Partnerschaft

Eine Liebe, zwei Wohnungen

Der Alltag kann an der besten Partnerschaft zehren. Über diesen und weitere Gründe, nicht zusammen zu ziehen, erzählt ein Paar aus Berlin

Foto: JOERG KRAUTHOEFER

Die Nachricht mit der Hochzeit kam überraschend. Seit zehn Jahren sind Beate (50) und Andreas (48) ein Paar. Als sie vor knapp einem Jahr verkündeten, dass sie sich vermählen, waren ihre Freunde erstaunt. Und die Verwandtschaft, vor allem die ältere Generation, sei regelrecht fassungslos gewesen, erzählt Beate. Nicht etwa deswegen, weil Beate und Andreas für sie auch ohne Eheschließung zusammen gehören. „Alle hatten damit gerechnet, dass wir nun endlich mal in eine gemeinsame Wohnung ziehen. Aber heiraten ohne zusammen wohnen zu wollen: Das konnten die meisten nicht verstehen.“

Beate und Andreas leben ein ungewöhnliches Modell. Die Malerin und Grafikerin wohnt seit 23 Jahren in Reinickendorf, der Kunsthistoriker seit 18 Jahren in Friedrichshain. 15 Kilometer liegen ihre Wohnungen auseinander, und das soll auch so bleiben. Bei Paaren unter 30, die noch in der Ausbildung sind oder sich gerade erst gefunden haben, ist es durchaus üblich, die getrennten Wohnungen zu behalten. Aber über kurz oder lang kommt es meist zu dem Wunsch, ein gemeinsames Heim zu schaffen – spätestens dann, wenn Kinder da sind. Anders bei Beate und Andreas. Für sie bieten ihre getrennten Wohnungen mehr Vor- als Nachteile. Eine Haltung, die die Berliner Paartherapeutin Berit Brockhausen nachvollziehen kann. „Bei manchen Paaren kann das getrennte Wohnen sogar die Beziehung retten“, sagt sie.

Jedes Treffen ist ein Fest

Sorgsam arrangiert Beate den Blumenstrauß, den sie auf dem Weg in den Feierabend gekauft hat, in einer Vase. „Schätzchen, das sieht schön aus“, sagt Andreas. Er schaut sie liebevoll an und setzt sich an den Küchentisch. Heute ist Andreas bei Beate zu Gast. Die Zeit in der jeweils anderen Wohnung versuchen die beiden gleichmäßig zu verteilen. „Ich finde es entspannend, wenn ich bei Beate bin“, sagt Andreas. „Ich fühle mich befreit, denn alle Dinge, die zu erledigen sind, liegen bei mir zu Hause. Außerdem ist es hier schön grün und friedlich: Vom Balkon aus schaut man direkt in den Park.“ Er selbst wohne in einer belebten Straße mit viel Verkehr. „Es ist dort sehr quirlig und es gibt viel Jugendkultur“, sagt er – was er allerdings genauso genieße. Auch Beate mag den Gegensatz. „Ich brauche das Grün für meinen inneren Ausgleich, schätze aber auch die Anregungen in Friedrichshain.“ Vor allem aber geht es ihr an den Tagen bei Andreas wie ihm bei ihr: Sie fühlt sich dann frei von Verantwortung, fast wie im Urlaub, und taucht in die andere Welt ein. „Jedes Zusammentreffen ist wie ein kleines Fest“, sagt Andreas. Das gestalten die beiden auch bewusst. Andreas: „Wir machen Kerzen an, trinken Wein, bringen etwas Leckeres aus dem Delikatessenladen mit und tauschen uns ausgiebig aus.“

So viel Romantik und Zugewandtheit nach zehn Jahren Beziehung dürfte viele Paare neidisch machen, die tagaus, tagein vom Alltag aufgerieben werden. Einige Freunde der beiden sind es auch, stellen die beiden immer wieder fest. „Ich empfinde es als Luxus, dass bei uns der Alltag außen vor bleibt“, sagt Beate – was allerdings auch deshalb so einfach sei, weil beide keine Verpflichtungen Kindern oder Haustieren gegenüber hätten. „Wenn man zusammen lebt, kann man sich auf die Nerven gehen“, ergänzt Andreas. „Bei uns gibt es weniger Streit und mehr Sehnsucht. Das Prickeln und die Vorfreude bleiben erhalten.“

Getrennt zu wohnen war zunächst kein bewusster Entschluss. Das Zusammenziehen, sagen sie, habe sich einfach nicht ergeben. Beim Kennenlernen hatte jeder seinen Bereich, in dem er sich wohl fühlte und den er individuell gestaltet hatte. Beates Wohnung ist hell und modern eingerichtet, sie ist sehr aufgeräumt und dekoriert mit der eigenen Kunst und Werken ihres Vaters. Nebenan befindet sich ihr Atelier; insgesamt 120 Quadratmeter hat sie zur Verfügung. Andreas lebt in einem Gründerzeitbau. Die Wohnung hat er aufwendig renoviert und mit Antiquitäten aus Familienbesitz ausgestattet. Im Gegensatz zur Klarheit bei Beate sei es bei ihm enger, fast schon vollgestopft, sagt er und lächelt. Er liebe es, sich mit vielen Büchern zu umgeben, den Bildern seines Vaters und seiner Malerfreunde.

Genug Platz für jeden

Ein gemeinsames Heim, hat das Paar einmal kalkuliert, müsste sehr geräumig sein, damit jeder genug Platz für das hat, was ihm wichtig ist. Das ist im Zentrum Berlins nicht nur schwer zu finden, sondern wäre auch deutlich teurer als die jetzigen Wohnungen, die wegen der alten Mietverträge günstig sind. Und wo sollte das Zuhause liegen? Beate arbeitet in Kreuzberg, Andreas pendelt häufig nach Erkner. Auch in dieser Hinsicht sind die beiden Wohnungen an verschiedenen Standorten nützlich. „Und wenn mal einer berufliche Probleme bekäme, könnte man sich von einer Wohnung trennen und so Kosten sparen“, hat Beate überlegt.

Noch stärker als die finanziellen und praktischen Gründe wiegen jedoch die emotionalen und psychischen. Beate und Andreas stellten mit der Zeit fest, dass ihnen das getrennte Wohnen gut tut. Beide gestehen sich ein, dass sie ein großes Bedürfnis nach persönlichem Freiraum und Individualität haben. „Ich bin ein Einzelkind und von klein auf gewöhnt, viel allein zu sein“, sagt Beate, die noch nie die Wohnung mit einem anderen Menschen geteilt hat. Andreas kennt das Zusammenleben aus der Zeit mit einer früheren Partnerin. Fünf Jahre teilte er eine Wohnung mit ihr, die häuslichen Verpflichtungen belasteten damals die Beziehung. Noch heute reagiert er leicht genervt, wenn Beate sich in seine häuslichen Angelegenheiten einmischt, etwa bei ihm zu putzen beginnt. „Das will ich nicht und es entspricht auch nicht meinem Ordnungsbedürfnis“, sagt Andreas.

Paartherapeutin Berit Brockhausen kennt aus ihrer Praxis noch viel extremere Beispiele. „Es liegt auf der Hand, dass sich ein chaotischer Künstler und eine strukturierte Managerin leicht in die Haare bekommen.“ Auch Menschen, denen es übermäßig schwer falle, Grenzen zu ziehen, würden sich mit dem Zusammenwohnen einen Bärendienst erweisen. „Sie bekommen es nicht fertig, auch mal ohne schlechtes Gewissen die Tür zuzumachen.“ Auf der anderen Seite verlangt das Modell des getrennten Wohnens den Paaren auch einiges ab, so Berit Brockhausen – vor allem Organisation und die Fähigkeit, die Abwesenheit des Partners auszuhalten, wenn gerade ein großes Bedürfnis nach Nähe besteht.

Wunsch nach Geborgenheit

Diese Herausforderungen kennen auch Beate und Andreas. „Nach einem langen Arbeitstag denke ich oft, wie schön es wäre, wenn mich Beate zuhause erwarten und auffangen würde“, sagt Andreas. Beate gesteht: „Genauso wie meine Freiräume wünsche ich mir Geborgenheit und einen Menschen an meiner Seite. Beim Abschied kommt nicht selten der Gedanke an eine gemeinsame Wohnung auf.“ Außerdem sei es manchmal anstrengend, über eine zweite Garderobe nachdenken zu müssen. Außer Kosmetik und einem Jogginganzug hat sie nichts Persönliches in Andreas’ Wohnung.

Vier Wochen sind der längste Zeitraum, den Beate und Andreas jemals zusammen verbracht haben. Da waren sie gemeinsam im Urlaub. In Berlin sieht sich das Paar etwa zweimal die Woche. Festgelegte Zeiten gibt es nicht. „Nur das abendliche Telefonieren ist unverrückbar. Ohne ‚Gute Nacht’ geht es nicht“, sagt Beate und schaut Andreas verliebt an.

„Fest betoniert“ sei der jetzige Zustand nicht, erklärt Beate. Und auch Andreas schließt nicht aus, dass sich seine Bedürfnisse in ein paar Jahren ändern könnten: „Jede Lebensform“, sagt er, „hat ihre Verlockungen.“