch übervorteilen würden – was unserer festen Überzeugung nach unweigerlich passieren würde.

Auf der Fahrt Richtung Holland sprach ein Makler auf den Anrufbeantworter und bat um Rückruf zwecks Terminabsprache für eine Wohnungsbesichtigung. „Könnt ihr das nicht machen“, fragte Lea, „Ihr wisst doch, wie ungern ich telefoniere.“ – „Nö, um solche Dinge musst Du Dich jetzt selbst kümmern“, sagten wir und grinsten. „Eine Gemeinheit“, fauchte das Kind und griff zum Handy, um einen Termin zu arrangieren. Jetzt war es an ihr, überlegen zu grinsen. Gleich am nächsten Tag hatten wir – nach der Besichtigung mehrerer Studentenbuden – eine passende gefunden. Zeit, loszulassen.

Wenige Wochen später stand der Umzug an. Bei den ersten Behördengängen hatte das Kind mehr und mehr das Ruder übernommen und peinliche Fragen der Mutter mit hochgezogenen Augenbrauen quittiert. Als wir am Abend durch die mittelalterlichen Gassen der holländischen Stadt schlenderten, kam es mir vor, als sei sie noch einmal gewachsen. Da war ein neuer, entschlossener Zug um ihren Mund. Sie würde es packen!

Inzwischen ist das erste Studienjahr vorbei. Ist die Beziehung zu unserer Tochter heute weniger intensiv als früher, da der gemeinsame Alltag fehlt? Und am Küchentisch keine langen und gelegentlich kontroversen Diskussionen über Schule, Zukunft, Politik und Beziehungen mehr stattfinden? Es gibt keine gemeinsamen Kinobesuche und es kommen keine Jugendlichen mehr, die sich überraschend über Nacht einquartieren. Das alles ist ein Verlust, keine Frage. Dafür gibt es eine neue Entspanntheit auf allen Seiten, denn auch der banale Ärger über nicht aufgeräumte Zimmer oder strenge elterliche Vorschriften ist Vergangenheit.

Was gibt es Neues von Lea? Das wollen Freunde und Kollegen regelmäßig wissen. Und wir haben dank moderner Kommunikationstechnik – vom Internettelefon Skype über Facebook und das Chatprogramm WhatsApp – teil an ihrem Leben. Beinahe täglich tauschen wir wenigstens kurze Botschaften aus, erfahren von strengen Professoren und von netten neuen Freunden aus ganz Europa, wir hören vom Ärger mit der Vermieterin und von den Problemen, mit dem knappen Studentenbudget im teuren Maastricht über die Runden zu kommen. Wir freuen uns über Handy-Fotos vom holländischen Königinnentag – und über bestandene Prüfungen. Nur wenn zwei Tage vergehen, ohne dass wir eine Nachricht erhalten, regen sich schnell alte Kontroll-Reflexe. Dann klingeln wir auf dem Handy durch. „Das ist doch teuer, Mama, mir geht es gut“, ruft unsere sparsam gewordene Studentin. Und beruhigt lege ich wieder auf. Schön, dass sie so selbstständig ist.

Wie die Tochter, so genießen übrigens auch die Eltern ein paar lange vermisste Freiheiten. Ein bisschen länger schlafen ist eine davon. Ganz oft spontan abends essen oder ins Kino gehen eine andere. Oder einfach mal am Wochenende die Koffer packen und sich an der Ostsee den Kopf freipusten lassen. Das ist natürlich nur dann möglich, wenn wir einen Nachbarn dafür gewinnen konnten, das Kaninchen zu pflegen, das wir von Lea geerbt haben.

Vor Kurzem haben in Holland die Semesterferien begonnen, unsere Tochter ist für ein paar Wochen zurück in Berlin. Neuerdings freut sie sich, wenn es zuhause ein warmes Abendessen gibt: „Danke für das leckere Schnitzel.“ Da fällt einem gleich das schöne Zitat von Oscar Wilde ein: „Am Ende wird alles gut – und wenn es nicht gut wird, ist es noch nicht das Ende.“

Tochter Lea Huber: „Leichter wird es nicht, aber man lebt nach seinen eigenen Regeln“

Berlin ist meine große Liebe. Aber, wie heißt es so schön: Was man liebt, das muss man loslassen können. So sehr ich mich hier zuhause fühle, so endlos ist meine Lust auf Neues. Daher entschied ich mich, nach meinem Abitur im Ausland zu studieren, genauer gesagt in einem Ort, der Berlin nicht unähnlicher sein könnte. Maastricht ist eine kleine, aber feine holländische Studentenstadt. Ein englischsprachiges Studium, ein vollkommen anderer Lebensstil und vor allem die Chance, viele neue Menschen aus allen möglichen Ländern kennenzulernen, waren mein Antrieb.

Die Entscheidung für ein Auslandsstudium hatte ich schon lange vor meinem Abi getroffen und Zweifel hatte ich nur wenige, schließlich lockte das „Abenteuer“. Erst in den letzten Wochen vor meinem Umzug wurde mir bewusst, dass ich tatsächlich eine lebensverändernde Entscheidung getroffen hatte. Die Angst, die nun aufkam, verursachte mir dann doch einige Panikattacken. Ich begriff, wie viel ich tatsächlich zurücklassen musste: meine Familie, meine Freunde, die größtenteils in Berlin bleiben wollten – kurzum, mein Zuhause.

Die ersten Tage in Maastricht nach dem Umzug mit ein paar Kisten und Regalen und der anschließenden Abreise meiner Mutter waren erst einmal verwirrend. In der ersten Nacht fühlte ich mich frei, erwachsen und definitiv cool. Aber als ich in den nächsten Tagen durch die Stadt irrte, versuchte, ein Bankkonto zu eröffnen, einen Handy-Vertrag abzuschließen, einen Internetanschluss für mein Zimmer zu bekommen, Leute kennenzulernen, die erste Vorlesung zu finden und mir zudem erste Kochkünste anzueignen, lernte ich eine wichtige Lektion: Es kann wirklich eine ganze Menge schief gehen.

Elterliche Unterstützung habe ich mir gefühlt hundert Mal am Tag gewünscht, wahrscheinlich noch öfter. Meine Kochkünste wurden eher schlechter als besser, es gab entweder Toast mit Pesto oder Pasta mit Tomatensauce. Auch an praktischem Organisationstalent fehlte es mir, wofür die Tatsache, dass ich jeden Tag dasselbe Outfit trug, da ich die Waschmaschine nicht bedienen konnte, nur ein Beispiel war.

Aber, heißt nicht ein anderes Sprichwort „Die Zeit heilt alle Wunden“? Nach ein paar Monaten, wenn auch in sehr gemächlichem Tempo, kam schließlich der Punkt, an dem ich merkte, dass ich in meinem neuen Leben angekommen war. Wie und wann genau, lässt sich im Nachhinein kaum bestimmen, aber er kam.

Ich verlief mich nicht mehr, tätigte keine panischen Anrufe nach Deutschland mehr und hatte eine nette, bunt zusammengewürfelte Freundesgruppe gefunden. Kochen kann ich leider immer noch nicht, aber ich übe fleißig. Mein Kühlschrank ist auch weiterhin viel zu oft viel zu leer, aber daran habe ich mich inzwischen fast gewöhnt. Die Menge an gutem und vor allem frischem Essen, das zuhause vorhanden ist, ist definitiv eine Sache, die ich zu schätzen gelernt habe – und die ich vermisse.

Außer Frage steht, dass die Liste der Dinge, die einem weit weg von zuhause fehlen, erstaunlich lang ist, und immer wieder ertappe ich mich und meine Uni-Freunde dabei, wie wir von unserem „alten“ Leben im Hotel Mama schwärmen. Trotzdem genieße ich es inzwischen, alleine zu wohnen und selbst für mich verantwortlich zu sein, auch wenn ich für Dinge wie Wäsche waschen oder Geschirr spülen wohl nie eine große Leidenschaft entwickeln werde.

Leichter wird das Leben nicht, wenn man alleine wohnt, aber gewisse Sachen werden durchaus angenehmer, schließlich lebt man nach seinen eigenen Regeln. Benutzte Klamotten oder Geschirr mal einen Tag herumstehen zu lassen – kein Problem. Am Wochenende mal einen ganzen Tag durchzuschlafen, ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen – inzwischen ist das für mich alltäglich.

Auf die Hilfe meiner Eltern werde ich trotz allem wohl nie komplett verzichten können, denn sobald eine neue Rechnung in den Briefkasten geflattert ist, gibt es wieder viele Fragezeichen in meinem Kopf – und ein Erstaunen darüber, wofür man so alles zahlen muss. In solchen Fällen wird deswegen weiterhin die heimische Festnetznummer in Berlin angewählt.

Ich habe mich inzwischen daran gewöhnt, Berlin und „mein altes Leben“ zu vermissen. Vergehen wird dieses Gefühl wohl nie vollständig, vor allem weil es oft schwer erscheint, echten Kontakt zu allen zu halten. Die meisten meiner Berliner Freunde wohnen noch zuhause und es gibt oft Momente, in denen ich neidisch auf sie bin. Neidisch auf den ganzen Luxus, den ein Leben bei Mama und Papa bietet. Auf der anderen Seite beneiden sie mich um meine Freiheit.

Beide Lebensformen haben ihren Reiz, aber letztendlich weiß ich, dass ich den richtigen Schritt getan habe. In diesem einen Jahr habe ich so viel über mich selbst gelernt wie nie zuvor – vor allem in Bezug auf meine Schwächen, und genau das hat mich stärker gemacht. Diese neue Art der Selbstsicherheit hat mich dem „Erwachsensein“ ein ganzes Stück näher gebracht, auch wenn das natürlich ganz fürchterlich klingt.

Übrigens ist das Verhältnis zu meinen Eltern deutlich entspannter als zuvor. Dazu trägt nicht nur die Tatsache bei, dass die alltäglichen Streitereien über nicht abgeräumte Sachen oder herumliegende Kleidungsstücke entfallen, sondern auch, dass ich viele Dinge plötzlich sehr viel mehr zu schätzen weiß. Sei es die frische Wäsche oder ein stets gefüllter Kühlschrank. Inzwischen weiß man eben, was man an seinen Eltern wirklich hat und das tut allen gut.

Streitereien gibt es natürlich auch weiterhin und wird es wohl solange ich Tochter bin, aber auf beiden Seiten ist es deutlich ruhiger geworden.

Ohne jeden Zweifel ist und bleibt meine Heimat Berlin, daran wird auch die Entfernung nichts ändern. Maastricht war und ist ein Abenteuer, die Erfahrungen, die man dort machen kann, sind einmalig und werden mich für immer begleiten. Vor allem aber habe ich eines realisiert: Ein Zuhause ist nicht nur ein Ort. Vor allem besteht es aus Menschen, die einem etwas bedeuten – und die kann man in Maastricht genauso finden wie in Berlin.