Interview

Gratwanderung zwischen Verbindlichkeit und Rückzug

Getrennt zu leben, kann Beziehungen retten, sagt Paartherapeutin Berit Brockhausen

Die Berliner Diplom-Psychologin und Paartherapeutin Berit Brockhausen erläutert im Gespräch mit Beatrix Fricke Gründe für das Modell des getrennten Wohnens – und seine Vor- und Nachteile.

Berliner Morgenpost: In derselben Stadt leben, aber in getrennten Wohnungen: Wie häufig ist dieses Modell bei Paaren?

Berit Brockhausen: Statistiken gibt es dazu nicht. Aus Erfahrung würde ich sagen: bei zehn bis 15 Prozent. Dabei sind auch ganz junge Paare mitgezählt, bei denen das getrennte Wohnen ja fast die Regel ist. Außergewöhnlich ist es eher bei älteren Paaren. Einige von ihnen entscheiden sich bewusst für getrennte Wohnungen, wenn auch oft nah beieinander, etwa im Vorder- und Hinterhaus.

Berliner Morgenpost: Warum kommen solche Paare zu Ihnen?

Berit Brockhausen: Häufig besteht bei einem der Partner der Wunsch nach mehr Verbindlichkeit, eventuell auch nach einem gemeinsamen Kind. Dann stellt sich die Frage, ob das Modell aufrecht erhalten werden sollte. Ich sage grundsätzlich: Unreif ist das Modell nicht. Es gibt Menschen, die keine Beziehung führen könnten, wenn sie nicht eine solche Rückzugsmöglichkeit hätten.

Berliner Morgenpost: Ach ja?

Berit Brockhausen: Es gibt Menschen, denen es übermäßig schwer fällt, Grenzen zu ziehen. Sie bringen es nicht fertig, auch mal die Tür zuzumachen, wenn der Partner im Haus ist, oder „Nein“ zu sagen. Dann haben sie ein schlechtes Gewissen. Wenn sie es aber nicht tun, fühlen sie sich unwohl, werden unzufrieden und aggressiv und machen dem Partner ständig Vorwürfe. Für solche Menschen ist die eigene Wohnung ein großer Schutz. Genauso für Menschen, denen es schwerfällt, sich festzulegen. Sie können zwar versuchen, an sich zu arbeiten. Aber vielleicht reicht es nie für das gemeinsame Wohnen.

Berliner Morgenpost: Gibt es noch weitere Gründe?

Berit Brockhausen: Das getrennte Wohnen gewährleistet, dass man in seinem eigenen Rhythmus leben und seine Individualität verwirklichen kann, etwa beim Wohnstil. Ich hatte mal ein Paar in meiner Praxis, das 15 Jahre lang eine Fernbeziehung führte. Das klappte prima. Dann wurden zufällig beide nach Berlin befördert und es gab keinen Grund mehr, nicht zusammen zu leben. Beiden ging es damit schlecht. Früher hatten sie sich die Wochenenden füreinander freigehalten. Jetzt schafften sie es nicht mehr, eine schöne gemeinsame Zeit zu gestalten. Einer saß immer am PC oder hatte andere Verpflichtungen. Und beide hatten das Gefühl, dass die persönlichen Sehnsüchte zu kurz kommen. Sie entschieden sich erneut für getrennte Wohnungen – statt Trennung.

Berliner Morgenpost: Andererseits verlangt das Modell Paaren auch einiges ab….

Berit Brockhausen: Ja. Man muss beim Wechsel in die fremde Wohnung sehr vorausschauend sein, zum Beispiel planen: Was brauche ich am nächsten Tag? Und dann ist da natürlich die Sehnsucht, im Alltag die Nähe des anderen zu spüren. In einer gemeinsamen Wohnung kann jeder für sich etwas erledigen, aber man ist trotzdem zusammen. Das nährt die Gemeinsamkeit.

Berliner Morgenpost: Sollten getrennt lebende Paare Regeln finden, um sich im Alltag nicht zu verlieren? Etwa feste Zeiten, zu denen man sich sieht?

Berit Brockhausen: Die meisten telefonieren täglich. Was die Treffen angeht, beobachte ich, dass feste Zeiten eher nicht gut tun. Gerade, wenn das Wochenende automatisch zur Paarzeit erklärt wird: Das führt zu Konflikten. Meistens finden die Paare eine Lösung. Wenn sie diese nicht finden, steht meist dahinter, dass für einen das ganze Modell nicht mehr stimmt.

Berliner Morgenpost: Ist das getrennte Wohnen auch Paaren mit Kindern zu empfehlen?

Berit Brockhausen: Wenn die Kinder aus früheren Beziehungen stammen, können sie sogar der Grund für das Modell sein. Da soll der Nachwuchs nicht aus dem gewohnten Umfeld gerissen werden oder der neue Partner wünscht keinen engen Kontakt zu den Kindern. Wenn beide Kinder haben, verstehen sie sich vielleicht untereinander nicht. Hat das Paar ein gemeinsames Kind, würde ich ihm den kontinuierlichen Zugriff auf beide Elternteile wünschen. Aber wenn einer der Partner dabei Beklemmungen bekommt, geht das nach hinten los. Eine Lösung könnte sein, dass das Paar eine Familien- und eine Rückzugswohnung unterhält.