Stottern

Wenn jedes Wort zur Hürde wird

Kinder, die stottern, sollten so früh wie möglich in Therapie. Umut (10) übt jeden Tag das Sprechen

Foto: Glanze

„…Ball!“ Umut presst das Wort so energisch zwischen den Lippen hervor, wie er gleichzeitig die Papprolle aus der Faust seines Vaters Ümit Kömür zieht. Noch einmal synchron: Ziehen, ausatmen, „ Ball!“. B-Wörter fallen dem Zehnjährigen inzwischen leicht. Neben ihm liegt eine sauber geschriebene Liste schwierigerer Wörter. Die beginnen oft mit Vokalen: Affe, Amerika, Uhu. Umut stottert seit seinem dritten Lebensjahr. Für manche Wörter braucht der Viertklässler auch nach vielen Therapiestunden besondere Konzentration und einen ruhigen Atem. „Er trainiert fast täglich“, sagt seine Mutter Belgin Kömür und lässt ahnen, wie viel Kind und Eltern in die Besserung der Symptome investieren.

Einen Eindruck davon, wie sehr Stottern das Leben hemmen kann, vermittelte der Kinofilm „The Kings Speech“, in dem Colin Firth den stotternden englischen König George VI. spielte. Auch im echten Leben ist es so, dass öffentliches Reden für Sprechgestörte eine besondere Herausforderung ist.

Axel Piechotka von der Stotterer Selbsthilfe in Berlin weiß, wie belastend das sein kann: „Selbst einfache Alltagssituationen, wie der Kauf einer Fahrkarte, können bei Stotternden Panikattacken hervorrufen, wenn auch nur über dem Fahrkartenschalter der Deutschen Bundesbahn das Wort ‚ Expressverkauf’ geschrieben steht.“

Individuelle Therapie

Von außen betrachtet scheinen Aufregung und Nervosität das unkontrollierte Wiederholen von Silben und Wörtern oder Sprechblockaden zu produzieren. Dabei ist es gerade umgekehrt. Stockt der Sprechfluss in einer bestimmten Situation, führt das zu Nervosität bei den Betroffenen – und kann die Symptomatik verstärken. Ein Teufelskreis.

Umut kennt das gut. Während seine Eltern schon in der Kita-Zeit sein Zögern beim Reden erkannten, war für ihn die Welt da noch im Lot. „So richtig habe ich das Stottern erst gemerkt, als ich in der Schule war.“ Die anderen Schüler ließen es ihn spüren. Kritische Situationen gibt es etliche: „Ich stottere, wenn ich aufgeregt bin. Zum Beispiel, wenn ich eine gute Note habe oder etwas Neues haben will oder meinen Eltern was zeigen will.“

Dass er auch stottert, wenn Mitschüler lachen oder ihn nicht ausreden lassen, behält er lieber für sich. Dabei hat er bei seiner Logopädin gelernt, was ihm hilft. Einerseits ein Selbstbild, das nicht mehr von seinem Stottern beherrscht wird. Andererseits die Offenheit und Geduld Dritter. „Als meine Freunde mich kennengelernt haben, haben die gefragt. Ich habe das mit dem Stottern erklärt und fertig. Wir müssen nicht mehr weiter darüber reden.“

Zu den Ursachen des Stotterns gibt es eine Reihe von Theorien, von der keine alle Phänomene schlüssig erklärt. Mit mangelnder Denkfähigkeit jedenfalls hat die Balbuties, so der Fachausdruck, nichts zu tun. Die Stotterer Selbsthilfe geht von einer starken Erbkomponente aus.

Ab wann ein Kind nicht mehr altersgerecht spricht, haben Mediziner und Logopäden genau festgelegt. Die Logopädin Ellinor Schunack hat sich auf Stotterer spezialisiert: „ Alle Kinder durchlaufen zwischen zwei und sechs Jahren eine stürmische Sprachentwicklung. Da ist es normal, wenn Kinder sich verhaspeln. Wir lernen nie wieder so viel und so schnell zum Thema Sprache wie zwischen zwei und sechs. Wenn schnelles Denken und Bewegen des Mundes wieder synchron laufen, entwachsen Kindern dieser physiologischen Redeunflüssigkeit.“

Rund 50 Prozent der Betroffenen zeigen die Symptome der Silbendehnung oder -wiederholung bis zum vierten Lebensjahr, 90 Prozent vor dem sechsten Lebensjahr. Ab dem zwölften ist ein erstes Auftreten der Störung selten. Bei einem Großteil der Kinder klingen die Symptome bis zur Pubertät wieder ab.

Jungen doppelt so oft betroffen

Bei Mädchen beginnt das Stottern früher. Jungen sind dafür etwa doppelt so oft betroffen wie Mädchen. Die verlieren die Symptome mit größerer Wahrscheinlichkeit als Jungen, was dazu führt, dass im Erwachsenalter das Verhältnis von stotternden Männern zu Frauen etwa bei fünf zu eins liegt.

Dabei kann fast allen Patienten mit einer individuell angepassten Therapie geholfen werden. Je früher Kinder behandelt werden, desto sicherer ist der Erfolg. Laut Ellinor Schunack können Eltern und Pädagogen die Schwere der Symptome selbst erkennen: „Zunächst geht die Redeflüssigkeit verloren. Silben oder Wörter werden wiederholt, aber das Kind kann den Satz noch zu Ende sprechen. Der Blickkontakt wird unsicher, manchmal auch abgebrochen, obwohl die Sprechfreude noch erhalten ist.“

Wird der Kraftaufwand beim Sprechen stärker und wirkt die Atmung gepresst, sollten Eltern therapeutische Hilfe suchen. „Bei Blockaden schließlich bricht das Kind das Wort oder den Satz ganz ab, weil sich der Redefluss bei aller Anstrengung nicht wieder herstellen lässt.“ Auch Mimik und Körperhaltung können betroffen sein. Der Kopf wird geneigt, einige Kinder leiden unter Körperzuckungen. Manche ziehen sich zurück oder reagieren aggressiv.

Schunack rät zum Expertenbesuch, sobald die leichte Redeunflüssigkeit länger als sechs Monate anhält oder weitere Symptome wie Kraftanstrengung hinzukommen. Manchmal reichten wenige Beratungen, manchmal brauche es lange Therapiephasen, um die Situation zu verbessern. Patient Umut hat gute Chancen, sein Stottern loszuwerden. Sein Vater und ein Onkel waren ebenfalls betroffen, heute lebt Ümit Kömür nahezu symptomfrei.

Sein Sohn akzeptiert sein Stottern und hält es mit Konzentration im Zaum. „Er geht Brötchen kaufen, fragt Bauarbeiter, was sie arbeiten und kauft Busfahrkarten“, erzählt sein Vater. Er weiß, was sein Sohn leistet. Sich in der Klasse und einer bisweilen ignoranten Umwelt durchzusetzen ist nicht einfach. Reaktionen wie „Hör doch mal auf zu stottern!“, Nachäffen oder Auslachen sind nicht selten – und schaden den Betroffenen.

Eltern werden einbezogen

Umut aber hat Wege gefunden, mit seinen Aussetzern zu leben. Beim Vorlesen, Gedichte rezitieren oder freien Reden legt er sich die Sätze zurecht, bevor er spricht. Und: „Wörter mit H sind schwer, die lasse ich gerne aus.“ Auch Eltern können ihre stotternden Kinder unterstützen.

„Das Wichtigste ist, das Kind so zu akzeptieren, wie es ist“, sagt Belgin Kömür. „Druck aufbauen und Sprüche bringen gar nichts.“ Werden Kinder wegen ihres Stotterns therapiert, werden immer auch die Eltern einbezogen. Sprech-, Atem-, Körper-, und Verhaltsübungen für das Kind und die Eltern sind ein Langzeitprojekt, betont auch Ellinor Schunack.

Blitzheilungen seien nicht zu erwarten, weil auch bei raschen Therapiefortschritten im Leben eines Stotterers Phasen auftreten, die überwunden geglaubte Symptome wieder auftreten lassen. „Das kann der Eintritt in die Schule sein, die Geburt eines Geschwisters oder eine Trennung der Eltern“, sagt die Logopädin.

Stottern ist ein individueller Prozess, für den es kein Patentrezept, aber Regeln gibt. „Die Grundregel lautet, das Kind aussprechen zu lassen, egal wie es spricht“, sagt Schunack. Das Umfeld sollte die Sätze nicht für Stotterer zu Ende führen. Besser sei es, dem Kind zu spiegeln, dass es ein schwieriges Wort am Ende doch gemeistert habe.

Hilfreich sei es, das Kind einzuladen, ein bestimmtes Wort gemeinsam zu wiederholen. Das fordert innere Gelassenheit und äußere Geduld. Dabei hilft es, den Blick weg vom Defizit, hin zu den Erfolgen zu lenken. Umut zum Beispiel feierte einen großen Erfolg, als er bei der Schneewittchen-Aufführung gleich zwei Sprechrollen übernahm. Seine Mutter erinnert sich stolz: „Da hat er nicht einmal gestottert.“