Leben auf dem Land

Das Bullerbü von nebenan

Familie Kilka hat vier Schweine, vier Schafe, einen Kartoffelacker - und das alles ist nur per Kahn zu erreichen. Vom Leben auf einer Insel im Spreewald

Die Luft steht warm über der blühenden Wiese, das Wasser fließt träge an der Insel vorbei, in der Ferne kräht ein Hahn. Dann ist es wieder still im Garten von Familie Kilka. Bis plötzlich Baby Johann beschließt, dass er heute ohne Schnuller nicht einschlafen kann. Ein paar Minuten versucht er es mit leisem Schimpfen, dann schaltet er ein paar Gänge höher und brüllt. Anja Kilka nimmt ihn auf den Arm - aber trösten hilft nicht. Johann will seinen Schnuller. Der liegt im Auto. Und ihn zu holen, würde bedeuten: Johann wieder in den Buggy zu setzen, die großen Brüder vom Kindertrecker (Richard) und der Blechbadewanne (Franz) wegzulocken. Den Buggy in den Kahn zu heben - Richard und Franz springen selbst hinein. Über das Fließ. Auf der anderen Seite Buggy, Richard und Franz ans Ufer zu setzen. Den Kahn anzuketten. 500 Meter Trampelpfad durch die Wiesen zum Auto. Und dann alles wieder zurück.

Idyll für Kinder

Deshalb muss Baby Johann weiter versuchen, ohne Schnuller einzuschlafen. Das ist der Nachteil, wenn man auf einer Insel im Spreewald groß wird. Die Vorteile weiß Johann in diesem Moment gerade nicht so recht zu würdigen, seine Brüder dafür umso mehr.

Auf dem 3500-Quadratmeter-Grundstück der Familie zwischen Hauptspree und Seitenarmen können Richard und Franz alles tun, was Dreijährigen so in den Sinn kommt. Franz versucht, Katze Minka davon zu überzeugen, sich in den Bollerwagen zu setzen. Weil sie nicht will, schaufelt er eben mit einem Förmchen Wasser aus der Wanne voll Regenwasser. Und Richard schiebt den Trecker über die Wiese, bevor er ausprobiert, ob Mama es vielleicht doch nicht merkt, wenn er mal schnell um die Ecke flitzt. Leider merkt sie es, immer. "Richard, wo willst du hin?", ruft sie. So zu tun, als würde er sie nicht hören, hilft nichts: Anja Kilka ist schon zu ihm unterwegs.

Der Garten ist an allen Seiten von Wasser umschlossen, Richard und Franz fangen erst in diesem Sommer mit dem Schwimmkurs an. "Einzäunen bringt nichts, dann wiegt man sich in falscher Sicherheit. Die Kinder finden immer ein Loch", sagt Anja Kilka.

Deshalb hat sie ihre Söhne pausenlos im Blick und läuft ihnen hinterher, meistens hinter Richard, der noch ein bisschen unternehmungslustiger ist als sein wenige Minuten älterer Zwilling Franz. Ihre Schwiegereltern haben es ebenso gemacht und davor die Eltern des Schwiegervaters. Familie Kilka lebt seit fünf Generationen auf dem Hof. "In Lehde ist noch kein Kind ertrunken", sagt Anja Kilka: "Die Kinder wachsen ja mit dem Wasser auf."

Jeden Morgen ans andere Ufer

Ihr Mann Sebastian ist in dem Haus groß geworden, in dem er jetzt mit seiner eigenen Familie zuhause ist. Seine Großeltern haben noch in dem dunkelbraunen Holzhaus mit den grünen Fensterläden gelebt, das gleich vorn am Wasser steht, die Eltern haben das gemauerte Haus dahinter gebaut. Im Holzhaus wollen Sebastian und Anja Kilka bald Ferienwohnungen vermieten. Das daneben liegende alte Backhaus soll ein Hofladen werden. "Irgendwann", sagt Anja Kilka und lacht, weil in den letzten Jahren immer etwas dazwischen kam. Die Rangordnung der Aufgaben auf dem Hof ist klar: "Erst kommen die Kinder und dann alles andere."

Alles andere, das sind: Vier Schafe und vier Schweine auf dem Gründstück, fünf Rinder auf der anderen Seite des Fließes. Ein Kartoffelacker, der gleich hinter dem Trampolin beginnt. Die Gurken, die direkt daneben wachsen. Und der ganz normale Haushalt, der so normal nicht ist, wenn jede Wasserkiste, jedes Windelpaket vom Auto zum Kahn und vom Kahn zum Haus geschleppt werden müssen. Sebastian kann erst abends mithelfen. Von dem, was der Hof abwirft, können die Kilkas nicht leben, deshalb arbeitet der 32-Jährige beim Boden- und Wasseramt, für das er als Grabenarbeiter die Fließe kontrolliert.

Trecker auf dem Kahn

Der Weg über die Fließe macht auch den Umbau für die Ferienwohnungen nicht leichter: Kies zum Beispiel lädt der Lastwagen an der Straße zwischen Lehde und Lübbenau ab. Dort wird er in den Kahn geschippt, zum Haus gefahren, wieder schippen, dann kommt die nächste Fuhre. "Allein schafft man das nicht", sagt Anja Kilka. Deshalb hilft man sich im 150-Einwohner-Dorf Lehde eben gegenseitig, mal sind bei einem Nachbarn Dachziegel zu schleppen, mal beim anderen Steine. Auch die Baumaschinen müssen übers Wasser und sogar der Trecker auf dem Hof von Familie Kilka kam mit dem Kahn - genauer gesagt, mit zwei Kähnen. Über sie waren Bohlen gelegt, auf der der Trecker stand. Spektakulär? Ach was. "Das ist ganz normal", sagt Anja Kilka.

Ganz normal ist es auch, jeden Morgen mit dem Kahn auf die andere Uferseite zu fahren. Zwei der Holzboote liegen vor dem Grundstück, fünf weitere gehören zum Haus. Ans andere Ufer geht es in wenigen Sekunden. Richard und Franz üben sich schon darin, den Kahn zu bewegen: Im Spreewald geschieht das traditionell nicht mit Paddeln oder Rudern - hier wird gestakt. Für ihre Kinder bricht Anja Kilka einfach einen langen Ast durch, damit stoßen sie sich vom Boden ab.

Für das Studium in die Stadt

Vermutlich haben sie das in den Genen: Obwohl Anja Kilka in der Lübbenauer Altstadt und nicht direkt am Wasser aufgewachsen ist, hat auch sie schon als Jugendliche Gäste durch den Spreewald gestakt. Ihr Vater ist Fährmann, sie selbst fährt seit 1997, mit Unterbrechungen. Nach der Schule zog es sie erst einmal nach Berlin, um Wirtschaftsingenieurwesen zu studieren. Das Stadtleben habe sie genossen, sagt sie, "aber als ich geheiratet habe, sagte eine Freundin: 'Genau das wolltest du doch immer. Ein Stück Land am Wasser, mit Familie und Tieren'. Mir selbst war das gar nicht so bewusst."

2006 war sie mit einer Freundin aufs Dorffest in Lehde gegangen, "und da hab ich ihn stehen sehen", erinnert sich Anja Kilka an die erste Begegnung mit Sebastian. Bald danach war klar, dass sie ihre Wohnung nicht mehr brauchte: "Ich war eigentlich sowieso immer hier." 2009 kamen Richard und Franz auf die Welt, 2010 wurde geheiratet, seit 2011 gehört Johann zur Familie.

So sehr Anja Kilka das Leben auf ihrer Insel liebt: Gegen Ende der Schwangerschaften blieb sie nicht dort. Vor der Geburt der Zwillinge lag sie vier Wochen im Krankenhaus. "Mein Vater hat sich gefreut, der hat sich Gedanken gemacht wegen des Wassers", sagt Anja Kilka amüsiert. Beim dritten Kind zog sie einen Monat vor dem Geburtstermin mit den Zwillingen zu ihm. Aber direkt nach der Entbindung ging es zurück auf den Hof. Dass das nächste Krankenhaus eine halbe Stunde Fahrzeit entfernt liegt, mache ihr keine Angst, versichert sie: "Durch die Situation mit dem Kahn sind wir entspannter als andere Eltern. Wir warten erst ab, statt gleich zum Arzt zu gehen."

Leben mit der Natur

Überhaupt fühlt sich Anja Kilka gar nicht so, als würde sie einsam und abgelegen auf dem Land wohnen. "Bevor ich hierher zog, dachte ich: Da kommt doch nie jemand zu Besuch", erinnert sie sich. Aber die Berliner Freunde lieben es, ihre Wochenenden im Spreewald-Idyll zu verbringen. Und außerdem gibt es ja noch die Lehder Dorfgemeinschaft.

Sie könne sich gar nicht mehr vorstellen, anderswo zu leben, sagt sie und schwärmt vom Leben mit der Natur. Nicht einmal Straßenlaternen gebe es auf dem Trampelpfad zum Haus, bei Neumond sei es stockdunkel. Und auch wenn es nicht immer so idyllisch sei wie im Sommer, habe jede Jahreszeit ihren Reiz. "Klar verflucht man das Wetter im Herbst manchmal", gibt Anja Kilka zu. Vor allem den Matsch - wochenlang Gummistiefel zu tragen, findet sie nicht toll. Aber dauernd neue Schuhe zu kaufen, noch weniger.

Schlittschuhfahren vor der Haustür

Spätestens im Winter sind alle Anflüge von Zweifel, ob ein gepflasterter Bürgersteig vor der Haustür und eine Bushaltestelle um die Ecke nicht auch ganz schön wären, ohnehin vorbei, versichert Anja Kilka. Dann sind die Wiesen ums Haus geflutet. Wenn es friert, geht die Familie direkt vor der Terrassentür Schlittschuhfahren. Allein, auf ihrem Privatgrundstück.

Die Kanäle ringsherum sind für alle frei. "Im vergangenen Winter waren so viele Touristen unterwegs, dass ich einen ganzen Tag lang kein einziges vertrautes Gesicht gesehen habe", sagt Anja Kilka. In eisfreien Wochen geht es im Winter ruhiger zu. Auch wenn die Spreewälder wissen, dass der Tourismus eine der wichtigsten Einkommensquellen der Region ist, sind viele froh, mal ihre Ruhe zu haben.

An Sommerwochenenden ist es auf den Kanälen manchmal so voll, dass die Kilkas auf eine Lücke zwischen den Touristenbooten warten müssen, um den Wasserweg vor ihrem Haus zu überqueren. Wenn sie es eilig hat, ist Anja Kilka schon mal genervt. Andererseits macht ein Kahn-Stau weder Lärm noch Abgase.

Und dann war da noch der Moment vor ein paar Wochen, als die Kilkas in Berlin mit der S-Bahn unterwegs waren. Nachdem sie den Buggy treppauf, treppab geschleppt und auf vollen Bahnsteigen gewartet hatten, Richard und Franz fest an der Hand haltend, damit sie im Gewimmel nicht verloren gehen, saßen sie endlich in der Bahn, erzählt Anja Kilka. "Und da dachte ich mir: Das ist mir hier zu viel. Ich will zu meinem Kahn!"